Meisterwerke der Ingenieurskunst

Man kauft sich ein Produkt. Man nimmt es in Betrieb. Man benutzt es ein Weilchen und ahnt nichts Böses. Da plötzlich steht breitbeinig und ebenso -schultrig ein Denkfehler im Raum. Kein eigener, der in diesem Raum eine Berechtigung zum plötzlichen Dastehen hätte, nein, ein Fremddenkfehler! Was macht der denn da, fragt man sich. Er will bestaunt werden. So sei es!

In meinem heißgeliebten Tschihuu beispielsweise gibts geradezu ein kleines Familientreffen solcher Denkfehler. Dass sich im Handschuhfach nicht ein einziges Photon findet, sobald die Nacht heranbricht – geschenkt. Man hätte ja dort eventuell eine Lampe einbauen können, aber das wäre dann vermutlich erst in der Ausstattungsvariante „Elegance IIIb“ beinhaltet gewesen. Ich hatte „Volksnah I“.

Dass sich schon nach drei Jahren die schwarze Beschichtung von der Innenseite der Heckscheibe in großen Flocken ablöste wie in so einem Gothic Winter Theme Park, sei’s drum. Darauf angesprochen, fragte man mich in der Werkstatt ganz erstaunt, was ich denn damit angestellt hätte. Ja, mit allerlei Chemikalien und scharfen Gegenständen hab ich natürlich dran herumgerubbelt, ich bin ja nur wenigseitig interessiert und habe demzufolge keine anderen Hobbys.
Unter jener verwunschenen Beschichtung befand sich übrigens einst auch eine intakte Stromzuleitung für die Heckscheibenheizung, die seit Jahren nicht mehr funktioniert; jene für den Heckscheibenwischer habe ich kurzerhand mit außenliegenden Kabeln überbrückt, damit ich unter artigem Gequietsche wenigstens die Illusion einer Sicht nach hinten herstellen kann.

Dass mein Tschihuu mich zur Vorsicht mahnen will, wenn die Außentemperatur in Gefilde abzusinken droht, die einer zuverlässigen Bodenhaftung nicht mehr zuträglich sind, bewerte ich prinzipiell als allerliebst. Dass es mir jedoch zu diesem Behufe die Temperatur in Form einer rot blinkenden Ziffer an den Kopf wirft – und zwar permanent blinkend, nicht nur kurzzeitig – das finde ich schon grenzwertig. Ich weiß nicht, ob man das zum Allgemeinwissen zählen darf, aber das Gehirn neigt dazu, sämtliche Reize, die ständig auf die weitgehend wehrlose Wahrnehmung einprasseln, allmählich auszublenden. Es reagiert auf Veränderung! Solange alles beim Alten ist, ist alles gut.
Damals in der Steinzeit durfte Tucktuck, wenn er von der Jagd heimkehrte, davon ausgehen, dass eher kein Säbelzahntiger lauert, wo alles wie immer aussieht. Sind allerdings die Steppengrashalme umgeknickt und unter dem Felsvorsprung am Höhleneingang große Pfützen von Säbelzahntigersabber zu sehen, wo dasonst stets trockene Erde das Vorzimmer-Laminat der Steinzeit bildet, dann aber Obacht! Das Hirn schaltet flugs von Standby auf High Alert – etwas hat sich verändert! In jedem zweiten Film kann man den Satz „Moment mal – hier stimmt was nicht!“ hören. Das kommt ja nicht von ungefähr.

Als ich versuchte, dem Meistermechaniker und Herrscher über die Elektronik diese Zusammenhänge zu erklären und ihn bat, auf die Programmierung doch in meinem Sinne einzuwirken, gab er mir den freundlichen Hinweis: „Aber das soll Sie ja warnen, Frau Pfanne!“ Ungewöhnliche Vorkommnisse warnen das Gehirn, erkläre ich ihm nochmals – wenn’s ständig blinkt, wird das auf Dauer kein Adrenalinmolekül mehr hinter dem Nebennierenmark hervorlocken. Seine Antwort? „Ja, aber, aber… das soll Sie doch warnen!“ Auch so kann man fünf Minuten kostbarer Lebenszeit völlig sinnfrei verheizen, selbst bei -3°.

Was mir aber an der Glatteiswarnblinkprogrammierung am meisten auf die Nerven geht: Die rote Ziffer blinkt auf meinem Display ausgerechnet dort, wo normalerweise die Uhrzeit steht – und nicht dort, wo das Datum steht, das sich bekanntlich nur einmal am Tag ändert.

Unter den vielen Gegenständen, die ich besitze, befindet sich auch eine Mini-Heizdecke neueren Herstelldatums. Die ist so 40×50 groß, sehr flauschig und per Stromkabel und damit verbundenem magischen Innenleben dazu befähigt, sich selbst zu erwärmen, was für rheumatische Schultern eine ganz wunderbare Erfreunis birgt. Meine alte Mini-Heizdecke ist schon etwas ramponiert, die Kabelenden sind nicht mehr übermäßig fest mit ihrem jeweiligen Gegenpart verbunden, und das Bedienteil mit seinen bescheidenen drei Heizstufen ist schon 18x geklebt. Doch sie heizt zuverlässig, auch eine ganze Nacht lang, und hat sich noch nie über ihr Dasein beschwert, weder auf subtile Weise noch in Form eines Zimmerbrandes, und das obwohl ich zugeben muss, dass ich schon das eine oder andere Mal vergessen habe, sie am Ende der Nacht auszuschalten.

Bei der neueren Mini-Heizdecke hat man weitergedacht und solcherlei Leichtsinn entgegengewirkt – sie hat eine Abschaltautomatik. Nach einer Stunde ist bei ihr Schluss mit Lustig, und wenn die Schultern noch so stechen. Wo das Bedienteil der alten Heizdecke sich in schweigendes Dunkel hüllt, verfügt die neue mit ihren übrigens acht Heizstufen über eine blaue Betriebsleuchte, die durch die Schlafzimmerfenster auch noch die nächste Nachbarschaft über den Einschaltzustand informiert. Deswegen hat man Außenjalousien!

Findet sich nach einer Stunde Betriebszeit niemand, der noch wach ist, schaltet sich die innewohnende Hitzemagie von alleine aus – und die blaue Lampe beginnt zu blinken. Laut. Das tut sie nicht eine Stunde lang, sondern so lange, bis irgendjemand davon oder von einer vollen Blase geweckt wird und die Gnade besitzt, den Regler auf Null zurückzudrehen. Was daran der Denkfehler sein soll? Von dem stundenlangen Blau-Geblinke bildet sich im Bedienteil eine nicht unerhebliche – ihr ahnt es schon – Hitze.

Gesunder Menschenverstand ist ja bösen Zungen zufolge nur die hirnseitige Schnellschussversion von Intelligenz und reflektierter Bildung. Aber selbst ein hochgelehrtes Halbgenie könnte, bevor es ein selbstersonnenes Produkt auf die Menschheit loslässt, doch ab und zu jemanden fragen, der einen solchen Menschenverstand besitzt – nur zur Sicherheit.

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#Verstehen
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3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. oh ja, der gesunde menschenverstand. der wird leider grade bei produkten der ingenieurskunst häufig nicht mitgeliefert … *seufz*

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  2. Die Technik ist was Schönes, aber sie kann einem ganz schön reizen.
    Ich habe eine Dampfbügelautomat erworben, der zwar sehr gut funktioniert und sich sogar bei längerem Nichtbenutzen selbst abschaltet.
    Aber: vorher beginnt der EIN-und Ausschalter minutenlang zu blinken und die Maschine ist nicht dazu zu bewegen wieder einen Dampfstoß in der gewohnten Art abzugeben.
    Man kann nur den Stecker herausziehen und ein neuerliches Starten herbeiführen. Dazwischen ist Warten angesagt.
    Wie gesagt die Technik ist ein Hund!!!!

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  3. Lohtech schlägt haitech,
    in der kalten Jahreszeit nehmen wir immer eine Wärmeflasche (natürlich mit heißem Wasser gefüllt) und legen sie auf das Armaturenbrett auf der Fahrerseite hin. Das Ergebnis ist eine freie Sicht nach vorne, wobei die Frontscheibe nicht von innen beschlägt : schont die Batterie und die Nerven.
    Da der gesunde Menschenverstand bekanntlich reines Gift ist, läuten bei mir immer die Alarmglocken, wenn man urplötzlich zwangsbeglückt werden soll von Individuen, die offensichtlich das Rad neu erfinden haben und wahrscheinlich immer bei offenem Fester nächtigen, um den Ruf nach Stockholm zur Nobelpreis-Vergabe nicht zu überhören.
    Sobald die Frage nach der Reparierbarkeit von Novitäten in den Ring geworfen wird, ist doch meistens eisiges Schweigen zu vernehmen.
    Mittlerweile habe ich aus Alt-Teilen (40er Jahre) ein Fahrrad zusammengebaut, was toll fährt und keine Probleme bereitet inkl. tollem Fahr-Comfort und echtem Flair. Insbesondere die Fortschrittsgläubigen Konsumpioniere gieren danach, dasselbe einmal kurz benutzen zu dürfen.
    Das ist eben der Unterschied zwischen Individuen, die von fast allen Dingen den Preis, aber nicht den wahren Wert kennen.
    Zeigt allen selbst ernannten Experten die Stirn oder was auch immer und geht Euren eigenen Weg.
    „Hope for the best, be prepared for the worst….and expect nothing…..“

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