Männer, die Lächeln einfordern, haben mich radikalisiert

Man sieht so aus, wie man eben aussieht. Man schaut in einer Situation so drein, wie man eben dreinschaut. Mit dem Gesicht, das einem von der Natur gegeben wurde, und das sich im Lauf der Zeit so verändert hat, wie ein Gesicht das eben tut, wenn man lebt. Mit welchem Gesicht sollte man auch sonst dreinschauen? Ein Recht, das man allen Menschen durchaus zugestehen kann, ohne daran zu sterben.

Sollte man meinen. Hätten da nicht gewisse Menschen folgenden Anspruch:
„Frauen haben schön auszuschauen, und falls deren Gesichtsausdruck oder Erscheinungsbild nicht zu meiner vollsten Zufriedenheit ausfällt, dann ist es mein Recht, sie vor allen anderen laut aufzufordern, mein Anrecht auf Erfreuung meines Auges zu erfüllen.“

Wer diese Frauen sind – wuascht. Was sie gerade tun – wuascht. Wie sie sich gerade fühlen – wuascht.

Es wird nicht bemerkt, wie hirnverbrannt absurd das ist. Bis man es erzählt. Bis man es aufschreibt. Da wirds konkreter und isolierter, als Geschehnis, das ausgelöst wird vom Anspruch irgendeines Mannes.

Im Kontext des Geschehens fällts offenbar kaum jemandem auf:
Zufälliger männlicher Partygast, der gerade seinen Welcome-Cocktail genießt, zu meiner Freundin, die gerade wochenlang die perfekte Organisation ebendieser Party gestemmt hat:

„Kannst mal ein bissl freundlicher dreinschauen?“

(Und die Männer rundherum so: „…“)

Er richtet diesen Anspruch für alle deutlich vernehmbar…
– nicht vielleicht an seine „eigene“ Frau (obwohl: ~~~ Einspruch Euer Ehren)
– sondern an irgendeine Frau, die Frau des Jubilars, die Frau „eines anderen“, die Frau des Abends (~~~ detto)
– somit im Grunde an jede beliebige Frau, die es wagt, in seinem Blickfeld nicht seinen persönlichen Vorstellungen zu entsprechen.

Anspruch. An andere Menschen. An alle anderen Menschen, evtl nur an Frauen. Einfach so.

Wirklich? Es wird von frau also erwartet, gefälligst nicht ihr angestammtes Gesicht offen zur Schau zu stellen und damit einfach herumzurennen, wie es ihr beliebt, sondern sich unter Beobachtung dauerhaft zu verstellen, sodass ihr natürliches Äußeres für ihn, ihr Publikum, nicht gar so eine Zumutung darstellt? Und dieses „Anrecht“ wird offenbar als so selbstverständlich empfunden, dass man es jederzeit einfordern kann? Qua Penis oder wie?

Na Oida, gehts noch?? Ernsthaft, Menners: Was. stimmt. nicht. mit. euch?
Ist das womöglich dieses „Humorvoll“, das dann in Kontaktanzeigen von Frischgeschiedenen steht?

Wie oft fordern Frauen eigentlich die gefällige Aufhübschung der Umgebung durch den freundlichen Gesichtsausdruck eines zufällig im Blickfeld befindlichen Mannes? Welche Frau auf einer Party sagt zu irgendeinem Mann, mit dem sie nichts zu schaffen hat, er soll mal ein bissl lächeln? Oder gfälligst den Bauch einziehen? Oder sich mal rasieren? Oder die Spucke aus seinen Mundwinkeln entfernen?

Aufgepasst, vom Anspruchsdenken gebeutelte Leuts:
‣ Andere Menschen, egal welchen Geschlechts, sind nicht dazu da, euch die Umgebung zu verschönern.
‣ Ihr seid auch selbst nicht immer ein Ausbund an optischer Lieblichkeit. Wie oft werdet ihr mit dieser Tatsache offen konfrontiert? Ah eh nie? Und, is das eh gut so?
‣ Wenn ihr nicht damit zurechtkommt, wie jemand dreinschaut – dann dreht doch euren Kopf weg und schaut woanders hin! Ihr seid doch alle so gscheit, und da kommt ihr nicht auf die einfachste Lösung der Welt?

Und warum ist das so? Weil ihr euch gar nicht an der Optik selbst stört. Ihr stört euch an dem vermeintlichen Angriff, den diese Optik auf eure Ansprüche darstellt.
„Die anderen haben dafür zu sorgen, dass mein Auge erfreut bleibt“? Wirklich?
Think again. AND AGAIN.
Anspruch weg, Eigenverantwortung her. Zu schwierig?

Wie kann es eigentlich sein, dass ausgerechnet solche Männer sich zuverlässig für die Krone der Schöpfung, für das starke Geschlecht, für die bessere Menschversion halten? Wie kann man sich so benehmen und sich gleichzeitig dem anderen Geschlecht überlegen fühlen? Ist da irgendwer zu Hause innerlich?

~~~ Mein Einspruch von oben: Macht es einen Unterschied, dass die Frau in der konkreten Situation wochenlang die liebevollste und perfekteste Party-Organisation hingelegt hatte, die man sich vorstellen kann, und natürlich auch zu diesem Zeitpunkt sehr beschäftigt war – Gäste begrüßen, zum Geschenketisch weisen, andere Helfer in Abläufe einweihen, Zeug von A nach B tragen – als der Fritze schon entspannt seinen Cocktail schlürfte?
Oder macht es einen Unterschied, dass es nicht „seine“ Frau war, zu der er das gesagt hat, sondern die „eines anderen“?

Höchstens machts das noch ein bisschen absurder, falls überhaupt noch möglich.
Das Überraschende ist nämlich: Sie hat nicht nur dann das Recht, so dreinzuschauen, wie sie eben dreinschaut, wenn sie vorher oder währenddessen etwas Großartiges leistet, oder wenn sie die Frau von jemand anderem ist. Sie hat dieses Recht immer.

Da steht man nun als (sehr unfreiwillige) Beobachterin. Und was sagt man dann auf sowas?
? „Es ist nicht ihre Aufgabe, deine Umgebung zu verschönern, toxischer Lurch.“
? „Wenn sie Gesichter machen könnt, hättest du schon längst ein anderes.“
? „Schau doch erstmal selbst ein bissl schöner aus, zufälliger Mann ohne Stil und Hirn, und zieh den Bauch ein bissl ein, heast.“
? „Ansprüche auf Äußerlichkeiten? Und deine inneren Werte so? Renovierungsbedürftig?“
? „Deine Mama hat sicher öfter freundlich geschaut, aber du warst eben vielleicht mit 4 noch süß genug.“

Wer wäre da wohl am Ende als jener Gast markiert worden, der schon in den ersten 5 Minuten „die Stimmung verdorben“ hat, der „den heiligen Status Quo in Frage stellt“ und natürlich „keinen Spaß versteht“? Hm. Womöglich ich. Frau hat sich eben auch im weiteren Verlauf zu verstellen, um die „Schönheit“ der „Situation“ nicht zu „zerstören“.

Hübsch bleiben, Goschn halten. Im Jahr 2019 im echten Leben maximal erlaubt ist eine (gutmütige!) Rechtfertigung:
„Ich schaue nicht unfreundlich, sondern konzentriert.“
Wir danken für diese Aufklärung – die nicht nötig gewesen wäre, wenn nicht jemand dem wirren Impuls nachgegeben hätte, seine Ansprüche herauszukrähen.

Wir Frauen sollen also nicht nur den random-männlichen Anspruch an unser eigenes Aussehen auf Zuruf erfüllen? Wir sollen auch noch die absurde Kritik an diesem Aussehen und dem unserer Mitfrauen widerspruchslos hinnehmen? Höflich genug bleiben, um euch nicht zu sagen, dass es eure gschissenen Anspruchsäußerungen sind, die hier die Umgebung verpesten?

Dazu ein so klares NEIN, dass es noch in 2032 widerhallt. Ihr könnts alle mal scheißen gehen, wenns nach mir geht.

.
.
.
Nachsatz:
Ja, ich weiß, dass es für das Phänomen der normal dreinschauenden Frau sogar einen abwertenden englischen Dreibuchstaber gibt. Ich mache den hier nicht weiter populär, mit Absicht. Wer ihn drunterkommentiert, fliegt raus.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hab meine Angst formuliert, dass du mich ohne Salz und Pfeffer frisst. Und nachdem ja grad Raubtierfütterung war, hat mich dein Blick besonders ver- und beängstigt.
    Take that

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Ja, ich bin damit einverstanden, dass meine Daten gespeichert und mein Kommentar mit Name veröffentlicht wird. Die Datenschutzerklärung nehme ich zur Kenntnis.