Foto Know-How: Langzeitbelichtung & ND-Filter

Eigens für alle, die sich für Langzeitbelichtungen interessieren, aber damit noch keine Erfahrung haben – und speziell für meine Twitterfreunde @BirgitMathon, @evakalla und @oleschri (ich weiß, dass du nicht danach gefragt hast, hihi) – hier eine kleine Starthilfe – Tipps und Tricks für das Fotografieren mit einem ND-Filter.

Zum Prinzip:
Drei Faktoren beeinflussen bekanntlich die Belichtungszeit:

  • Das Umgebungslicht
  • Die Blendenöffnung („f-Wert“ – größerer Zahlenwert = kleinere Öffnung!)
  • Der ISO-Wert (Nachgebaute „Lichtempfindlichkeit des Films“)

Der englische Begriff für Langzeitbelichtung lautet „Slow Shutter Speed“, der ist aber irreführend. Denn der Kameraverschluss bewegt sich dabei nicht langsamer als sonst – er bleibt nur länger offen.

Langzeitbelichtungen sind was Hübsches und gelingen gut in Low-Light-Situationen, wenn also abends, nachts oder in geschlossenen Räumen das Umgebungslicht eh schon relativ gering ist. Indem man zusätzlich zur fehlenden Helligkeit auch noch die Blende so weit wie möglich zumacht und den ISO-Wert auf den niedrigsten verfügbaren einstellt, kommt man mitunter schon auf ganz nette Werte von 1/10s oder länger. Es versteht sich, dass man dafür die Kamera sehr ruhig halten oder eine feste Unterlage/ein Stativ benutzen sollte.

pict9758cpse SONY DSC img_4803efe Funchal City View

Hat man Blende und ISO bis zum Anschlag ausgenutzt, dann ist man aber auch schon an den Grenzen der Kamera angekommen. Länger geht dann nimmer.

Will man länger belichten, vielleicht sogar über ganze Sekunden und bei Sonnenschein, oder bei Nacht für Lichtmalerei mit Taschenlampen, dann muss man an einer anderen Schraube drehen – man muss das einfallende Licht vorne am Objektiv reduzieren. Dafür eignet sich

  • ein Pol-Filter, der das einfallende Licht polarisiert und dadurch auch etwas reduziert, Spiegelungen werden damit verringert
  • ein ND-Filter, das steht für Neutral Density (neutrale optische Dichte). Es handelt sich um einen Graufilter, der den Lichteinfall reduziert, im Idealfall ohne die Farben zu verändern (Qualitätsfrage!)

Hier erstmal ein paar Beispiele, was man mit einem ND-Filter am hellichten Tage so machen kann, wie ich sie auch gestern auf Twitter gezeigt hab:

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→ Meine Langzeit-Bilder auf Flickr
→ Mehr Beispiele im Netz

Zum Kauf:
Leistbare ND-Filter gibts von Wert 4 bis 1000, zumeist in den Abstufungen 4 / 8 / 16 / 64 / 400 / 1000. Ein ND-Filter mit dem Wert 8 verlängert die Belichtungszeit bei gleicher Blende um einen linearen Faktor 8. Was ohne Filter also mit 1 Sekunde belichtet wurde, kann mit ND8 mit 8 Sekunden belichtet werden – bei gleichbleibender Helligkeit des Fotos.

Je höher der ND-Filterwert, desto dunkler der Filter – und desto teurer ist er auch. Die billigeren haben oft einen Farbstich, man sollte also nicht gerade den günstigsten kaufen. Hat man mehrere Objektive mit verschiedenen Durchmessern, so empfiehlt es sich, den Filterdurchmesser anhand des größten Objektivs zu wählen und für die kleineren Objektive einen Adapter-/Übersetzerring zu kaufen. Also zB 72mm-ND-Filter und Adapterring 72mm->55mm.

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Manche Kameras haben heute einen eingebauten ND-Filter(-Modus), aber nicht in allen Fällen ist der Filter auch tatsächlich physisch vorhanden, oft wird die Verlängerung der Belichtungszeit auch nur rein rechnerisch in der Kamera umgesetzt.

Zur Praxis:
Wenn man durch den Filter durchschaut, sieht man schlechter – und das gilt auch für die Kamera. Manche Kameras erreichen sogar eine ganz gute Belichtungsmessung durch den ND-Filter, schaffen es aber nicht mehr, automatisch zu fokussieren. Man kann die Automatiken durchprobieren, ob sich zufällig sinnvolle Belichtungen und Schärfen ergeben. Wenn ja, gut.

Anderenfalls stellt man am besten alles händisch ein.
Dazu geht man wie folgt vor:

  • Belichtungstabelle behirnen, herunterladen oder selbst anfertigen
    Weil die Belichtungszeiten nicht dezimal, sondern in Bruchwerten angegeben werden, kann das etwas verwirrend sein, daher ist so eine Belichtungstabelle sehr hilfreich. Die kann man ganz klein ausdrucken, laminieren und in die Fototasche oder in die Filterbox stecken.
  • Der Akku sollte immer voll sein, wenn man Langzeitbelichtungen machen will!
  • Man sollte sich vernünftig warm anziehen, wenn’s nicht grad Sommer ist – die ersten Versuche nehmen einige Zeit in Anspruch.
  • Blendenvorwahl wählen (meistens Modus A)
  • Gewünschte Blende je nach Situation einstellen (größere Öffnung für stimmungsvolle Tiefen-Unschärfe, kleinere für Landschaften)
  • ISO-Wert auf 100 festschrauben
  • Kamera auf ein Stativ montieren
  • Bildausschnitt wählen
  • Auslösen und bei Zufriedenheit den von der Kamera benutzten Belichtungswert merken, ansonsten nachjustieren
  • Kameraseitige Bildstabilisierung ausschalten, sofern möglich (frisst nur Batterie und wird wegen der Wärmeentwicklung für lange Belichtungszeiten zumeist nicht empfohlen)
  • Autofokus auf die gewünschte Stelle richten (und ihn fixieren, falls kameraseitig möglich, ansonsten vorerst auf AF lassen und den Auslöser nicht mehr berühren)
  • Jetzt erst den ND-Filter anschrauben – solange die Kamera auf AF steht, ist der vordere Teil des Objektivs für für gewöhnlich fixiert und man kann den Fokus dabei nicht versehentlich verstellen
  • Kameramodus auf Manuelle Belichtungs- und Blendenwahl umstellen
  • Blende und ISO wie vorher wählen
  • Gemerkte Belichtungszeit anhand der Tabelle umrechnen und einstellen
  • Autofokus auf Manuell umstellen (sonst versucht die Kamera AF beim Auslösen!) und ab jetzt Filter/Fokussierung nicht mehr berühren
  • Auslösen und Ergebnis begutachten

Ein paar zusätzliche Hinweise :

  • Blende nur mittelgroß: Man sollte bei den ersten Testschüssen nicht mit der allerkleinsten Blende beginnen, damit die Belichtungszeiten erstmal nicht zu lange werden. So kann man erstmal flott testen, ob die gewählte Kombi aus Blende und Zeit gut ist, oder ob man noch ein bisschen nach oben oder unten korrigieren sollte.
  • Rauschminderung: Die meisten Kameras haben eine Rauschminderungsfunktion für hohe ISO- und lange Belichtungszeitwerte. Mitunter wird dafür nochmal so viel Zeit beansprucht wie für die Belichtung selbst. Für die Probeshots kann es daher sinnvoll sein, diese auszuschalten – sonst muss man womöglich nach der Belichtungszeit nochmal so lange auf die Durchführung der Rauschminderung warten und friert sich dabei den Hintern ab. Nach den ersten Probeaufnahmen, sobald man sich über die gewählten Werte sicher ist, kann man die Funktion wieder aktivieren – und man sollte darauf auch nicht vergessen.
  • AEL als Hilfe: Man kann mit den ersten eingestellten Werten für Blende und Belichtungszeit im Manuellen Modus den AEL-Knopf betätigen („Werte fixieren“). Auf den meisten Kameras wird dann ein * angezeigt. Damit wird von diesen Werten ausgegangen, es bleibt sozusagen die Summe der Wertekombination gleich: wenn man jetzt den Blendenwert verändert, wird die Belichtungszeit analog dazu mitverändert, vice versa, es ergibt sich sozusagen ein halbautomatischer Belichtungsmodus. Man kann AEL auch mit der +/- Belichtungskorrektur kombinieren, das ist sehr praktisch.
    (Genauere Infos zur Funktion und Belegung der AEL-Taste vorher in der Anleitung erkunden – bei Sony kann man die Funktion der Taste wählen, bei mir steht sie auf „AEL-Toggle“ – also einmal drücken = fixiert, nochmal drücken = gelöst).
  • Fernauslöser: Es kann sich lohnen, einen Fernauslöser zu benutzen. Die Verwackelung, die allein durch das Betätigen des Auslösers zustande kommt, ist – je nach Belichtungszeit und bei deaktiviertem Stabi – mitunter auf dem Bild deutlich sichtbar. Fernauslöser gibt es mit Infrarot oder als Kabel, die funktionieren auch im Nachbau prima. Eine sehr sinnvolle Anschaffung und auch nicht teuer!
  • Spiegelschlag: Was bei Spiegelreflexkameras auch Verwackelungen verursachen kann, ist das Wegklappen des Spiegels zu Beginn der Belichtung. Je länger man belichtet, desto weniger fällt er insgesamt auf dem Bild ins Gewicht, aber es kann sinnvoll sein, eine sogenannte „Spiegelvorauslösung“ zu aktivieren – auch als MLU bekannt (mirror lock-up) oder MUP (mirror up) – dazu am besten die Bedienungsanleitung konsultieren. (Danke an Christian für den Hinweis!)
  • White Balance: Für gleichbleibende Ergebnisse ist es auch sinnvoll, die White Balance manuell zu fixieren. So erlebt man keine Überraschungen, bei dem jedes Bild farblich ein bisschen anders wird. Wer in RAW fotografiert, kann zwar hinterher alles noch ausgiebig beeinflussen, aber ich persönlich war nie ein Freund von RAW, es hat mich immer durch die schiere Arbeitsmenge von der Endbearbeitung abgehalten.
  • ND+Pol kombinieren: Man kann Polfilter und ND-Filter auch kombinieren, spätestens dann geben die Belichtungsmessung und der Autofokus der Kamera normalerweise aber endgültig auf, und auch die Belichtungszeit muss man dann nach Gefühl wählen.
  • Bulb: Für Belichtungszeiten oberhalb der Auswahl an der Kamera (je nach Modell unterschiedlich, meistens 30s), gibt es einen Modus namens BULB. Dabei bleibt der Verschluss so lange offen, wie man den Auslöser drückt. Ein Auslösekabel mit Feststelltaste ist dabei unumgänglich. Manche Kameras haben auch einen Toggle-Bulb – die Belichtung beginnt dann beim ersten Druck auf den Auslöser, beim nächsten Druck endet sie.

Ich hoffe, es war nicht zu lang und trotzdem ausführlich genug. Fragen, die sich nicht mittels RTFM lösen lassen, beantworte ich gern!

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gute Zusammenstellung :)
    Darf ich noch ergänzen: Je nach Situation hab ich gerne noch die Spiegelvorauslösung an, damit der hochklappende Spiegel nicht die Kamera erschüttert und mein Bild verwackelt.

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    • Danke, Christian, wichtiger Punkt! Hab ich vergessen und werde das in den Text noch einbauen! Ich hab jetzt eine SLT, bei mir gibts kein Spiegelgeruckel mehr. Allerdings daher auch keine Direktsicht im Sucher, sondern nur noch digitale, was mir gerade bei Langzeit sehr, sehr fehlt.

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  2. Ich glaub, ich druck mir den gesamten Artikel klein aus und steck ihn in meine Fototasche ;) Danke für die Mühe!

    Allerdings bringt er mich auch wieder an den Punkt, wo ich glaube, eine neue Kamera zu brauchen. Meine Kompakte hat es hinter sicher, meine Bridge-Kamera ist mir zu klobig. Ich kann mich nur leider mit den spiegellosen Systemkameras nicht anfreunden und will keine Objektive wechseln. Ein großer Sensor ist aber Muss. Ich glaube, mit den Einschränkungen ist nichts zu finden….

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    • Süß! :) Ja, mach das!
      Du bist wie ich, du willst eine eierlegende Wollmilchsau. Leider bin ich kein Experte auf dem Gebiet „Was es alles gibt“. Vielleicht hat aber einer meiner anderen Leser eine Idee?

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  3. Ich habe jetzt auch noch die Bilder in meine Blog-Galerie hochgeladen, sodass man die hier durchblättern kann und nicht jedes Bild in Flickr geöffnet wird. Hoffe, ihr kamt schon in diesen Genuss!

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