Hope I die before I get old

Spätsommer 1989, Konzert im Schlosspark, und ich war sofort verknallt. Der Sänger, der Mod mit den langen dunklen Haaren und den Mandelaugen, Chelsea Boots an den Füßen, schlank und groß. Und diese Stimme! Nine-two-seven-eight-zero, she said to call her at home, I’ve tried that number a hundred times, but nobody answered the phone.

Liebe auf den ersten Blick. Immer in Parka oder Harrington-Jacke, die mit dem Schottenmuster innen, schwarze, enge Hosen. Den Spitznamen von einem Kicker ausm ehemaligen Jugoslawien, der angeblich genauso aussah. In der Taverne am Abend, vor und nach den Proben. Vespa, Antn, „Bahnhof Zoo“ für dich mehr Reiz als Schreck. Im Tonstudio für einen Bewerbungssong zum Songcontest.

Musik, das war unser gemeinsames Ding. Von jenseits meiner Linie hast du sie mir nähergebracht – oder reingedrückt, haha. Kratziger, unmelodischer, rauher und härter als meine Gewohnheiten, moddiger R&B, Beat und Punk, Soul, Reggae, Hard Rock und Metal.
Allen voran natürlich The Who – Quadrophenia, Tommy, und auch alle anderen Platten.
The Jam und Paul Weller – In a momentary lapse of my condition…
The Clash, Curtis Mayfield, Isaac Hayes, Gil Scott Heron – The revolution will not make you look five pounds thinner!
Peter Tosh und Alpha Blondy – Only the strong survive they say, weak heart dies in misery.
Purple und Whitesnake, Maiden, Judas Priest, Black Sabbath.
Ich denk jedes Mal an dich, wenn ich einen der Songs von damals höre.

Viel Gelächter und viel Unsinn, Schall und Rauch, viel gemeinsames Musikmachen, zu zweit und mit anderen, „Brainless“, später „Tea for two“. Oder einfach Gitarre und zwei Stimmen. His latest flame und Guitar Man und noch viel mehr von Elvis, sommerliches Schrummen allerlei alter Schnulzen in der Sitzgrube. Später auch Karaoke beim Rührig – der Travelin‘ man, ewig dein Song. Bei Almost Paradise bist du seither ungeschlagen, keiner sonst ~dasingt diese Höhe. Und die zweiten Stimmen kann sowieso niemand. Up where we belong und natürlich Islands in the stream, unser Paradesong.

Mittwochs war gnadenlos Fußball angesetzt, mit deinem Onkel. Schauen, nicht spielen. Nicht so richtig mein Abend, bevor der verkündet: „I geh mi jetza ham brausn“. Darüber lachen wir jedesmal.

Ein neues, großes, schwarzes Bett unsere Wohnlandschaft, ganze Tage, oft nur unterbrochen von der Oma, die zum Blumengießen reinschlurft, in den Converse, die du ihr geschenkt hast, weil die so bequem ausschauen.
Du mit einem Stofftier-Entchen im Arm, breit grinsend. Mit Kartoffelchips in der Hand, und du lachst und spuckst: „Die ganze Pappm muass voi sein!“ Dein „Gsundheit, Maus!“ nach meinem Niesen hab ich heute noch im Ohr. Es ist und bleibt an Zärtlichkeit wohl unerreicht.

Deine Zähne, ein ewiges Gfrett, so viel Angst vorm Zahnarzt, schon als Kind, „beim Stiedl hat er scho gread“, das Gasthaus auf dem Weg zum Zahnarzt, keine 20m vom Elternhaus, deine Mutter erzählt das oft und gern. Jahre später dann alle Zähne neu in Narkose, armselig warst du, als wir dich abgeholt haben, noch halb weggetreten, mit deinem geschwollenem Mund und den aufgerissenen Mundwinkeln, so haben wir dich zum Auto geschleift.

„I hoss Bauern“, wenn vor uns auf der Bundesstraße ein Traktor war. „I hoss Piefke“, wenn im TV irgendeiner was piefkonisch ausgesprochen hat, sowas wie „Ferd“ statt „Pferd“ oder „Colgaahte“ oder alles, was Österreicher halt sonst noch aufregen kann. Ernst gemeint bei dir immer nur höchstens zu 80%.

Viel größer warst du als ich, eine liebe Not, Zehenspitzen, Kniefälle, der Tanzkurs im Wirtshaus – beide zu dünn für Bauchkontakt beim Walzer, du zu groß, ich zu klein, unsere Schuhe einander im Weg. Der Beschluss: Entweder wir bleiben zusammen, oder wir tanzen – beides geht nicht. A echter Sänger tanzt net.

Oft bist du versumpert, beim Andi oder sonstwo, statt wie versprochen in 15 Minuten bei mir zu sein. Und warst danach gleich tagelang verschollen, wegen dem schlechten Gewissen. Du und dein Ausweichen und Vermeiden, und ich sah dich im Straßengraben liegen. Es gab noch keine Handys für eine SMS.
Nach einer sehr heftigen Nacht, damals irgendwann, hast du im Auto vorm Haus gesessen – mit einem Mopedhelm auf dem Kopf, selig schlummernd. Wurdest gefunden, geweckt, kopfschüttelnd zum Schlafen reingeschickt.

Die Todesanzeige, dachte ich spontan, als ich sie sah, die würd ich gern in unsere Vergangenheit schicken und sie dir zeigen. Die Daten. Hätte vielleicht deine Augen geöffnet und uns manche Diskussion zum Lebenswandel erspart. Unerwartet, plötzlich. Zu früh.

Schließlich Trennung, herzbrechend, es war Wahnsinn, es war furchtbar. Vielleicht hätte ich bleiben sollen. Aber zu zäh, zu viel Substanz, zu wenig Perspektive. Breaking up is hard to do.

Die Musik und die Freundschaft blieb uns aber. Auch die zu meiner Lieblings-Schwiegermutter, die einzige jemals, die einen ihrer Kuchen auf „Susykuchen“ umgetauft hat und ihn heute noch so nennt.

An deiner Seite später die fesche kleine Rothaarige mit den Martens. Der fesche Rothaarige an meiner. Meinen feschen roten Audi hast du allerdings beim Abbiegen geschrottet, du hast zum Glück nicht viel abgekriegt.

Dann dein oranger Opel, die Mittelkonsole irgendwann mal halb gefüllt mit Cola aus einem maroden McD-Becher, eine Musikkassette schwamm drin. Das war typisch du. Die Backstreet Boys in voller Lautstärke, es warad wengan Chor, so perfekt geschrieben und produziert, meintest du. Stimmen verteilt und mitgegrölt auf den gemeinsamen Fahrten zur Bandprobe. Sometimes I wish I could turn back time, impossible as it may seem.

Gemeinsam bei „Höhenflug“ zu zweit gesungen, bis zum Abbruch deiner Zelte. Sechs Uhr zehn. Ohne mich. Die Kobolde. Am Wendepunkt. Arbeiten an Chören, Texte schreiben und die lernen, die andere geschrieben haben. Viel blödeln. Ein erster Gig, ein zweiter. Bei einem kündigst du auf der Bühne Leben auf Rädern an, den Song von Pe Werner über die Rolli-Fahrer, leicht lallend mit den Worten: „Wir spielen jetzt einen Song fürääh unserääh… gefiederten Freunde!“, so peinlich, und wir brechen nieder vor Lachen.

Mit dir singen, wow. Mit dir singen war das beste. Einander in- und auswendig kennen, genau wissen, was als nächstes kommt, wo’s gleich hingeht, dich vorausahnen und meine zweite Stimme deinem Verlauf anpassen. Und umgekehrt. Das war der gemeinsame Tanz, den wir beherrscht haben. Gutes und schreckliches Zeug aufgenommen, irgendwo liegen Kassetten aus den 90ern. Viele Jahre Übung, die sich nie wie Übung anfühlen. Das reinste Vergnügen, ausnahmslos.

Eine Frau aus DE in einem Online-Chat. Du warst verliebt. Ein letztes Höhenflug-Konzert in Angern, da war sie dann da und saß vor der Bühne, neben meinem zukünftigen Mann – und dann zack, Umzug nach DE, weg warst du. Wurdest selber zum Piefke. Sogar dein alter Dialekt bekam eine neue Piefke-Färbung mit der Zeit.

Ein paar Besuche, ein paar Mails. Die Samtstimme war schon bald verklungen. Zwei Kinder später hatten wir kaum noch Kontakt, nur deine Mutter hat mir noch berichtet, was es Neues gibt.

Du warst immer tendenziell patschert, aber lucky, irgendwie so ein Pechvogel-Typ mit Glück im Unglück. Diesmal nicht. Diesmal ist was schiefgegangen, luck’s end. Ich hoffe, du bist glücklich eingeschlafen.

Mir tuts leid um dich. Du hast mir lange gefehlt, die gemeinsame Musik hat mir gefehlt, deine Stimme, deine Art, dein Schmäh und dein Lachen. Man lebt wohl das, was man will, sonst hätte man es nicht so, oder würde strampeln, um was zu ändern. Die Lücke in mir hat schon dein Wegziehen hinterlassen, und die verändert sich für mich vielleicht nichtmal groß, jetzt, wo du tot bist. Aber zu wissen, sie wird nie wieder gefüllt werden, auch nicht kurz auf Besuch für ein, zwei Tage, auch nicht in einem Mail, das tut verdammt weh.

Ich hatte dich immer sehr lieb, und ich werd dich für immer liebhaben. Lach mit den Engeln – und sing viel mit ihnen, bitte! Ich bin sicher, das macht denen genauso viel Freude, wie es mir immer gemacht hat. Flieg frei, gefiederter Freund.

Unser letzter Song bei Höhenflug war immer der hier von Purple Schulz:

Immer nur leben, nur leben
Sich dem Augenblick ergeben
Jeder Tag so als ob’s der letzte wär
wie die Falken frei am Himmel
wie Delphine frei im Meer

Immer nur leben, nur leben
Keinen einzigen Tag vergeben
Alles genießen, jeden Atemzug
Und ganz genau zu wissen:
es ist noch lange nicht genug.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es ist lange her. Ich denke gerne zurück. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an mich, Susi. Feine Worte für einen feinen Menschen. Die Nachricht von seinem Tod hat mich sehr berührt. Mein tiefstes Mitgefühl an seine Familie. Seine Stimme bleibt für immer in meinem Ohr.
    Ruhe in Frieden! Conny

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  2. Und ich kenn ihn gar nicht, verstehe Dich trotzdem, so ein liebenswerter Mensch! Was für eine schöne Trauerrede.

    Eine Piefke aus DE

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