Faust aufs Auge

Gleich und gleich gesellt sich gern, Gegensätze ziehen einander an. Also-wie-jetz-was-jetz? wie ich zu sagen pflege.

Mein mir rechtmäßig Zugemuteter, el querido und ich, wir passen wunderbar zueinander. Wir sind uns immer einig: Ob jemand nervt beispielsweise, wenn auch die Nervenbelastung auf meine Seidenfäden zumeist wesentlich stärker einwirkt als auf seine Drahtseile. Welche Partei wählbar ist. Dass unser Hund der beste der Welt ist. Dass wir es hier und jetzt sehr gut haben. Wir lachen über die gleichen Dinge.

Und wir mögen auch die gleichen Dinge. Wir mögen Spiegelei, Rührei und Weißbrot, und wir lieben das Grillen und das Baden in unserem Pool.

Meine Spiegeleier müssen in Öl sehr heiß und kurz gebraten werden, sodass sie an den Rändern knusprig werden; optimalerweise mit Lendbratl drunter – eine schinkenspeckartige lokale Spezialität, sehr dünn geschnitten. Wird in der Pfanne knusprig und bricht im Mund wie feines Glas. Der Holde hingegen wünscht sein Spiegelei langsam in Butter gebraten, Lendbratl drunter – nein danke. Und zwar niemals. Wenns statt Spiegeleiern mal Rührei gibt, dann muss es für ihn noch ein bisschen glibbrig sein und nur ein bisschen zerteilt, für mich dagegen ganz durchgebraten in eher kleinen Krümelchen. Seine Weißbrotscheibe zum Ei muss mindestens zweieinhalb Zentimeter dick sein. Ich mag meine lieber dünn.

Die Kartoffeln zum Grillfleisch hab ich gerne mit Rahm, oder mit Butter und Petersilie. Er hingegen badet seine in einer Olivenöl-Zitronensaft-Mischung. Er will Kopfsalat, meine Wahl heißt Eisberg, seiner darf ein bisserl süßer sein, meiner mit Joghurt. Er mag Schweinerippen am Grill, ich Hühnchen, und zwar mit ohne viel Ketchup.
Salami mag der Mann ausschließlich auf Schwarzbrot, worauf er Schluckauf kriegt; ich dagegen nur, wenn sie an den Rändern knusprig angebraten auf einer Pizza liegt – ich ohne Schnackerl und ohne Oliven, er mit Oliven, aber dafür ohne Salami. Speck muss sehr dünn geschnitten sein, aber eigentlich ist er in Würfelchen vom ganzen Stück abgeschnitten am besten.

Fruchtsäfte genießen wir pur in verdünntem Zustand, Wurstbrote essen wir beide prinzipiell nur mit völlig ohne dick dünn Butter drunter. Der Hund wird dabei gelegentlich niemals vom Tisch herab gefüttert.

Am Wochenende schlafen wir morgens gerne lang und stehen dann früh auf. Da haben wir dann schon gar keinen ziemlich großen Hunger, gefrühstückt wird daher schnell noch vor gemütlich nach dem Einkaufen.
Die Klimaanlage ist uns ebenso angenehm wie unerquicklich, und zwar im Auto und im Wohnzimmer, wir fahren rasant langsam, sowohl Fahrrad als auch Auto, und wenn wir mal wieder überhaupt nicht spazierengehen wollen, dann sind wir dabei flott schleichend unterwegs und reden dabei miteinander sehr viel gar nichts. Unser Rasen muss unbedingt jetzt gleich überhaupt nie gegossen werden, und er wird mit der höchsten Mähereinstellung knapp unter der Kopfhaut gemäht. Wir baden im Pool am liebsten sehr ausgedehnt kurz, und legen uns danach mit Faktor 10-50 im Schatten in die Sonne.

Wir duschen am Morgen ausschließlich abends, danach gucken wir uns im Fernsehen nur sehr gezielt an, was uns beim Zappen gerade so unterkommt. Dazu trinken wir kein, zwei Gläser Gin-Tonic, das alles bei grellgedämpftem Licht, während im Radio zwei Sender leise vor sich hindudelnd das Haus zum Erzittern bringen.

Vor dem Schlafengehen schließlich putzen wir uns die Zähne mit der ungleichen Zahnpasta sondern essen stattdessen Gummibärlis, und wir spülen den Mund eiskalt mit mundwarmem Wasser. Danach lassen wir alle Jalousien im Schlafzimmer geschlossen weit offen, verkriechen uns unter unserer dünndicken Decke und betten unsere ambivalenten Körper auf je einzwei hartweiche Matratzen.

Er mag seine Frau am liebsten klein und blond, ich meinen Mann groß und blond. Wir passen wunderbar zueinander.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Dunkel war’s, der Mond schien helle…”

    Aber der Zwiespalt zwischen beiden Redensarten ist mir auch schon aufgefallen. Wahrscheinlich rührt er daher, dass der Mensch (wohl) die Angewohnheit hat, für alles eine Erklärung zu finden. Nur lässt sich die Liebe eben nicht so leicht in erklärerische Worte packen. So hat man zumindest für alle Eventualitäten den passenden Spruch parat. Über Sinn und Zweck schweigt man sich aber besser aus.

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  2. Also bei den Nahrungsmitteln muss ich nachdenken. Er trinkt Milch, ich nicht….aber eigentlich kenne ich die Vorlieben des Herrn Nachtschwester gar nicht so genau. Macht aber nichts.
    Bei uns läuft das nämlich so: Ich koche phantastisch, decke den Tisch, wir essen, es schmeckt ihm, sonst gibt´s Ärger, er räumt die Küche auf, sonst gibt´s Ärger.
    Klare Strukturen.
    Funktioniert schon fünf Jahre, er beklagt sich nie. ;-)

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  3. Baumgarf, “schneebedeckt die grüne Flur…”
    Stimmt, der Erklärungsdrang ist schuld. Und je mehr vorgefertigte Sprüche es gibt, desto schneller sind die Dinge abgehandelt.
    Ich hab immer den passenden Spruch. Mehr dazu demnächst!

    Nachtschwester, gute Strukturen! ;) Aber hm, nach fünf Jahren hatte mein Mann sich auch noch nicht so geoutet mit seinen kulinarischen Vorlieben. Mittlerweile sind es acht Jahre, und du siehst, ich weiß gut bescheid. *g*

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  4. Als ich noch verheiratet war, war ich ein “Gegensätze-ziehen-sich-an”-Verfechter. Inzwischen bin ich ins andere Lager gewechselt.

    Es heißt, unter allen Scheidungen seien überproportional viele, wo die Persönlichkeitstypen stark divergieren. Dafür seien von allen langdauernden Ehen diejenigen glücklicher, die trotz verschiedener Typen durchgehalten haben (aufregender ist das bestimmt). Nun denn. Ich für meinen Teil kann auf diese Art der Aufregung mittlerweile gerne verzichten. :)

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  5. [“Passt wie die Faust aufs Auge” ist übrigens eine der Redensarten, die in zwei entgegengesetzten Bedeutungen verwendet werden, je nach Sprecher.]

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  6. Da gehöre ich wiederum zu den Verfechtern der Wörtlichkeit, ich beziehe den Spruch nur auf Analogien, die ähnlich ironisch sind wie das Bild der Faust aufs Auge. Wenn etwas wirklich gut passt, verwende ich die Redensart nicht.

    Das Durchhalten in einer Ehe der Gegensätze ist wohl vor allem was für sture Kämpfernaturen. ;) Da ergibt sich das Glücksgefühl schon aus dem eigenen, konsequenten Durchgehaltenhaben an sich. (‘Dem hab ichs aber gezeigt!’)

    Nun, ich würds jetzt noch nicht als Aufregung bezeichnen, wenn mein Mann sich mit eiskaltem Wasser die Zähne spült. Aber ein bisschen Reibung, Gegensätzlichkeit, das finde ich lebenswichtig, das regt an und hält das Ganze interessant.
    Ich kann dafür auf die pure Harmonie verzichten, die in Ödnis ausartet.

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  7. Nun, ob man schon von anderer Persönlichkeit sprechen kann, wenn z. B. der eine lieber kalt duscht (ich) und der andere heiß badet (meine Möwe)… :) Essentiell sind ja doch eher die Fragen, wie man mit sich und anderen umgeht, welches Verhältnis man zu seinen und anderer Leute Schwächen hat, ob man eher der Planer oder der mal-sehen-Mensch ist und so weiter. Und hier sind die Verschiedenheiten sicher spannender, aber auch kritischer.

    [Ich verwende die Faust auf dem Auge auch nur als Ausdruck für: “passt ja überhaupt nicht”. Viele scheinen ihn aber für: “wie füreinander gemacht” zu benutzen.]

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  8. Ja, tun wir.
    Mit dem “Planer oder mal-sehen-Mensch’ hast du, was uns beide betrifft, direkt ins Schwarze getroffen. Natürlich sind diese Dinge kritisch. Man muss sich arrangieren oder jedesmal diskutieren.

    Dies hier hab ich gerade gefunden, passt auch wie die Faust aufs Auge(!? ;)

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  9. Wer wöllte schon nach dem Satz “gleich und gleich…” leben, wenn der andere also quasi nur ein Abbild von sich selbst ist, ein zweites Ich? Ich denke, die wenigstens würden auf lange Sicht mit sich selbst gut auskommen. Bis vielleicht auf einen Narziss, aber der braucht auch niemanden außer sich.
    Wie Rotfell schon sagt: die Mischung macht’s.

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  10. Ich glaube, je älter man ist, desto eher sieht man das so. Teenager haben oft diese romantische Vorstellung vom ‘zweiten Ich’, und müssen etwas in der Richtung vielleicht mal erleben, um festzustellen, dass das nicht das Wahre ist.

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  11. Ist es nicht eher umgekehrt: Als Teenager und mit Anfang 20 glaubt man noch, jede noch so große Differenz mit seiner “Liebe” überbrücken zu können?

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  12. Ja, das auch. Was ich meinte war ‘desto eher sieht man, dass die Mischung es macht’: Keine Anderes-Ich-Phantasien von der perfekten Harmonie und von schweigendem Verstehen, aber auch keine Überbrückbarkeits-Illusionen mehr. Je älter man also wird, desto eher tendiert man zur goldenen Mitte.

    Was bei mir ja nicht nur in Beziehungsfragen der Fall ist, sondern bei vielen Dingen. Angesichts der vielfältigen Seiten eines gegebenen Themas mag ich mich oft schon gar nicht mehr festlegen, und kann sogar zwei Überzeugungen auf einmal haben. Eine Folge von (zu) viel Einfühlungsvermögen? Oder (zu) viel Hinterfragen und Durchleuchten?
    Nicht zu verwechseln mit Konfliktscheue – ich diskutiere sogar sehr gern.

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  13. Prinzipiell ja. Ich bemerke auf der anderen Seite aber auch, dass ich so manchen Verhaltensweisen im Laufe der Zeit immer weniger Toleranz und Verständnis entgegenbringe. Wo ich selbst betroffen bin, sind meine Grenzen schärfer geworden.

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  14. @blue sky: wobei man dafür auch die große Keule auspacken und sich fragen könnte, ob dieser Zustand nicht der Gesellschaft allgemein geschuldet ist, in der scheinbar jeder nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und sich ebenso verhält. Wieso soll man selbst zurückstecken und Toleranz zeigen, wenn es andere auch nicht tun?

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  15. Hm. An die Tendenz, dass es in dieser Beziehung generell schlechter geworden sei, mag ich ja nie so glauben. Das Thema Abgrenzung ist auf jeden Fal immer schon in erster Linie ein ganz persönliches Problem meinerseits.

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  16. Damit könntest du recht haben, Baumgarf, denn meine (natürliche) Tendenz geht eher weg vom früheren idealistischen Zornbinkerl (mein Vater nannte mich immer ‘kleiner Revoluzzer’), und hin zu mehr Gelassenheit. Darum bemühe ich mich auch aktiv, wenn es auch nur langsam geht. Aber auf der anderen Seite bemerke ich auch weniger Toleranz an mir gegenüber gewissen Dingen.
    Meine schwere Allergie gegen Ungerechtigkeit dagegen hat sich über die Jahre so gut wie gar nicht verändert.

    Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse spielen sicher eine Rolle. Nie war es cooler, cool zu sein, als heute. Schwächen und Gefühle zu haben und sie zu zeigen ist sowas von nicht angesagt.
    Ich glaube aber nicht, dass die Menge an vorhandenen Gefühlen gesunken ist. Eine gar nicht so ungefährliche Entwicklung, wenn man Amokläufe und Gewalt unter Kindern damit in Zusammenhang sieht, als plötzliche Entladung jahrelang unterdrückter Emotion und unausgesprochenen Zorns, die vor lauter Coolness auf der Strecke geblieben sind.
    (Gehört auch irgendwie zu meinem Post ‘Richtig und falsch’ aus den letzten Tagen.)

    Zurückzustecken oder nicht ist aber nicht nur Gesellschafts-, sondern eben auch Charakterfrage. Manche Dinge lässt man immer wieder über sich ergehen, obwohl man sich dabei nicht wohl fühlt. Manchmal sogar merkt man das Unwohlsein jahrelang nicht mal.

    Ach, man gebe uns einen Stammtisch und ein paar kühle Getränke :)

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