Der große Coup

Ein sehr merkwürdiger Zufall, dass boomerang gerade jetzt eine Galerie für Kaugummiautomaten eröffnet hat. Bevor es zu spät ist, sagt er. Hübsche Idee.

Bei mir war schon eine Zeit lang eine Geschichte im Werden, aber erst heute ist sie fertig. Passt gut dazu.

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, kenne ich wie meine Westentasche. Ich weiß, wohin all die Feldwege führen, ich kenne die kleinen Wälder und die Überreste des Flugplatzes, dessen Baracken und betonierte Rollfelder und Verbindungsstraßen im zweiten Weltkrieg das Dorf umgaben und heute noch zu sehen sind.

Als Kinder streunten wir in den Ferien den lieben langen Tag lang mit dem Fahrrad umher, guckten durch den Lüftungsschacht des übriggebliebenen Bombenschutzbunkers oder ließen Steine durch das Loch im Deckel des einen oder anderen Brunnenschachtes fallen, um zu hören, wie sie tief unten mit einem dumpfen Platschen ins Wasser eintauchten. Waren wir hungrig, dann mopsten wir von den Feldern Karotten, junge Erbsen, die wir uns mitsamt der Schale schmecken ließen, oder Maiskölbchen, deren Haarkleid wir uns nach dem Verzehr über die Oberlippe hielten und uns gegenseitig für diese zottigen Bärte auslachten.

Im Spätsommer erkletterten wir die meterhohen Türme aus Strohballen, höhlten sie innen ein wenig aus, indem wir einige Strohballen nach unten warfen, und ließen uns dann im Inneren liegend die Sonne ins Gesicht scheinen, einen Strohhalm in den Mundwinkel geklemmt wie Lucky Luke seinen Zigarettenstummel.

Wir inspizierten die Gärten verfallener Häuser, ließen mit dem Fahrradreifen das Oberteil einer Fahrradglocke hüpfen, jeder in seine ihm zugewiesene Richtung der Straße, bis sie auf seiner Seite des Sickerstreifens landete und derjenige damit das Spiel gewonnen hatte. Oder wir fuhren einfach um die Wette durch die Gassen des Dorfes.

Auf der anderen Straßenseite der Hauptstraße, wo heute zwei Plakatwände hängen, wuchs eine Dreiergruppe altehrwürdiger Akazienbäume, deren Blüten im Frühsommer wunderbar dufteten. Aus ihren jungen Trieben schnitzten wir uns mit unseren Taschenmessern hölzerne Kampfschwerter erster Güte.

Neben den Baumriesen war an einer nach oben und zur Seite schier unendlichen, roten Ziegelmauer eines Bauernhofes ein Kaugummiautomat montiert. Man musste eine kleine Anhöhe überwinden, um zu ihm zu gelangen, und wenn es geregnet hatte, kehrte man niemals ohne eine zentimeterdicke Morastschicht an den Sohlen von dieser Böschung zurück.

Wann immer wir dort vorbeikamen und Münzen dabeihatten, warfen wir sie ein und drehten uns ein paar von den süßen Kugeln heraus. Meistens gab es die altbekannten, kleinen Kaugummikugeln in vielen verschiedenen Farben. Noch bevor wir zwei Gassen weiter zuhause angekommen waren, schmeckten sie schon nach nichts mehr, wurden dafür aber immer härter. Das tat der Leidenschaft aber keinen Abbruch, wir liebten diese bunten Kugeln.

Manchmal war der Automat auch mit größeren Kaugummis bestückt, solche in ovaler Form mit kleinen Wölbungen außen dran, die einer Traube oder Erdbeere ähnlich sehen sollen. In ihrem Inneren verbarg sich eine kleine Menge sauren Pulvers, das sich im Mund mit der Süße des Kaugummis zu einer speicheltreibenden, aber herrlichen Geschmackserfahrung mischte.

Zwischen den Kaugummis sah man hinter der Plastikscheibe des Automaten einige wenige, runde Plastikkugeln mit winzigem Spielzeug darin oder mit silberglänzenden Ringen für den Finger. Wer so etwas ergatterte, konnte sich glücklich schätzen – es war eine wahre Seltenheit.

Eines Tages beschlossen wir, einen Zwanzig-Schilling-Schein in Schillingmünzen wechseln zu lassen und damit eine Riesenmenge der süßen Verlockung aus ihrem gemeinen Gefängnis zu befreien. Als rüsteten wir uns in weiser Voraussicht mit einem Plastiksackerl aus, Normgröße A3, und machten uns auf, den Automaten zu erobern. Die Bank war gleich auf der anderen Straßenseite gegenüber des Automaten, aber sie war an jenem Tag nicht geöffnet.

Da wohnte jedoch eine uralte Frau, deren Alter nur noch von dem ihres Hauses an jener Ecke übertroffen wurde. Sie lebte allein und hatte ein bisschen was von einer Hexe. Nur noch ein paar wenige Zähne waren in ihrem Mund verblieben.
Wann immer man sie sah, trug sie ein buntgemustertes Hauskleid und ein Kopftuch über ihrem grauen, stets zu einem Zopf geflochtenen Haar.

Todesmutig klingelten wir an ihrer Tür, bereit, dem Backofen ins Auge zu blicken, und als sie öffnete, fragten wir sie sehr höflich, ob sie vielleicht unseren Zwanzig-Schilling-Schein auf einzelne Schillinge wechseln könne. Sie verschwand im Inneren des Hauses, man hörte sie herumkramen, und als sie wiederkam, hatte sie tatsächlich eine ganze Handvoll Schillingmünzen mitgebracht. Unseren Geldschein wollte sie dafür aber nicht nehmen, und sie lächelte sehr verschmitzt, als sie unsere ungläubigen Gesichter sah.

Unbändige Vorfreude erfüllte uns, als wir die Straße überquerten und uns der Stelle näherten. Dann standen wir endlich im kühlen Schatten auf dem weichen Untergrund vor dem Automaten. Erst warf einer von uns eine Münze ein und drehte den Hebel, dann durfte der andere, wir wechselten uns ab, und die ganze Zeit hielten wir die silberne Automatenklappe fest zu, hinter der sich bestimmt schon Unmengen bunter Kaugummikugeln auf den bevorstehenden Ausbruch freuten.

Als endlich alle Schillinge verbraucht waren, spannte einer von uns das mitgebrachte Plastiksackerl unter der Klappe auf, wir blickten uns mit großen Augen gespannt an – dann öffnete ich das Tor zum Glück.

Die Multiplikation war damals noch nicht unsere Stärke. Für einen Schilling kamen immer drei der begehrten Kügelchen hinter der Klappe zum Vorschein. Für zwanzig Schilling hätten wir also kein annähernd so großes Beförderungsmittel gebraucht. Das Sackerl war gerade mal am Boden mit einer lächerlichen, einzelnen Reihe der Kaugummikugeln gefüllt.

Ich weiß noch, dass die Kugeln lange irgendwo rumlagen, bis sie ganz verstaubt und hart waren. Denn auch, wenn man ein Kind ist, ist der Spatz in der Hand nicht annähernd so interessant wie die Taube auf dem Dach.

Trotzdem besuchten wir noch einige Male die ‘Hexe’ an der Ecke, und immer hatte sie ein paar Schilling für uns übrig, mit denen wir den Automaten fütterten.

Ob er noch immer dort hängt? Vielleicht statte ich der Stelle ja demnächst mal einen Besuch ab und sehe nach. Und mache ein Foto von ihm, wenn es ihn noch gibt – für die Galerie.

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