Schreibtisch, Wohnen, Taifun und südliche Sterne


Heute meinen Schreibtisch zugeteilt bekommen. Nein, das dahinter ist keine Fototapete. ;) Nur UV-Schutzfolie. http://t.co/flpemFWdSL

Tweet von @Et0sha

Die meisten Fenster hier sind mit Folie verklebt, um die Sonne abzubremsen. Dafür gibt es keine Vorhänge. Von innen sind die Folien durchsichtig, sie geben dem Raum einen Farbstich, sodass selbst jene Kleidung violett aussieht, die bei mir nicht sowieso schon violett ist. Von außen sind die Folien blickdicht, doch von innen kann man durchschauen. Die ganze Umgebung, die Wolken, der Sonnenaufgang und -untergang erhalten dadurch einen Effekt, der in einer Foto-App wahrscheinlich „Uber-Drama“ heißen würde.

Das Arbeitstempo hier ist mit unserem nicht zu vergleichen. Es geht betont gemütlich zu, man sozialisiert sich mal, schlendert vom klimatisierten Büro über brütend heiße Gänge in ein anderes klimatisiertes Büro, um jemanden etwas zu fragen, schlendert wieder zurück, weil man denjenigen nicht angetroffen hat, und versucht es eine halbe Stunde später, wenn man mit dem Schwitzen fertig ist, erneut. Dazwischen stochert man halt irgendwie so rum. Für den gelernten Europäer ist das etwas nervtötend. Die Hitze sorgt aber dafür, dass man sich automatisch einbremst. Dennoch habe ich es geschafft, eine Aufgabe auszufassen – das Redesign des PICRC-Folders, inklusive Fotografie dazu. Außerdem werde ich von diesem Folder auch eine deutsche Version erstellen, die gab es bisher noch nicht. Demnächst gibt es also Original Etosha-Texte im Aquarium-Folder am Rande des Pazifik. Eine weitere Aufgabe ist eine Präsentation für die hiesigen Schulen zum Thema „Nachhaltige Fischerei in Palau“. Auf Basis dieser Präsentationen werden von den Kindern Zeichnungen eingereicht, die besten werden jährlich in einem Kalender abgedruckt.

Für morgen Abend (in Heimat-Zeit: Mittwoch Früh) gibt es eine Taifun-Warnung. (Mama, reg di net auf! Alles wird gut!) Es ist heute schon etwas Wind aufgekommen, die Temperatur ließ sich davon aber nicht beeindrucken; mein Thermometer am Balkon zeigte heute Mittag 39°. Hier wird im Moment alles sicher- und dichtgemacht, von morgen bis Freitag hat das Aquarium geschlossen. Wir wohnen in einem Apartment im Gebäude der Forschungsabteilung im ersten Stock Richtung Südosten, neben uns wohnt eine deutsche Biologin, sonst ist hier niemand. Die Security bleibt aber wie immer auch nachts hier, Dienst hat heute und morgen Benson (der im Wesentlichen genauso aussieht wie Morton, nur dass er anders heißt. Man murmle also etwas, das auf -on endet, und man ist auf der sicheren Seite.) Er hat versprochen, uns, falls der Strom ausfällt, mit dem Generatorstrom aus dem Aquarium zu verbinden. Der Taifun kommt von der anderen Seite, das Gebäude ist ordentlich gemauert, es sollte also halbwegs glimpflich abgehen. Das WLAN allerdings war heute schon den ganzen Tag über sehr zäh, ein 56k-Modem wär ein Hit dagegen. Wenn ich mich also nicht sofortigstens wieder melde, heißt das noch lange nicht, dass wir vom Winde verweht wurden.

Apropos Südosten: Der Sternenhimmel ist hier phantastisch! Ich bin dabei, die südlicheren Sternbilder zu lernen, man sieht den Orion querstehen, außerdem Bilder wie Hase, südl. Wasserschlange, Phoenix, Tukan, etc – die abendliche Aussicht von unserem Balkon ist ganz toll. Wenn das Wetter wieder stabiler wird, werd ich versuchen, ein bisschen davon zu fotografieren. Leider sind hier am Aquariumsgelände einige Flutlichter die ganze Nacht aktiv, aber ich kann ja mal mein Glück versuchen.

Was die Wohnsituation betrifft, ist bei mir noch Begeisterungsspielraum nach oben. Die Aussicht ist wie gesagt super. Direkt vor uns die Freiluft-Aquarien, dahinter das Meer, die Inseln, kleine Wasserstraßen dazwischen, Magroven, Palmen, Bambus. Indoor mangelt es aber an praktischen Einrichtungsgegenständen wie etwa einem Schrank mit Kleiderhaken, einem Kleider- oder Wäscheständer oder gar einem Stuhl zum vorhandenen Tisch. Es gibt zwei Kommoden, die innen madeiramäßig modrig riechen und seitlich mehr als nur ein bisschen instabil sind (Marke Möbelix-Jetzt-muss-aber-wirklich!-alles-raus-Abverkauf 1998). Nach meinem ersten Madeira-Urlaub musste ich meine Kleidung zwölfzigmal waschen, um diesen Geruch rauszukriegen, also hab ich meine Kleidung im Koffer gelassen und nur Zeug in die Kommode geräumt.
Über die luxuriöse Zimmerausstattung hinaus gibt es ein Gemeinschaftsbad und eine Gemeinschaftsküche (die etwas überkandidelt als „Lounge“ beschriftet ist). Zwei Drittel der Herdplatten funktionieren nicht, das Backrohr dafür aber auch nicht; ein neuer Herd steht bereits da, ist aber noch nicht eingebaut. Die Klimaanlage in der Küche ist ebenfalls frei von Funktion. Ich habe, wie immer praktisch veranlagt, wenigstens Stühle aus der Küche in unser Zimmer bzw. auf den Balkon entführt, damit wir hier zumindest am Abend ein bisschen sitzen können; „gemütlich sitzen“ wäre aber schon wieder zu viel gesagt.

Dafür haben wir all unser Zeug in der Nähe (Foto, Tauch- und Computerzeug) und brauchen morgens nicht erst damit herzufahren. Wir haben nämlich seit heute auch ein PICRC-Auto zur Verfügung. Damit ich mich nicht umgewöhnen muss, ist es blau; es ist ein Nissan, und zum Glück ist das Steuer links. Es gibt hier nämlich auch jede Menge rechtsgesteuerte Gebrauchtwagen, man fährt aber wie bei uns auf der rechten Straßenseite. Zwischen rechter und linker Straßenseite findet sich in Downtown Koror überaus häufig ein Polizist, der wie wild mit den Händen fuchtelt und dazu aufgebracht in seine Trillerpfeife pustet – was er damit meint, weiß aber offenbar keiner so recht.

Jetzt ist es 17:30, die Sonne geht unter, und wir werden als Nächstes mal checken, was es heute abend noch zu essen gibt. Wir haben bereits eingekauft, unseren Wasservorrat aufgefüllt, Kerzen und Taschenlampen sind vorhanden, wir werden also nicht verhungern, verdursten oder gar in der Dunkelheit versumpern. Also keine Sorge!

Ich reiche weitere Bilder nach, sobald das Internet wieder seine normale Langsamkeit erreicht hat.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. 9°C, seit Tagen Regen. Noch Fragen?

    P.S.: Kreuz des Südens (aka Southern Cross) nicht zu vergessen.

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  2. Mann, das Wetter wäre echt der Horror für mich O.O. Aber der Rest klingt super! Der fehlende Komfort und das reduzierte Tempo waren ja zu erwarten – aber grad dieses Downgrading kann man auch richtig genießen! Sieh’s als Entschlackung! So klischeehaft es klingt, mir hat so „reduziertes“ Leben schon extrem gut getan, weil man merkt, wie unnötig das meiste ist, was man für notwendig hält. Mal ganz anders zu leben als zu Hause, deswegen macht man das ja :).

    Oooooh … und der Südsternhimmel! Auf den freu ich mich auch schon wie irr! Muss ein derart seltsames Gefühl sein, rauf zu schauen und nix zu erkennen. Naja … von den äquatorialen Sternbildern jetzt mal abgesehen :D.

    Wurscht. entschuldige meine verbale Inkontinenz, ich bin so halbert krank, hab nix zu tun, und fülle daher das Internet ^^.

    Wünsche noch einen erquicklichen Aufenthalt – und beim nächsten Mal Vorbeifahren schüttle bitte dem Polizisten eine seiner Hände für mich. Wenn’s eh schon so rumwacheln.

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  3. Hihi, T.M., naja… Hier dafür das andere Extrem: In der Nacht hat es ungefähr die Temperaturen, die man mir für untertags versprochen hat. Im Moment (4:37) hat es draußen 27°. Das gefällt mir. Untertags ist es aber kaum auszuhalten, auch für mich, lieber Ceh. Ich bin nicht so der Hitze-Typ, nur eben auch nicht der Kälte-Typ. Moderat ist das Zauberwort!

    An euch beide: Das Kreuz des Südens ist von hier aus immer noch sehr weit unten, kommt gerade mal ein bisschen über den Horizont. Aber es ist höchst seltsam, Orion und großen Hund so zenitär zu sehen, Leier, Schwan und Cassiopeia dafür so weit unten, und der Nordstern erst! Ja, es ist seltsam, raufzuschauen und nix zu erkennen, fast als wär man auf einem fremden Planeten gelandet, von dem aus die bekannten Sterne einfach anders gruppiert erscheinen. Aber es sind sehr schöne Sternbilder! Mir gefällt ja der Kranich, der sieht sehr wiedererkennbar aus.

    Bitte entschuldige dich nicht für lange Kommentare, Ceh! Ich freu mich doch wie ein Nackerbatzerl über jedes Wort!
    Natürlich bin ich komfort-verwöhnt, vieles Fehlende macht mir aber auch echt nix aus. Aber man will sich das Leben ja auch schön machen, und das ist zB im Stehen wesentlich schwieriger als im Sitzen. ;)
    Aber im Prinzip hast du schon recht mit dem „Entschlacken“. Bequemlichkeit ist aber auch eine Zeitfrage, womit sie wiederum ins Entschleunigen hineinspielt: Je weniger ich mich damit auseinandersetzen muss, welche Fläschchen und anderes Zeugs ich jetzt mit ins Gemeinschaftsbad nehmen muss, umso mehr Zeit hab ich für andere, schönere, wichtigere Dinge. Ja, man macht sowas, um mal ganz anders zu leben, aber bis man sich organisiert hat, vergeht eben ein bisschen Zeit. Mir ist es jedenfalls lieber, wenn ich weiß, wo mein Handtuch ist ;) bzw wo ich es aufhängen kann; wenn ich, wie heute, das Messer in der Küche nicht erst ewig suchen muss, nur um dann festzustellen, dass irgendjemand es irgendwohin mitgenommen haben dürfte.
    Wenn keine Ordnung in meinen Sachen herrscht, macht mich das narrisch, und ich bin offenbar auch mit nur wenig Zeug schon überfordert, wenn die Aufbewahrungsmöglichkeiten so begrenzt sind. Dazu noch ein bisschen Jet-Lag und hitzebedingte Konzentrationsstörungen, und du hast das, was man ein zutiefst verwirrtes Suserl nennt. :)

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  4. so eine easy going WG hat schon ihre Tücken, speziell bei einer berufsbedingt Genauen, aber im Lauf des Sabbaticals wirst du noch lockerer werden, schon die Umgebungstemperatur verlangts´……..btw: Costa Blanca 16-27 Grad, precipitation 0 mm…….hat euch der Haiyan doch nur gestreift?

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    • Haiyan kam von Westen, der Wind kam anfangs überhaupt ganz von Norden herein, und wir sind in einer geschützten Bucht – da war’s schlimm genug, aber nicht so wild wie an exponierteren Orten (siehe gestriger Eintrag). Ich bin aber keine Sensationsbloggerin, und ich wollte auch meiner Familie und Freunden, die hier mitlesen, nicht unnötig Sorgen bereiten.

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  5. In Neuseeland stand der Orion auf dem Kopp. Das war seltsam.

    Aber noch seltsamer ist, die Sonne tagsüber im Norden zu haben. Man hat dann tatsächlich Schwierigkeiten, beispielsweise auf einer Outdoor-Tour, sich zu orientieren. Ein Zeichen dafür, dass das Hirn die Position der Sonne stillschweigend nachrechnet: wenn die Sonne vor einer Stunde dort war, dann muss sie jetzt ungefähr da sein – örks, ist sie aber nicht …

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    • Wir sind ja gerade noch auf der Nordhalbkugel, daher fällt solcherlei Verwirrung zum Glück weg. Die Sterne sind Verwirrung genug. Die Sonne lassen wir links liegen, sie ist bei uns einfach immer da, wo’s heiß herkommt. ;)

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