Peleliu

Im Jänner waren wir drei Tage in Peleliu. Das ist eine Insel südlich von hier. Man fährt eine Stunde mit dem Boot hin, und dann kann man sich dort der Einsamkeit, der Ruhe und den Sandflöhen hingeben. Die Ruhe ist auch nur relativ: Das Außenriff ist hier sehr nahe, man hört die Brandung durchgehend. Es ist kein Wellenrauschen, wie man das vom Strand kennt, sondern ein Dauerrauschen wie von einem in der Nähe vorbeifahrenden Zug.

Peleliu ist eine recht kleine Insel, etwa tausend Menschen leben dort, es gibt zwei Resorts mit je sechs Bungalows und ein Motel am Norddock. Das heißt, es steppt dort nicht gerade der Bär. Genau das richtige für eine Auszeit von der Auszeit. Und gegen die Sandflöhe sind wir mit „Off“ bewaffnet, dem grünen, 25%-igen DEET-Blutsauger-Repellent.

Wir reisen mit unseren Apartment-Nachbarn aus Koror, Naor und Roni, und deren Freunden aus Israel, die zu dieser Zeit gerade bei ihnen zu Besuch sind. (Fun fact am Rande: Die Besucher – zwei schwule Friseure; der Cousin unserer palauanischen Nachbarin ist auch ein schwuler Friseur und übers Wochenende immer bei ihr zu Gast, es gab hier also zwei Wochen lang in einem 4-Apartment-Haus drei schwule Friseure. Der einheimische Friseur ist die palauanische Ausgabe von Lafayette aus True Blood“ er schnitt meine Haare im Stehen, in grandiosem Schnitt und für den unschlagbar günstigen Preis von zwei Schokoladen-Cupcakes.)

In Peleliu haben wir im Dolphin Bay Resort gebucht – unser erster richtiger „Urlaub“ hier, bisher haben wir uns um alles selbst gekümmert, Essen, Geschirr, Bettwäsche, und das neben der Arbeit, die von 8-17h getan werden muss – nun kümmert man sich um uns. Das Essen ist nicht köstlich, aber in Ordnung. Unsere Nachbarin Roni okkupiert jedoch die gesamte Aufmerksamkeit des Personals, weil sie beim Essen so kompliziert ist (Vegetarierin, viel Gemüse, vom Ei nur das Weiße, aber nicht das Gelbe, mehr Sauce, weniger Sauce, es ist eine unendliche Geschichte). Trotzdem bekommen wir so ungefähr, was wir wollen, und genießen die Rundum-Verpflegung des unendlich geduldigen Personals.

Die Bungalows sind wunderschön, es ist geradezu paradiesisch. Sie stehen in einer Reihe, vom Rezeptionshäuschen aus führen kleine sandige Wege durch die dschungeldichte Bepflanzung zu den Hütten, man hat einen großen Wohnschlafraum und ein Bad sowie einen Balkon mit Treppe, und dahinter gibt es eine extrem unwirklich grüne Wiese, die unter den Füßen nachgibt wie Moos, und in der abends die Kröten rumhüpfen und durchaus gefährdet sind, weggekickt zu werden. Ein Mäuerchen und ein paar Stufen trennen die Wiese vom Sandstrand. Dort warten ein paar Holzliegen, Schirme und Hängematten auf den entspannungsgewillten Gast.

Am ersten Tag ist genügend Zeit für ein paar Fotos vom Strand aus, vor allem die Wellen am Barriereriff haben es mir angetan, und auch die Wasservögel. Ein Reiher stolziert herum und wird von einem Kingfisher attackiert, der zehnmal kleiner ist, aber zwanzigmal so mutig. Der Reiher hebt die Flügel zur Abwehr, stellt in grotesker Ärgerlichkeitspose die Kopffedern auf und trollt sich.

Es ist auch Zeit für ein Schläfchen und später noch dafür, die Gegend per pedales zu erkunden, die wir uns für 5 Dollar pro Nase mieten. Es regnet ein bisschen, aber das sind wir ja schon gewöhnt. Wir sehen uns den örtlichen Friedhof an, fahren irgendeine hintere Hauptstraße entlang, vorbei an Palmenwäldern und Hanfplantagen, die man nicht sehen, aber dafür deutlich riechen kann. Sie nennen Peleliu auch „Weed Island“ (Gras-Insel). Niemand hat so richtig was dagegen, erzählt uns die Führerin der großen Inseltour am übernächsten Tag, selbst die Exekutive hat ihre eigenen Felder. Nur manchmal kommt die Polizei aus Koror, die konfisziert dann das ganze Gras und verbrennt es auf dem alten Flugfeld. Sicher eine grandiose Party.

Am zweiten Tag geht Martin mit den Nachbarn tauchen, ich hingegen leihe mir einen der hoteleigenen Kajaks (ist gratis) und paddle zu dem kleinen Inselchen, das vor dem Hotelstrand lockt. Das geht nur bei Flut, denn bei Ebbe kann man den Kajak maximal tragen. Das Wasser ist dort sehr flach, selbst bei Flut, man muss also zusehen, dass man zurückkommt, bevor das ganze Wasser futsch ist. Beim Inselchen schnorchle ich ein bisschen, die Strömung ist bemerkenswert für so wenig Wasser, aber was ich eigentlich möchte, ist näher dran ans Außenriff, denn so nah ist man dem Beschützer der Inseln nur selten. Ab und zu schwappt aber einer der Brecher auch über das Riff, und dann möchte man dem Riff wiederum nicht allzu nahe sein in seinem winzigen Kajak, also bleibe ich in adrenalinpassabler Entfernung und sehe mit offenem Mund den Wellen zu, bis die Ebbe mich zurückdrängt zum Ufer.

Am dritten Tag haben wir bei Dess die große Landtour gebucht. Wir fahren zuerst zum Museum, danach treffen wir auf eine Mitarbeiterin von Cleared Grounds, eine Organisation, die das Land nach und nach von allerlei explosiven Überresten aus dem Krieg befreit. Peleliu war Schauplatz blutiger Kämpfe im 2. Weltkrieg, die Japaner hatten die Insel besetzt, die Amis wollten sie, strategisch günstig für den Nachschub, und im Pazifik wollte man sowieso gerne mal Fuß fassen. Also dachten sie, in zwei, drei Tagen könnte man das Eiland locker ein- und den Japanern abnehmen. Es dauerte dann etwas mehr als vier Monate.

Die Japaner hatten Höhlen in die langgezogene Erhebung der Insel gegraben und sich sowie ein paar ordentliche Bumm-Macher dort verschanzt. Diese Erhebung heißt heute aus naheliegenden Gründen Bloody Nose Ridge (Kamm der blutigen Nase). Wir erklimmen diesen Kamm auf einem rutschigen Dschungelpfad, einmal falle ich dabei hin und hole mir selbst zwar keine blutige Nase, aber ein blutiges Knie. Eine Menge Höhlen sind dort zu sehen, in manche kann man auch vordringen, aber vor allem sieht man auf diesem Weg alte japanische Gewehrteile und Original-WWII-Colaflaschen aus Glas. Wir klettern bis auf den Gipfel und werden mit einem erhebenden Ausblick belohnt – man sieht das Barriereriff und die Brandung, und Richtung Süden sieht man bis nach Angaur, die nächste Insel. Auf der saßen im 2. Weltkrieg die restlichen Ami-Kumpanen, warteten, spielten Karten, rauchten Gras und wunderten sich, was die Kollegen auf Peleliu so lange treiben.

Wir schaffen den Rückweg durch den Dschungel und dürfen wieder in den Minivan einsteigen. Wir kommen an einer Menge rostiger Panzer und einem gewaltigen Monument vorbei, und zum Verzehr des Mittagessens, das kärglich ist (Sandwich), dafür aber auch sauteuer (10$), fahren wir zum Süddock, wo ein rostiger alter Kahn in der Wiese seiner Vergangenheit nachtrauert. Die Mole war mal mit Metallschienen verstärkt, die jetzt als rostigrote Farbspiele das Erdreich nur noch aus Gewohnheit zurückhalten.

Am Nachmittag kommt schließlich das, was mich am meisten interessiert: die alten Gebäude, die von der Natur zurückerobert werden. Deren gibt es drei, die wir alle ausgiebig bestapfen und bestaunen. Ich weiß eigentlich nicht so recht, woher meine Faszination für diese alten Überbleibsel kommt, aber es wird mir niemals zu öd, mir überwucherte Betonreste anzuschauen, eingestürzte Gebäudeteile, denen die Decke fehlt oder der Boden, und Mauern und Metalltore, aus denen der Farn wächst und die Lianen baumeln.

Die Sandfloh-Stiche beginnen erst in den nächsten Tagen zu jucken, hören dafür aber auch eine Woche lang nicht damit auf.

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. schööön deine Schilderung. Endlich seids Ihr auch zum Ausspannen gekommen.
    Du fragst Dich warum Dich alte verfallene Häuser interessieren?
    Was glaubst Du warum Dein Papa der geborene Immobilienmakler geworden ist? A paar Gene hab ich Dir schon auch mitgegeben.
    Wenn ich nicht eine natürliche Zuneigung zu (alten) Gebäuden hätte ,würde mir meine Arbeit nicht so viel Freude machen.
    Bussi an Euch zwei bis bald…

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    • Hihi, naja, DIE Gebäude würden sich nicht mehr so rasend gut verkaufen, fürcht ich. Ich mag’s, wenn die Natur sich die Gebäude zurückholt, das find ich am schönsten.

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  2. haben die sandflies auch den Martin benagt? Bei einem Praslinaufenthalt vor 34 Jahren wurde nur Moni gebissen…und ja, sie hat es noch Wochen danach gespürt

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    • Ich weiß nicht so genau. Martin hatte jedenfalls am Bein einen Stich, der wochenlang nicht verheilt ist, das war aber glaub ich schon vor Peleliu. Von den Stichen, die erst am nächsten Tag rauskommen, hatte ich mehr, meine ich. Oder?
      Wir haben das in Zypern schonmal erlebt, da hatten wir monatelang nachher noch zu kämpfen, und ich erinnere mich, dass meine Schwägerin besonders gelitten hat. Ob es nun Sandfliegen oder -flöhe sind, weiß man ja nicht, manche sagen -flees, manche -flies. Gesehen hab ich in Peleliu ein fliegenartiges, winziges Ding, das sich beinah waagrecht in meinen Arm gebohrt hat. Fiese Viecher!

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