Der zweite Sonntag

Puh, das war heute ein Tag! Anstrengend, müde sind wir, aber wir waren auch (hoffentlich) erfolgreich.

Als erstes wollten wir den Vormittag nutzen, um in der Bucht auf der Insel genau gegenüber zu schnorcheln. Dort gibt es am Ufer ein gemauertes Treppchen ins Wasser, das direkt in den Dschungel führt. Wie eine Szenerie aus Tomb Raider, dort wollte ich unbedingt hin, das Treppchen hat mich angezogen.

Dazu muss man erstmal von hier aus die Brücke überqueren zum Public Beach. Dort ist es noch ein kurzer Fußmarsch zu einem versteckten Strand (so kann man das eigentlich nicht nennen, es ist zwar irgendwie einer, aber kein Sand- oder Kiesstrand, sondern ein Antik-Korallen-Strand, der voll ist mit grauen, toten Korallenteilen und teils riesigen Muscheln, dass man nur so staunt). Von dort aus, im Wasser am Ufer entlang, sind es bis zu dem Treppchen etwa hundert Meter. Der Punkt ist nur über das Wasser erreichbar, das Ufer besteht aus Dschungel.

Zwischen Ebbe und Flut ist dort allerdings die Strömung zu stark, wie wir bei unserem ersten Test-Schnorchelgang recht schnell feststellen; ohne Flossen können wir zwar gemütlich mit dem Strömungstaxi in die Richtung des Treppchens dümpeln, in die andere Richtung gegen die Strömung aber nur mit großer Mühe anschwimmen. Nach halber Strecke also Umkehr, denn unmittelbar nach dem Treppchen kommt ein Kanal zwischen zwei Inseln, wo die hiesigen Boote um die Ecke preschen – dort rausgetrieben zu werden wäre nicht witzig. Zurück Richtung Strand, und dort in strömungsfreiem Gewässer rumdümpeln.

Dann beginnt es zu schütten, also schwimme ich kurz ganz zurück zum Ufer und bringe unsere Handtücher und Kleidung unter einem Stein in Sicherheit. Um 12:30 kommt die Flut, und es ist bereits 10 vor 12. Nach einer kleinen (Regen)Pause mit Wasser aus der Flasche und Zigarette stapfe ich kurz zurück zum Auto, um die Flossen aus dem Kofferraum zu holen. Auf dem Weg, der mit einer speziellen Art “Windling” (Prunkwinden, aber bodendeckend, nicht rankend) und unzähligen Mimosenpflänzchen gesäumt ist und am Fuß einer beeindruckenden Klippe vorbeiführt, wonach er kurzfristig zur Müllhalde mutiert, scheuche ich versehentlich einen Hahn auf, der aufgebracht vom Boden auf einen Ast in einigen Metern Höhe entfleucht (von wegen Hühner könnten nicht fliegen, pah, das ist zu diesem Hahn noch nicht durchgedrungen). Ich erkläre ihm sicherheitshalber, dass ich mich sicher mehr erschrocken hab als er. Genau in diesen fünf Minuten zum Auto knallt die Sonne gnadenlos runter und mir auf den Rücken, was den restlichen Tag so gut wie nicht vorkommt.

Sobald die Flut beginnt, lässt die Strömung fast völlig nach, und wir können endlich zum Treppchen schnorcheln, an den Mangroven und dem Felsenufer entlang. Das Treppchen führt nirgendwo hin, es ist einfach nur da und sieht schön und alt aus. Ach, wie herrlich! Gar wundersame Tiere sieht man in diesen Gewässern! Es ist wie im Aquarium zu schnorcheln, nur echter – und größer. Wir sehen Anemonen, Kalmare, Papageienfische, Clownfische aller Couleurs, Krebse und Grundeln, Picasso-Drückerfische, Süßlippen, einen Kugelfisch, seltsame Quallen, die auf dem Boden liegen (ob absichtlich oder nicht, wissen wir noch nicht) und allerlei anderes Getier, deren Namen wir noch gar nicht kennen. Selbst Martin mit seiner Taucherfahrung hat ein paar Premieren. Die Gelblippen-Seeschlange in ihrem schwarz-weißen Gefangenenpyjama sehe ich zuerst und versuche, Martin zu rufen, er ist aber gerade weiter weg und hört mich nicht. Also knipse ich sie so gut es geht, damit er mir das überhaupt glaubt. Ein sehr elegantes Tier, gar nicht ungefährlich, und gar nicht klein!
Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll, aber irgendwann werden wir tatsächlich etwas müde, und mir war sogar ein wenig kalt.

Martin hat Lust auf Fritten und einen Burger, also fahren wir ins Rock Island Café, wo’s gutes Futter für moderates Geld gibt. Riesige Einheiten kriegt man dort kredenzt – Martins Burger ist von normaler Größe, aber einmal Hühnerflügel (aus den “Appetizers” auf der Karte!), ein grüner Salat und Pommes Frites für mich sind insgesamt etwa doppelt so viel, wie ich essen kann. Die Sauce auf den Wings ist so sauscharf, dass meine Lippen, von der vormittäglichen Salzwasserkur vorgeschädigt, mir endgültig die Freundschaft kündigen.

Dermaßen gestärkt (Martin) und mit Lippen wie Janine Schiller (ich) verbringen wir den Nachmittag damit, noch einen der Diveshops (Neco Marine) wegen Infos und Preisen aufzusuchen (bisher der nobelste und gepflegteste Club von allen); der andere Diveshop auf dem Plan, Sam’s, liegt leider jenseits einer ebenso unbefestigten wie endlosen Buckelpiste mit vom Regen wohlgefüllten Löchern unbekannter Tiefe, aber beeindruckenden Durchmessers, die wir uns bzw. dem armen alten Nissan dann doch nicht zumuten wollen.

Außerdem wollen wir ja noch ein paar Hotels und Motels abklappern und fragen, ob irgendwo was frei ist. Wir haben am Institut eine “Start-Wohnung”, die eher ein Zimmer ist, aber eigentlich nur für eine Woche – und diese Woche war, staun-staun, bereits gestern zu Ende. Keine Ahnung, wie lange wir bleiben könnten, wenn’s nach denen geht, aber wir dachten bei der Planung, dass es sicher vernünftiger ist, sich von den verfügbaren Unterkünften körperlich und vor Ort ein Bild zu machen – schließlich weiß man ja sonst gar nicht, was man bucht, wie das liegt, wie weit es vom Arbeitsplatz entfernt ist, und ob die Bilder nicht lügen. Das war gut, einerseits – andererseits sind die verfügbaren Zimmer doch eher rar, wie wir in den letzten Tagen bei allerlei Durchfragen bereits feststellen mussten. Und dann gibt es noch eine seltsame Art “Umschwung” in unseren Gesprächen mit den Rezeptionisten, die wir nicht genau einordnen können (zB im “D&W Motel”); erst werden uns noch Preisinformationen gegeben, plötzlich aber: “But sorry, no vacancies” – leider doch nix frei. Liegts an der Kleidung, an etwas, das wir sagen – oder nicht sagen?

Ich schlage vor, dass wir uns im nächsten Motel (es ist in diesem Fall das Lehn’s) vielleicht erstmal höflich mit Namen vorstellen, bevor wir unsere Fragen stellen, und das scheint zu helfen. Es sind dort Zimmer frei. Allerdings haben sie gerade keinen Strom, und die Gegend ist auch nicht gerade übermäßig vertrauenerweckend. Ruhig zwar, aber ziemlich abgefuckt, und dazu laufen neben der Straße Unmengen an Hähnen herum wie bei uns daheim die Feldhasen – da kann man sich für täglich 5 Uhr früh auf ein Gockelkonzert einstellen. Martin gefällts dort nicht, also weiter.

Schließlich suchen wir noch ein bestimmtes Hotel, das Martin im Netz gefunden hat, das Green Bay – gar nicht so leicht zu finden, und unser Herumfragen bringt leider nicht viel zutage, außer dass die Menschen mit den Schultern zucken, aber netterweise die Frage an den Nächsten, dem sie begegnen, weitergeben. Trotzdem finden wir es schließlich, ganz intuitiv, in einer Straße, an der wir uns und einander bei jedem Vorbeikommen bisher gefragt haben, was darin wohl versteckt sein mag.
Es hörte sich gut an, und es sah gut aus. Wir müssen aber noch mit dem Chef über den Preis verhandeln, und der war heute nachmittag leider nicht im Haus. Also warten auf einen Rückruf, oder morgen nachfragen.

Wenn wir es uns leisten können, wär’s toll – es hat eine eigene Küche und ein eigenes Bad, und die Lage ist wunderschön – auf einem Hügel über dem Dschungel und dem Meer. Angeblich gibt es dort sogar Highspeed-Internet – was vielleicht auch nur bedeutet, doppelt so schnell wie ein 56k-Modem. Der größte Pluspunkt jedoch: es ist dort ruhig. Die Straße, die zum Hotel führt, geht noch weiter und endet an einem offenbar wenig oder gar nicht mehr benutzten Hafen – dort fahren wir hin, und als ich den Motor abstelle, formuliere ich es so: “Da ist es so ruhig, man möchte direkt aussteigen, damit man die Stille noch besser wahrnimmt.” Es nervte mich schon hie und da, dass mir ständiges Gebrumme in den Ohren liegt, Klimaanlagen, Waschmaschine und Trockner aus der nur zwei Wände entfernten Laundry, Gehämmer und stundenlang Benzin-Laubbläser nach dem Taifun, viel Autoverkehr, Boote… aber wie sehr es mir fehlte, dass es einfach mal still ist um mich herum, das merke ich erst heute in diesem Hafen. Was für ein Ohrenschmaus!

Apropos Schmaus: Nach unserer (erstmal rein örtlich) erfolgreichen Hotelsuche machen wir noch einen Einkauf im Supermarkt – diesmal ist es Surangel’s in Koror – und siehe da, es gibt ja doch auch sowas wie ein brauchbares Sortiment in dieser Stadt! Ich habe endlich Dosentomaten erstanden, Gewürze, vor allem Thymian! (Aus Spanien. Seltsam!)
Der Laden ist wirklich gut sortiert, und die Ware wirkt auch nicht so uneinladend wie in manch anderem Shop. Und obwohl einer der anderen Supermärkte “Pay Less” heißt, zahlt man bei Surangel’s um einiges weniger.

Was es hier offenbar gar nicht gibt, sind laktosefreie Milchprodukte. Yoghurt hab ich auch noch nicht gesehen. Dafür gibt es allerlei “high protein” und “lose weight fast”-Shakes in drölfzig Farbschattierungen, die angebotene Vielfalt und Menge dieser Produkte wirkt auf mich geradezu lachhaft. Aus den angebotenen Produkten ergibt sich eine schräge “broaden your CO2 footprint”-Mischung: Die Eier und der Sauerrahm kommen aus Kalifornien, die Milch von glücklichen Kühen aus Illinois, das Bier wird unter strenger japanischer Kontrolle in China gebraut, der Pfeffer und das Soda sind Kanadier, und natürlich gibt es eine Menge japanischer Produkte.

Zum krönenden Abschluss des Tages tauschen wir noch die Scheibenwischer aus: Den linken nach rechts und umgekehrt. Denn ich bin klein, ich sitze links am Fahrersitz, und der Scheibenwischer lässt einfach das linke Drittel der Scheibe frei. Die Wischer waren so montiert, als wäre das Auto rechtsgesteuert, der rechte war etwas länger. Wir mussten die Aktion nur 78 mal verschieben, bis zwei Ereignisse endlich zusammenfielen: Wir sind in der Nähe des Autos und es regnet gerade nicht in Strömen. Geschafft!

Comic-esque geht es hier mitunter zu. Kurz nach der Scheibenwischer-Aktion beginnt es wieder zu schiffen, daher schließe ich während der Fahrt mein Seitenfenster, mithilfe der Kurbel, denn elektrische Fensterheber gibts in dem alten Nissan nicht, genausowenig übrigens wie eine Intervallschaltung bei den Scheibenwischern. Es wird aber weder so ruhig noch so trocken, wie ich das nun erwartet hätte, und bei näherer Betrachtung stelle ich fest: die Scheibe hat sich verdreht und sitzt nun quasi um 45° verdreht in meiner Tür. Links hat sich ein dreieckiger Spalt gebildet, durch den es nach wie vor reinregnet, rechts hingegen steht die obere Ecke der Scheibe über den Türrahmen hinaus. Also noch ein Halt, Scheibe aus ihrer Verklemmung lösen und wieder an ihren angestammten Platz drücken, ein bisschen lachen, weiterfahren.

Manche Szenen sind so unwirklich, dass man darauf wartet, irgendeine Manga-Heldin um die Ecke biegen zu sehen. Beispielsweise begegnen uns heute vormittag am Institut ein paar Japaner, die gerade eine Führung hinter sich haben (bei der sie dem Führenden im Chor nachsprechen mussten (Erwachsene!)), und als wir vorbeigehen, da sagt einer von denen gerade zum anderen “Ching Chang”. Ernsthaft jetzt? Da hört man endlich mal echte Japaner im echten Asien reden, und dann – Ching Chang? Also ich hab sehr gelacht.

Mitunter kommts mir auch so vor, als würde ich GTA – Koror City spielen, hihi! Mehrere Inseln sind über Brücken verbunden, an einer davon liegt eine Crocodile Farm. Es gibt alte Autos, wenn auch mehr aus Japan als aus den USA (viele davon sind rechtsgesteuert, obwohl man auf der rechten Straßenseite fährt – schrieb ich das bereits?); unseres lässt sich nicht absperren, man kann jederzeit einsteigen und mitunter sogar losfahren, weil es ein Poolfahrzeug ist, in dem der Schlüssel steckt – nur sollte man damit die Fußgänger nicht niedermähen, es gibt auch gar keine Amok-Punkte dafür. Die Ladenfronten sehen denen in GTA verblüffend ähnlich, nur Pay’n’Spray heißt hier Fish’n’Fins.

Gerade eben wollen wir in der Instituts-Laundry die Waschmaschine in Betrieb setzen. Toploader, man muss das Reinigungsmittel auflösen, einfüllen, die Wäsche drauf, Deckel zu, sechs Quarters (25-Cent-Münzen, man zahlt hier in Dollar) in die vorgesehenen Schlitze einlegen und die Münzlade dann reindrücken. Das tun wir – und es passiert… nichts. Erste Maßnahme: Ratlose Blicke austauschen. Angekabelt ist sie, das sieht man dahinter, was also tun? Man steigt von einem Fuß auf den anderen, und dann, unschuldigen Blickes und locker aus der Hüfte, gibt Martin der Maschine schließlich einen Tritt, dass es nur so scheppert, die Münzlade fährt wieder ganz heraus, und die segensbringenden roten Lichter gehen an. Restzeit: 28 Minuten.

Mittlerweile ist die Wäsche im Trockner, und ich gehe jetzt schlafen. Die Sache mit den Fotos ist wie erwähnt nicht ganz so einfach, Uploads dauern sehr lange, es ist wie anno 1998. Auf wunderbare Fischefotos müsst ihr also noch etwas warten. Aber ein ausführlicher Tagesbericht ist doch auch mal was Nettes, oder nicht?

  • Veröffentlicht in: Palau

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