Daheim

Frau Rotfell sehnte sich nach einem Stöckchen. Frau Rotfell bekam ein Improvisationsstöckchen. Da bekommt einer ein Stichwort zugeworfen, zu dem er dann spontan einen Text, ein Gedicht oder sonstwas verfassen soll.
Der Text, den sie zum Thema ‘Kinder’ improvisiert hat, ist ausgesprochen unterhaltsam und herrlich frei von political correctness.
Insbesondere könnte ich mir vorstellen, dass mein Bruderherz daran Spaß hat, und auch Freunde wie N.+K. oder die Herren Bassist und Drummer, die – selbstgebrütet oder gepatchworkt – gesegnet sind.

Es gibt auch ein Regelwerk dazu, nur falls Fragen auftauchen. Mein Lieblingsparagraph ist 4.2., wenn ich auch nicht sicher bin, ob die Absurdität darin Absicht war oder nur leichtfertige Benutzung stellvertretender Demonstrativpronomen.

Danach hat Frau Rotfell das Stöckchen neu zugeschnitzt und mir an den Kopf geworfen. Mein Stichwort lautete ‘Daheim’.


Daheim wird immer größer, je weiter man davon entfernt ist. Vom Büro aus betrachtet, ist daheim der ruhige, kleine Ort, an dem ich mit meinem Mann und meinem Hund zusammen bin, alleine und abgeschottet von der Welt. Sogar die Realität muss meistens draußen bleiben. Auch der sonst allgegenwärtige Ruf nach gutem Benehmen wird dann leiser.

Reise ich aber an das andere Ende der Welt, erfährt mein Daheim mit jedem hinter mir gelassenen Kilometer stetiges Wachstum. Bin ich angekommen, ist es so groß, dass daheim alle meine Lieben sind, enge Freunde und Verwandte, die wohlgemerkt da nicht sind, wenn ich selbst wieder zu Hause bin; so viele Quadratmeter sind es nämlich gar nicht; wir sind wieder unter uns.

Daheim ist, wo ich den Geruch nicht wahrnehme. Diese Melange aus Aromen; aus den Speisen, die dort zubereitet, verzehrt und verdaut werden, je nachdem, ob dort mit Butter und Dille gekocht wird oder mit Olivenöl und Thymian; aus den Gerüchen der Menschen, deren Überzeugungen, Wünsche und Ängste vielleicht gar einen bestimmten Duft hervorbringen. Den Geruch all dessen, der Haustiere, der Pflanzen, der Möbel und sogar des Hauses selbst, die Resultate aus dem trauten Bettbakterien-Sharing, bemerke ich nur in anderen Häusern und Wohnungen. Ich weiß, wie die Nachbarn riechen. Natürlich nicht einzeln, das wissen sie voneinander besser. Aber ich weiß, welchen Geruch sie gemeinsam produzieren – das wissen sie nicht.
Dieses Ausblenden des Eigengeruches ist sinnvoll, um besser erkennen zu können, wenn daheim etwas faul ist.

Auch die Geräusche eines Hauses, die einen übernachtenden Gast stundenlang wachzuhalten vermögen, lassen den Bewohner für gewöhnlich völlig unbeeindruckt. Ausnahmesituationen gibt es natürlich, Ungewohntes wird bemerkt. Nach den vielen windigen Nächten der letzten Zeit habe ich mich aber auch an das Quieken der Holzdecke im Schlafzimmer gewöhnt – im Gegensatz zu meinem Mann, der beruflich bedingt nur am Wochenende daheim schläft.

Antworten, die einen anderen eventuell aus seiner persönlichen Verständnisbahn werfen könnten, tragen ebenfalls zu meinem Daheim-Gefühl bei. Wenn ich zu meinem Mann ‘Na, Sie?’ sage, und er darauf ‘Goreng?’ erwidert, weiß ich, dass sie ihn während der vergangenen Woche nicht hinterrücks gegen einen Replikanten ausgetauscht haben.

Sogar meine Hündin versteht, was Daheim ist. Wenn ich sie nach einem langen Tag unterwegs ‘Gemma hause?’ frage, dann weiß sie genau, worum’s geht. ‘Hause’, das ist, wo sie entspannt auf dem Rücken liegen und schnarchen kann, und dabei trotzdem sicher sein, dass noch das kleinste ungewohnte Geräusch sie sofort erwachen lassen wird.
Aus fremden Hundeschüsseln trinkt sie nicht. ‘Hause’ ist, wo die eigene Wasserschüssel steht, deren Geruch sie nicht wahrnimmt.

Sich wohl und sicher zu fühlen ist also eine Frage der Wahrnehmungslosigkeit, oder zumindest des unwillkürlichen Ausblendens bestimmter Wahrnehmungen. Man möchte, dass Gäste sich auch geborgen fühlen. ‘Fühl dich wie daheim!’, das ist schon oft gesagt, aber bestimmt von einem Gast noch nie tatsächlich so empfunden worden. Zuhause ist eben nicht nur Wie-daheim-Fühlen, sondern Daheim sein, nicht nur Wohnen, sondern Gewöhnung und Gewohnheit.
Wohnen wiederum ist dem Wort nach zwar eine Tätigkeit, man muss dafür aber absolut nichts tun. Ich wohne quasi nebenher. Ich brauche nur das Haus zu betreten, und ich wohne bereits. Eine gute Antwort übrigens für die Telefonfrage ‘Was machst du grade?’.

Daheim sind wir allein, wenn es nah ist, und es ist voller Menschen, wenn es fern ist. Es ist nur dort, wo ich wohne, aber es ist auch, wo du wohnst. Daheim ist groß und klein, daheim ist überall – und es riecht eigenartig.


Die Stichworte meines Weiterwurfs heißen
Unbeschwertheit für Herrn Baumgarf
Schönheit für Herrn Janocjapun
und Anerkennung fürs Bruderherz.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. fein gemacht, etosha! Schön, daß ich es noch lesen konnte, bevor ich für sechs Wochen kommunikationsmäßig abtauche (siehe Blog). Oh, und mal wieder danke für die liebe Werbung (freut mich, wenn es dir gefallen hat, obwohl ich keine Zensur begangen und quasi direkt meine …ähm… unorthodoxen Gedanken veröffentlicht habe) :D

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  2. Pingback: Janocjapun – Papa! » Blog Archive » Herrje.

  3. Wunderbar! Das Wort ‘Gewohnheit’ erhält eine für mich neue Nuance, die aber treffend und sehr gut nachvollziehbar ist! Schöner Text!
    In gewisser Sicht also ist das Daheim auch eine Oase, nicht wahr?

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  4. Rotfell, auch wenn du das erst in 6 Wochen liest: Nicht obwohl, sondern deswegen!

    iwi, danke! Ja, es kann so eine Oase sein, wenn’s passt. Außer, das Zuhause ist kurzerhand ohne dich weggezogen. (siehe blue skys Text)

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