Gefährte(n)

Die Leasingfirma nimmt mir mein Auto weg und stellt mir stattdessen einen scheußlich matthimmelblauen alten Golf in die Garage. Er hat grellbunt gemusterte Radkappen, Sitzbezüge und Außenspiegel, ebenso scheußlich. Geschätztes Baujahr: 1977. Die Sitzbänke sind aufgerissen, der linke hintere Reifen ist platt und brüchig, und in der Radaufhängung haben sich Gräser und kleine Äste verfangen. Ich errechne – ganz Buchhalter – dass die Säcke mir dafür frecherweise auch noch 130 Euro mehr monatlich abknöpfen als bisher, und finde das ziemlich frech. Trotzdem versuche ich angestrengt, mich mit der Situation anzufreunden und irgendwas Gutes daran zu finden, aber es gelingt mir nicht.

Zum Glück steht mein Auto noch vor der Tür, und es gehört mir und nicht irgendeiner Leasingfirma. Warum eine solche in meinen Träumen vorkommt, ist allerdings seltsam.

Vermutlich kommt es daher, dass ich iwis Eintrag über sein erstes Vehikel, seinen VW Derby, als Stöckchen verstanden und mich daraufhin auf die Suche gemacht habe nach Bildern von Etosha mit ihrem ersten Auto, einem roten Audi 80S, Baujahr – ihr ahnt es schon – 1977. Er war gutmütig, aber eigenartig. Er hatte nur vier Gänge, wie viele Autos aus dieser Zeit. Die Schaltwege waren vergleichsweise wahnsinnig kurz, der beige Schalthebel übrigens auch, und er hatte schon auch ein bisschen Kraft (der Audi, nicht der Schalthebel). Aber im vierten Gang mehr als 120 zu fahren war purer Leichtsinn in Bezug auf einen wahrscheinlichen Gehörsturz. Der Retourgang dagegen war nicht immer von einer Zusammenarbeit zu überzeugen.

Bei Sonnenschein heizten sich die Armaturen und die Innenausstattung dermaßen auf, dass man eine Berührung möglichst vermied, und zwar nicht nur unmittelbar nach dem Einsteigen. Dieses Material hatte Wärmespeicherkapazitäten, von denen heutige Materialentwickler nur träumen können.
Im Sommer konnten Öl und Kühler kaum mehr gegen die entstehenden Temperaturen ankommen, die Anzeige kroch bedrohlich in den roten Bereich, und zwar schon morgens. Häufig musste ich daher – zusätzlich zu 30° Außentemperatur – die Heizung volle Post einschalten, wie man hier so schön sagt, um ein bisschen Hitze abzuleiten und auf diese Weise spontane Dampf- oder gar Rauchentwicklung zu vermeiden. Zum Glück gabs im Büro eine Dusche, ich kam an solchen Tagen nämlich schon schweißgebadet an.

Meine erste weitere Fahrt ging mit einem Freund nach Waidhofen an der Thaya, zum Musikfest 1992 – heute überlaufen, aber damals noch ein Geheimtip. Das war ein wunderbares Wochenende!

Nach Durchforstung meiner Fotovorräte hat sich jedoch herauskristallisiert: Es gibt keines. Kein Bild von Etosha und dem Audi. Nicht mal ein popeliges, geschweige denn so ein schönes, wie Iwi es hat. Ein Bild hab ich vom Innenraum, es zeigt einen Freund, der hinten sitzt, und neben ihm einen Teil der – ihr ahnt es wieder? – ziemlich zerrissenen Rückbank.

Die einzigen Außen-Bilder, die ich von ihm besitze, zeigen ihn im bemitleidenswert geschrotteten Zustand. Mein damaliger Ex (und auch mein heutiger, wenn man es recht bedenkt; damals war es aber kürzer her – hm, ist auch keine Überraschung jetzt)… egal, mein Ex hat nur zwei Wochen, nachdem ich ihm das Auto verkauft hatte, beim Linksabbiegen den Gegenverkehr ignoriert und das gute Ding ein weniglich gestaucht.

Audi1 Audi2

Jetzt weiß ich auch wieder, woher die verfangenen Gräser in meinem Traum kamen.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das war ein Audi diser Sorte, nur ohne diesen Sport-Umbau, nehme ich an. Dem Derby eigentlich sehr ähnlich, nur an jeder Kante ein paar cm mehr.
    Nur schön, dass du es nicht in diesen Zustand gebracht hast. Hat denn dein Ex-Freund diesen unfreiwilligen Umbau gut überstanden?

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  2. Richtig, genau sowas war das. Auch das Innenleben sieht ausgesprochen ähnlich aus. Dein Derby-Bild hat mich nicht nur zufällig an ihn erinnert. Ich konnte deine Beschreibungen des Fahrgefühls sehr gut nachvollziehen, samt Geruch :)

    Hast recht, das hab ich ganz vergessen zu erwähnen: Mein Exfreund ist irgendwie ein Butterseiten-Typ, er hat den Unfall unverletzt überstanden, soweit ich mich erinnere. Die Knautschzone war groß genug, wie man sieht. Er war auch bei meinem letzten Besuch dabei, als ich die Fotos machte, und ist auf einigen Bildern drauf.

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  3. Hat mich übrigens gefreut, dass du meinen Eintrag quasi ‘als Stöckchen’ aufgefasst hast! So ein erstes Fahrzeug ist ein bedeutender Teil des Lebens, wie ich finde! ;-)

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  4. Baujahr ’77? Dann müsste der Wagen als Krönung der vier Gänge doch auch noch einen Choke gehabt haben, oder? Zumindest unser alter Opel Kadett Baujahr Wasweißích war noch damit ausgestattet, was vor allem im Winter dazu führte, dass man genügend Zeit zum Starten des Wagens einplanen musste, bis man ihn soweit hatte, das er ruhig lief – oder überhaupt.
    Aber die aufgeheizten Armaturen sind mir auch noch im Gedächtnis, was dazu führte, dass ich nicht selten mit Fahrradhandschuhen Auto fuhr, um überhaupt das Lenkrad anfassen zu können. Mache ich heute auch noch gelegentlich, wenn die Sonne den Wagen zur fahrbaren Sauna umfunktioniert hat.

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  5. Ernst, tatsächlich! Ich würde mal sagen, es war so ein Rot wie der da: http://www.typ82.info/fotos/mannheim.html Nur schon wesentlich matter.
    Hast du ein Bild von mir und dem Audi?

    Baumgarf, jaaa, klar hatte er einen Choke! Der war rund und schwarz.
    Und führte zu ebenso spontaner wie massiver Geräuschentwicklung. War aber sehr zuverlässig. Ich hatte nie Probleme beim Starten.
    An Handschuhe im Sommer kann ich mich auch erinnern! *gg* Und an blöde Blicke aus dem Wagen nebenan.

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