Madeira 4

Früh morgens parken wir unser rotes Tschihuu in Teixeira auf einem ebenso roten Parkplatz aus vulkanischer Erde und besteigen von dort aus den Pico Ruivo („rothaariger Kamm“). Hier, in der Mitte der Insel, liegt der Geburtsort der Wolken. An diesem frühen Morgen beginnen die sie gerade erst, in Form von luftigen Nebelgespinsten aus den Tiefen der Inselschluchten aufzusteigen.

Es ist kalt auf dem Berg, eine Kälte, die sich auch mit Bewegung kaum vertreiben lässt und in alle rheumatischen Glieder dringt. Es liegt noch etwas Schnee.
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Zarte Eisgebilde auf dem Boden zittern vor dem Tritt des frühen Wanderers.

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Von hier oben kann man gut die tiefen Schneisen erkennen, die das Wasser im Laufe der Zeit in die Berge der Insel gewaschen hat. Die Ribeiras, also die Bäche und Flüsse, fließen heute tiefe Täler entlang, sie gestalten die Insel, geben ihr ein Gesicht, das faltig und zerfurcht wirkt, sie beherrschen die Straßenführung und die Struktur der Besiedelung.

Das Wort Madeira bedeutet ja Holz, die Insel war vor ihrer Erschließung von Lorbeerwäldern bedeckt gewesen, aus deren Holz später unzählige Schiffe gebaut wurden. Wenn es darum geht, den Charakter der Insel, ihr Element zu definieren, sollte sie aber eigentlich Agua heißen.

Der Gipfel ist fest von Nebel umschlossen, als wir vor der letzten Etappe des Bergwanderweges stehen. Nach einer kurzen Diskussion über Sinn und Unsinn des Wanderns auf neblige Gipfel (Gipfel-Erfolgserlebnis versus Aussicht) gebe ich mir einen Ruck, auch noch die letzten 500 Meter trotz vermuteter Fotountauglichkeit des Gipfels hinter mich zu bringen. Es springt sich nicht gazellenartig mit zwei Objektiven in der Fotojacke, die man bei jedem Schritt mitheben muss.

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Aber es lohnt sich, oben anzukommen – erstens gibt es endlich was zu essen, und zwotens lichtet der Nebel sich da und dort und gibt tatsächlich Blicke auf die Berge und die weit entfernt wirkende Küste frei. Auch die Wolken zeigen sich von ihrer schönsten Seite. Der Gipfel ist von verschiedenen Holzkonstruktionen überzogen, die auf ihre eigene Art für Stimmung sorgen.

Nach dem Abstieg genießen wir ein ebenso feudales wie dringend nötiges Mittagsmahl beim Kirchenwirt in Canico und trinken anschließend Kaffee in Heiligenkreuz. Also eigentlich alles wie daheim.
In Santa Cruz geht ein kräftiger Regenschauer nieder, was uns zwingt, uns in der überdachten Café-Terrasse einen anderen Sitzplatz zu suchen, auf den es nicht durchs Dach tropft. Bei Einsetzen des Regens reißen sich ein paar Jugendliche wie auf ein Stichwort die Kleidung vom Leib und springen vom Steg aus zum Baden ins Meer. Ich kriege eine teilnahmsvolle Gänsehaut.

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Nach dem Regen kommt die Sonne von rechts, also schauen wir nach links.

Santa Cruz ist für uns eines der sympatischsten Städtchen, die wir auf Madeira besuchen. Obwohl es nahe am Flughafen liegt, hat es einen ganz eigenen Charme. Die hübschen Muster aus Basalt und Kalkstein am Boden der Uferpromenade zeigen Szenen aus dem Inselleben, Schiffe und Fische.
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Außerdem begegnet uns ein Basaltbild, das wir, kulturell gewohnt zielsicher, als bis über beide Ohren grinsendes Gesicht identifizieren. Wie wir später anhand der Insignien auf dem Rathaus erkennen können, dürfte es sich allerdings eher um das Heiligenkreuzer Stadtwappen handeln.

Gegenüber des Rathauses begeistert uns ein verwunschen wirkendes altes Häuschen. Es ist offensichtlich unbewohnt. Durch das schmiedeeiserne Gartentor, das bereits reichlich Rost angesetzt hat und mit violett blühenden, wuchernden Glyzinien überzogen ist, kann man einen verwilderten Garten und die Loggia des Hauses erkennen. Alte Blumentöpfe warten auf den Treppen zum Eingang auf neues Leben. Ich würde am liebsten sofort mit dem Renovieren beginnen.

Immobilienmakler auf Madeira. Das wär ein Job! Man pflegt ja dort durchaus seltsam zu wohnen. Die ganze Insel ist untertunnelt, ein Unterfangen, das mir persönlich bei einer vulkanischen Insel recht unerschrocken erscheint – aber ich bin ja auch nicht gerade ein Ausbund an Mut und Tapferkeit.
Vermutlich ist es also relativ schwierig, ein Haus zu finden, das nicht auf die eine oder andere Art über einem Tunnel steht.

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Aber so manche Immobilie ist von ihrer Lage her schon durchaus bemerkenswert.

Ich sah weitere Häuser, die noch viel unmittelbarer über einer Tunneleinfahrt standen, nur durch einen kleinen, steilen Vorgarten vom Betonbogen der Einfahrt getrennt. Aber nicht immer hatte ich beim Fahren die Kamera auf dem Schoß.

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Ein Häuschen direkt am Ufer der Ribeira de Sao Jorge hätt ich anzubieten, ganz unten im Tal und daher garantiert untertunnelungsfrei.

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Oder wäre eher ein Häuschen direkt am Meer genehm?

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Eines der bezauberndsten Häuser sehen wir aber regelmäßig auf unseren Heimfahrten nach Sao Jorge. Es steht völlig frei von Nachbarschaft (und Tunnels) am Straßenrand, vor einer der unzähligen Kurven der nördlichen Küstenstraße.

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Auch die Tunnelfahrten selbst sind zuweilen ein Erlebnis. Unser Lieblingstunnel befindet sich auf der alten Küstenstraße irgendwo zwischen Sao Jorge und Ponta Delgada. Er ist unbeleuchtet, rohe Felsen bilden sein Inneres, und an etlichen Stellen läuft das Wasser in Sturzbächen auf die Straße und in den Tunnel herab. Eine Autowäsche ist also inkludiert. Kommst du aus östlicher Richtung, siehst du zwar nicht in den weiteren Verlauf des Tunnels und kannst daher auch eventuellen Gegenverkehr nicht erkennen, du bist aber derjenige mit der einzigen Ausweichmöglichkeit vor dem Tunnel. Du musst also auf gut Glück hineinfahren – und bei Gegenverkehr wieder zurücksetzen. Nach einem dieser Reversiermanöver macht der offensichtlich einheimische Fahrer im entgegenkommenden Auto die beiläufige Geste eines Dankes, sieht mich beim Näherkommen aber überrascht an und hebt dann begeistert die Daumen. Piri übersetzt: „Gut hast du das gemacht – …für eine Frau.“

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Eine gefälligere Belohnung als diese bietet die Aussicht an der Tunnelausfahrt.

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Ein weiteres seiner vielen Gesichter zeigt Madeira auf Sao Lourenco, dem östlichsten Zipfel der Insel. In diesem Fall hat dieses Gesicht eindeutig schottische Züge – ich fühle mich an Arthur’s Seat erinnert, den Hügel bei Edinburgh. Nur dass in Edinburgh nicht unmittelbar unter mir das Meer toste, schäumte und an Felsen krachte.

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Ein grandioser Ort, und, wie so oft auf Madeira, ohne übertriebene Sorge um den Tourist – das beinah völlige Fehlen von Absperrungen oder Geländern beweist das. Freie Sicht trotz beachtlicher Höhe. Wer zu weit rausgeht, ist selber schuld – und gewinnt einen Freiflug.

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Man kann sich dort auch eine Wanderung antun, über die Hügel hinweg bis hinaus zur äußersten Spitze. An diesem Tag scheint das so gut wie unbewältigbar. Es ist schon spät, die Berge sind groß und die Menschen klein.

Also begnüge ich mich mit Fotos vom Aussichtspunkt aus. (Piri bezwang den Wanderweg in ihrer zweiten Urlaubswoche ohne mich.) Die wenigen Insekten, die ich auf Madeira zu Gesicht bekomme, begegnen mir allesamt auf Sao Lourenco. Dieses hier…
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… und Schwärme winziger Mücken, die uns dort (und nur dort) auf Schritt und Tritt verfolgen. Sie sind furchtbar anhänglich und schwirren uns vor der Nase rum, verstellen uns den Blick, dann kleben ihre winzigen, schwarzen Körper zu Dutzenden auf uns, auf den Jacken, den Haaren, im Gesicht, die Schwärme werden aber zu unserer Verblüffung trotzdem nicht kleiner. Nur Spiegel und Chip der Kamera bleiben erstaunlicher- und glücklicherweise mückenleichenfrei, obwohl ich mehrmals das Objektiv wechsle.

Die Aussicht zu genießen gestaltet sich daher etwas schwierig, aber wozu hat man schließlich Fotos?

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Das einzige weitere Insekt war bereits tot, als ich es traf; es war eine zertretene Küchenschabe von beachtlicher Größe auf einer Treppe des Forte de Sao Tiago in Funchal.

Zurück in der Quinta amüsieren wir uns ein weiteres Mal über die schriftlichen Hotelinformationen, die in ihrer sprachlichen Natur mit zunehmender Absatzzahl skurriler werden, als hätte der Übersetzer eine ungewöhnlich rasant fortschreitende Krankheit gehabt, die Zug um Zug das Sprachzentrum lahmlegt. Den letzten Absatz rezitieren wir mehrmals und titulieren ihn schließlich als ‚alte madeirensische Weisheit‘.

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15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „unsere netten Mahlzeiten und Sie“ – ich SCHEIß mich an *waaaahaaahaaaa* Das ist ja dermaßen putzig *ggg*.

    Hm.

    Jetzt überbietet diese Frau nicht nur die Qualität meiner Reisefotos um ein Zehnfaches – es sind auch noch ihre Fehlübersetzungen besser! Nimm doch ein BISSCHEN Rücksicht auf mein Selbstbewusstsein, ja?

    Ist ja keine Art, sowas *grml*.

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  2. Tja, Steigeisen und Pickel haben wir nicht gebraucht, falls du das meinst, TM. Es ist aber eine Art von Pflasterung, die einen zwingt, dauernd nach unten zu sehen, damit man nicht stolpert, was das Aussichtserlebnis doch ein bisschen schmälert, insbesondere wenn einem kalt ist und man nicht so oft stehenbleiben will. Also wenn schon Weg, dann einen gscheiten, find ich.
    Die Felstreppen der letzten Etappe hatten es allerdings ganz schön in sich. Die waren nämlich ziemlich hoch. Und ziemlich viele. Das war mühsam. Erstens muss man ja beim Hochsteigen immer pro Bein ein Objektiv mitheben, wenn man so deppert is wie ich; und beim Zurück-Hinuntersteigen muss man auch noch aufpassen, wenn man so klein ist wie ich, dass man sich nicht den Hintern anhaut (’stößt‘ oder wie immer man das auf nordmittelosthochdeutsch sagt).
    Aber alles in allem wars vielmehr ein Spaziergang als Bergsteigen. Darf man dann nicht „besteigen“ sagen?
    Und was ist mit all den Hengsten, die jedes Jahr für viel Geld… Dürfen die auch nicht „besteigen“ sagen, wenn ein Weg sie direkt bis zur Stute geführt hat? Und können Hengste überhaupt etwas sagen? Fragen über Fragen!

    Ad Flöhe: Das Haus. Die Katzen. Alles. Überhaupt. Keine Ahnung! ‚Weil die Flöhe‘ eben! Ist doch klar! :)

    Ceh: Stimmt ja gar nicht. Trotzdem tschulligung. =) Wird nicht wieder vorkommen. Außerdem: Was für ein Zehnfaches? Wer rechnet denn das aus? Hast du für sowas einen leibeigenen Mathematiker?

    Piroschka! :) Kann ich dir wieder Piri sagen? Schen dass schaustu vorrbai! Seng sich mir nächstes Woche, jo? Nain, ibernäxtes erscht! Ach, missen wir vorhär machen Triffmich! :)

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  3. Danke, freut mich. Da steckt viel Arbeit drin.
    (Ein Mensch malt, von Begeisterung wild,
    drei Jahre lang an einem Bild.
    Dann legt er stolz den Pinsel hin
    und sagt: „Da steckt viel Arbeit drin.“
    Doch damit war’s auch leider aus:
    Die Arbeit kam nicht mehr heraus.)

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  4. Ich bin doch eh selbst Mathematiker. Musst mir also einfach vertrauen, bezüglich Zehnfachigkeit *nick* ]:D

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  5. Solange sie keine netten Katzen für den Mitnehmerservice braten, weil die Flöhe!

    Dieser Teil hat mir gerade noch gefehlt. Schön zu lesen!

    Ich interessiere mich für die schnucklige Villa direkt am Meer. Lässt sich das was einrichten?

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