Gut gegen Nordwind

Wie sehr kann man sich in jemanden verlieben, den es im Grunde gar nicht gibt? Warum wollen wir besitzen, aber nicht Besitz sein? Was für eine merkwürdige Sehnsucht ist es, die wir nach diesem einen, einzigen Seelenverwandten empfinden, der uns genau so nimmt, wie wir sind, ohne Maskerade, der unser wahres Gesicht nicht nur ertragen kann, sondern es liebt? Wie gut kennen wir denn überhaupt unser eigenes wahres Gesicht, wie gut die Spiele, die wir mit anderen Menschen spielen, um ihre Liebe zu erringen? Wie gut kennen wir unsere eigenen Illusionen? Sehen wir jemals wirklich hin? Wie groß muss dann erst die Angst davor sein, dass jemand anderer hinsieht?

Wie sehr kann man sich verlieren in einem Strudel an Emotionen? Warum ist die Welt bunter und schöner, wenn uns jemand liebt, uns zu Füßen liegt, und sei es nur aus der Ferne? Wie heftig kann die Sucht danach werden? Und warum schaffen wir es nicht, diese großen, überwältigenden Gefühle, die wohl am Anfang jeder Beziehung stehen, hinüberzuretten in den Beziehungsalltag, der ja darauf mitunter folgt? Wann genau beginnen wir, gegeneinander am gemeinsamen Strang zu ziehen?

Woher kommt diese Sehnsucht überhaupt? Sind wir nicht erfahren, erwachsen und ent-täuscht genug, um zu wissen, dass das Erträumte gar nicht möglich ist? Und ist diese Sehnsucht nicht viel zu heftig, daran gemessen, dass sie womöglich nur ein Überbleibsel aus Kindertagen ist, aus den Prinz-und-Prinzessin-Illusionen von damals?

Oder kommen unsere Seelen vielleicht aus Gefilden, die so viel harmonischer und schöner sind als alles, was wir kennen, dass der Wunsch nach einer Nachahmung in dieser Welt uns ebensosehr innewohnt, wie er einfach nicht erfüllbar ist? Weinen wir deshalb – ich bin versucht zu schreiben ’so gern‘ – um etwas, das wir ohnehin niemals hatten?

Antworten auf all diese Fragen gibt dieses Buch nicht. Es berührt aber diese Stelle, an der – zumindest bei mir – diese verwunschene Sehnsucht sitzt, da im Bauch, etwas links unterhalb des Bauchnabels.
Eine Freundin hat es mir geliehen. Sie hat gesagt, dass das Buch witzig ist. Dass es beißt, hat sie nicht erwähnt.

Wer Liebesgeschichten mag, sollte trotz meiner hiermit ausgesprochenen Tränenwarnung unbedingt zugreifen.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Gefühl ganz am Anfang der Beziehung kann man nicht weit in die Beziehung hineintragen, weil die rosarote Brille irgendwann abgesetzt wird.

    Aber das ist gut so, denn nur dann kann man anfangen, die Beziehung real zu gestalten -ohne daß der Kopf in höheren Sphären fernab von der derzeitigen Realität schwebt. Und wenn man lange genug die Beziehung gelebt und gestaltet hat, erreicht man irgendwann das, wovon der kindliche Geist träumt. Aber das erreicht man nur, wenn man akzeptiert, daß man, um die Ziele zu erreichen, bei einem niedrigeren Level anfangen muß.

    Meine Beziehung dauert nun schon sechs Jahre. Mal war es schwer, mal war es leicht. Ich weiß, ich habe in ihm meinen Seelenverwandten gefunden, denn er ergänzt mich perfekt und bringt mich ins Gleichgewicht. Das weiß ich, obwohl es nicht immer Friede, Freude, Sonnenschein war, ist und sein wird. (so was wäre doch auch langweilig, oder? ;) )

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  2. Natürlich! FrieFreuSonn ist geradezu unerträglich. Gerade ich brauche die Reibflächen ebenso zur Aufrechterhaltung des Interesses wie die harmonischen Phasen.
    Die realen Voraussetzungen sind mir also durchaus bekannt.

    Das süßbittere Gefühl im Bauch ist aber ebenso real, es zieht sich über weite Strecken zurück, wird aber auch schlagartig wiedererweckt.
    Für den Weg an das von dir erwähnte Ziel ist es zu ertragen aber wahrscheinlich unverzichtbar, auch wenn wir nicht wissen können, ob wir jemals ankommen werden.

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  3. Stiller Beobachter dieser wiederkehrenden Phasen, ein Gefühl um das andere annehmend und mich daran erfreuend, mich daran aufreibend, verstehe ich mich ein um das andere mal nicht und verwerfe Vorsätze, die ich so sicher umsetzen wollte, seit dem letzten mal, als…aber sie sind in meinem Kopf entstanden, weit weg von der eigentlich bestimmenden Stelle, da unterm Bauchnabel, und ich werde nie verstehen, das weiß ich, aber ich habe geliebt, liebe, werde wieder lieben, immer wieder aufs neue, immer anders, Tag um Tag…

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  4. Wunderbar :)

    ‚Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.‘
    Allein sind wir dann nicht, wenn wir jemanden so sehr lieben, dass wir ihn in uns und mit uns tragen. Selbst die profansten Tätigkeiten werden dann von Liebe durchdrungen.

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