Der Mädchenjunge

Gestern abend, ich wollte eigentlich schon schlafengehen, kam bei Vox eine erschütternde BBC-Doku: Der Mädchenjunge. Sie erzählt die Geschichte eines Jungen, der als Mädchen aufwachsen musste.

Im Jahr 1965 kamen in Kanada die Zwillinge Bruce und Brian Reimer zur Welt. Bei der operativen Korrektur einer Vorhautverengung passierte bei Bruce ein Kunstfehler, durch den sein Penis verstümmelt wurde. Für den Sexualwissenschaftler John Money war der Fall ein gefundenes Fressen, denn er war der Überzeugung, dass die Geschlechter-Identität in erster Linie in der Erziehung entstehe, und nicht eine Frage der Gene sei. Er empfahl den Eltern doch tatsächlich, das Kind überhaupt gleich von seinen männlichen Geschlechtsmerkmalen zu befreien und es als Mädchen großzuziehen. Die Eltern waren ohnehin verzweifelt und willigten mangels besseren Wissens ein.

Bruce wurde kastriert, und aus den Überbleibseln seines Penis wurde sowas wie ein weibliches Geschlechtsorgan geformt. Jahrelang erfreute Money sich an den vermeintlichen Fortschritten, die seine zweifelhafte Theorie mithilfe dieses Menschenexperiments scheinbar machte, und veröffentlichte ’seine‘ Ergebnisse.

Zwölf Jahre lang lebte Bruce als Brenda, wurde wie ein Mädchen erzogen und durfte, Moneys Rat folgend, von ihrer tatsächlichen biologischen Identität niemals erfahren. Sie wurde immer wieder den sonderbaren, repressiven Befragungen des John Money ausgesetzt, der ’sein‘ Projekt natürlich weiterverfolgen wollte. Die Gespräche, in denen er versuchte, dem Kind den Unterschied zwischen Männlein und Weiblein klarzumachen, wurden in der Doku wiedergegeben; sie verursachten mir regelrechten Brechreiz. Er sagte: ‚Was ist der Unterschied? Du brauchst nur an dir runterzusehen! Was haben Jungen da? Jawoll, sie haben einen Penis! Und was hast du dort? Richtig – nichts! Da ist nichts!‘
Auch bei einem Mädchen, das sich als Mädchen empfindet, hätten diese Gespräche wohl seelische Schäden verursacht.

Brenda fühlte sich aber nicht als Mädchen. Sie hatte keine Freunde und massive soziale Probleme, wurde in der Schule verspottet und ausgeschlossen, während ihr Bruder Brian ganz normal als Junge heranwuchs. Er teilte seine Spielsachen mit Brenda, die sehr bald von den Puppen und Puppenwagen genug hatte.

Money wollte Brenda davon überzeugen, eine weitere Operation durchführen zu lassen, die ihre künstliche Vagina ein wenig verbessern sollte – offenbar hatte sie Probleme beim Wasserlassen, und besonders schön dürfte sie auch nicht gewesen sein, wenn man die Zeit bedenkt, in der die erste OP stattgefunden hatte. Warum das so war, wurde Brenda nie erklärt.

Im Alter von 13 Jahren musste Brenda wieder einmal zu Dr. Money, dort brachte er sie mit einer Transsexuellen zusammen, die eine Operation hinter sich hatte. Der Wissenschaftler versprach sich von dieser Zusammenkunft Unterstützung in der OP-Frage und positive Vorbildwirkung. Nach diesem Treffen drohte Brenda ihren Eltern an, sich umzubringen, wenn sie jemals wieder mit Money sprechen müsse. Als die Situation derart eskalierte, beschlossen die Eltern, beiden Kindern die entsetzliche Wahrheit zu sagen. Für beide Kinder war das ein furchtbarer Schock.

Brenda beschloss jedoch, endlich zu tun, was sie schon lange wollte: als Junge leben, nannte sich fortan David und ließ später in aufwendigen Operationen seinen Penis wiederherstellen. David heiratete eine Frau mit drei Kindern. Er war ein guter Vater.

Davids Zwillingsbruder Brian aber trug einen heftigen seelischen Schaden davon, entwickelte eine Schizophrenie und beging im Jahr 2002 Selbstmord. In der Doku wirkte die gesamte Familie durchaus überzeugt davon, dass Brian sich umgebracht hatte; im Netz ist aber von ‚ungeklärtem Tod‘ die Rede. Tatsache ist jedenfalls, dass eine Medikamentenvergiftung bei Brian zum Tode führte.

John Money jedoch propagierte noch jahrelang sein Experiment, über das er schon früher Berichte in Fachzeitschriften veröffentlicht hatte, als vollen Erfolg, und als Beweis dafür, dass das menschliche Geschlecht beliebig veränderbar sei.

Den Tod seines Bruders hat David nie verkraftet, seine Ehe ging in die Brüche, und zwei Jahre nach seinem Bruder nahm er sich mit einer Schrotflinte das Leben.

Ich war schockiert von der Dokumentation, vor allem von der Tatsache, dass in den späten Sechzigern und in den Siebzigern noch die Verwirklichung dermaßen menschenverachtender Projekte möglich waren.
Es wurden abwechselnd nachgestellte Szenen aus der Vergangenheit und Interviews mit den Eltern und dem erwachsenen David gezeigt. Am Schluss der Doku sieht man David, und er fragt: ‚Muss man sich erst eine Kugel in den Kopf jagen, damit einem die Menschen zuhören?‘

Heute weiß man, dass die Chromosomen viel mehr Einfluss auf unsere geschlechtliche Identität haben, als Money für möglich hielt; man kennt die Geschichten von trans- bzw. intersexuellen Menschen, deren Geschlechtszugehörigkeit (subjektiv oder objektiv) nicht eindeutig ist, bzw. deren Chromosomensätze dem tatsächlichen körperlichen Geschlecht widersprechen. Manche von ihnen reagieren auf sozialen Druck, andere auf innere Wünsche, wenn sie ihr körperliches Geschlecht ihrem empfundenen anpassen lassen; andere lehnen eine solche Veränderung kategorisch ab. Siehe dazu auch Transgender, Intersexualität, Transsexualität.

Traurig finde ich, dass unsere Gesellschaft die geschlechtliche Eindeutigkeit erzwingen will, und dass nicht jeder einfach das sein kann, was er gerne sein möchte. Oft werden Söhne oder Töchter von ihren Eltern verstoßen und von ihren Freunden abgelehnt, weil sie nicht der Norm entsprechen können oder wollen.

David Reimers Geschichte kann man in der Wiki nachlesen.
Die BBC-Doku wird am Sonntag, 4. Juni, um 09.50h bei Vox wiederholt.

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