Annäherung, ein Versuch

Dieser Artikel könnte sich für hetero-männliche Leser lohnen und zu mehr Mitgefühl und damit zu einer echten Annäherung an das weibliche Geschlecht führen – metaphorisch, und womöglich sogar buchstäblich. Doch ich sag’s vorweg: Der Text ist recht lang, und ich verlange euch an der einen oder anderen Stelle einen gewissen Schattensprung ab. Behaltet das im Hinterkopf und hört bitte nicht gleich zu lesen auf, wenn’s irgendwie unbequem wird.

Weibliche Leser finden sich vielleicht in Teilen darin wieder, womöglich gibt es Parallelen im Empfinden. Oder sogar Aha-Erlebnisse! All das würde mich sehr freuen, und ich würde gerne in den Kommentaren davon hören.

Diese eine Frau, über die ich am besten bescheidweiß, hat das Nachfolgende so erlebt, in verschiedenen Beziehungen mit verschiedenen Männern. Das heißt nicht, dass jede Frau es so empfindet, oder auch nur irgendeine andere Frau.

Ich erhebe damit keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit, Vollständigkeit, Perfektion oder gar wissenschaftliche Haltbarkeit.

Ich erhebe aber sehr wohl Anspruch auf eine konstruktive und respektvolle Diskussion. Ich habe mich – stellenweise ironisch, aber nie bösartig – um eine bedachte Formulierung bemüht, und erwarte dasselbe von euch. Versöhnlich, nicht polarisierend. Das hier ist ein privates Blog. Kommentare von ChauvinistInnen und anderen Deppen mit polemischen Scheinargumenten werden von mir gnadenlos ignoriert oder gelöscht, genau wie “Wer ist schuld und wer hat angefangen?”-Kommentare.

Ich hatte Abschnitte dieses Textes nun jahrelang in diversen Schubladen. Nach drölfzig Überarbeitungen wird er auch nicht mehr besser, daher nun raus damit!

Wer hier nichts über Beziehungen und Sex lesen möchte oder sich dafür nicht alt genug fühlt, muss diesen Tab jetzt leider schließen. Alle anderen können hier weiterlesen.


Ein Mann kann zu “seiner” Frau sehr aufmerksam sein. Er kann charmant und liebevoll sein, fürsorglich, unterstützend und anbetungswürdig anbetend, er kann interessierte Fragen stellen, Komplimente machen, Neues bemerken, Anerkennung zollen. Er kann sprechen! Sogar über Gefühle! Am Anfang. Das legt sich aber. Sobald das Objekt der Begierde erstürmt ist, gibt es offenbar keinen rechten Grund mehr für das ganze Getue. Schließlich hat man die Eroberung gemacht (man ist ja ganz Jäger) und damit im Idealfall das Recht erworben, die eroberte Frau alleinig zu besitzen. Sie hat sich ein erstes Mal dazu bekannt, dieses Besitztum verkörpern zu wollen. Die ganze Umwerberei dient doch dem Zweck, eine Partnerin für sich zu gewinnen, die fürderhin für Sex zur Verfügung steht, und zwar ohne das lästige weil zeit- und energieraubende Gebalze – vulgo Braterei. Oder?

Später heißt es dann vielleicht: “So ein charmanter Mann, wie du ihn anscheinend willst, war ich doch ohnehin nie.”

Selbstverständlich sind Frauen in der Anbahnungsphase auch sehr bemüht. Oft sogar, so zu wirken, wie sie gar nicht sind, speziell in jungen Jahren, wo sie noch nicht wissen, was für eine ungeheure Schnapsidee das ist. Ob unnatürlich oder nicht, sie sind am Anfang einer Beziehung sexy gekleidet, auch sie sind sehr aufmerksam, betörend, kreativ und voller Lob und anerkennender Worte.

Zu Beginn einer Beziehung wird behutsam das Herz des anderen erobert – und sich parallel dazu am Körper des anderen vorgetastet. Jede Stelle, die man dabei einmal protestfrei erreicht hat, darf man danach immer wieder berühren – so will es das Beziehungsanfangsgesetz.

Bevor man überhaupt das erste Mal miteinander schläft, findet diese Annäherung im großen Maßstab über mehrere Tage, Wochen oder gar Monate statt. Diese Balz-Fähigkeiten sind wohl beiden Geschlechtern – mehr oder weniger – von der Natur gegeben. Wir bezirzen Geist, Herz und Körper gleichermaßen. Warum glauben viele, dass eine solche Annäherung in Miniaturform nach dem ersten erfolgreichen Zieleinlauf ersatzlos wegfallen könne, dass sie einfach nicht mehr nötig wäre?

Mit der Zeit beginnt es, aufzuhören. Der sexy Blickwurf. Die zärtliche kleine Berührung. Die Aufmerksamkeit. Man hat viel Energie investiert, einen Partner für sich zu gewinnen – und dann, Überraschung, geht das Leben gnadenlos weiter. Man muss aufstehen, arbeiten, sich um die Verwandtschaft kümmern, einkaufen, die Garage aufräumen. Man ist krank. Man ist müde – erstaunlich oft ist man einfach richtig müde. Für zelebrierte Verführung oder auch bedingungsloses allzeitiges Wollen ist da nicht mehr so viel Zeit und Energie. Alltag eben.

Abgesehen von diesen trivialen Entwicklungen macht es aber auch einen Unterschied, wie man sich zu einer einmal eroberten weiblichen Körperstelle später wieder hinbegibt – andächtig und verführerisch oder ungalant und direkt drauflos. Die direkte, scheinbar keinen Widerstand duldende Variante verursacht dabei womöglich auf die Dauer mehr Widerstand als die verführerische Art – und diese Feststellung möchte ich genauer beleuchten.

Die Sache mit dem angeblich einvernehmlichen Sex gerät gefühlsmäßig für so manche Frau vom anfänglichen Darf zum plötzlichen Muss. Sie wollte sich nur mal kurz ein bisschen anlehnen, schon liegt sie mit einemmal nackt da und hat einen Kerl zwischen den Beinen. Es wird routiniert zugegriffen, und das völlig einleitungslos und mitunter recht flott – was sicher auch mal ok ist, wenn’s gerade beiden passt, aber nicht als standardmäßiger Vorgang. Zum Neinsagen bleibt einer Frau da wahrlich nicht viel Zeit, manchmal möchte man es beinahe Vagina Überrumpulus nennen. Da überlegt sie sich beim nächsten Mal vielleicht, ob sie sich wieder anlehnt.

Diese Frau, von der ich spreche, möchte niemandem das Exklusivrecht einräumen, sie jederzeit und ungebeten an einer intimen Körperstelle nach Wahl berühren zu dürfen, weil sie nicht unvermittelt am Busen oder zwischen den Beinen berührt werden will. Neu ist daran, dass sie jetzt auch erklären kann, wieso. Man möchte meinen, es gebietet doch schon die Höflichkeit, sich da ein bisschen subtiler ranzutasten, Liebe hin oder her. Mit ein bisschen Feingefühl wird man bei so einer Frau sicher auch ans Ziel kommen. Aber ohne Feingefühl eben öfter nicht als schon. Es kommt in ihr dabei nämlich sehr schnell das Gefühl auf, benutzt zu werden wie ein untergeordneter Gegenstand des uneingeschränkten Eigentums.

Das Grabschen nach weiblichen Körperteilen, mit denen man nicht verheiratet oder wenigstens fix liiert ist, ist ein gesellschaftliches No-Go, darüber ist man sich mittlerweile größtenteils einig – zumindest unter jenen, die der Steinzeit ein wenig entwachsen sind. Aber was ist innerhalb einer Beziehung in Ordnung? Scheint klar: immer das, was beide als angemessen und angenehm empfinden. Doch wieviel wissen wir tatsächlich darüber, was unser(e) Partner(in) dazu empfindet? Wieviel erzählen wir darüber? Wie weit haben wir es selbst überhaupt herausgefunden?

Vielleicht ist ein Grund, warum Männer so ein Tamtam um das Recht am Busen seltsam finden mögen, dass sie selbst keine sekundären Geschlechtsteile ihr eigen nennen, die mit dem Busen vergleichbar wären – nicht optisch natürlich, sondern in Bezug auf die persönliche Wahrnehmung rund um dieses Körperteil, seine Privatheit, seine Bedeutung, seine Sensibilität. Einen Po haben beide Geschlechter. Aber man sehe sich nur Bademode für Damen und für Herren an und versuche dabei, sich von den oft allzu originellen Designs nicht ablenken zu lassen. Welche Körperteile sind es, die hier vor Blicken geschützt werden?

Falls eine Frau in der Vergangenheit unangenehme oder gar unfreiwillige Erlebnisse hatte, wird sie unvermittelte Berührungen noch weniger mit dem erwarteten Enthusiasmus begrüßen. Es ist dieser Frau, von der ich spreche, in lebhafter Erinnerung, als zu Beginn der Ausformung ihrer weiblichen Rundungen, so mit 10 oder 11, ein Nachbar im Beisein ihres Vaters und anderer Leute sie an entsprechender Stelle anstupste und laut verkündete: “Die kriegt ja schon eine Brust!” Sie erinnert sich nicht, dass daraufhin irgendeine Zurechtweisung stattgefunden hätte; man lachte und ging zur Tagesordnung über. Sie erinnert sich aber, dass sie am liebsten so flugs wie spontan im Erdboden versunken wäre. Danach wollte sie keine engen Oberteile mehr tragen, und das sehr viele Jahre lang.

Ich greife dieses eine Erlebnis nicht deshalb heraus, weil es das einzige geblieben wäre. Sondern weil so etwas sehr früh die Empfindung prägt, wie herablassend und würdelos man als (sogar erst werdende) Frau behandelt wird: ungerecht und anmaßend und unangemessen und unverschämt und widerlich. Wird von uns Frauen wirklich erwartet, dass wir einfach ein solches Erlebnis (nach dem anderen) wegstecken und danach genauso weiterfunktionieren, dass wir uns weiterhin brav und bereitwillig berühren lassen und nicht Nein sagen, uns nicht entziehen? Tun wir es dennoch, und tun wir das “zu oft”, dann liegt das an uns, weil wir “wiedermal typisch Frau sind”, indem wir “plötzlich mit unseren Reizen geizen” und “nie wollen”. Dass das andere Geschlecht in der Vergangenheit – oder gar der eigene Partner in der Gegenwart – an all diesen Entwicklungen beteiligt sein könnte, wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Und es wird nicht gesehen, dass die gefühlte Übergriffigkeit im Kleinen für die Frau irgendwie immer weitergeht.

Diese Frau möchte aber ihrem Partner auch nicht jedes einzelne unfreiwillige Erlebnis aus ihrer Vergangenheit offenlegen. Es mag prägend gewesen sein, sie mag es niemals wieder ganz loswerden – doch selbst wenn sie sich mehr Rücksicht oder Mitgefühl wünscht, will sie weder Mitleid haben noch Aggressionen, Drohungen, Rachegedanken auslösen. Es ist unangenehm, über das Erlebnis zu sprechen, denn es ist eine Sache, für sich selbst dessen Einfluss auf das Empfinden anzunehmen, aber eine ganz andere Sache, von einem anderen Menschen darüber definiert zu werden. Er muss nicht unbedingt wissen, was genau sie erlebt hat. Er muss nur in Betracht ziehen, dass sie etwas erlebt haben könnte – und es nachempfinden können. Vielleicht kann man sogar davon ausgehen, dass kaum eine Frau ihre jungen Jahre ohne jeglichen Übergriff auf ihren Körper überstanden hat.

Letztens irgendwo auf einer Hausmauer gelesen: Irrtum, dass wir Frauen nie Sex wollen. Wir wollen nur keinen schlechten Sex.
Und schlechter Sex beginnt für diese eine Frau mit einer schlechten Anbahnung: nämlich einer fehlenden. Das hat nicht zwingend etwas mit Vorspiel zu tun. Sie möchte umworben werden und sich wie die einzige auf der Welt fühlen, wie die Schönste im ganzen Land – dann kann man von ihr so gut wie alles haben. Und einer Frau dieses Gefühl zu schenken, nicht nur zu Beginn, sondern beständig – das beginnt ganz weit von der Schlafzimmertür entfernt. Fehlt das, dann fehlt ihr viel. Will sie vom Partner wieder ein bisschen mehr Aufmerksamkeit einfordern, um sich in Stimmung zu bringen, dann heißt es, frau würde aufrechnen, Listen führen und Punkte vergeben, die über Ranlassen oder Ablehnen entscheiden. Aber mal ganz ehrlich: Schläfst du immer wieder mit jemandem, dem man nicht (mehr) anmerkt, dass er dich attraktiv, toll, interessant und liebenswert findet?

Und – sorry, guys – “Ich hab dir doch gerade an die Titten gefasst, daran musst du ja schon merken, dass ich dich toll finde!” gilt nicht als geeigneter Stimmungsmacher im Sinne der Ausführungen; bitte ggf nochmal ganz oben zu lesen beginnen.

Es beschleicht diese Frau mit der Zeit also ein gewisses Gefühl des Ausgeliefertseins an die spontanen Berührungsideen des Mannes, schon allein, weil es weitaus schwieriger wird, zurückzurudern, wenn die Hand schonmal da ist – denn welche Frau argumentiert schon mit gleichbleibender Würde mit einer Pfote auf der Titte? Da wäre es einfacher, schon davor “Nein” oder “Später” sagen zu können – vorausgesetzt, man erhält die Gelegenheit dazu, weil man gefragt wird. Ein “Später!” auf eine Frage wirkt außerdem nicht ganz so harsch und ist für beide weniger unangenehm als eine abwehrende Handbewegung oder ein “Lass das!”.

Will frau ihrem männlichen Partner all diese Empfindungen darlegen, tritt aber akuter Erklärungsnotstand ein. Es gilt, dem Mann einen solchen Standpunkt so sanft klarzumachen, dass er sich nicht zurückgewiesen oder pauschal beschuldigt fühlt. Insbesondere am Beginn einer Beziehung, wenn man frisch verliebt ist, wird ohnehin davon ausgegangen, dass jede Berührung einhundertprozentig erwünscht sein wird: “Ich möchte dich ja berühren, also gehe ich davon aus, dass du dich auch berühren lassen willst”. Sagt diese Frau in der Phase nichts, sei es, um die “Stimmung” nicht zu verderben oder nicht zickig zu wirken – obwohl sie vielleicht bereits vage Übergriffsempfindungen hat – wird dadurch ihr Erklärungsnotstand später noch größer. “Bisher hat dir das doch auch immer gefallen!” – “Öhm, naja…” – “Was also hat sich verändert?” – “Nichts.” – “Und warum hast du dann nicht schon früher was gesagt?” – “…”. Also sagt sie am besten… weiterhin nichts?

Das hier beschriebene Empfinden könnte man mit einem Besuch in der Wohnung eines Menschen vergleichen. Man klettert auch nicht durch ein Fenster direkt in das Schlafzimmer des besuchten Menschen und steht dann plötzlich in der Mitte des Raumes, in regentriefender Jacke und schmutzigen Schuhen.
Oh nein! Man klingelt zuerst. Wird einem aufgetan, so betritt man die Wohnung oder das Haus, vielleicht zum ersten Mal. Dann steht man zunächst im Vorzimmer und harrt der Dinge, die da kommen mögen. Dort verhandelt man auch die Konditionen des Besuches: Schuhe an oder aus? Jacke wohin? Auch Mitbringsel werden übergeben.

Erst dann wird man überhaupt in die gemütlicheren Bereiche vorgelassen. Mitunter wartet man sogar, bis man einen Sitzplatz angeboten bekommt, man fläzt sich nicht einfach irgendwohin. Man bemerke, dass man selbst zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht im Schlafzimmer des Besuchten angelangt ist.

Man könnte auch sagen, dass die vor dem Besuch vorhandene Distanz zum Besuchten erst in kleinen Schritten überwunden werden darf, dass mitunter um Erlaubnis gefragt werden muss, bevor man in das eine oder andere Allerheiligste vorgelassen wird. Das ist nur recht und billig, und man dringt auch nicht bei jedem einzelnen Besuch bis in das letzte Zimmer vor.

Über die Jahre mag sich ein gewisses Gewohnheitsrecht einstellen – man muss sich nicht mehr ankündigen, man weiß schon, ob man die Schuhe ausziehen muss, man wartet nicht mehr, bis man einen Sitzplatz angeboten bekommt. Das Prinzip jedoch bleibt dasselbe: Eine gewisse Höflichkeit bleibt bestehen – man ist einfach nicht Zuhause.

Der Busen ist in der Wohnung dieser einen Frau nicht im Vorzimmer beheimatet. Er befindet sich auch nicht direkt neben dem gerade erst angebotenen Sitzplatz. Müsste sie ihn wo festmachen, den Busen, dann würde sie ihn irgendwo zwischen Wohnzimmercouch und dem Flur zum Schlafzimmer ansiedeln, dem Raum, in dem dann auch das Reich zwischen den Schenkeln zugänglich wird. Wo im Haus man Küsse auf den Mund und Hals oder Streicheleinheiten an den übrigen Körperstellen festmacht, kann man bestimmt flexibel vereinbaren, je nach persönlicher Empfindsamkeit.

Natürlich ist damit nicht gesagt, dass man niemals schon im Vorzimmer übereinander herfallen darf. Es ist nur wie bei allem, was man gemeinsam macht: das Einverständnis beider sollte Voraussetzung für das Stattfinden sein. Wer meint, dass Worte in so einer Situation die Spontaneität bremsen, riskiert nämlich auch, eventuell stetig einen kleinen Bruchteil des Vertrauens einzubüßen, das er bis dahin genoss.

Das alles mag für jede Frau anders sein, mit ihren unterschiedlich empfindsamen Körperteilen und ihren persönlichen Vorlieben und Erfahrungswerten. Die Verteilung der Nervenenden in ein- und derselben Körperregion und vielleicht sogar deren Anzahl ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Dass jede Frau, jeder Mensch diese Form von Abstufungen in seinem persönlichen Körper-Raum hat und empfindet, ist jedoch unbestreitbar.

Für diese eine Frau ist der Busen ein genauso empfindliches Körperteil wie das primäre Geschlecht zwischen ihren Beinen. Wenn PMS-bedingt eine Empfindlichkeit des Busens dazukommt, kann eine leidenschaftlich gemeinte Berührung auch richtig schmerzhaft sein. Diese Frau möchte nicht gezwungen sein, an einem durchschnittlichen Morgen zu ihrem Partner sagen zu müssen: “Du, bitte heute keine spontanen Berührungen an der Brust, falls du so etwas zufällig geplant hättest – die leidet nämlich derzeit unter Spannungen.” Es hat was Erniedrigendes oder zumindest vorauseilend Gehorsam-Unterwürfiges, so etwas sagen zu müssen.

Es gibt Tage im Zyklus, da fühlen wir Frauen uns sexy as hell und zu allem bereit. Es gibt aber auch welche, da fühlen wir uns neutral, androgyn, einfach nur schlecht oder sogar wie ein Kind, schutzbedürftig und unschuldig. An solchen Tagen sind ungefragte Berührungen besonders schwer zu ertragen.

Es ist und bleibt eine Tatsache, dass ein Mann im Normalfall einer Frau körperlich überlegen ist. Wir Frauen wissen instinktiv und aus Erfahrung, dass wir aus einer körperlichen Auseinandersetzung mit einem Mann für gewöhnlich als Verlierer hervorgehen würden. In unserem Bewusstsein entwickelte sich seit frühen Mädchentagen ein überaus wachsames Holzauge für die Gefahr, die von Männern ausgeht – wir sollen generell nicht mit Fremden sprechen, aber vor allem nicht mit fremden Männern. Wir haben nachts nicht wirklich die Wahl zwischen dem schnellsten oder dem am besten beleuchteten Weg nach Hause, mitunter erscheint sogar eine Begleitung unerlässlich oder zumindest erleichternd-verlockend – aus Sicherheitsgründen.
Auf Reisen haben wir schlicht weniger Möglichkeiten als Männer, insbesondere in Ländern, wo noch harschere Gesetze für angemessenes Frauenverhalten gelten, seien es nun geschriebene oder auch ungeschriebene, die nichtmal in jedem Reiseführer stehen und einen vorab über Gepflogenheiten aufklären würden. Bequeme Kleidung ist für uns nicht immer machbar, tragbar, ein nacktes Knie, ein blanker Knöchel, eine Schulter, langes Haar oder gar ein Dekolletée, darf frau es in diesem Land zeigen? Wie wird sie daraufhin angesehen, eingeschätzt, behandelt, was sind die Konsequenzen? Für manche Orte auf der Welt gilt für Frauen immer noch “Betreten verboten” – und zwar gleichgültig, in welchem Outfit.

Für uns Frauen ist all das Alltag. Sich in der Welt frei bewegen zu können ist ein echtes Privileg, und diese Tatsache steht und fällt nicht damit, ob man den Genuss dieses Privilegs als solches wahrnimmt oder nicht, genau wie die Realität eines patriarchalen Systems nicht damit steht und fällt, ob alle Menschen diese Realität für existent halten. *) Es ist vielmehr so, dass ein Privileg überhaupt erst als solches wahrgenommen wird, wenn man mal von der anderen Seite daraufschaut – also sich die Mühe macht und die Offenheit aufbringt, in fremdes Erleben einzutauchen und sich die Unterschiede, die Einschränkungen, die Empfindungen erzählen zu lassen, bewusst machen zu lassen; dazu muss man vielleicht gewisse innere Widerstände überwinden (wollen).

Auch einem Mann bietet ein männerzentriertes System nicht nur Vorteile. Die Ideale, die ein Mann darin verkörpern soll, sind schier endlos: Stark, unverletzbar, mutig, rational, selbstbewusst, konkurrenzwillig, arbeitsfähig und potent, der Ernährer und Beschützer, aktiv, aggressiv, unnachgiebig und ambitioniert. Und überlegen. Seine weichen Seiten, so er sie noch spürt, darf er höchstens an der Seite einer Frau ausleben, wenn überhaupt – andere Männer sollten davon aber tunlichst nichts mitkriegen. Das erzeugt sehr viel Druck. Das beschriebene Gefühl der permanent-latenten Gefahr für Freiheit, Souveränität, Leib und Leben durch einen Privilegierten hat ein Mann im Idealfall nicht so stark erlebt oder gar verinnerlicht, dass es ständig präsent ist. Oder aber er hat das sehr wohl, von seinen Mit-Männern ausgehend; schließlich muss die Überlegenheit zu allererst innerhalb der Männergruppe ausgehandelt werden, zu Beginn körperlich, später verbal. Ein Mann, der das so erlebt hat, besitzt sogar die nötige Empathie, also Parallelen zu eigenem Empfinden; er kommt aber nicht zwingend auf die Idee, dass er selbst für eine Frau genau dieselbe Gefahr verkörpern könnte, die für ihn von gewissen Männern ausging oder ausgeht. Frauen hingegen gemahnt der Instinkt, ihren Sicherheitsabstand zu wahren, die Gefahr einer körperlichen Auseinandersetzung mit einem Mann möglichst frühzeitig abzuschätzen – und ihr aus dem Weg zu gehen.

Der Instinkt – oder die Erfahrung – diktieren so mancher Frau paradoxerweise aber auch, ein Nein sehr behutsam und bedacht zu formulieren, um das männliche Gegenüber nicht unverhältnismäßig zu verärgern und damit genau jene Gewalt zu provozieren, die sie eigentlich vermeiden wollte. Ich habe so etwas letztens beobachtet, als eine mir als sehr selbstbewusst und forsch bekannte Frau auf die Annäherung eines jungen, etwas beschwipsten Mannes so zart reagierte wie ein Federchen im Wind – trotz ihres nicht vorhandenen Interesses. Ihr Abschätzen seiner Reaktion, ihre Vorsicht und die Anspannung waren für mich körperlich spürbar. Der Vergleich zu Raubtier und Beutetier samt der unterschiedlichen Stellung der Augen drängt sich hier auf – die Augen des Raubtiers nach vorne gerichtet, zielorientiert; dagegen das Beutetier mit seiner seitlichen Augenausrichtung für den stets wachsamen Rundumblick.

Dieser Gefahren-Instinkt fällt nicht plötzlich in einen Dornröschenschlaf, nur weil man eine neue Beziehung hat oder verliebt ist – er wird aber ein bisschen schläfrig, was der Frau später zum Verhängnis wird – siehe Erklärungsnotstand. Daher wird eine Frau mit einem gesunden Selbstwert einen Mann bevorzugen, der von Anfang an ihre Grenzen respektiert, selbst wenn diese sich je nach Tagesverfassung verschieben mögen. Denn die sexuelle Annäherung zwischen Mann und Frau wird von der instinktiven Vorsicht nicht ausgenommen – wie auch? Sie beinhaltet, dass der gewohnte Sicherheitsabstand zwischen dem Frauen- und dem Männerkörper wegfallen muss, also ruft der Instinkt uns Frauen zumindest, als minimalste Reaktion, zur Vorsicht auf. Damit sind ohnehin schonmal gefühlte 10% des Geborgenfühlens dahin, auch ganz ohne dass eine unserer Grenzen gerade allzu plump überschritten worden wäre. Und da sind eventuelle unfreiwillige Erlebnisse aus der Vergangenheit noch nicht mit eingerechnet.

Ein liebender und offener männlicher Partner, der so etwas zum ersten Mal erklärt bekommt, wird vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und rufen: „Das mag ja für den Rest der Welt gelten! Aber das kannst du doch bei mir nicht genauso empfinden! Ich meine es ja auch nicht so! Ich liebe dich! Das weißt du doch!“
Ja, der Verstand weiß das. Doch Instinkte hören nicht auf den Verstand. Im Gegenteil, Instinkte sind ja gerade dazu da, eine sehr schnelle Reaktion zu ermöglichen, die nicht schon im Vorfeld an den langsamen Mühlen des Verstandes scheitert, dort, wo sie erstmal mittels Formular eine angemessene Formulierung beantragen muss.
Daher vielleicht auch die beschriebene, typisch weibliche (?) Reaktion, die unerwünschte Hand schnell wegzuschieben, anstatt mit einem liebe- oder gar verheißungsvollen Satz die Situation zu entschärfen und damit auch das Gesicht beider ein bisschen geschickter zu wahren. Instinkte benutzen keine Worte.

Werden im Laufe der Zeit die sexuellen Annäherungen des Partners wiederholt als Übergriff empfunden, so prägt sich der Instinkt das ein, und damit sinkt vielleicht die Bereitschaft, sich diesem Menschen zu öffnen und hinzugeben. Plötzlich ist da in dieser Frau vielleicht eine Abneigung, regt sich ein innerer Widerstand, den sie sehr deutlich wahrnimmt, sich aber nicht so recht erklären kann. Sie kann diesen Instinkt freilich niederkämpfen und, gegen ihr Gefühl agierend, die Berührungen trotzdem dulden. Reagiert sie hingegen körper- und instinktgesteuert, wächst im Mann der Frust mit jeder Zurückweisung seitens der Frau. Dabei handelt es sich gar nicht um persönliche Ablehnung, sondern um eine Zurückweisung dieses unbewussten Fehlverhaltens.

Zum biologischen Faktum der körperlichen Überlegenheit kommt noch hinzu, dass der Mann in einer patriarchalen gesellschaftlichen Struktur zur priviligierten Gruppe gehört und sich daher körperliche Übergriffe auf die untergeordnete Gruppe eher leisten kann und “darf”. Eine Frau wagt weit seltener einen gezielten Griff zwischen die Beine ihres Mannes, schon gar nicht in der Öffentlichkeit – das ist kein Zufall. Dagegen sieht man Männer, die beim umarmten Gehen in der Öffentlichkeit ihre Hand tief hinten in der Hose ihrer Partnerin vergraben haben, weit öfter, als es einem vielleicht lieb ist. Als nicht-privilegierte Gruppe liegt Frauen solcherlei Tun vielleicht einfach nicht so nahe? Paradoxerweise sagten einige Männer, die ich zu dem Thema befragt habe, dass sie solch forsches Handeln seitens ihrer Partnerin durchaus begrüßen würden, und zwar gelegentlich bis jederzeit. Aber durchaus nicht alle. Und grau ist alle Theorie.

Generell scheint mir, dass wir dem anderen immer jenes Verhalten angedeihen lassen, das wir uns selbst für den Umgang wünschen, sei es nun der gesellschaftliche, partnerschaftliche oder auch sexuelle Umgang. Wir tasten uns beim Sex so heran, wie wir selbst gerne verführt werden möchten, und berühren Stellen, von denen wir meinen, der Partner müsse dort ähnlich sensibel reagieren wie wir selbst.
Wir beginnen oder beenden ein Gespräch auf jene Weise, die wir selbst auch als angemessen empfinden würden. Wir verwenden unsere Beziehungsenergie auf Taten, die wir selbst uns vom Partner ebenso wünschen würden. Unsere Empathiefähigkeit sorgt dafür – wir meinen, wir “versetzen uns in den anderen hinein” – tatsächlich aber bleiben wir dabei weiterhin wir selbst, mit all unseren persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Vielleicht wäre es also eine gemeinsame, bewusste Möglichkeit, ganz gezielt darauf zu achten, was der andere gerade tut und wie er es tut, und dann – Zack! – die Vorzeichen umzukehren und das Verhalten “zu tauschen”?

Diese eine Frau wusste all das nicht schon immer. Tatsächlich dauerte es Jahrzehnte, bis sie ihre unangenehmen Gefühle im Zusammenhang mit unerwarteten Berührungen benennen und zuordnen konnte – und diese Gefühle schließlich auch als legitim betrachten konnte. Sie darf sich so fühlen. Bei aller Zuneigung, solche Berührungen sind und bleiben ein Griff mitten in ihre Intimsphäre. Es ist angemessen, dass sie denkt: “Mein Körper gehört mir!”

Man überlege sich Folgendes: Die Männerphantasie Nummer Eins laut einer Umfrage, die mir letztens unterkam ist (tadaaa!): “Eine Frau, die immer Ja sagt”. Doch selbst hierbei ist vorausgesetzt, dass man dieser Frau vorab eine Frage gestellt hat!

Wenn man schon in diese Intimsphäre eines anderen einzudringen gedenkt, gebietet es die Höflichkeit, wenigstens vorher zu fragen. Und das muss nicht peinlich sein, es kann auch sehr sexy sein, wenn Mann fragt – oder Frau die Aufforderung zur Berührung vorwegnimmt. “Ich möchte dich so gerne hier berühren – bitte, darf ich?” oder “Bitte berühr mich! Jetzt! Da! Ja!” – das klingt doch nicht nach etwas, das man keinesfalls in seinem Schlafzimmer (Wohnzimmer, Küche, …) haben möchte, oder? ODER?

Ich kann hier keinerlei Tipps liefern, wie frau mit ihrem männlichen Partner nach Jahren vom Gefühl “ich muss” auf sexueller Ebene wieder zurückfindet zu “ich will”, oder wie und wo sie in ihrem Mann Verständnis für das beschriebene Unbehagen findet. Und bestimmt gibt es umgekehrte Fälle und noch zig andere Faktoren, die zu diesem Spiel in einer festen Beziehung zwischen Mann und Frau beitragen – wie gesagt auch solche, die weit entfernt vom Schlafzimmer stattfinden: Anerkennung, Aufmerksamkeit, verlangende Blicke (die sich auch auf die richtige Person richten sollten!) – Frauen wollen gesehen werden! Und das meine ich nicht nur optisch. Es ist 2015 – unsere Zeiten als belebte Möbelstücke sind lange vorbei.

Dieser Artikel nimmt sich nicht heraus, Männern ähnliche oder ganz andere oder überhaupt irgendwelche Empfindungen abzusprechen, umgekehrte Fälle nicht für möglich zu halten oder sonstige Schwarzweißmalereien, und er beansprucht auch nicht, für alle anderen Menschen mit Busen zu sprechen oder zu schreiben. Nur für diese eine Frau.

Ähnlichkeiten zu anderen Frauen sind allerdings im Bereich des Möglichen und sollten gegebenenfalls einmal interessiert erfragt werden. Vielleicht muss die Befragte darüber sogar selbst erstmal ausgiebig nachdenken. Gebt ihr die Zeit – vielleicht erfahrt ihr etwas Neues.


*) Natürlich hat kein einzelner Mann das Patriarchat erfunden oder auch nur dessen Prinzip und Fortbestand bewusst unterstützt, und kein Mann ist schuld daran oder muss sich dafür schuldig fühlen. Durch die Allgegenwärtigkeit des männerdominierten Systems in unserer Gesellschaft und unserer Erziehung sind aber alle Männer darin involviert, genau wie jede einzelne Frau. Die Verhaltensmuster und Ideale unter Männern und die daraus folgenden zwischengeschlechtlichen Muster entstanden aus ihm, leben durch es fort und erhalten mit jedem einzelnen Tag den Status Quo aufrecht.

Für uns alle gilt also: Wir sind zwar als Einzelne nicht schuld daran, dass es privilegierte und unterprivilegierte Gesellschaftsgruppen gibt, aber man kann auch nicht einfach behaupten, man hätte damit nichts zu tun und wäre daran nicht beteiligt. Denn für eine solche Beteiligung ist es nicht vonnöten, dass einem das eigene Mitwirken auch bewusst ist – im Gegenteil, genau dieser Aspekt wird gerne unterdrückt, ignoriert, negiert, unbewusst gehalten – denn so funktioniert das System. Hinterfragen und Bewusstmachen von versteckten Strukturen ist generell unerwünscht, es ist nur “irgendwie unangenehm” und weckt Widerspruchsimpulse und vage Schuldgefühle, mithilfe derer man sich einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema nur allzu gerne wieder entzieht. Das kann man sehr gut in feministischen/antifeministischen Diskussionen beobachten.

Ich empfehle hierzu wärmstens die Lektüre des Buches “The Gender Knot” von Allan G. Johnson.


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Angesichts der Länge des Artikels und seines Stellenwertes für mich persönlich möchte ich damit drei Stichworte aus dem Projekt *.txt zusammenfassen:
#Acht(samkeit)#nackt#Glück

Was ist das für ein Projekt?

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