Kulinarisches

Warnhinweis für Veggies: Nicht alles, was hier drin vorkommt, ist für sensible, tierliebende Gemüter geeignet. Bitte daher diesen Eintrag lieber überspringen.

Der Palauaner an sich isst ja alles. Besonders die schönen Tiere isst er gern, kommt mir vor. Aber eigentlich sind ja alle Tiere schön. Ich kenne Vegetarier, die bei einer Prämisse wie „Dieses Tier ist nicht so schön, das kann ich unbesorgt essen“ eine mittelschwere Krise kriegen würden.

Wenn ich im PICRC meine Fotos von Giant Clams herzeige, von den wunderbaren Riesenmuscheln, die wie von einer anderen, fantasievollen Welt scheinen, dann fällt immer bei irgendeinem palauanischen Kollegen das Wort „Sashimi“. (Das ist eine Bezeichnung für Fisch, den man roh und in dünne Scheiben geschnitten verzehrt.) „Oh, that is good Sashimi!“, sagt dann zum Beispiel Carol, die witzige und sehr liebe ältere Kollegin, die ihr Büro neben unserem hat.

Man isst hier auch die Palau Fruit Bat, das ist eine Fledermaus ohne Sonar, die am Tag fliegt, auf eine sehr elegante Weise, die mit dem bekannten Fledermausflattern nichts gemein hat. Sie sieht aus wie eine geflügelte Mischung aus Fuchs und Adler, unten pelzig, die Flügel sind grau und wirken fast weiß, wenn die Sonne durchscheint. Das Tier wird im ganzen in einer klaren Suppe zubereitet, nachdem es sich sein Leben lang von Früchten ernährt hat. Wobei diese Fruchtfledermaus sogar vornehmlich von asiatischen Touristen verzehrt wird, und nicht von den Palauanern selbst, glaube ich.

Eine weitere Delikatesse sind „Land Crabs“, handtellergroße Landkrabben, die im Unterholz vor allem auf Peleliu und Angaur gesammelt werden. Es wohnt aber auch eine in unserem Abfluss hinterm Haus, in der Regenwasserrinne. Man kocht sie ganz kurz und verzehrt sie dann. Wenn man sie kauft, leben sie noch. Unsere Nachbarin Keiko hat uns eines Abends zum Krabbenessen eingeladen. Man braucht viel Know-How bzw. eine ausführliche Einschulung, um zu wissen, wo an der Krabbe man beißen, knicken und saugen muss, um an das Fleisch zu kommen, und es gibt haufenweise widerliche Teile an diesen Krabben, etwa die Innereien, die bitter-fettig schmecken und genauso aussehen, und nur wenige weniger widerliche.

(Rechts im Bild übrigens der palauanische Lafayette, der mir die Haare schnitt.) Das Krabbenfleisch selbst schmeckt aber sehr gut. Für Beiß-Knick-Saug-Faule gibts auch „fertige“ Krabben zu kaufen. Dazu wird das Fleisch ausgelöst und mit Kokosmilch verkocht und anschließend in die Körperschale zurückbefördert, die dann quasi gleichzeitig als letzte Ruhestätte und Becher dient. Die solcherart präparierte Krabbenschale wird dann eingefroren verkauft, vor dem Verzehr erhitzt man sie kurz in der Mikrowelle. Man kann sie auch in Restaurants bestellen; die Bezeichnung dafür hab ich aber vergessen.

Coconut Crab lautet sie nicht, das nämlich ist ein anderes Tier, das mehr wie ein Krebs als wie eine Krabbe aussieht. Es kriecht nach seiner Geburt im Wasser in eine leere Muschel und benutzt diese, ähnlich wie ein Einsiedlerkrebs, als schützendes Haus. Wenn die Coconut Crab schließlich an Land kommt, um ihr Leben auf dem Trockenen zu verbringen und – der Name sagt es schon – Kokosnüsse zu fressen, wird die Fremdmuschel langsam zu klein für sie. Dann ist ihre eigene Schale hoffentlich bereits dick genug, um sie zu schützen.

Dieser Krebs lebt meist von Kokosnuss (dann ist er braun) oder von Pandanus (dann ist er eher grünlich – oder war es umgekehrt?). Eine Coconut Crab braucht oft zwei Nächte, um eine einzige Kokosnuss zu knacken. Das ist harte Arbeit. Dann aber hat sie reichlich zu essen. Coconut Crabs werden sehr groß, sind aber extrem scheu – aus gutem Grund, sie sind ebenfalls eine Delikatesse hier. In manchen Restaurants fristen sie ihr Dasein in winzigen Boxen, bis jemand sie bestellt – für 200$.

Man wird hier öfter gefragt, ob man denn schon dieses oder jenes probiert hätte. Es ist wie die Ausländer-Feuertaufe in mehreren Stufen. Hast du schon Land Crabs gegessen? Coconut Crab? Fruit Bat? Schildkröte? Ja, nein, nein, nein.

Auch Francis, unser Nachtwächter, fühlt sich von unseren Unterwasserfotos und -videos zumeist in seinem Appetit angeregt. Zeigt man ihm wahllos Bilder von Fischen unter Wasser, sagt er mit voraussehbarer Sicherheit bei mindestens fünf davon: „Ah! I want to eat this!“ (Ich will das essen.)

Manchmal sehnt er sich gar nach Illegalem. Auch Bilder von Napoleonfischen oder Humphead Parrotfish kommentiert er mit der stehenden Phrase: „Ah! I want to eat this!“ Wendet man ein, dass diese Fische hier in Palau aber geschützt sind, schaut er ein bisschen traurig und sagt: „I know. I still want to eat it. They have very good meat.“ (Ich weiß. Ich will’s trotzdem essen. Die haben sehr gutes Fleisch.)

Einmal erzähle ich ihm von meiner Begegnung mit einem Stachelrochen beim Schnorcheln. Ein sehr elegantes Tier, es unter Wasser „in echt“ sehen zu dürfen war für mich besonders erhebend. Francis ruft anerkennend „Oleeek!“ (was mich und mein Dialekthirn immer besonders erheitert), und will genau wissen, wie der Rochen aussah – schwarz, mit weißen Punkten – dann sagt er enttäuscht: „Oh. You cannot eat this. Not the black ones. Only the brown.“ (Den kann man aber nicht essen. Die schwarzen nicht. Nur die braunen.)

Bei meinen Giant Clams verstehe ich aber keinen Spaß, und ich sage ihm, man könne doch keine Tiere essen, die so wunderschön aussehen (siehe oben unter „Krise“). Er würde doch auch kein Einhorn essen? Fortan begnügt er sich mit dem verhaltenen Kommentar: „Ah, just a little lemon… and soy sauce“ (Oh, nur ein wenig Zitrone und Sojasauce).

Da kann man es nur mit Yukas Worten sagen: „itadakimasu“ sagt die Japanerin, bevor sie isst, und Yuka sagt, es bedeutet so viel wie „Gratefully I receive your life, food“.

Das obige, nicht besonders detailgetreue Fruitbat-Foto stammt übrigens von einem Grillabend, den wir Anfang Februar gemeinsam mit unseren Kolleginnen Julia und Yeong Shyan in Mesekelat genossen haben.

Das Essen war fantastisch, wir hatten keine der oben genannten Tiere auf dem Griller, sondern Hühnchen und Rind, aber dafür jede Menge Salat und Birnen und Beeren dazu und überhaupt die schönsten Beilagen und Gemüse, die man sich vorstellen kann. Fantastisch war auch der Sonnenuntergang, und die Fruitbats und später auch andere Fledermäuse flogen weiterhin froh über den orangeroten Himmel.

El Reisehase war auch mit!

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Nein, hab ich nicht. Ich bin zwar kein Veggie, aber ich finde auch nicht, dass man alles essen muss, nur weil es „eh schon tot ist“. ;) Auch die Fledermaus lass ich lieber aus.

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  1. Wie Du weißt, steh ich nicht so auf Fische und Krabben brauch ich auch nicht.
    Ich bin fürs „behmisch katholische“ sprich Schnitzel, Schweinsbraten, Backhendl, Beefsteak usw.
    Aber zum „to eat“ fällt mir das Erlebnis in Kenia ein. Wir waren um 1/2 6 morgens, es war noch finster, am regionalen Flugplatz und ich hab aufs Klo müssen und dort waren fliegende Termiten auf dem Hochzeitsflug. Als Zwischenlandeplatz haben sie sich das Häusel ausgesucht, weil dort Licht gebrannt hat. Zentimeterdick sind sie auf dem Fliesenboden gelegen und ich musste draufsteigen. Es hat geknirsc ht wie wennst im Schnee gehts. Mir hat so gegraust aber es musste sein.
    Wie ich herausgekommen bin ist ein dunkler einheimischer Mann dort gestanden und ich hab ihn gefragt, was das für Viecher sind. Er hat nur mit der Zunge geschnalzt und hat gesagt: “ ist good to eat.“
    Brrr….

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    • Ja, ich weiß, du bist nicht der Vater allen Ausprobierens, wenn’s ums Essen geht. ;) Aber die Termiten, das ist eine ordentliche Portion Proteine! Sollte man nicht verschmähen. (Spaßerl.)
      Ich hab vor dem Wegfahren eine Doku gesehen, in der man sah, wie auf irgendeiner Insel riesige Fliegenschwärme einfallen. So groß, dass die ganze Luft schwarz ist. Man muss aufpassen, dass man nicht erstickt, wenn man da reingerät. Die Einheimischen nehmen dann einen Kübel, bestreichen das Innere mit Honig und wirbeln den im Schwarm herum, bis sich genügend Fliegenzeug darin gesammelt hat. Daraus machen sie dann Fleischlaberln. Schwarze. :) Mahlzeit!

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  2. also prinzipiell esse ich (oder probiere ich es zumindest) eigentlich alles, weil das ganze getue um „wähhh – eine qualle…“ etc. ziemlich scheinheilig ist, wenn man bedenkt, dass der gemeine österreicher blutwurst, nierndln, spanferkel oder beuschl isst. was ja noch nicht heißen muss, dass es mir dann schmeckt. kann mir gut vorstellen, dass das, was du da beschreibst, ziemich gut schmeckt;-)

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    • Bei mir gehts weniger um Heilig- oder Scheinheiligkeit, sondern darum, dass ich mit allen Tieren grundsätzlich Mitgefühl habe. Ich hab nie geschafft, über längere Zeit ganz ohne Fleisch zu leben, weil es mir persönlich und meinem Körper einfach zu gut schmeckt (bzw. gut tut). Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich hier einen Geschäftszweig unterstützen muss, der sich (vermutlich) so lange einen Dreck darum schert, wie viele Tiere noch übrig sind, bis es zu wenige sind. Man muss Tiere nicht in die Ausrottung verspeisen. Dazu kommt, dass etwa die Coconut Crabs sehr lange in ihren Verliesen sitzen müssen, bevor sich einer ein Luxusmenü wie dieses leistet. Das muss echt nicht sein. (Ja, ich weiß, Massentiertransporte sind auch kein Wochenendausflug. Ja, ich weiß, wenn ich sie nicht esse, tut es jemand anderer. Letzteres ist das blödeste Argument, find ich. Die Nachfrage steigt nicht, wenn einer so etwas verschmäht, und darauf kommts an.)

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