Vom Wünschen

Wünschen darfst du dir, was du willst!
Ich wünsch mir auch einen Mercedes.
Zwei Sätze, ein Urheber: mein Papa, wortwörtliche Begleitung durch meine Kindheit.

Seit meinem Schlüpftag hab ich mir schon so einiges gewünscht. Vieles war aus finanziellen Gründen früher nicht machbar, heute aber schon. Ich hab mich daher ein wenig zum Jäger und Sammler zurückentwickelt.

Natürlich erschaffe ich auch wirklich zuweilen kleine Kunst, aber in erster Linie bin ich wohl ein Kunstmaterialsammler. In meinem Werkzimmer türmen sich die Farben, Stifte und Bastelmaterialien. Doch ich kaufe nicht nur, ich hebe auch vieles auf, was gratis daherkommt. Mein Mann schüttelt darüber oft den Kopf. Er freut sich aber, wenn er etwa Bedarf anmeldet nach einem „länglichen Schaumgummi-Eumel mit ungefähr so einem Durchmesser“ (hier Zweifinger-Geste imaginieren) – und ich aus meinem Fundus tatsächlich so einen hervorzaubern kann.

Barbiepuppen waren unerschwinglich, damals in den siebziger Jahren. Wir hatten als Kinder zwar welche, aber das waren Gebrauchte von Freunden meiner Eltern. Deren Haare waren immer schon verfilzt – in Abstufungen von gerade nicht mehr kämmbar bis undurchdringlicher Savannenstrauch war alles dabei. Doch wir Mädels neigten leider auch dazu, den Barbies die Haare zu schneiden, schließlich nimmt man als Kind an, dass die wieder nachwachsen, und das völlig zu Recht. Meine erste eigene, neue Barbie war schwarz, und ich fand sie toll. Diese Haare! So weich! So rabenschwarz! So unverfilzt!

Seit ich selbstverdientes Geld mein eigen nannte, habe ich immer wieder Barbies gekauft, wohl um einen frühen Barbiemangel zu kompensieren, der in Wirklichkeit gar keiner war. Irgendwo in einem meiner Kämmerlein sitzt ein ganzer Barbie-Harem und wippt gelangweilt mit den endlosen Beinen. Hier in meinem Werkzimmer hab ich nur noch eine – schließlich sind die alle gleich groß, und ich brauchte sie zuletzt nur zum Maßnehmen für die Barbie-Designer-Fashion, die ich eine Zeitlang anfertigte. Für das Nähen von Kleidungsstücken sind mir aber mittlerweile Frauen lieber, die mit einem unproblematischen Taille-Hüfte-Verhältnis aufwarten können, und mit Lebensgröße, schon wegen meiner allmählich einsetzenden Altersweitsichtigkeit.

Ein ähnliches Faible hab ich für Kleidung, insbesondere für Jacken und Hüte (das ist erblich bedingt) als auch für Tücher und Schals (das eventuell auch). Wir hatten viel Second-Hand-Kleidung als Kinder, und obwohl ich dem Eintreffen der Kleidersäcke immer mit gespannter Aufregung entgegensah, sind doch neue, eigene Sachen auch was sehr Schönes – wobei mein Mann sagt, ich würde mir immer Sachen kaufen, die aussehen, als hätte ich sie schon 20 Jahre. Immer ist jedoch wie immer übertrieben.

Eigentlich hab ich bei Kleidung auch zwei, drei Faibles für alles andere. Wenn mir ein Teil nicht mehr passt, kombiniere ich es mit einem anderen, das ich auch schon länger nicht anhatte, nähe die beiden im Patchwork zusammen, und schon sind zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Ich muss nichts weggeben, und ich hab ein Teil, das mir wieder passt – das ist notwendig, schon wegen meiner allmählich einsetzenden Alterswampe.

Von meinem ersten zusammengesparten Lehrlingsgehalt kaufte ich mir ein Pianino, unter dem zwei sehr bemitleidenswerte Träger in meine damalige Jungfernkemenate unter dem Dach hinaufschnaufen mussten. Es hat sich nie jemand gefunden, der das Ding wieder hinunterträgt.

In den Jahren danach jedoch gab ich das meiste Geld, zumindest in Prozent meines Nettoeinkommens, für die analoge Fotografie aus. Ich bekam als Teenie von meinen Eltern die erste Kleinknipse, eine recht weitwinkelige Panasonic, die gar nicht so schlecht war. Später kaufte ich mir meine erste Spiegelreflexkamera, eine gebrauchte Yashica, die musste man noch händisch aufziehen. Sie sah furchtbar abgefuckt aus, aber ich liebte sie heiß. Ich probierte in Papas Dunkelkammer herum und kaufte eine Menge Chemikalien und Fotopapier, viel mehr, als ich je verbrauchte. Ich machte unprächtige Abzüge von seinen alten und meinen neuen Fotos und liebte die Überraschungen beim Durchschauen der Negative.

Man kann also durchaus auch mit wenig Geld einiges anschaffen, das man sich schon immer gewünscht zu haben meint. Die wirklich wesentlichen Dinge allerdings, die neigen dazu, dem schnöden Mammon zu trotzdem. Ja, man kann sich das Gehör von Ärzten erkaufen, aber nicht ihr echtes Interesse oder neue Behandlungsmethoden. Ich hätte lieber die letzten 16 Jahre meines Lebens gesund verbracht und viel mehr gesehen von der Welt, viel mehr Schönes und Neues erlebt, und das frei von Schmerzen, Unlust, Erschöpfung und Gefühlen der Ausweglosigkeit. Ich werde heuer 41, und im Moment fühle ich mich ein bisschen, als hätte ich in diesen letzten 16 Jahren einen Dornröschenschlaf geschlafen, aber einen in sehr verkrampfter Haltung.

Wäre ich gesund, wäre ich gesund gewesen, vielleicht hätte ich dann aus meiner flächendeckenden Mittelmäßigkeit etwas Größeres machen können – ich hätte lernen können, die Dinge, die ich gern mache, auch richtig gut zu machen – singen,Klavier- oder Gitarrespielen, Nähen; ich hätte gern bessere Fähigkeiten auf so vielen Gebieten. Vielleicht hätte ich doch noch studieren wollen, auch wenn meine tausend Interessen sich nur schwer auf einen einzigen Fachbereich fokussieren lassen. Aber Anthropologie vielleicht. Oder Bühnenbild.

Mein Papa hätte mich auf die Schauspielschule gehen lassen, aber das hab ich mich als Teenager nicht getraut. Ich bin ja trotz meiner musischen Neigungen eine Niete auf dem Gebiet des Rampensautums, heute wie damals. Vielleicht hätte ich mich doch getraut, wenn ich in die Zukunft hätte schauen können, wie wenig Zeit mir dafür bleibt, mit voller Energie auch nur irgendwas zu machen.

Was ich mir definitiv nicht gewünscht habe, ist eine dumpfe, vage Sehnsucht nach Dingen, die nie Wirklichkeit geworden sind. Man glaubt, wenn man so mittendrin ist in seinem kleinen Leben, man wünsche sich eine Barbie oder ein Klavier. Tatsächlich erfährt man womöglich erst im Rückblick, was man sich tatsächlich gewünscht hat: die Möglichkeit, dieses Leben voll auszukosten. Schon wegen der später sicher eintretenden Midlife-Crisis.

Natürlich erlebe ich auch allerlei Schönes und nehme mir vom Leben, was ich nur kann. Aber mit einem höheren Grad an Lebenskraft-Gestrotze wärs halt schöner – und oft eben auch weitaus zielführender. Die vielen Pausen, die ich brauche, übersteigen schon lange die Zeit, die ich sinnvoll nutzen kann.

Also, Leute, hört mit dem Wünschen auf, geht raus und tut das, was ihr wirklich tun wollt, denn es gilt wie jeden Tag das Motto: Morgen könntest du tot sein. Oder zumindest krank. Das ist zwar nicht tot, aber es ist eine Nuance beschissener als „kein Ponyhof“.

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8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. …hört sich irgenwie resignierend an, Dein Beitrag.
    Aber: ich bin um ein paar Jahre älter als du meine Susy und weiß: „das was wirklich schön ist im Leben kann man für Geld nicht kaufen“.
    Es tut mir irgendwie gut Deine Betrachtungen zu lesen, weil du viel früher als ich, festgestellt hast, was im Leben wichtig ist.
    Inzwischen hab ich meinen Mercedes. Der ist zwar nicht neu, so wie ich ihn immer haben wollte, aber mehr als fahren kann man damit auch nicht.
    Ein dickes Bussi Dein Franzi Papa

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    • Ja, da hab ich auch viel Resignation reingepackt. Danach gings mir besser. Ich blende die Krankheit zwischendurch immer aus, und dann kommts halt wieder hoch. Da steckt viel Frust drin. Aber danke für den Zuspruch! :*

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  2. ich vermisse meinen blauen Fisch made by E., der schwimmt ja in Wien seine Runden um Elch, Bär und Blaufußtölpel…

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  3. seine zarten Schuppen würden das Hineingestopftwerden kaum goutieren und überhaupt: ohne seine Kumpels schwimmt der nicht aus dem Haus….

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  4. Und, rausgehen, tunwollen – was gemma an? Malediven, Phlippinen oder Azoren?
    Und dann wär noch der Europa-Fluggutschein… Barcelona oder Amsterdam?

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  5. Waun? Jetzt glei?
    Fia d Azoren brauchst Gummistüfe, fia d Philippinnen a, oba de san wenigstns a bissl wärma, so wia de Inselkettn (=Malediven), Barca und Amsterdam tataten eha fia Mai, Juni taugn……oisan, wos wiads nochan?

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