Gratwanderung

Hier erzählen die letzten lebenden Zeitzeugen vom Holocaust und dem Horror, den sie erlebt haben, während dort schon die Nächsten aufmarschieren und nach Säuberung rufen von den Feindbildern, denen sie hinterherjagen. Wahllos und mannigfach wirkt die Wahl der Feindbilder, aber irgendjemand wird schon schuld sein an ihrer Misere.

Hat man ein bisschen Bildung genossen, so ist einem zumindest ansatzweise klar, was diese Zeit für die Menschen bedeutet hat, und dass immer die Gefahr besteht, plötzlich selbst als Untermensch zu gelten – je nachdem, wie das Fähnlein sich gerade bewegt im Wind der Sündenbockhatz.

Das Paradoxe an der Bildung: Nur sie schafft ein Bewusstsein für die gedanklichen und emotionalen Fallen, in die man tappen kann, wenn man sie nicht hat. Und nur Bewusstsein kann zuwege bringen, dass die Vergangenheit sich nicht wiederholt.

So wandern wir auf dem Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Man muss wissen, was passieren kann. Insoferne glaube ich, dass diese Nächsten, die da marschieren, Ahnungslose sind.

Doch gestern habe ich den ersten „Freund“ auf Facebook entfernt, der ein Bild mit Mottosprüchen dieser Gruppierung geteilt hat, ohne kritisch darauf einzugehen. Das war jemand, der ein Leben in Saus und Braus lebt und sich überhaupt nicht nach Feindbildern umsehen müsste. Dieser eine macht mir viel größere Angst als die Tausend da drüben.

#Gratwanderung
Projekt *.txt

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Hat man ein bisschen Bildung genossen, so ist einem zumindest ansatzweise klar, was diese Zeit für die Menschen bedeutet hat, und dass immer die Gefahr besteht, plötzlich selbst als Untermensch zu gelten – je nachdem, wie das Fähnlein sich gerade bewegt im Wind der Sündenbockhatz.“ – Das ist meiner Meinung nach der wichtigste Satz in deinem Posting.

    Ich schau mir immer wieder kopfschüttelnd an, was so mancher Mensch, gern auch erst seit wenigen Generationen Österreicher, unter dem Deckmantel „Ich habe Geburtsrecht, ergo Nationalstolz“ von sich gibt. Wäre das eine oder andere Ereignis in der Geschichte anders verlaufen, wäre das heute kein Österreicher, sondern vielleicht selber jemand, der gerne hier leben würde.

    Meist sind ja diejenigen, die so eine rechte Gesinnung „pflegen“, keine besonderen Leistungsträger oder Stützen der Gesellschaft, sondern selber Nutznießer des Systems, das andere aufgebaut haben und erhalten. Irgendwie scheint ein Neidreflex zuzuschlagen, wenn Menschen mit ökonomisch nachteiligeren Geburtsorten auch in Frieden und Stabilität leben möchten – es könnte ja für den Einzelnen was wegfallen. Auch alle in einen Topf zu werfen und dann von dieser konstruierten Gruppe das Schlechteste anzunehmen, finde ich persönlich extrem mühsam und abstoßend.

    Ich versteh dich, dass du dich mit solchen Menschen nicht umgeben magst, auch nicht digital. Das Fiese an diesen Parolen ist aber, dass sie auf den ersten Blick, ohne Differenzierung, fast logisch und vernünftig erscheinen. Dennoch hat jeder von uns ein Hirn zum Denken und hoffentlich einen Charakter, um für sich selber die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

    Antworten

  2. ich weiß um wen es geht. Das war die einzig richtige Entscheidung. Ich werde das auch machen. Solche Freunde brauch ich nicht!!!!!!!!!!!

    Antworten

  3. Angst & Unwissenheit. Die beiden wesentlichen Zutaten, die einem wie Scheuklappen den Blick auf die Welt versperren und nur die Sicht auf „die Anderen“ freigeben.
    „Die Anderen“ sind an allem Schuld. So einfach ist das. Wenn man Angst vor der Zukunft, dem Verlust des Jobs oder sozialen und finanziellen Nöten hat. Wenn man „die Anderen“ gar nicht kennt, nicht weiß, dass sie die selben existenziellen Sorgen und Nöte haben. Über einander wissen, miteinander reden, einander verstehen und respektieren. Das ist für viele zu mühsam. Leider.
    Diese Gratwanderung auf unserer Geschichte – links die Zukunft, rechts die Vergangenheit – die macht mir Sorgen. Wohin wird die Gesellschaft kippen? Wird sie uns mitreißen?
    Noch nie war die Gratwanderung des Lebens derart bedrückend für mich.

    Antworten

  4. Danke für eure feinsinnigen (will sagen: feinfühligen und offenherzigen) Betrachtungen! Ich bemühe mich ja, mich in kein äußeres Drama hineinziehen zu lassen, nach dem Motto „Not my circus, not my monkeys“. Es gibt viele Dinge, die ich nicht bedrückend finden möchte, und folge einfach weiter meiner eigenen Sicht, meiner Vision, wenn man so will. Doch vom erleuchteten Zustand der Urteilsfreiheit bin ich freilich auch noch weit entfernt. Und es macht mich ungeduldig, dass die Menschen dieselben Spiele immer wieder durchspielen müssen – „du bist anders, eigentlich fürchte ich mich, aber ich sag lieber, ich mag dich nicht; ich glaube sogar, du nimmst mir was weg, dann pust ich dich eben weg“ – wie Christoph sagt, aus Angst und aus Unwissenheit – und dass sie dabei immer wieder andere mit ins Verderben reißen müssen. Es wirkt, als wäre die Menschheit immer noch im Teenageralter – oder gar noch ein Kindergartenkind.

    Natürlich kann man sich nach Möglichkeit mit Menschen umgeben, die die eigene Weltsicht teilen. Das geht aber im Falle dieses Themas nur so lange, wie keine „Schutzstaffel“ vor der Tür steht.

    Wie ich schon zuvor etwas verklausuliert sagte – wer gegen bestimmte Gruppen wettert, ist nicht davor gefeit, dass seine eigene Gruppe schon morgen ins Visier gerät – die Kriterien ändern sich ganz schnell, ohne dass man als einzelner darauf irgendeinen Einfluss hätte. Noch trauriger ist aber: Wer gar nicht wettert, gehört trotzdem zu irgendeiner Gruppe. Und genauso kann man ganz plötzlich als subversiver Einzelner gelten.

    Davon abgesehen fände ich es schöner, wenn Europa angesichts der instabilen Situation östlich seiner Grenzen etwas einheitlicher und brüderlicher dastehen würde. Wir können uns Uneinigkeit und interne Anfeindungen von Menschengruppen innerhalb unserer Union imho schon gar nicht leisten, und erst recht nicht innerhalb ein- und desselben Landes.

    „For every man who wants to rule the world there’ll be a man who just wants to be free“ singt Nerina Pallot in einem ihrer Songs. Für mich eine der schönsten sprachlichen Punktlandungen unserer Zeit. Nur hoffe ich, dass nach dem Doppelpunkt in diesem Verhältnis eine mehr(mehrmehr!)stellige Zahl steht statt nur 1.

    Doch siehe, es tut sich was.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.