Tiefe Töne

Meine Freundin N. kennt das Phänomen einer anfallsartigen Panik, die von gewissen niederfrequenten Geräuschquellen ausgelöst werden kann. Heute, während wir miteinander telefonieren, passiert es wieder: Durch unfreiwilliges Beschalltwerden durch einen Lkw neben ihrem Auto an der Kreuzung erlebt sie einen Anflug von Panik, der sich jedoch – anders als die klassische Panikattacke – sofort verzieht, sobald der Lkw dasselbe tut.

Daraus ergeben sich im Gespräch zwei Fragen, die nach dem Wie und nach dem Warum. Ich bekomme den Forschungsauftrag erteilt.


Erstmal ein paar Basics, zum Auffrischen:

Der vom Menschen mit dem Ohr hörbare Schall liegt, wie allgemein behauptet wird, in etwa zwischen 20 Hz und 20 kHz. Darunterliegende Frequenzen werden als Infraschall bezeichnet (Elefanten), darüberliegende bis 10 GHz als Ultraschall (Fledermäuse), über 10 GHz als Hyperschall (Groupies).

Man behauptet auch, Töne unter 20 Hz wären nicht mehr hörbar. Das stimmt so aber nicht. Es ist dafür nur ein höherer Schalldruck nötig. (100 Hz: >23 dB; 20 Hz: >70 dB, 4 Hz: >120 dB!)

Außerdem lässt der Hörumfang bekanntlich mit zunehmendem Alter nach. Viele ältere Menschen hören Töne über 10Khz schon nicht mehr und sind daher vom Dauerfiepen ihres Fernsehers wesentlich weniger genervt als ihre Kinder oder Enkelkinder. Angeblich verlieren alternde weibliche Ohren eher die tiefen Frequenzen, während Männer die hohen entbehren müssen, was im Alter also zu einer sehr glücklichen Ehe führen kann.

Die Schallwellen werden von einer mehr oder weniger wohlgeformten Ohrmuschel nach innen weitergeleitet, wo sie im Mittelohr über das Trommelfell und die Gehörknöchelchen weitergeleitet und verstärkt werden, und schließlich wird im Innenohr die Schallinformation über die Tektorialmembran und die Haarzellen an die Nervenzellen übergeben. So weit, so Biologieunterricht.

Wie aber nimmt man Töne wahr, die mit dem Ohr nur mehr sehr schwer hörbar sind? Durch Resonanz!

Ganz tiefe Frequenzen unter 1 Hz bringen den ganzen Körper zum Schwingen. Das Resultat ist sog. Bewegungskrankheit (motion sickness), symptomgleich mit Reise- oder Seekrankheit, also Übelkeit, Erbrechen, kalter Schweiß und Unbehagen.

Bei etwas höheren Frequenzen jedoch reagieren die die inneren Organe je nach Lage, räumlicher Ausdehnung und vorhandenem Platz einzeln auf unterschiedliche Frequenzen. So schwingen zentrale Organe mit viel Bewegungsspielraum ganz gerne unter 10 Hz mit, solche in randnäheren Zonen und gedrängtem Ambiente mögen lieber Frequenzen von 10 bis 20 Hz.

  • Kopf und Hals
    Kopfschmerzen 13 – 20 Hz
    Gefühl von ‘Kloß im Hals’ 12 – 16 Hz
    Unterkiefer in Resonanz 6 – 8 Hz
    Kehlkopf- und Luftröhrenresonanz, Sprachstörungen 13 – 20 Hz
  • Brustkorb
    Atmung wird beeinflusst 4 – 8 Hz
    Atemnot 1 – 3 Hz
    Schmerzen in der Brust 5 – 7 Hz
    Herz reagiert bei 7 Hz
  • Magenregion
    Muskelkontraktionen in der Bauchdecke 4,5 – 9 Hz
    Magenschmerzen 4,5 – 10 Hz
  • Beckenregion
    Harndrang 10 – 18 Hz
    Stuhldrang 10,5 – 16 Hz
  • Skelett und Muskeln
    Muskelkontraktionen in Armen und Beinen 4,5 – 9 Hz
    Vermehrte Muskelverspannung in Beinen, Rücken und Nacken 8 – 12 Hz
  • Allgemeines Unbehagen 4,5 – 9 Hz

Bei hohem Schalldruck können Organe geschädigt werden. Details dazu verschweige ich im Interesse der hypochondrischen Superhirne.

Und: Tieffrequente Geräusche lassen sich schlechter dämmen. Sowohl in der Luft als auch in Gebäuden ist die Dämmung bei der Schallausbreitung nicht im gleichen Ausmaße wirksam wie bei höheren Frequenzen.

Das Warum ist mit der Antwort auf das Wie schon fast beantwortet. Wenn mein Herz oder mein Magen plötzlich ungewöhnlich schwungvoll ist, fühle ich mich klarerweise eher unwohl.

Zusätzlich vermutete ich im erwähnten Telefongespräch archaische Komponenten, wie die Angst vor großen, gefährlichen Tieren, zum Beispiel mit Säbelzähnen ausgestattete, die in grauer Vorzeit tiefes Knurren produzierten, und deren angesichtig zu werden man mit einem guten Adrenalinstoß durch Flucht womöglich effizient vermeiden konnte.

Außerdem – nicht unwesentlich – gibt es noch andere natürliche Infraschallquellen:
Erdbeben. ‘Flucht aus Wohnhöhle’ war bei Erdbeben wahrscheinlich ein guter Plan. Schwingt in etwa bei 11 Hz.
Gewitter. Flucht unter Baum? Darwin lässt grüßen.

Adrenalin hilft bei Flucht oder Angriff, zweiteres dürfte jedoch beim großen Tier zumindest eine abwägenswerte Reaktion sein, beim Erdbeben hingegen eine sinnfreie.

An dieser Stelle noch ein allgemeiner Hinweis: Gegen ungewollte Adrenalinstöße hilft daher Bewegung ganz gut. Wer einer plötzlichen Panik zum Opfer fällt, kann sich helfen, indem er die großen Muskeln bewegt, auf und ab gehen, laufen oder den Hampelmann machen hilft ganz gut.

Ich hab bei meiner Recherche ein ganz nettes Tool entdeckt, mit dem man Töne hertzschrittweise (ha-ha!) produzieren kann, durchgehende, aber auch solche mit unterschiedlicher Pulsung (sagt man das so?). Das Ding heißt Humsimulator und kann hier heruntergeladen werden (hat nur 305 KB).

Im Selbstversuch zeigt sich, dass ich tiefe Töne bis 17 Hz hören kann. Darunter fühl ich mich nicht besonders wohl, vor allem in der Birne, höre aber nichts mehr. Ab 11 Hz und darunter beginnen meine Lautsprecher leider nervös zu klopfen. Sind eben nicht dafür gedacht, Infraschallexperimente über sie durchzuführen. Aber vielleicht findet N. auf diesem Weg ja die ‘böse Frequenz’, die sie nach eigener Aussage genau identifizieren könnte.

(Ganz stimmen kann das Tool aber auch nicht: Was da bei 25.000 Hz produziert wird, ist eigentlich kein besonders hoher Ton, und ich höre auch noch das Fiepen, wenn ich da 172.000 Hz eintippe. Kann nich sein. Irgendwo jenseits der 20.000 wird der Output wieder tiefer. Ich brauch einen Techniker!)

Oh, ein wichtiges Faktum hätte ich ja beinah vergessen: Bei 0,5 Hz kriegen Kühe Durchfall.

Der nächste Forschungsauftrag geht an N. – Grund: siehe Timestamp. Gehe jetzt an der Matratze horchen.

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