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Vor der Haustür

Von meinem Büro aus schaue ich nach Nordwesten auf die M-Docks, eine kleine Anlegestelle vor dem PICRC-Gebäude. Bei Ebbe, Sonnenschein und klarem Wasser kann man die Korallenstöcke gut erkennen. Derzeit sind die Gezeiten an Extrempunkten, bei Flut steht das Wasser fast an der Oberkante der Dockmauern, bei Ebbe kann man sehr viele Mangrovenwurzeln und Korallen sehen.

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Taifun-Update

Vielleicht erinnert ihr euch noch an dieses Bild aus dem Eintrag “Alles noch dran“:

Wir fahren jeden Tag an diesem Haus vorbei, also hab ich mal ein Foto gemacht. Mittlerweile sieht es dort so aus:

DSC05387

Wie an vielen anderen Stellen, an denen Bäume umgefallen sind, wurde von dem beschädigten Baum mittlerweile noch mehr weggeschnurpselt, und jetzt ist nur mehr dieser Stumpf übrig; die Beschädigungen kann man dadurch jetzt besser erkennen. Beeindruckend, wie viel da noch steht, bei der Baumgröße! Entweder es ist stabiler, als es aussieht, oder der Baum war sehr leicht.

Leider hab ich von dem Riesenbaum kein Vorher-Foto – als der am Tag nach dem Taifun da so rumlag, konnte man darunter gar kein Haus erkennen.

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Kur – Schlussbericht

Nun ist also der letzte Kurtag angebrochen. Meine letzte Therapie war das, was wir liebevoll Unterwasserhampeln nennen, und ging um 8:20 zu Ende. Mein Therapieplan, der mir zu Beginn gelinde gesagt doch etwas überfüllt schien, ist komplett abgearbeitet, unterschrieben und abgegeben. Die Dame an der Therapierezeption sagte mir bei der Gelegenheit augenzwinkernd, ich sei sehr brav gewesen und dürfe jederzeit wiederkommen. Jetzt sitze ich im Hallenbad und schaue in die verschneite Landschaft, die zum Abschied leise Sonnenschein sagt.

Von Kurerfolg kann ich eigentlich noch nicht sprechen, meine Gelenke und Muskeln “arbeiten” noch. 60 Anwendungen in 21 Tagen, das ist ganz schön viel. Meine rechte Flanke hat beim Turnen muskulär den Geist aufgegeben, daran laborier ich immer noch. Zu Beginn war der Schmerz so heftig, dass ich eine Nierenkolik herannahen glaubte. Erst beim nächsten Termin zur Stählung des Beckenbodens spürte ich den Zusammenhang.

Meine Schultern sind weitaus entspannter, und was ich daher schon in der ersten Woche bemerkte, ist die extreme Verkrampfung, die einsetzt, sobald ich mich vor den Rechner setze. Ich hatte das Notebook mitgeschleppt und mir vorgenommen, jeden Tag ein paar Ordner mit Fotos zu kategorisieren, gemacht habe ich das genau ein Mal und danach nie wieder. Die Maus, das Tippen, das Sitzen – alles falsch. Die Muskeln rund ums linke Schulterblatt schlafen sofort ein. Hier muss unbedingt Veränderung her.

Der durchschnittliche hundlose Kurgast ist an diesem letzten Kurtag garantiert ausgeschlafener und ausgeruhter als ich. Trotzdem war es eine gute Entscheidung, Cindy mitzunehmen. Von Seiten des Hotels war man diesbezüglich angenehm unkompliziert. Die Hausdame trug viel dazu bei, dass wir uns willkommen fühlten: einfach bescheidsagen, wenn ihr spazierengeht, dann mach ich in der Zeit bei euch sauber. Cindy durfte ins Café und in die Lobbys mit, niemand hat sich je bei mir beschwert oder auch nur schief geguckt. Im Gegenteil, das Hunzi zauberte ein Lächeln auf so manches Gesicht. Cindy war aber auch wirklich richtig brav. Nur an Menschen mit Pelzkappen und -stiefeln wird sie sich wohl nie gewöhnen. Wilde Tiere verbellt sie eben so lange, bis sie sich trollen.

Apropos Hausdame, diese hat mir am zweiten Tag eine weichere Matratze beschafft. Werde ich ihr nie vergessen! Die vorherige fühlte sich in puncto Weichheit an wie eine Pressspanplatte (die Matratze, nicht die Hausdame).

Man ist schon ein wenig im Stress, aber zwischen den Terminen, dem Essen und dem Hundespaziergang hat man im Grunde nichts zu tun. Nichts Wichtiges zumindest. Nichts, was nicht auch morgen noch Zeit hätte. An diese Art von Nichtstun und auch an den eingeschränkten geistigen Gehalt gewöhnt man sich erstaunlich schnell. Sollten meine Gespräche nach meiner Rückkehr also etwas einfältiger ausfallen als gewohnt, so bitte ich recht herzlich um Nachsicht.

So schwer mir die Eingewöhnung fiel, insbesondere das Leben nach der Uhr, so schwer fällt mir jetzt das Abschiednehmen. Ich würd’s noch eine Woche hier aushalten, mit ein paar entspannenden Therapien. Ich könnte aber auch drei Wochen Urlaub vertragen, am besten am Meer. Ich bin eben nicht allzu gut, nicht allzu schnell mit Veränderungen, und mit dem Abschiednehmen hab ichs auch nicht so. Ein paar sehr liebe Menschen habe ich hier kennengelernt und mit ihnen Spaß und Langeweile geteilt, gute Gespräche und Geplapper (“Najo.” – “So is die Sache!”) Es gab Running Gags und Superwuchteln, und gestern abend sogar eine kleine Session mit Gitarre, Gsang und Gsturl. Andrea, Margit, Wolfgang, Gerald, Baskin, Stefan, Robert, Max – ihr Lieben, es war mir Vergnügen und Ehre, meine Zeit mit euch zu teilen.

Bei aller Sympathie, man kennt sich eben nicht gut und nicht lange, und daraus ergibt sich, dass ich hier bei (auch noch so) geselligen Gelegenheiten einfach aufstehe und gehe, wenn ich genug habe. Man nimmt einfach nicht an, dass es einem übel genommen wird, und fühlt sich weit weniger verpflichtet. Obwohl ich nicht ganz neu bin im Anstreben und Ausweiten der persönlichen, seelischen Unabhängigkeit, ist mir hier aufgefallen, wie viel früher ich mich hier mitunter absentiere, als ich das in einer vergleichbaren Freunde-/Verwandtschaftssituation vielleicht getan hätte.

Was mir fehlen wird:
Regelmäßig Essen serviert zu kriegen, ohne es vorher kochen zu müssen. Vom Balkon aus den Elstern zuzuschauen, wie sie schnatternd im Schwarm zum Kirchturm hochfliegen. Schneefall nicht mit Schaufelnmüssen gleichzusetzen. Die Abwesenheit von Lärm. Der Pingpongtisch. Der Kurpark, der Marsch zur Wetterstation, die gluckernden Bächlein und stillen Waldwege. Die freundlichen Gesichter bei der Therapie. Massage dreimal die Woche. Der Geruch und das Gefühl von heißem Fango am Morgen. In der geistigen Poesiekiste nach neuen Komplimenten für Therapeuten-Sonnenscheinchen zu kramen – und die Reaktion darauf. Die Nähe von Solarium und Hallenbad – und diese aufs Grad genau zum Schwimmen ideale Wassertemperatur.

Was mir gar nicht fehlen wird:
Radio NÖ. Der Spinner mit seinen Verschwörungstheorien. Der eingeschränkte Zugang zum Web.

Worauf ich mich freue:
Die Gesellschaft des mir rechtmäßig zugemuteten Mannes und meiner Freunde. Bandprobe. Tür auf, Hund raus, Tür zu. Ein korrektes Spiegelei. Ein Kühlschrank. Weitgehende zeitliche Unabhängigkeit. Meine weiche Matratze. Und den nächsten Kurantrag.

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Uff

Heute alles aussortiert und abgelegt. Meine Rechnungen und Belege und Steuerbescheide von einem ganzen Jahr. Und die staubbedeckten “Noch-zu-erledigen”-Stapel alle erledigt. Meine 78 Notizblöcke aller Formate ausgelagert, damit meine Ablagekisten sich unter ihnen nicht immer so durchbiegen. UND ich habe ein BACKUP gemacht! HaHAA!

Das neue Jahr kann also kommen!

Achso, es ist ja schon da. Hümpf.

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Mal was Anderes

Angesichts eines TV-Berichtes über eine Benefiz-Matinée kommen mein Mann und ich (Ösisprech-Warnung!) ins Reden. Man kommt ja manchmal ins Reden beim Fernsehen. Nicht auffallend oft, weil Moderatoren, Off-Stimmen und Explosionsgeräusche das eigene Zuhör- und Sprechvermögen herb irritieren. Aber manchmal ergibt sich dann eben doch was. Man könnte überhaupt viel mehr reden, wenn der Fernseher nicht dauernd dazwischenplappern würde.

In diesem seltenen Augenblick befinden wir, man müsste mal eine richtig ehrliche Veranstaltung ins Leben rufen, einen Kontrapunkt zu all den sich überschlagenden guten Zwecken zum Jahresende, eine Gegenveranstaltung zur Benefiz-Matinée.

Nennen wir sie doch Malefiz-Soirée. All die Reichen und Schönen sind geladen, die schauspielernden Herrenrassereligionsrepräsentanten und die Bezieher hoher Politikerpensionen, die kinderausbeutenden Markenartikelhersteller und die werbefreudigen Spitzensportler, die möchtegernprominenten Insbildquetscher und auch einige unverhoffte Butterseitenfaller.

Der Eintritt ist selbstverständlich frei, wie auch die exquisiten Getränke und das feudale Buffet. Den ganzen Abend lang wird eine Slideshow an die Wand projiziert, die tiefe Betroffenheit auslöst – tausende herzzerreißende Bilder von reichen Menschen, wie sie auf ihren Terrassen mit Ausblick über die Côte d’Azur oder über die Innenstadt von Monaco ihr lichtloses Dasein fristen und dabei ein opulentes Mahl hinunterwürgen müssen, erschütternde Momentaufnahmen von millionenschweren Mitmenschen, wie sie gegen ihren Willen Tag für Tag in top-ausgestatteten Stretch-Limousinen durch die Welt chauffiert werden, oder wie sie zum drogenumwölkten Bad in ihren Whirlpools gezwungen werden und ihnen hernach der Staubzuckergehalt im Arsch erneuert wird.

Der arme Mensch an sich wüsste mit Geld ohnehin nichts Vernünftiges anzufangen. Und sein Mitgefühl ist auch wirklich immens, dank der umfangreichen Werbemaßnahmen, die die Armen dort stehen ließen, wo sie eben standen, nur mit noch weniger Geld. Jeder gibt für diesen Zweck mehr als er kann, das liegt in der Natur der Sache. Man muss eben auf das Elend aufmerksam machen, es erschließt sich den Menschen nicht von selbst – besonders jenen, die in Armut leben, erscheint das Gras auf der anderen Seite absurderweise grün. Man musste also zuvor erst ein Bewusstsein schaffen für die Qualen und Entbehrungen der Wohlsituierten.

Aus dem Spendenpool, der in der Mitte des Ballsaales gülden und ziseliert den Glanzpunkt der Soirée bildet und mit dem letzten Geld der Armen gefüllt ist, darf sich am Ende des Abends jeder Gast nach Belieben bedienen.

Man nennt diese Veranstaltung auch die “Hobin-Rude-Gala”.

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A-7. C.i. asocialis: Der Eremit

Dieser Artikel ist Teil 10 von 11 in der Serie "Schweinehunde" ...
Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!

A-7. C.i. asocialis: Der Eremit

‘Stille Wasser sind tief.’

Der Eremit ist, so widersinnig es scheinen mag, ein leidenschaftlicher Teamplayer und arbeitet eng mit anderen Schweinehunden aus der Vermeider-Klasse zusammen. Hier zeigt sich das volle Potential der Schweinehunde, ihre Vernetzung und ihr Teamwork zumindest sind überaus beeindruckend. Tritt der Eremit auf den Plan, geben sich auch andere Schweinehunde die Türklinke in die Hand. Im Nu dirigiert der Eremit ein ganzes Orchester, und es grunzt die Eremiten-Lobeshymne Nummer eins: “Alle Menschen san ma zwida” (Kurt Sowinetz / Beethoven).

Seine ganz großen Zeiten hat der Eremit in den frühen Morgenstunden oder eben nach dem Aufstehen, außerdem in Stresssituationen und in den Phasen nach persönlichem Scheitern. Bei Frauen lässt er sich am liebsten in der prämenstruellen Phase blicken. Dabei wird das Sprechen dir stark erschwert; obwohl manchmal sogar ganze Sätze vorgeformt in deinem Kopf bereitliegen, bringst du einfach den Mund nicht auf. In anderen Fällen schlägt der Eremit dir ausschließlich Worte vor, die immer ein, zwei Spürchen neben dem tatsächlich Empfundenen liegen, und am Ende stellst du entsetzt fest, dass das, was dabei rauskam, vom ursprünglichen Gedanken himmelweit entfernt war.

Der Eremit sorgt dafür, dass sich auf jegliche Form eines Klingelns dein Seelchen empört zurückzieht wie der angetippte Fühler einer Schnecke. Ein Anruf, eine Kurzmitteilung oder eine andere Form vorsichtiger Kontaktaufnahme, und sogleich zuckt ein fuchtiges “Was wollt ihr jetzt schon wieder von mir?” durch dein Gehirn.

Menschen, die etwas von dir wollen, sind in der akuten Infektionsphase generell ein großes Problem. Manche von ihnen glauben gar, ein Gespür dafür zu haben, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sein könnte, dir ihre konstruktive Kritik zu unterbreiten. Du könntest lachen, wenn es nicht so zum Weinen wäre – und wenn du den Mund aufbrächtest.

Denn alles in dir sträubt sich gegen soziale Kontakte. Also gehst du nicht ans Telefon, öffnest nicht die Tür, du schickst keine Kurzmitteilungen, und schon gar nicht rufst du von selbst irgendjemanden an, wo doch schon einen Termin beim Zahnarzt zu vereinbaren eine unüberwindliche Hürde darstellt – denn du möchtest mit niemandem reden. Du beantwortest auch deine E-Mails nicht, und irgendwann werden die Versuche von außen weniger. Dann kann der Eremit dir endlich das Gefühl geben, dass niemand dich mag und niemand sich um dich kümmert.

Mithin die größte Qual während des akuten Eremitenbefalls sind jedoch soziale Anlässe von so verpflichtendem und offiziellem Charakter, dass der Eremit bei aller Anstrengung dein Fernbleiben nicht erwirken konnte, weil dich die Wichtigkeit des Anlasses über alle Schweinerei hinweg zu einem Erscheinen zwingt. Hier wird dir jedes Wort, das du hervorwürgen musst, Schmerzen verursachen; der innere Widerstand und deine Fratze, die ein gekünsteltes Lächeln darstellen hätte sollen, führen nach kürzester Zeit zu einer Starre in der Kieferregion und einem verkrampften Gefühl in der Kehle. Deine Gehirnzellen veranstalten eine Demo und tragen Schilder mit der Aufschrift “Ich will heim. Bitte.”

Wenn dich in diesem labilen Zustand auch noch ein Anstifter aus der compellans-Klasse reitet und dich bei diesem offiziellen Anlass zu Aussagen verleitet, die einen Tick zu direkt ausfallen (“Ich hab dich ja immer schon für einen aufgeblasenen Affen gehalten, aber heute übertriffst du alle meine Erwartungen.”), dann könnte das Asocialis’ wildeste Träume erfüllen und deine beruflichen und privaten Beziehungen lahmlegen, bis die Hölle einfriert.

Wenn du ihn aber lässt, hindert der Eremit dich völlig am Erscheinen bei Terminen und Einladungen, und vielleicht sogar daran, bei der Arbeit aufzutauchen. Wenn ein Freund in einer deiner Eremitenphasen Geburtstag haben muss, ist das eben sein Pech. Du gehst ganz bestimmt nicht auf das Fest. Hmpf!

Teamwork

Aber natürlich gibt es einen verborgenen Anteil in dir, der liebend gerne auf dieses Fest gehen würde, weil er eine Spontanheilung verspricht. Andere Schweinehunde mischen hier sehr gerne mit und liefern massenhaft Gründe und Ausreden. Der Verbieter sagt, dass du vor dem Weggehen erstmal aufräumen solltest, duschen, den Hund füttern und den Müll rausbringen. Absichtliche Überforderung in einer Phase, in der schon das Hochheben eines Telefonhörers eine unüberwindliche Hürde darstellt.

Die Hysterikerfraktion kreischt, du hättest nichts anzuziehen und außerdem Angst vor den vielen Menschen auf dem Fest. Womöglich sind sogar welche dabei, die du gar nicht kennst! Oder du musst ganz alleine in eine Bar hineingehen, huh!

Der Verächter lässt verlauten, auf diesem Fest wolle dich vermutlich ohnehin niemand haben, schon gar nicht in dieser Stimmung, und dass du es echt nicht wert wärst, dass sich jemand um dich kümmert. Das wiederum kann in einer solchen Situation eine wahre Kaskade an Selbstmitleidsgefühlen auslösen.
Schließlich ruft der Eremit den Zweifler herbei, um gegen den Anteil in dir zu kämpfen, der auf das Fest gehen möchte. Mal gewinnt der eine die Oberhand, mal der andere, und so geschieht es, dass du dich zwölfzigmal hin und her entscheidest, an-, um- und ausziehst, zwischendurch auf Stühle niedersinkst und ins Leere starrst, bis es schließlich zum Weggehen zu spät ist oder du in Tränen ausbrichst und brennende, verquollene Schweinsaugen den Ausschlag fürs Daheimbleiben geben. Der verborgene Anteil in dir liegt nach dem Kampf wimmernd und ramponiert in einer dunklen Ecke des Schweinehundestalls, den Mund mit Schweinespeck gestopft.
Der Verbieter schließlich wird später sagen, “Hatte leider keine Zeit, zu viele andere Pflichten!”.

Umso schlechter, wenn bei all diesen vermiedenen Kontakten etwas Lebenswichtiges dabei war, denn der Faulpelz fängt sofort Feuer, wenn er davon Wind bekommt und wirft sich mit voller Wucht in die Waagschale mit der Aufschrift “Nein!”. Und langsam erkennst du, dass ein Landstrich voller Treibsand dagegen ein Spaziergang ist.

Manchmal würdest du vielleicht sogar gerne jemandem dein Herz ausschütten, dich schluchzend gegen eines Mitmenschen Schulter werfen; du spürst, dass das Aussprechen dich erleichtern würde – aber du bleibst stumm und deine Augen trocken. Solltest du dabei gar eine gewisse perverse Befriedigung verspüren – sei versichert, dass es sich dabei nicht um deine eigene Empfindung handelt.

Bei einem solchen kettenreaktionsartigen Befall ist es das Beste, erstmal einen Schritt zurückzutreten und das Treiben, so gut es eben in dieser Lage geht, aus einer gewissen Entfernung zu betrachten. Es kann auch helfen, dir selbst zu bestätigen, dass du in der Tat ein überaus armer Mensch bist, der langsam zum Schwein mutiert. Selbstmitleid ist besser als sein Ruf, denn es ist oft das einzige Mitleid, das gerade zu kriegen ist. Es ist nur keine Dauerlösung.

Daher kommt danach ein Schritt der größten Überwindung: Ruf den besten Freund an, den du hast. Das mag anstrengend sein und eine Zeitspanne erfordern, während der du Löcher in dein Telefon starrst. Das macht aber nichts, du hast im Moment ohnehin nichts Besseres zu tun. Dann erzähl deinem Freund offen und ehrlich von deinem Befall. Dieser Schritt ist immens wichtig, denn er ist der erste Impuls, der dem Treiben letztlich ein Ende setzen wird.

Zukünftige Attacken abzuwehren ist schon schwieriger. Es erfordert größte Aufmerksamkeit, die erste Phase des Eremitenbefalls überhaupt zu bemerken. Manchmal ist es gut, allein zu sein, solange man darüber nicht verzweifelt. Man lasse den Eremit einfach eine gewisse Zeit lang bewusst für sich arbeiten, und genieße die Ruhe. Wenn aber etwas in dir “Genug!” ruft, sich eine seltsam perverse Befriedigung einstellt, wird es ungesund, und es ist an der Zeit zu handeln. Verwunschenerweise scheint jedoch gerade dann niemand Zeit zu haben – keine Sorge, das liegt in der Natur der Sache. Dies ist nicht der Moment für falschen Stolz. Die Zauberformel zur Manifestation von Zeithaben bei deinen Freunden lautet, “Ich brauche dich, mir gehts nicht gut”.

Interessanterweise kann man sich der Situation am effektivsten dann entziehen, wenn gerade alle Schweinehunde beschäftigt und in voller Aktion sind. Dann kannst du dich in dem Durcheinander zurückziehen, deine sehr wenigen echten Anteile zusammenpacken und unbemerkt verschwinden.