BTBs* kleines Unglücksbrevier

(wird bei Gelegenheit zum Manifest ausgebaut)

* BTB = Blacktime Bird = meine Band, drei Menschen, die nicht nur miteinander Musik machen.
Angesetzte Bandproben entwickeln sich wahlweise zur Musik-, Sauf-, Lach- oder Gesprächstherapie.
Sehr häufig aber geht es zynisch zu. Manchmal schreibe ich mit.
Ähnlichkeiten mit lebenden, toten oder untoten Personen sind nicht beweisbar.

Man soll sich das Leben nicht allzu angenehm machen. Zuverlässig wiederkehrende Empfindungen von Unglück und Frustration geben einem ja überhaupt erst das Gefühl, so richtig am Leben zu sein. Um diese Empfindungen nicht am Wiederkehren zu hindern, muss man schon etwas strategische Planung investieren und jede Wahl mit Bedacht treffen. Glücklich und leicht wie eine Gänsedaune durch den Tag hüpfen, als gäb’s kein Morgen – das kann schließlich jeder.

  • J O B
    Unterbezahlt, aber überfordert ist hier deine klügste Wahl. Idealerweise macht er dir so wenig Spaß wie möglich und bietet täglich neue Chancen für fatale und folgenschwere Fehler aller Art, sofern es solche sind, die zuverlässig auch entdeckt werden. Beim Standort ist darauf zu achten, dass er weit entfernt und schon im Sommer möglichst schwer erreichbar ist, im Winter darf es ruhig noch eine halbe Stunde länger dauern.

    Der Job soll dafür sorgen, dass du nie ausreichend Schlaf bekommst, und wenn es nur deshalb ist, weil du dir abends über ihn und deine finanzielle Dauernotsituation Sorgen machst, statt selig einzuschlafen. Noch besser ist, du nimmst immer Arbeit mit nach Hause, weil die Zeit im Betrieb nicht reicht, dann entfällt zwar das Sorgen nicht aus Zeitmangel, aber man kann es auf noch später abends verschieben. Apropos: Der Job sollte dir auch für andere Aktivitäten viel zu wenig Zeit lassen.

  • H O B B Y
    Leg dir ein möglichst frustrierendes Hobby zu. Beispiel Orangenpapier-Sammeln: Gibts heutzutage kaum mehr, ist also schonmal schwer zu kriegen, wiewohl es nicht das Geringste wert ist. Dafür hat es aber auch keinerlei sinnvollen Verwendungszweck. Oder du machst, bastelst und reparierst allerlei Dinge selbst, weil das so viel günstiger kommt (siehe auch bei „unterbezahlt“), und ärgerst dich dabei über Materialien, fehlendes Know-How und unzureichende Feinmotorik grün und blau. Wenn dich jemand fragt, warum du es trotzdem tust, antworte stets: „Weil es so viel SPASS MACHT!“

    Du darfst bei deinen Hobbys keinesfalls zu viel Tageslicht abbekommen. Das könnte zu ungewollter Ausschüttung von Serotonin führen, was die mühsam hergestellte miese Stimmung nachhaltig aufzuhellen droht.

    Bei Ausführung sämtlicher Hobbys ist auf die musikalische Untermalung zu achten: Am besten funktionieren schnell aggressivmachende, repetitive Musikstücke, aber auch moderne Zwölftonmusik oder Freejazz eignen sich hervorragend. Hier darfst du deinen ganz persönlichen Abneigungen folgen.

  • B E Z I E H U N G
    Suche dir jemanden, der dir angemessene Unsicherheit vermittelt, und zwar sowohl in Bezug auf deinen generellen Wert als Mensch, auf deine körperliche Attraktivität, als auch in Hinblick auf die Stabilität der Beziehung selbst. Dein Partner sollte jemand sein, der deinen Wert regelmäßig mit Füßen tritt, aber auch nie an deiner Seite ist, wenn du ihn wirklich brauchst.

    Setze alles daran, jemanden kennenzulernen, der gebunden ist. Das Wort „gebunden“ darf hier großzügig ausgelegt werden: Auch Menschen mit zeitintensiven Hobbys, starkem Arbeitsdrang oder ausufernden familiären Verpflichtungen fallen in diese Kategorie. Das Frustpotential ist schier endlos! Gemeinsame Zeit, deren Kostbarkeit jederzeit von Unerwartetem aus dem Hinterhalt erwürgt werden kann, aber auch das wiederkehrende Zurückgesetztfühlen sind ein Garant dafür, dass du beim seelischen Schmerz artgerecht auf deine Kosten kommst.

    Eine Fernbeziehung eignet sich ebenfalls hervorragend. Wenn du den geliebten Menschen mal besuchst, sollte er oder sie eigentlich nicht wirklich viel Zeit für dich haben, wodurch du die mit Freuden ersehnte gemeinsame Woche etwa damit verbringst, zu Fuß in einer fremden Stadt meilenweit zu latschen, um einen Shop für Unterwäsche zu finden, oder in die Wände einer fremden, untertags unbeheizten Wohnung formschöne Löcher zu starren, während draußen kalter Nieselregen unentwegt von einem dunkelgrauen Himmel fällt.

    Die zahlreichen Vorteile einer Fernbeziehung mit einem gebundenen Menschen brauche ich an dieser Stelle wohl nicht zu betonen.

    Dieser eine Mensch, der dir selbstverständlich so wichtig ist wie niemand anderer auf der Welt, hat auch selbst eine Liste der Wichtigkeiten. Dein Platz darauf ist idealerweise irgendwo unter „ferner liefen“ angesiedelt – darunter versteht man gemeinhin die Positionen ab #23 und fernere – damit du nicht von einer ungewollten <23-Position einen emotionalen Höhenrausch hinlegst, aus dem es bekanntlich - außer nach unten - kein Entrinnen gibt. Brich dir ruhig alle Zacken aus der Krone, du kannst sie sowieso nicht mitnehmen. Sei immer derjenige, der sich zuerst meldet und der sich entschuldigt. Dein Partner sollte Diskussionen tunlichst aus dem Weg gehen. Wenn es doch zu einer kommt, achte man darauf, dass sie ergebnislos bleiben, und wenn es nur aufgrund von Missverständnissen ist. Offenheit oder gar echte Herzlichkeit gilt es zu vermeiden, von Liebe sollte schon gar nie die Rede sein, und wenn, dann höchstens von deiner Seite. Häufiger Sex hingegen ist ein Muss, aber nur, wenn er schlecht ist - anderenfalls bitte nur ganz selten, denn das wäre der Faktor, der deinen Erfolg in allen hier beschriebenen Bereichen wohl am massivsten gefährdet.

  • U M F E L D
    Die Familie kannst du dir ohnehin nicht aussuchen. Wähle daher zumindest deine Freunde mit Bedacht. Wenn du jemanden triffst, der dich weder ausreden lässt noch dir angemessen zuhört, biete ihm deine Freundschaft an, du wirst es mit Sicherheit bereuen.

    Freunde sollten sich generell nur dann von selbst melden, wenn sie was brauchen. Ansonsten reicht es, wenn sie dir ein „Meld dich mal“ per SMS schicken. Sie dürfen dir regelmäßig sagen, dass du dich zusammenreißen sollst, wenn du mies drauf bist, müssen aber enorme Zuhörzeit konsumieren wollen, wenn sie selbst mal down sind. Sie nötigen dich, Alkohol zu trinken, obwohl du keinen magst, oder schauen dich schief an, weil du Alkohol trinkst, während sie keinen mögen.

    In der Familie sind regelmäßig Termine für Streitigkeiten über Erbschaft und Geld anzusetzen. Es sorgt auch unfehlbar für schlechte Laune, bei solchen Streitigkeiten – oder anderen über völlig Irrelevantes – zuhören zu dürfen. Gewohnheitsmäßige emotionale Erpressung sollte innerhalb der Familie eine Selbstverständlichkeit sein. Dass man einander im ständigen Konkurrenzkampf möglichst schlecht dastehen lässt, gehört ebenfalls zum guten Ton.

    Schenk deine Zeit stets den Menschen, die sie am frechsten einfordern, und so wenig wie möglich denen, die gegebenenfalls sofort zurückstecken, dich aber sehr gerne in ihrer Nähe haben. Oder bemüh dich doch mal in einem Verein, Menschen zu beeindrucken, die dir scheißegal sind. In sämtlichen Bereichen jedoch sind jene Leute unter allen Umständen zu meiden, die dich immer aufs Neue fragen, wie’s dir geht, und auch noch an einer ehrlichen Antwort interessiert sind. Die wollen doch irgendwas!

  • P E R S Ö N L I C H K E I T
    Was dein Selbstbild betrifft, so sollte es mit Zweifeln so gut durchzogen sein wie ein argentinisches Steak mit Fett. Frage dich täglich mehrmals, ob du wohl zu anspruchsvoll bist, ob die anderen nicht doch recht haben, oder ob du vielleicht in deinem Job nicht gut genug und daher eigentlich im Grunde eher überbezahlt bist. Sieh dir auch in Bezug auf deine Hobbys regelmäßig an, wer aller besser ist als du, und halte dir dabei stets vor Augen, dass du nie so gut werden wirst.

    Solltest du die Wahl zwischen zwei Gemütszuständen haben, wähle immer den, der dich stärker runterzieht. Male dir so oft wie möglich das Schlimmste aus, was passieren kann. Falls es nicht eintritt, frage dich, ob du sogar dafür zu dumm bist.

    Sei anderen Menschen gegenüber stets integer und loyal, und tu was du kannst, um andere glücklich zu machen. Behandle sie nie so, wie sie dich behandeln, auch wenn es noch so verlockend sein mag, sondern immer so, wie es dir deine hohen Ansprüche an dich selbst diktieren. Um dir keine Enttäuschung zu ersparen, gehe stets offenen Herzens, naiv, mit großen, romantischen Träumen und vor allem mit übertriebener Erwartung durch die Welt – nämlich mit jener, dass andere sich dir gegenüber genauso verhalten werden, und dass sie dich so unbewehrt in ihr Herz lassen, wie du das zu tun pflegst.

    Hat man bei den bisherigen Punkten alles richtig gemacht, ist es zwar unwahrscheinlich, jedoch sei sicherheitshalber auf Folgendes hingewiesen: Jemandem bescheidzusagen, wenn’s dir so richtig dreckig geht, ist der völlig falsche Weg. Damit verbaust du dir nämlich jede Möglichkeit, deprimiert und frierend auf der Couch zu liegen und die Tatsache zu betrauern, dass niemand kommt, um dir zu helfen oder einfach nur beizustehen.

  • G E S U N D H E I T
    Für Zeiten, in denen die bisher genannten Punkte nicht zu genügend Schwere und Leere im Leben führen, lege dir eine chronische Erkrankung zu, die immer dann zuschlägt, wenn du am wenigsten damit rechnest. Am besten etwas Schmerzhaftes, das entweder schwer zu diagnostizieren oder schwer zu behandeln ist – im Idealfall beides, damit bist du sowohl gegen Heilung als auch gegen staatliche Hilfe immun. Auch Allergien sorgen für unvergnügte Stunden, je mehr, umso besser.
  • W O H N E N
    Klein, aber unbequem ist hier die Devise. Es darf auch gern recht dunkel sein und ein bisschen ziehen – natürlich nur im Winter. Man wähle Nachbarn, die ein Faible für schreckliche Musik, exzessives Staubsaugen, lautes und vergnügtes Vögeln oder aber sonntägliche Kreissägearbeiten haben, und die hernach sogleich ihre jaul- und bellfreudigen Hunde stundenlang alleine lassen. Doch, man kann sich auch schon vor der Wohnungswahl ein bisschen umhören. Ist es ruhig – meiden!

    Zur Nichterfüllung deines eventuell auftretenden Bedürfnisses, sämtliche Qualen ein- für allemal hinter dir zu lassen, sollte die Wohnung tunlichst im Erdgeschoss liegen. Um das Frustpotential für den Ernstfall zu erhöhen, kannst du zuvor Kakteen, ersatzweise Aloe Vera, unterhalb des Fensters aufstellen.

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  • R I T U A L E
    Rituale und Affirmationen sind wichtig, um seine innere Seitenlage nicht zu verlieren.
    Vorschläge:
    ☠ Morgens das Fenster öffnen und „Das ist alles ein Scheißdreck“ vor dich hinmurmeln.
    ☠ Wenn’s wo zwickt: Symptome googeln und einschlägige Foren ausführlich durchlesen.
    ☠ Zwischenmenschliches: Sei stets sicher, dass es an dir liegt, und dass es bestimmt persönlich gemeint ist.
    ☠ Befolge immer alle Ratschläge, die in Blogs zu lesen stehen.

Viel Erfolg!

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. XD

    Genau so und nicht anders geht’s zu bei Blacktime Bird! Auf dass wir immer was zu jammern haben werden!

    (Die Welt wartet auch noch auf unsere erste Single-Auskoppelung. Ein Beachboys-Cover: „Bad Vibrations“.)

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  2. Long time no read (Facebook killed the blog star, unter anderem). Muss wieder öfter hier lesen! :-)

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    • Jö, die Juuulia! Ja, Facebook, ich spüre das. Wär schön, wenn du öfter reinschaust und mir was tippselst! Früher war hier deutlich mehr los. Miss the times.

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  3. Ich hab`s ja ehrlich versucht, das Schlimme an allem zu finden…..aber leider musste ich beim Lesen immer wieder so sehr lachen! Ganz gegen meinen Willen! :D

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  4. da muss es doch noch was geben! …
    wart .. ich habs:
    urlaub – buche einen pauschalurlaub als single in einem familienfreundlichen club. das ist günstiger und schlimmer als du je angenommen hättest;-)

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