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Corona – 14 .. Massentest

Dieser Artikel ist Teil 14 von 14 in der Serie "Corona" ...

Bevor ich weiter über die Impfung blogge, muss ich noch loswerden, warum ich die geplanten Massentests für eher sinnlos halte. Das liegt nicht daran, dass ich es nicht gscheit finden würde, wenn man Infizierte auch erkennt. Es hat was mit Wirtschaftlichkeit zu tun.

Nur dass der sogenannte “Hausverstand” bei diesem Thema bei den wenigsten anschlägt.
Deshalb will ich’s hier erklären, damit ich das die nächsten 50 Mal am Telefon nicht muss. :)

Es ist nur einfache Mathematik und ein bisschen Schlussfolgerung. Und es lohnt sich!

Vorab ein Hinweis
Der “Antigen-Test”, der für den Massentest verwendet wird, ist kein Antikörper-Test! Als Antigen wird jener Teil der Außenhülle des Virus bezeichnet, an dem die menschliche Immunabwehr den Erreger wiedererkennt. Es werden beim gleichnamigen Test Virenpartikel nachgewiesen, anders als in der PCR aber nicht virales Erbgut, sondern Teile seiner Hülle (“Spike-Protein“).
Auch wenn das Wort Antigen-Test also danach klingen mag – es wird dabei nicht nachgewiesen, ob man bereits eine Infektion hatte und daher Immunabwehr gebildet hat.

In den (bisherigen) Testraßen stehen teilweise sowohl Antigen- als auch Antikörper-Tests und natürlich auch PCR-Tests zur Verfügung.
Die für den Massentest angeschafften Testkits sind Antigen-Schnelltests dreier verschiedener Hersteller. Es ist aber natürlich nicht auszuschließen, dass auch andere Tests verfügbar sein werden.

Nun zur Wirtschaftlichkeit
Der Einfachheit wegen erstmal nur die erste Hälfte:

SPEZIFITÄT 98%:
Wenn ein Test eine Spezifität von zB 98% hat, dann heißt das, dass er von 100 Gesunden 98 auch als Gesund erkennt, der Test also 98 mal negativ ausfällt. Diese Spezifität nehmen wir für die Beispiele an.
(Und wir nehmen vorerst an, der Test würde alle Infizierten richtig erkennen.)

Beispiel 1:
Bei einer niedrigen Prävalenz in der Bevölkerung, also wenn nur ein sehr geringer Anteil tatsächlich infiziert ist, sieht das so aus:

PRÄVALENZ 3%:
Von 1000 sind 30 infiziert und 970 gesund.
Die Tests werfen 2% der Gesunden als positiv aus, das sind 19 Falsch-Positive.
Auf 30 Infizierte.
Insgesamt gibt’s 49 Test-Positive, davon sind 19 in Wirklichkeit gesund, das sind satte 39% der Positiven.

Die reale Infektionsrate ist 3%, die Positivrate der Tests 4,94%. Das klingt nach wenig Unterschied, ist aber ein Faktor 1,65.
Testet man sehr viele Menschen, rechnen wir’s mal Tausend, haben wir in einer Million Getesteter 30.000 Real-Infizierte und 19.400 Falsch-Positive. Im Verhältnis zu dem, was dabei rauskommt, ist das sehr viel.

Beispiel 2:
Testet man hingegen in einer Umgebung oder einer Gruppe, in der die zu erwartende Prävalenz hoch ist – unter Gesundheitspersonal, in Altersheimen, in Clustern und um sie herum – dann sieht das Verhältnis schon anders aus:

PRÄVALENZ 20%:
Von 1000 sind 200 infiziert und 800 gesund.
Die Tests werfen 2% der Gesunden als positiv aus, das sind 16 Falsch-Positive.
Auf 200 Infizierte.
Von insgesamt 216 Test-Positiven sind in Wirklichkeit 16 gesund, das sind nur noch 7%. Statt 39% wie oben im ⇧Beispiel 1 mit nur 3% Prävalenz.

Mit Faktor Tausend: Sinds zwar immer noch 16.000 Falsch-Positive, “nur” 3400 weniger als oben – aber im Verhältnis zur viel höheren Anzahl von 200.000 Infizierten, die man erkannt hat. Die reale Infektionsrate ist 20%, die Positivrate der Tests 21,6%. Faktor: 1,08.

Und mit echten Zahlen?
Prävalenz: Jeder weiß, dass unsere Infektionszahlen zu hoch sind. Aber in % der Gesamtbevölkerung?
Nun hat die Statistik Austria unlängst zufällig in ihrer dritten Prävalenzstudie hochgerechnet, dass Mitte November etwa 3,1% Infizierte in der Bevölkerung waren. Das sind in absoluten Zahlen zwar 276.000 Menschen, aber im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ist das ein sehr geringer Anteil.

Spezifität: Die angekauften Schnelltests haben im Schnitt eine Spezifität von 98,8%.

-> Testet man mit dieser Kombination nun die halbe Bevölkerung durch, liegt das Ergebnis nahe am ⇧Beispiel 1 und zu weit weg vom ⇧Beispiel 2.
Die hohe Positivrate der bisherigen Testungen, Mitte November bei 20% bis über 40%, zeigt also nicht, dass dieser Anteil der Bevölkerung krank wäre, sondern wie gezielt hier getestet wird/werden muss.

Na und?
Das Problem: Alle positiven Antigen-Tests müssen mittels PCR-Test bestätigt werden. Das ist bei einer so hohen Falsch-Positiv-Rate wie im ⇧Beispiel 1 eine zusätzliche Verschwendung von Geld, Zeit und Ressourcen, die ohnehin knapp sind. Es zieht Kosten und unnötige Kontakte nach sich. Und unsere wahren Zahlen sind eben viel näher am ⇧Beispiel 1.

Weiteres Problem: Alle Testpersonen müssen sich schonmal zum Testpunkt bewegen. Das ergibt eine enorme Mobilität, die zu einem großen Teil in den Öffis stattfinden wird. Sie werden in der Kälte warten müssen oder gemeinsam mit anderen in Innenräumen, auch mit Terminvergabe wird das kein Rein-Raus. Das sind viele unnötige Risikofaktoren.

Wenn Menschen, die gemütlich daheimsitzen könnten, zu Nach-Testungen rennen, entsteht noch mehr Gewusel. Von den nervlichen Auswirkungen eines falsch-positiven Ergebnisses mal ganz zu schweigen.

Und nochmal schnell nach-testen?
Eine sofortige Nach-Testung mit dem (gleichen) Antigen-Test hat übrigens insofern weniger Sinn, weil die falsch-positiven Tests nicht rein zufällig anschlagen, sondern mitunter aus einem konkreten Grund. ZB wegen bestimmter Bakterien in Rachen oder Nase, auf deren Antigene der Test versehentlich anschlägt. Diese Stämme sind bei diesem Menschen vermutlich heimisch, sodass auch der Nach-Test wieder positiv wäre. In der PCR werden hingegen Teile des Virus-Erbguts gesucht.

Selbst wenn sofort nach dem Schnelltest ein Abstrich für die PCR-Nach-Testung durchgeführt werden kann (in Wien wird das so sein) – das PCR-Ergebnis erhält man nicht sofort. PCR-Tests sind aufwendig, teuer und nicht endlos vorhanden, und auch bei den Menschen, die sie durchführen und auswerten, hat der Tag nur 24 Stunden. Für jede PCR-Nach-Testung eines falsch-positiven Tests muss womöglich ein Mensch, der Symptome hat, auf sein Ergebnis länger warten.

Nach dem finanziellen Fiasko bei der Beschaffung der 10 Mio. Schnelltests, bei der irgendwie vergessen wurde, einen Mengenrabatt auszuhandeln, und die daher 10 Millionen mal 2,67 € mehr gekostet haben als die Slowakei für ihre (gleichwertigen!) Schnelltests bezahlt hat – da wärs hochgradig sinnvoll, wenn sie nun zumindest so zielführend wie möglich eingesetzt werden.

Wird beim Massentest nur ein Viertel der jetzt angekauften Tests verbraucht, dann sind es in echten Zahlen 28.000 falsch-positive Ergebnisse, die man nach-testen muss. Das sind 28.000 Schnelltests und nochmal 28.000 PCR-Tests, die man anderswo besser nutzen könnte – dort, wo eine hohe Infektionsrate vermutet wird, dort wo Symptome vorhanden sind, dort wo man Menschen vor Ansteckung durch andere schützen muss.

Logisch: Je mehr Infizierte unter den Getesteten, umso weniger Gesunde bleiben, von denen 2% falsch-positiv sein werden. Aber der “Hausverstand” erfasst diesen Aspekt nicht so schnell und intuitiv.

Was ist mit den Falsch-Negativen?
Das Gefahrenpotential der Falsch-Negativen liegt weitaus deutlicher auf der Hand; vermutlich wird deshalb auch öfter darüber gesprochen.

Um darauf also noch kurz einzugehen: Ja, die gibt’s auch – tatsächlich vorliegende Infektionen, die vom Test nicht erkannt werden.
Wenn die Sensitivität eines Tests bei 95% liegt, heißt das: von 100 vorliegenden Infektionen bleiben 5 unerkannt.

Ob der Test anschlägt, hängt auch stark vom Zeitpunkt im Infektionsverlauf ab – am zuverlässigsten tut er das in den ersten 5 Tagen ab Symptombeginn, weil da die Viruslast am höchsten ist. Der positive Aspekt daran: Wenn der Antigen-Test (richtig)-positiv ist, weiß man: ich bin momentan auch wirklich ansteckend. Das ist ein kleiner Informationsvorsprung gegenüber dem PCR-Test.

Die Chance, dass Asymptomatische oder Präsymptomatische bei einer Massentestung erkannt werden, hängt aber eben an dieser Viruslast, die durchaus (noch) gering sein kann. Dazu muss eben auch der Testzeitpunkt zum Fortschritt der Infektion passen. Ob man Asymptomatische im Massentest wirklich in ausreichender Zahl erkennen kann, weiß man also nicht.

Ich verschone euch mit dem erweiterten Rechenbeispiel, das beide Faktoren miteinbezieht. Der Effekt der falsch-negativen Ergebnisse scheint die Falsch-Positiven ein wenig “auszugleichen”, aber das tut er natürlich nicht. Wenn es auch Falsch-Negative gibt, kommt man an die wahre Anzahl von Infizierten und Nicht-Infizierten zwar näher heran, aber sie ist den jeweils richtigen Getesteten nicht besser zugeordnet.
(Falls sich jemand für Rechenwege, Quotienten, Vorhersagewerte u.ä. interessiert, gerne Kommentar, ich nehme dann Kontakt auf.)

Massentests mit solchen Falsch-Negativ-Raten just bei hoher Prävalenz zu machen – so wie ich es aufgrund der ⇧Rechenbeispiele oben als sinnvoller einordne – erscheint einem folglich zwar auch nicht unbedingt ideal, weil umso mehr Infektionen unerkannt bleiben. Allerdings mit einem markanten Unterschied: Unerkannte Verbreiter entstehen nicht erst durch einen Massentest, wenn sie falsch-negativ sind – die rennen sowieso herum! Falsch-Positive, die sich nach-testen lassen müssen, aber nicht.

Negativ! Hurra?
Ein negatives Testergebnis ist nur eine Momentaufnahme. Es besteht die Gefahr, dass Menschen sich danach allzu sicher fühlen und sich versehentlich für unverwundbar halten. Man kann sich aber auch fünf Minuten nach dem Test anstecken. Und hat daher keinerlei Grund, zehn Minuten danach sorgloser zu sein als vor dem Test. Wenn ich ein Selfie mache und drei Minuten später beginnt mir ein Pickel auf der Nase zu wachsen, dann kann ich mit dem Foto auch nicht beweisen, dass ich gar kein Wimmerl hab.

Von eigenwilligen und freiwilligen Ergebnissen
Die Massentests in der Slowakei waren zumindest günstiger gekauft als bei uns, aber freiwillig war die Teilnahme nur scheinbar. Wer positiv getestet wurde, musste sich streng isolieren. Wer sich nicht “freiwillig” testen ließ, musste das aber ebenfalls, und zwar unter Androhung von Strafen bei Zuwiderhandlung von bis zu 1600€. Mit so rigorosen Ausgangssperren kann man die Kurve natürlich auch nach unten bringen. Dafür braucht man aber keine Testkits für 67 Euromillionen.

Man wird sich solche Maßnahmen eventuell auch hierzulande vorher ausdenken, wenn man uns vom Kanzleramt aus die Ergebnisse der Massentests bei relativ niedriger Prävalenz hinterher dennoch gut verkaufen will; oder mit Verlängerung des Lockdowns für alle drohen, um den Gruppendruck zu erhöhen; oder was ähnlich Lustiges.
Hinterher werden keine akurraten Zahlen vorliegen, und stattdessen wird der erste Frame mit schöngefärbtem Bullshit besetzt: Sehet, die Kurve!

Und so einen “Effekt” möchte ich mir dann nicht von der Regierungs-Glitzi-PR als wundersame Folge einer sündteuren, tendenziell sinnlosen Massentestung verkaufen lassen müssen. Wenn ihr versteht. Ich lass mich nur ungern für dumm verkaufen.

Konklusio
Es klingt trivial, aber: Um so viele Positive wie möglich rauszufischen, muss man so viele Positive wie möglich testen.
Dieses Ziel erreicht man nicht, indem man so viele Negative wie möglich testet.
Und je weniger Negative man testet, umso weniger Falsch-Positive erhält man, und umso weniger Folgekosten hat man.

Soll ich nun oder nicht?
Wenn man Symptome hat, wird man sich ohnehin testen lassen – dann aber besser in einer der PCR-Teststraßen. Man ist dann vermutlich froh, wenn man nicht hinter drölfzig fröhlich-gesunden Leuten warten muss; und umgekehrt ist es für die Gesunden, die zum Massentest gehen, auch ungefährlicher, wenn sie gar nicht erst mit Symptomatischen in Kontakt kommen.

Testen lassen also ja, wenn:
ஐ Verdächtigen Kontakt gehabt
ஐ In Gegenden mit hoher Inzidenz
ஐ Zum Beruhigen eines unguten Gefühls (aber wohlwissend, dass man unter den 2% sein könnte…)
ஐ Bei (zB beruflicher) Situation mit hohem Risiko
ஐ Oder zur Vermeidung von angedrohten Konsequenzen, die man nicht tragen will.

Hat man sich hingegen seit Monaten isoliert und alle unnötigen Risiken strikt vermieden, dann sollte man genau das auch weiterhin tun.

Würde ich trotz allem nicht auf die Teilnahme verzichten wollen, dann würde ich versuchen, den Menschen mit Symptomen, die sicher auch kommen werden, zumindest zeitlich den Vortritt zu lassen. Am letzten möglichen Tag hingehen zB. Oder, falls Terminvergabe, mich erst so spät wie möglich anmelden.
Wenn die Organisatoren klug sind, sortieren sie die Wartenden nach Symptomatischen und Symptomfreien – aber verlassen würd ich mich darauf nicht.

Eine Frage des Wo
Sollten nach Ende der Massentests sehr viele Tests unbenutzt übrigbleiben, dann dürfen wir hoffen, dass die sicher anderswo guten Gebrauch finden werden, wo sie mehr Sinn haben, und wo wiederholte Testungen die Sicherheit erhöhen: Beim Gesundheitspersonal, im Altersheim, in Schulen mit Verdachtsfällen, in stark betroffenen Gegenden und in Clustern.
Die jetzt eingesetzten Kräfte und Energien hingegen würde ich mir anderswo hinwünschen, zB zur Vorbereitung der Impflogistik.

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Corona – 13 .. Impfung (1)

Dieser Artikel ist Teil 13 von 14 in der Serie "Corona" ...

Impfen und impfen lassen – Wann geht Corona den Weg des Dodo?

Entscheidungen trifft man am besten auf Basis von breitgefächerter Information. Zu den Impfungen gegen das SARS-Cov-2-Virus gibt jetzt schon sehr viel zu erfahren und zu wissen. An weiterer Information wird im Laufe der nächsten Wochen und Monate auch noch einiges eintrudeln.

Ich hab mir einige Aspekte zum Thema Impfung angesehen, manche sogar sehr genau. Hier steht, was ich dabei herausgefunden hab.
Zunächst ein allgemeiner Teil, es folgt ein speziellerer über Covid-19-Impfungen, mRNA, Vektorimpfstoffe, Zulassungsverfahren etc.

Bis die klinischen Studien abgeschlossen sind,
bis die Ergebnisse feststehen,
bis die Zulassungen erfolgt sind,
bis die tatsächlichen Lieferungen fertig ausverhandelt, Vorbesteller bedient und logistische Herausforderungen gelöst sind,
bis Gesundheitspersonal und Risikogruppen geimpft sind…
bis unsere (Normal-)Bevölkerung tatsächlich durchgeimpft werden könnte und soll,
rinnt noch sehr viel Wasser die Donau runter.

Diese Zeit kann man nutzen, auch als Ottilie oder Otto Normalverbraucher, um sich schlau zu machen. Ihr solltet euch diese Zeit und Gelegenheit nicht von geistigen Abkürzungen in Schwarzweiß oder von voreiligen Verteufelungen nehmen lassen.

tl; dr: Impfen ist cool. Trittbrettfahren ist uncool. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Die Option “ALLes-HaPPy” auch nicht.

Impfen lassen oder was?
Eine Impfung ist ein Tauschhandel:
Man kriegt die Leistung “habe stark abgeschwächte Form einer Infektion durchgemacht” bekanntlich im Idealfall mit Immunität vergütet. Nicht der schlechteste Tausch im Vergleich zu einer voll ausgebrochenen Infektion. Keine Impfung führt zu 100% sicherer Immunität. Aber es führt auch keine Erkrankung zu 100% sicherem und folgenlosem Überleben.

Was man beim Impfen noch kriegt: Eine Herdenimmunität in der Bevölkerung, die – bei Covid-19 – hoffentlich letztlich über 60% (“HIT”, Immunitätsschwelle) liegen wird.

Findet die Impfung keine ausreichende Akzeptanz, dann müssen wir weiterhin “auf dem alten Weg” dorthin – durch weitere Infektionen. Was das bedeutet, habe ich im vorhin verlinkten Artikel umrissen.
Das alles setzt natürlich voraus, dass eine Immunität gegen SARS Cov-2 überhaupt für längere Zeit anhält – ob nun durchgemacht oder geimpft.
Untersuchungen dazu (Preprints eins, zwo) deuten auf eine moderat haltbare Immunität von acht Monaten oder mehr hin. Wobei man bei einer so jungen Viruserkrankung eine jahrelange Immunität auch nicht zweifelsfrei beweisen kann, mangels jahrelanger Evidenz; man kann sie maximal aus Vergleichen ableiten, und auch dabei wird man sehr vorsichtig sein.

Wir haben also mit der Impfung die Wahl auf einer Skala – pardon my French – zwischen bissi-gschissn und mega-gschissn.
Genauer:

  • Option 1:
    Vorsichtsmaßnahmen und ggf wiederholte “Lockdowns”, um das Infektionsgeschehen einzubremsen – denn selbst zum Ziel “Herdenimmunität auf dem alten Weg” kann man das Geschehen nicht unkontrolliert wüten lassen
  • Option 2:
    Uns locker machen, uns noch wahrscheinlicher anstecken, Coronainfektion ausbaden, zum Preis des individuellen Risikos der Krankheit selbst, ihrer Folgeerscheinungen; einer Überlastung unseres Gesundheitssystems und daraus folgend auch einer höheren Fallsterblichkeit.
  • Option 3:
    Uns über eine Impfung freuen und uns immunisieren. Dann zurück zu Option 1 bis zur Herdenimmunität.

Eine Option 0 namens “ALLes-HaPPy” steht übrigens seit Anfang 2020 nicht mehr zur Verfügung. Die Folgen einer Impfung oder auch anderer Maßnahmen damit vergleichen zu wollen, wie es vor der Pandemie war, mag zwar seelisch verlockend sein, um die Wirklichkeit auszublenden. Und vermutlich ist es deshalb auch ein gern genommener rhetorischer Trick der Schwurbler: einfach mal so tun, als gäbe es doch auch noch Option 0.
Aber die gibt es nicht, das ist naiv, unrealistisch und irreführend.

„Woah, NeBenWiRkUnGeN!!11“ ??
Willkommen im menschlichen Körper! Wenn sich Immunabwehr bildet, dann spürt man das.
Nach einer Infektion braucht das Immunsystem etwas Zeit, um den Feind zu identifizieren. Dann beginnt es, den Erreger zu markieren, um ihn beseitigen zu lassen, infizierte Zellen zu killen und den Abtransport zu organisieren, organismusweite Regimente aufzustellen und ortsständige spezifische Abwehr in gewissen Körperarealen zu bilden oder zu aktivieren, zB in den Schleimhäuten von Mund, Nase, Rachen und Lungen. Zytokine, B-Zellen und T-Zellen sind dann in voller Action, und dabei entsteht das Krankheitsgefühl: Fieber, Gliederschmerzen, Flüssigkeitsansammlungen und deren Auswurf.

Krankheitsgefühl beruht zu einem guten Teil also direkt auf dem Lösungsversuch des Körpers. Bei einer Impfreaktion fällt es weit milder aus als bei einer heftigen Infektion mit großer Viruslast. Der Körper muss nach einer Impfung nicht gegen eine ganze Armada an Feinden gleichzeitig kämpfen, sondern kann easy-peasy seine Abwehr in Aufstellung bringen.
Weil man sich aber impfen lässt, wenn man gesund ist, neigt man dazu, Impfreaktionen mit dem gesunden Zustand zu vergleichen, und – mangels Erfahrung – nicht mit einem kranken Zustand.

Trittbrettfahrer
Vom Immunitätsstatus der anderen profitieren diejenigen, die nicht immun sind.
Die fehlende Immunität kann – wie bereits erzählt – verschiedene Gründe haben:
ஐ noch nicht impfbar
ஐ gar nicht impfbar
ஐ impfbar, aber nicht impfwillig

Trittbrettfahrer vulgo Impfscheue profitieren zwar von der Herdenimmunität, wollen dazu aber nichts beitragen. Sie wähnen sich als wahre Helden und Heldinnen der Gesellschaft, weil sie meinen, das Risiko einer Infektion “voll auf sich zu nehmen” – was sie nicht tun, weil die Allgemeinheit auch für ihre Infektion aufkommen muss; und was sie nicht mehr müssen, sobald die Schwelle in den anderen Menschen auch ohne ihr Zutun erreicht ist. Ihr eigenes Risiko bewegt sich dann gegen Null, es sinkt natürlich auch schon davor, mit jeder Immunisierung eines anderen Menschen. Trittbrettfahrer sagen dafür auch nicht “danke”, sondern “selber schuld”. Wenn das alle täten, hätten wir gegen keine einzige Infektionserkrankung Herdenimmunität. Das ist, als wollte man in einem gemeinsamen Swimmingpool eine Pinkelzone einrichten.

Unsere europäische Welt mit einer weitgehend gegen vieles immunen Bevölkerung ist nicht vergleichbar mit einer Welt, in der sämtliche Infektionskrankheiten sich ungehindert ihren Vermehrungsweg durch die Menschheit bahnen würden. Und die Vorstellung einer solchen Welt ist uns auch nicht mehr präsent. Manche Krankheiten sind schon so lange her, die Immunität in der Bevölkerung so hoch, dass manche dann tatsächlich meinen: “Ach das, das hatten wir doch seit hundert Jahren nicht!” und meinen: “Dagegen braucht man sich doch nicht mehr impfen lassen!”

Dass sich so eine Welt heutzutage kaum jemand mehr vorstellen kann, ist durchaus ein Beweis, und zwar für die Geschichtsvergessenheit der Menschen. Aber nicht gegen die Sinnhaftigkeit von Immunität. Bias: Man verwechselt die Nichtverfügbarkeit eigener Erinnerung mit Nichtexistenz. Oder Harmlosigkeit.
Da wird die Impfung das Opfer ihres eigenen Erfolges. Die fehlende Erinnerung ist eine direkte Folge der erreichten und aufrechterhaltenen Herdenimmunität gegen sehr viele Krankheiten. Eine vermeintliche Harmlosigkeit daraus abzuleiten ist ein Fehlschluss. Präventionsparadoxon.

Ich kannte noch eine Frau, die ihren kleinen Sohn zwei Wochen vor seinem ersten Geburtstag an eine Abfolge von Masern, Lungenentzündung und Diphterie verloren hat, während sie selbst an Diphterie erkrankt war. Sie ist ihr ganzes Leben lang nicht richtig darüber hinweggekommen. Soviel zu Erinnerungen und fehlenden Erinnerungen.

Negative Effekte
Um die negativen Effekte von Immunisierungen auf dem Impfweg nicht unter den Tisch fallen zu lassen:
Natürlich gibt’s die, etwa wenn Krankheitserreger umsatteln auf eine andere Ausformung ihrer selbst, weil der bisherige Erreger de facto ausgemerzt ist, worauf die Herdenimmunität nicht mehr zum Erreger passt. (“Serotypen-Replacement”, zB bei Pneumokokken.)
Oder wenn Krankheiten sich in der Altersgruppe verschieben, weg von Kindern, hin zu ungeimpften Subpopulationen und/oder Erwachsenen, wo sie mitunter schlechter erkannt werden oder mehr Schaden anrichten (Mumps, Masern).
Und es gibt Impfkomplikationen, die zu Erkrankungen oder zum Tod führen, wenn auch sehr selten.

Negative Effekte ergeben sich aber auch durch Impfscheue, wenn die Durchimpfungsrate so weit absinkt, dass Ausbrüche wieder möglich werden, wie es etwa bei den Masern immer wieder vorkommt, vor allem bei uns in Europa, eingeschleppt dann auch in den USA.

Ein staatliches oder auch über-staatliches Interesse an der Entwicklung von Impfstoffen und die finanzielle Beteiligung an den Entwicklungskosten ist hingegen kein Grund für überbordende Skepsis. Denn würde ein beliebiger Staat keinerlei Interesse und keine Mittel dafür aufbringen, seine Bevölkerung zu schützen, dann würde das wohl ebenso verdächtig gefunden und angeprangert werden. Man kann aber nicht jemandem eine Handlung vorwerfen, deren Unterlassung man ihm genauso ankreiden würde.
Auch wenn ein Staat die Haftung für eine Impfung übernimmt, kann man das durchaus so sehen. Dazu später mehr.

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Corona – zwölf .. Heute ein (G)rant

Dieser Artikel ist Teil 12 von 14 in der Serie "Corona" ...

Ich bin wütend.
Wütend auf Leute, die Todesraten anzweifeln und immer noch von Fallsterblichkeiten unter 0,3% fantasieren. Die die Überlastung unseres Systems an allen Ecken und Enden nicht wahrhaben wollen und daher meinen, ein Lockdown wäre unnötig. Die behaupten, sie hätten Kontakt zu zweieinhalb Insidern, die meinen, die Situation in den Spitälern wäre nicht schlimm.

Auf Leute, die immer noch den Mythos “eh nur eine Grippe” glauben und “die Panik” übertrieben finden. Die aber vom Anschauen eines verfickten YouTube-Videos ein Angsti davongetragen haben und sich daher nicht impfen lassen wollen – weil der ExPeRtE darin nämlich, ebenso unverantwortlich wie selbstverliebt, schon aLLes weiß, während die Impfstudienbetreiber noch nichtmal ihre Ergebnisse fertiggeschrieben haben.

Die wirklich meinen, wir würden “auch so” zu einer Herdenimmunität kommen, weil ScHwEdeN!

In den Spitälern
hackeln sich tausende Menschen täglich seit März einen Buckel und ein lebenslanges Pandemie-Trauma für zu wenig Geld, zu wenig Respekt und zu wenig Wertschätzung. Ja, auch genau in diesem Moment. Sie müssen die Unbekümmertheit und Ignoranz solcher Leute ausbaden, in voller Schutzbekleidung, jeden Tag. Wie fühlen die sich wohl, wenn sie sich nach Schichtende anhören müssen, wie “übertrieben” die das alles finden und meinen, sie würden “das Risiko selber tragen”, während sie selbstgerecht auf ihrem Arsch sitzen?

Das Risiko tragen genau diese Menschen im Gesundheitswesen mit, ja, auch für diejenigen, die solchen Bullshit verzapfen, und sie sind sogar dann noch für die verantwortlich, wenn die längst auf den Bauch und ins Land der Träume befördert wurden und kurz mal nichts für übertrieben halten.

Die Menschen im Gesundheitswesen
Wenn die nicht mehr wollen, nicht mehr können, weil sie sich verarscht vorkommen – von Dienstgeber, Regierung, Nichtmal-Mehr-Balkonklatschern und solchen Ignoranzspezialisten wie beschrieben – und deshalb auf uns scheißen, was tun wir dann?

Und während ich mir sowas beklommen, aber meistens stumm überlege, reißen welche ständig weiter ihren Schlapfen auf. Sie merken nichtmal, dass sie auf dem Rücken anderer ihre Unfähigkeit austragen, die Realität zu akzeptieren. Statt die Augen aufzumachen und dankbar zu sein, dass sie sich dieser Corona-Wirklichkeit nicht tagtäglich in der ersten Reihe stellen müssen. Nein, da verbreiten sie ihre großspurigen Anschauungen auch noch in der Welt und fühlen sich dabei wohl sehr abgeklärt.

Bin sicher, die Intensivpfleger*innen und Ärzt*innen würden sehr gerne tauschen und auch lieber kRiTiScH dozierend auf ihrem Arsch sitzenbleiben.

Aber wer rettet dann unseren?

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Denken für Fortgeschrittene

Menschen sagen gern, sie würden über Hausverstand verfügen, der ihnen x oder y doch ganz klar sagt.
Sie halten das irrtümlich für logisch – und übersehen dabei, dass unser menschliches Denken voller Fallen und Missdeutungen ist.
Ein Nachtrag zu meinem Artikel über Kritisches Denken im Zuge der VeMy-Serie.

Unser Hirn ist daran gewöhnt, von jeweils einem Einzelereignis auf das große Ganze zu schließen, um zu lernen. Das ist nicht per se schlecht, riecht aber auch nach Verallgemeinerung und Vorurteil. Es hindert uns im weiteren Geschehen oft am genaueren Hinsehen, Bedenken und Differenzieren.
Und darauf basiert dann der “Hausverstand” und mitunter ein ganzes Weltbild, das nichtmal einen Tellerrand als Horizont hat.

Insbesondere unser “schnelles” Denken – also die erste Schätzung und Ansage, die unser Hirn zu einem Thema abgibt – ist derart fehleranfällig, dass man das von Rechts wegen eigentlich gar nicht als Denken bezeichnen dürfte. Und es findet unbewusst statt, es präsentiert nur die Ergebnisse.
(Es gibt für ganz besonders vertrottelte Fehlschüsse des Hirns, ganz abseits der Forschung, auch den wunderbaren Begriff “Sekundenschaf” :)

Selbst die Menschen, die sehr wohl um Denkfallen, um kognitive Verzerrungen wissen, müssen schwer trainieren, um sie auch tatsächlich zu reduzieren. Für die völlige Vermeidung von Denkfallen reicht das aber nicht, manchmal werden sie dadurch sogar noch verstärkt.

In der Wissenschaft gibt es nicht umsonst eine ganze Reihe standardmäßiger Maßnahmen, um Verzerrungseffekte auszuschließen:
Verum- und Placebo-Gruppe, Randomisierung, Doppelblindverfahren, Nichtdeterministische Experimente, Anonymisierung, Peer Review, Auswertung durch Unabhängige, etc.

Könnte man als Mensch tatsächlich lernen, davon völlig, dauerhaft und zuverlässig frei zu sein, dann würde es all diese Maßnahmen als dauerhafte Krücke gar nicht brauchen. Damit ist auch klar: Jemand, der von diesen Denkfallen nicht einmal etwas weiß, kann auch nicht ermessen, wie weit sein Hausverstand danebenliegen könnte.

Exponentielles Wachstum etwa kommt in unserem alltäglichen Geschehen eher selten vor im Vergleich zu linearen Vorgängen, und wird somit vom superduper Hausverstand massiv unterschätzt. Selbst bei längeren Überlegungen kommen Ungeübte mit Schätzungen nicht nahe an die Wirklichkeit, geschweige denn mit einem geistigen Schnellschuss. Ein nettes Video dazu). Vergleichsweise bekannt ist die uralte Geschichte mit den Reiskörnern auf dem Schachbrett (Für Ungeduldige: ab Minute 2:50).

Einige der beliebtesten Denkfallen
Wir halten am liebsten das für wahr, was unsere bisherige Anschauung bestätigt. Wenn wir recherchieren, dann geben wir jenen Inhalten den Vorzug, die uns genehm sind. Uneindeutige Information interpretieren wir als Bestätigung unserer Anschauung.
(Bestätigungsfehler, confirmation bias / myside bias; belief perseverence / Hartnäckige erste Hypothese)

Wir glauben zu diesem Zwecke praktischerweise auch gleich, dass Fakten, die unserer Überzeugung widersprechen, diese Überzeugung erst recht bestätigen würden.
(Backfire-Effekt)

Wir glauben auch so gut wie unbesehen das, was wir zu einem Thema als erstes gehört haben. Weil es zu diesem Zeitpunkt ja auch noch gar nichts zu besehen gibt (glauben wir). In weiterer Folge messen wir dieser ersten Information aber völlig willkürlich einen Wahrheitsgehalt zu, der weit höher liegt als der von nachfolgend erhaltener Information – wohl, damit es auch weiterhin nichts zu besehen gibt.
(Wahrheitseffekt – illusory truth effect)

In meiner Erfahrung ist das eine sehr starke Denkfalle – oder vielleicht auch nur die mir am stärksten bewusste: Ich spüre geradezu, wie trotzig sich mein Geist einer neuen Information widersetzt, die nicht zur ersten erhaltenen passt. Ich muss mich dann sehr streng daran erinnern, dass mein Hirn einfach nur grade quietscht: “Aber, aber… Die erste Information war anders!”
Manchmal mag es ja reiner Zufall sein, welche Information wir als erstes hören. Viel mehr noch dürfte es aber darauf beruhen, welche exklusive Quelle der Erstinformation wir vorab nach der “confirmation bias” für unser tägliches Update auserkoren haben. In Zeiten von Social Media ist der Effekt vielleicht durch die Zufälligkeit etwas abgeschwächt; andererseits ist innerhalb von “Bubbles” die Wahrscheinlichkeit für vorgefärbte Erstinformation immer noch hoch – oder sogar noch höher, für noch tendenziösere Anschauungen, die uns zumeist als Fakten präsentiert werden.

Damit nah verwandt: Wir finden, eine Zahl wäre “eh recht niedrig”, wenn uns zuerst eine höhere Zahl präsentiert wurde. Bei allen nachfolgenden Verhandlungen beziehen wir uns auf das Verhältnis zu diesem ersten Ankerpunkt.
(Ankerheuristik, anchoring bias)
Das tun wir hartnäckig, selbst dann, wenn die erste Zahl in einem völlig anderen Zusammenhang genannt wurde.
(Bahnung, Priming)

Wir neigen dazu, von unserer verfügbaren Erinnerung an einzelne Beobachtungen oder Zeitungsartikel pauschal auf die große Masse zu schließen.
(Verfügbarkeitsheuristik)
Unsere Erwartungen beeinflussen unsere Wahrnehmung und damit auch unsere Urteilskraft.
(Selektive Wahrnehmung; selective perception)

Wir glauben, wir wären besser dran, wenn wir nur ja nix verändern.
(Status-quo-Verzerrung)
Wir meinen, es wäre viel riskanter, etwas zu tun, als nichts zu tun.
(Unterlassungseffekt)
Und hinterher glauben wir, unsere Vorhersagen waren viel akurrater gewesen, als sie es tatsächlich waren.
(“nachha is ma immer gscheiter”, hindsight bias)

Wir sind extrem anfällig dafür, ein- und dieselbe Information komplett gegensätzlich zu interpretieren, je nachdem, in welcher Form sie uns präsentiert wird.
(Deutungsrahmen, Framing-Effekt)
Wir sind dabei sehr beeinflussbar über die Art und Weise der Argumentation, selbst wenn sie überdeutlich hinkt.

Wir bringen mehr Mitgefühl mit einer kleinen Gruppe von Individuen auf als mit einer großen Menge Leidender, die aber anonym bleiben.
(compassion fade)
Wir finden, andere müssten doch viel besser unsere inneren Vorgänge checken, als sie es tatsächlich können; und wir selbst würden umgekehrt wahnsinnig viel davon verstehen, was in anderen vorgeht.
(illusion of transparency (egocentric bias))

Wir glauben, bei anderen wäre ihr Verhalten in erster Linie eine Charakterfrage, während wir für unser eigenes Verhalten die äußeren Umstände als Erklärung bevorzugen.
(Attributionsfehler; fundamental attribution error, actor-observer bias)

“Das reimt sich sogar, und was sich reimt, ist wahr!”
(rhyme as reason effect)
Für wie beweiskräftig wir das halten, was unsere eigenen Emotionen uns einflüstern, muss ich hier vielleicht gar nicht mehr besonders betonen.

Dafür, dass wir Laien sind, halten wir uns für eh total gscheit; fatalerweise glauben Laien das, während Experten dazu neigen, ihr Wissen zu unterschätzen, weil sie um die wahre Komplexität des Themas wissen.
(Dunning-Kruger-Effekt)
Wir glauben, andere würden stärkere egozentrische kognitive Verzerrungen erleben als wir selbst.
(Naïve cynicism)
Und wir selbst wären von alledem unbeeinflusst.
(Verzerrungsblindheit, bias blindspot)

Dann glauben wir, wir hätten uns “umfassend informiert”, weil wir cirka zwei Kanälen folgen, die wir selbst nach allen obigen “Kriterien” ausgewählt haben.
(Vermessenheitsverzerrung)

Was wir wissen
All das ist nicht nur gleichzeitig vorhanden, sondern baut auch noch aufeinander auf. Das ist es, was sich hinter “Hausverstand” oft tatsächlich verbirgt.
Und wir glauben das alles auch noch “intuitiv” in seinem schlimmsten Sinn: ohne Rücksicht auf Evidenz und Logik, und ohne eingehendere intellektuelle Untersuchung. Halten uns dabei aber gern für ungemein objektiv.

Dass unsereins überhaupt einen sinnvollen Gedanken zuwege bringt, ist ein Wunder für sich.

Man darf dankbar sein, dass die Wissenschaft erkannt hat, wie sehr man vor diesen Biases / kognitiven Verzerrungen im Denkvermögen ständig auf der Hut sein muss. Sie hätte ja auch völlig verzerrt nur meinen können: “Wir wissen das jetzt eh, und damit is gut”. Dann wäre die Denkblase, innerhalb derer sich jede wissenschaftliche Fragestellung bildet und bewegt, noch weit anfälliger für ein Hinneigen zu vordefinierten Anschauungen und für falsche Bestätigung.

Wir Menschen haben keine Ahnung, was die Vögel einander erzählen. Wir kennen ca. 5% der Tiefseebewohner. Wir haben gecheckt, dass Pheromone eine Rolle spielen dürften, wenn staatenbildende Insekten miteinander kommunizieren – aber was die einander erzählen, um als winzigste Wesen riesige Aufgaben gemeinsam zu bewältigen – davon haben wir keinen Schimmer. Nein, wir dichten ihnen im Rahmen anthropozentrischer Denkfehler oftmals noch menschliche Eigenschaften an.

Dennoch nehmen wir oft den kurzen Weg des Denkens, finden uns eh ziemlich super dabei und halten uns unverdrossen für die “Krone der Schöpfung”.
Setzt man das in Beziehung zu unserem insgesamt oft vertrottelt wirkenden Herdenverhalten und zu unserer unausrottbaren Angewohnheit, unsere eigenen Lebensräume zu zerstören und die der anderen Lebewesen gleich mit – dann ist diese Vermessenheit geradezu lachhaft.

Ein wenig mehr Demut wäre wirklich angebracht. Man könnte beim eigenen Denkvermögen anfangen. Ganz unvoreingenommen :)

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Als Lektüre dazu empfehle ich:
“Schnelles Denken, langsames Denken” (“Thinking, fast and slow”) von Daniel Kahnemann, mit jeder Menge Erklärungen, Beispielen und teils sehr kreativen Studien zum Thema.
ஐ Eine kürzere Form hat Rafael Bucheggers “Irren mit Hausverstand”.

Man kann aber auch erstmal diverse Listen in der Wikipedia studieren:
Kognitive Verzerrung – Begriff
Liste kognitiver Verzerrungen
English: List of cognitive biases (Die englische Liste ist umfangreicher)
English: List of psychological effects (In der deutschen Wikipedia gibts nur einzelne Artikel zu einigen der Effekte)

Artikel

Corona – elf .. Habs ausgerechnet

Dieser Artikel ist Teil 11 von 14 in der Serie "Corona" ...

Ein paar Berechnungen zur Fallsterblichkeit und Herdenimmunität

Wann ist die Herde denn nun endlich immun?
Das medizinische Zeitalter der Impfungen hat eine Ära eingeläutet, in der viele Infektionskrankheiten eingedämmt oder komplett zum Verschwinden gebracht werden konnten, ohne dass eine gesamte Bevölkerung die Infektion erst erleiden musste. Im Kampf gegen Infektionskrankheiten hat sich gezeigt, dass in der Bevölkerung ein bestimmter Anteil an immunen Menschen erreicht werden muss, damit für solche Krankheiten keine größeren Ausbrüche mehr auftreten oder diese Krankheiten in bestimmten Regionen sogar für ausgemerzt erklärt werden können.

Für diesen Prozentwert der Bevölkerung gibt es in der Infektiologie den Begriff der
Herden-Immunitätsschwelle (HIT = “herd immunity threshold”)
Wie hoch diese Immunität in der Bevölkerung sein muss, ist u.a. davon abhängig, wie ansteckend eine Krankheit ist. Je ansteckender, desto höher muss der Anteil der immunen Menschen in einer Gemeinschaft sein, damit es nicht zu Epidemien kommen kann. Und natürlich kommt’s drauf an, wie lange Kranke zwar schon ansteckend, aber noch symptomfrei sind.
(Wikipedia für Infos zum genauen mathematischen Zusammenhang)

Für höchst ansteckende Infektionskrankheiten wie Masern oder Keuchhusten liegt auch die HIT sehr hoch: 92-95% bei den Masern, 92-94% bei Keuchhusten. Bei der Influenza ist der Wert niedrig, nur 33-44% müssen immun sein, damit auch die übrige Bevölkerung vor einer fatalen Epidemie geschützt ist. Für andere Krankheitserreger sind die HIT-Werte irgendwo dazwischen angesiedelt.

Wird innerhalb der Bevölkerung diese ausreichend hohe Immunität erreicht, dann kann der jeweilige Erreger im Menschen kaum noch überleben, und sein Auftreten wird so selten, dass eine Infektion für den einzelnen Menschen so gut wie ausgeschlossen ist.

Sinkt hingegen die HIT auf einen Wert unterhalb der nötigen Prozent – zB aufgrund von verabsäumten Auffrischungen, oder in Communitys mit religiösen oder sonstigen Bedenken – dann sind lokale Ausbrüche möglich, die dann alle gefährden, die nicht immun sind. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Impfaktionen gut geplant und durchgeführt werden, um die nötigen und angestrebten HIT-Werte auch zu erreichen.

Für Covid-19 beträgt die geschätzte Schwelle HIT zwischen 60% und 80%. So viele müssten also immun werden, damit wir die Krankheit loswerden.

Es ist klug, gemeinsam mit der Gesellschaft für hohe Immunität in der Bevölkerung zu sorgen. Weil dadurch auch Menschen geschützt werden, die nicht immun sind:

Menschen, die nicht geimpft werden können:
Bei Vorerkrankungen oder Behandlungen, die das Immunsystem schwächen, kann oft nicht geimpft werden. Leukämie, Knochenmarkkrebs, HIV; Chemo- oder Bestrahlungstherapie, Therapien gegen Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, Multiple Sklerose, Zöliakie, etc.; Risikopatienten
Menschen, bei denen eine Impfung keine Immunreaktion ausgelöst hat:
Die Effektivität von Impfungen erreicht nie 100% der Geimpften. Daher muss auch die Durchimpfungsrate immer etwas höher liegen als die Schwelle HIT.
Selbst wenn euch die vorgenannten Menschen alle wurscht sein sollten:
Babys sind euch doch sicher nicht wurscht? Babys können nicht sofort gegen alles geimpft werden, wenn sie zur Welt kommen. In den Monaten bis zur möglichen Impfung haben sie wenig oder gar keine Immunabwehr gegen Infektionen und sind gefährdet, wenn zu viele andere nicht-immune Menschen in der Welt rumrennen.

Freilich kann eine Herdenimmunität grundsätzlich auch auf dem “alten Weg” erreicht werden – dem Infektionsweg. Allerdings muss man dazu auch die Sterblichkeitsrate in die Überlegungen einbeziehen.

Fallsterblichkeit Covid-19
Hier der Link zu einer großen Meta-Studie der geschätzten Fallsterblichkeit bei Covid-19.

Die Studie nennt keinen finalen Prozentwert, sie kommt vielmehr zu dem Schluss, dass die Infektionssterblichkeitsrate (IFR für “infection fatality rate”) nicht als fixer Wert betrachtet werden kann, sondern davon abhängig ist, wie gut die Risikogruppen geschützt werden. Die Fallsterblichkeit nach Altersgruppen ist darin wie folgt angegeben:

Altersgruppe – IFR:
00-34 – 0,01%
35-44 – 0,06%
45-54 – 0,20%
55-64 – 0,70%
65-74 – 2,20%
75-84 – 7,30%
85+ – 27,10%

Dass die Fallsterblichkeiten je nach Land unterschiedlich sind, auch in der Meta-Studie, liegt natürlich an mehreren Faktoren:
Die Qualität der medizinischen Versorgung spielt eine Rolle, die Bewältigbarkeit der gleichzeitig auftretenden Fälle, aber offenbar eben auch unterschiedliche Altersstrukturen und unterschiedliche Infektionsraten innerhalb dieser Altersgruppen – sicher auch je nach Zeitpunkt der einzelnen Studie. Obendrein überschneiden sich die Risikogruppen “Menschen mit Vorerkrankungen & Risikofaktoren” und “Ältere Menschen” zwar, sind aber bei weitem nicht deckungsgleich. Oder, wie @DocJosiahBoone immer wieder betont, “Es sind nicht ‘nur’ die Alten!”

Und diese Altersgruppen in Österreich?
Ich hab mal in meinem Milchmädchen-Excel die IFR-Werte aus der Meta-Studie auf unsere österreichische Demografie nach Alter übertragen und gewichtet:
Es ergibt sich daraus eine Fallsterblichkeit für Covid-19 von 1,55%. Das passt mit den Infektions- und Sterbezahlen recht akurrat zusammen, wenn man die Neuinfektionen der letzten 2 Wochen abzieht (denn durchschnittlich sind die Menschen, die an Corona versterben, vorher erstmal 12-14 Tage krank): 1.600 Tote auf 109.000 Infizierte ergibt 1,46%.
Je schneller das Infektionsgeschehen, je mehr Neuinzidenzen, desto kleiner sehen die Todeszahlen im Verhältnis zu den Gesamtfall-Zahlen aus – davon sollte man sich nicht täuschen lassen.

Erstens: 70% HIT – Wie viele Menschenleben kostet das?
Wollten wir in AT nun tatsächlich ohne Impfung eine HIT zwischen 60 und 80% erreichen – nehmen wir eben 70% – dann bedeutet das erstmal:
72% müssen sich infizieren – man muss “über-infizieren”, weil die Infektion ja Todesopfer zur Folge hat, die hinterher nicht immun sind, sondern tot, und damit nicht mehr zur anteiligen Herdenimmunität beitragen. Verteilt man die 72% gleichmäßig über unsere Bevölkerung, dann fordert das insgesamt 6,36 Mio Infizierte – und davon 98.654 Tote.
Von diesen Toten entfallen mindestens 8.000 auf Menschen im arbeitsfähigen Alter. 1,59 Millionen Menschen hätten Langzeitfolgen, die auf 20-30% der infizierten Fälle geschätzt werden.

Würden sämtliche Einwohner Österreichs infiziert, müssten wir sogar mit 137.979 Toten rechnen.

  • Ausflug 1: Rechnerische Verschiebung:
    Würde man versuchen, das Risiko der älteren Altersgruppen etwas zu den Jüngeren zu verschieben* – dann könnte man diese Todeszahl vielleicht auf 62.400 drücken.
    *”Verschieben” im Sinne von: Bei der ältesten Gruppe eine Infektionsrate von nur 37%, bis hin zu 91% bei der jüngsten mit dem geringsten Risiko – dies aber nur rein rechnerisch. Eine 37%ige HIT innerhalb einer Altersgruppe, die ja viel mit Gleichaltrigen zusammenkommt oder sogar zusammenlebt, wird wohl nicht reichen, wenn der angestrebte Wert eben 70% sein soll. Noch ein Grund also, warum “Risikogruppen schützen” allein nicht reichen wird. Mit einer Impfung kann man diese Gruppe sicher besser und risikoärmer schützen.
  • Ausflug 2: Tiefer ins Land der rechnerischen Möglichkeiten, der plakativen Wirkung wegen:
    Wollte man hingegen das Risiko der einzelnen Altersgruppen, das jetzt ja sehr ungleich verteilt ist und nur im Schnitt 1,55% beträgt, komplett kommunistisch auf alle verteilen, sodass es pro 100.000 Einwohnern jeder Altersgruppe jeweils dieselbe absolute Zahl an Toten fordern würde – dann könnte das die Gesamtzahl der Todesopfer auf 11.000 reduzieren. Bezieht man die geringe Fallsterblichkeit der jüngeren Gruppen in diese Berechnung aber mit ein, dann bräuchten wir dafür vor allem Folgendes…
    wait for it…
    40 Millionen freiwillige zusätzliche Einwohner in den jüngsten Altersgruppen (0-44).
  • Eine Umverteilung des Risikos ist also nur bedingt möglich, wenn überhaupt. Die Immunitätsschwelle von 70% in der Bevölkerung zu erreichen wäre eben nur unter großen Infiziertenzahlen möglich (klar) – und somit eben auch mit einer hohen Anzahl an Gestorbenen.

    Zweitens: 70% HIT – Wie lange dauert das?
    Dennoch müssten für eine Herdenimmunität – trotz dieser großen Opfer – die Infektionen unbedingt über längere Zeit verteilt auftreten, weil das Gesundheitssystem das sonst schlicht nicht stemmen könnte. Bei inadäquater Behandlung würde die Fallsterblichkeit steigen, und auch die Ausbreitung würde unkontrollierbar.
    Von 98.654 Todeskandidaten wären wohl fast alle zuvor im Krankenhaus, viele davon auf Intensiv. Des geht si net in zwa Wochn aus.

    Also müssten sich die 6,36 Mio. Infektionen derart langsam ausbreiten – sagen wir mit so ca. 8.000 Neuinfektionen pro Woche(!) – nicht pro Tag wie derzeit! – dass nie mehr als 6.000 Covid-19-Patient*innen gleichzeitig im Spital sind – was viel ist, derzeit sinds 4.000.

    Das dauert dann ein bisserl: Wir wären mit dem so scheußlich klingenden “Durchseuchen” ungefähr in 15 Jahren fertig.

    (Platz fürs Wirkenlassen)

    Man könnte an dieser Stelle, weil’s eh schon absurd geworden ist, auch sagen, in 15 Jahren werden aber eh auch eine ganze Menge neuer Menschen geboren!

    Selbst wenn man die angestrebte HIT bei nur 60% ansetzen würde und sich wöchentlich 20.000 Menschen infizieren “dürften” – die Durchseuchung würde immer noch über 5 Jahre dauern.

    Und wenn man – uuuh, und hier betrete ich jetzt sehr dünnes Eis, bitte um Nachsicht, es ist nur eine Berechnung – versuchen würde, die Herdenimmunität nur innerhalb der älteren Gruppen zu bilden und die Jungen schützen würde: Auch das würde – bei 8.000 Infizierten pro Woche und 70% HIT – 3 ganze Jahre dauern. Wir hätten dann 89.735 Tote zu beklagen, das wären 7% der Infizierten. Die jetzt noch 62jährigen wären dann am Ende übrigens auch schon in der Gruppe 65+ angelangt!

    Abgesehen davon, dass der Infektionsprozess sich ohnehin nicht auf einzelne Gruppen isolieren lässt, ist also keines der Berechnungsmodelle auch nur annähernd machbar. Wie wir gesehen haben, ist es mathematisch recht leicht nachvollziehbar, dass man in England oder auch in Schweden von der Idee der Durchseuchung ohne Impfung schnell wieder abgelassen hat.

    Echt jetzt, gegen diese Zeitspannen und Todeszahlen sitzen wir doch die paar Monate oder sogar über ein Jahr auf einer Arschbacke ab – die Zeit, die es dauert, bis es die Impfung gibt, bis sie ausreichend verifiziert und sicher genug für alle ist, und bis dann auch tatsächlich alle durchgeimpft sind.
    ABER: Bis dahin müssen wir uns und unsere Mitmenschen schützen!

    Ich erinnere daran, dass es in meinen Berechnungen rein um das Todesrisiko ging. Das Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung ist für alle Altersgruppen höher. Und niemand will künstlich beatmet auf einer Intensivstation liegen.

    Wir wissen nix.
    Durch ein zu schnelles Infektionsgeschehen werden auch wichtige Studien verhindert. Für die gezielte Nachverfolgung und Sequenzierung einzelner Reinfektionen etwa ist es offenbar im Moment einfach zu stressig. Wir wissen also auch noch gar nicht wirklich, wie lange eine Immunität nach durchgemachter Infektion überhaupt anhält, und warum sie das in einzelnen Fällen nichtmal ein Jahr lang tut. Das wissen wir freilich auch bei einer Impfung noch nicht.

    Was ist dann fix?
    Sicher ist, dass es menschlich und wirtschaftlich günstiger sein dürfte, innerhalb zB eines Jahres 70% der Menschen durchzuimpfen, als 1,25 Mio oder mehr Menschen im Spital gegen Covid-19 zu behandeln. Von den anderen 4,9 Mio Infizierten wären mindestens 3 Mio im arbeitsfähigen Alter und dann zum Teil wochenlang im Krankenstand. Auch Ärztinnen, Krankenpfleger, Heimhilfen, Wissenschafterinnen und Sanitäter. Kindergärtner, Lehrerinnen und Kassadamen. Und alle anderen, die wir brauchen. Männer und Frauen und alle dazwischen und Kinder sind mitgemeint.

    Daraus folgt:
    Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 sind nötig, wichtig und unverzichtbar für unsere Gesellschaft. Wer sie für sinnlos hält, sollte mal sein Excel anwerfen und selber nachrechnen.

    ifr-hit-at-202011
Artikel

Corona Zwonull

Dieser Artikel ist Teil 10 von 14 in der Serie "Corona" ...

Ähnlich “flexibel” wie in der Frage der Geflüchteten ist wohl auch eine Solidarität mit jener Gruppe gedacht, die derzeit weiterhin in Öffis zu ihrem Arbeitsplatz gurken und sich da wie dort mit allerlei Corona-Sorglosen herumschlagen muss. So “flexibel” gemeint ist sicher auch die Soli mit den Lehrerinnen und Lehrern, den Betreuerinnen und den Kindern.

Die Zahlen der Neuinfizierten und Hospitalisierten gehen seit Wochen durch die Decke, die der Verstorbenen auch. Währenddessen brieft die offizielle Kommunikation durch Regierung und AGES seelenruhig an der wissenschaftlichen Wirklichkeit vorbei auf Verharmlosung – auf “Labortsunami” und “Kinder sind nicht gefährdet”. Sie verleugnet Aerosole genauso wie asymptomatische Fälle und will die Quarantänezeit auf eine Frist verkürzen, in der noch nichtmal die Inkubationszeit richtig vorbei ist.

Die ÖGK-OÖ findet nix dabei, Kinder weniger zu testen und mit Husten in die Schule zu schicken, setzt asymptomatisch fatalerweise mit “nicht ansteckend” gleich und will dabei gar eine “Entdämonisierung” des Virus herbeischreiben, während von Apfalter/AGES der Privatbereich dämonisiert wird als der Ort, an dem sich alle anstecken würden.
Wodurch die Schulen und Arbeitsplätze wohl als total sichere Orte dastehen sollen. Und da soll sich nicht vielen die Frage aufdrängen: Warum sollen wir dann ausgerechnet da bleiben – daheim?

“Weiterhackeln und in die Schule gehen”, so lautet die Botschaft. “Wir müssen stark bleiben” steht zwischen den Zeilen.

Insofern schlägt diese systematische Verharmlosung aus den letzten Wochen zielgenau in die Kerbe der neoliberalen Fabel von Stark & Schwach, in der ja auch noch nie schade war um die “Schwachen”.

Daher sind die Sorglosen derzeit damit beschäftigt, ihr positives Selbstbild zu erhalten: “Bin STARK! Uga, uga!”. Und befinden daher etwa, Risikogruppen sollen sich “doch selber schützen”. Man könne ihnen ja “FFP2-Masken gratis geben”. Damit sei dann aber auch genug getan. So großzügig wären sie, die “Starken”, damit sie nur endlich wieder ihr(!) Leben leben können – ihren wahnsinnig wichtigen Jobs nachgehen, ohne dass ihnen die “Schwachen” weiter im Weg rumstehen.
“Oder ist das schon Sozialdarwinismus?”, wird dann unschuldig hinterhergefragt – so wäre die Antwort tatsächlich unklar. Und, da würd ich wetten, bei denen, die jetzt grad so dringend drüberstapfen müssen über diese “Schwachen”, geht’s sicher nicht ums nackte finanzielle Überleben.

Missachtung ist auch ansteckend: Die Ausgangsbeschränkungen und Maßnahmen werden, sobald auch nur drei Missachter gesichtet wurden, gern wie folgt kommentiert: “Wenn die sich nicht dran halten, dann halt ich mich aber jetzn auch nimmer dran”.
Bitte. Werdet. Erwachsen!

Haken:
Viele wissen gar nichts von ihrem Risiko. Von Vorerkrankungen. Von zu hohem Blutdruck. Schon Männlichkeit an sich scheint bei Covid-19 ein gewisses höheres Todesrisiko darzustellen. Übergewicht ist ein Risikofaktor.
Niemand kann wissen, wie sein Körper tatsächlich mit einer Infektion zurechtkäme. Wollen wir wirklich alle, Mensch für Mensch, herausfinden müssen, wer zu welcher Gruppe gehört?
Oder lassen wir diese künstliche und fatal irreführende Unterteilung endlich mal los und verhalten uns solidarisch?

Man kann sich nicht selber schützen, genausowenig, wie man sich integrieren kann – nicht ausschließlich und einseitig. Es ist ein Prozess auf Gegenseitigkeit, keine Bringschuld.
Wären ausschließlich Risikogruppen mit Corona infiziert, wäre die Diskussion wohl (nochmal) eine ganz andere. Aber sich selbst für so stark und wichtig halten, und potentiell infektiös herumrennen, als gäbe es keine anderen Menschen auf der Welt, während man Selbstschutz von genau diesen anderen einfordert – das ist extrem ignorant und an Arroganz nicht zu überbieten. Niemand kann sich selber schützen, während der Großteil der restlichen Bevölkerung meint, sie wäre auf selbsthypnotische Weise unverwundbar.

Haken 2, für den viele anscheinend absichtlich komplett blind sind:
Die ach-so-vernachlässigbare Gefahr, an Corona zu sterben, wird rasant in die Höhe schnalzen, wenn wir die Kapazitäten in der Medizin erstmal ausgereizt haben. Wollen wir das wirklich sehen?
Und muss ich erwähnen, dass eine Corona-Erkrankung auch dann sicher kein Ponyhof ist, wenn man das Verrecken auslässt?

Ähnlich “flexibel” meint es unser Herr Gesundheitsminister dann wohl auch seine Schuldzuweisung, wenn er uns über Social Media mitteilt, die bösen Partys vor dem Lockdown in OÖ wären schuld an den Infektionszahlen. Die vor einer Woche, was man so hört, stattgefunden haben sollen.

Es fehlen Vorgaben zum Arbeitnehmerschutz. Es gibt keine rechtlichen Grundlagen für Homeoffice. Schüler und Lehrerinnen, Schülerinnen und Lehrer werden mit halbgaren Empfehlungen und Verharmlosungen alleingelassen. Die Eltern werden nämlich an anderer Stelle gebraucht – und daher einfach für dumm verkauft.
Dazu passend sabbelt die AGES-Gebetsmühle von den Kindern, die keine Rolle im Infektionsgeschehen spielen sollen (gefälligst). Und die ÄKOÖ von Kindern mit Symptomen, bei denen es ja “quasi eh meistens doch was anderes is (manchmal halt nicht (is aber echt selten (bisher (soweit wir dazu überhaupt Zahlen haben (weil man sie ja nicht testen braucht)))))”.

Was ich heute gesehen hab, sind die Infektionszahlen derzeit bei den 5-14jährigen höher als bei denen 75-84jährigen. Und wenn man dazu noch davon ausgeht, dass Kinder empfehlungsgemäß weniger getestet werden…

Das alles, während inneralpin optimistisch “Saisonstart 4. Dezember!” verkündet wird.
“Aber bis dahin bleibts halt am Abend schön zaus, gell? Dann wird sicher alles gut.”

Das mehrfach angerufene “Licht am Ende des Tunnels” ist ein herannahender Zug, Herrschaften.
Den ganzen Sommer verschlafen, dann aufwachen und bei der Aktualität der Forschungsergebnisse um Wochen zurückliegen. Dazupassend kaum wirksame Maßnahmen ergreifen und durch die Organe der AGES verharmlosende Worte verkünden lassen, während die internationale Wissenschaft ganz andere Erkenntnisse hat.
Einfach so tun, als wäre das österreichische Virus a bisserl anders als im Rest der (forschenden) Welt.

“Wir geben euch unvollständige Zahlen und tendenziöse Richtlinien ohne Angabe unserer Strategie und Agenda, und ihr übernehmt dann auf deren Basis bitte die Eigenverantwortung.”
Was?

Und dann den Menschen und ihren verderbten Privatleben die Schuld zuschieben? Das ist ein argumentativer Spagat, bei dem man sich ganz leicht die empfindlichen Teile im Schritt beleidigen kann.
Apropos Eier:
Von einem Gesundheitsminister würde ich mehr erwarten, um sich gegen Schönfärberei und Message Control zu stellen, wenn’s um die Gesundheit des Volkes geht. Aber sicher kein “Mimimi, immer sucht ihr die Schuld bei der Politik!”

Zuerst wird im März Angstmache betrieben, dass die Hälfte genug wär – und dann bei der zweiten Welle verharmlost, weil andere Lobbys irgendwie lauter sind?
Und dazwischen gibt’s nix?

Christian Drosten sagt in seiner Schiller-Rede:

Je besser wir alle das Virus und die Pandemie verstehen, desto eher können wir eigenverantwortlich die richtigen Entscheidungen für unser Verhalten treffen.
[…]
Gerade weil es auf unser persönliches Verhalten ankommt, brauchen wir verlässliche Informationen.
[…]
Daher ist die wissenschaftsbasierte Information der Öffentlichkeit für mich eine genauso wichtige Strategie im Kampf gegen das Virus wie die Entwicklung eines Medikaments oder Impfstoffs.

Bei aller Gläubigkeit an die Allmacht der PR, die Wirklichkeit endlos zurechtzubiegen, sollte man eins nicht übersehen: Der Placebo-Effekt der frommen Wünsche reicht hier nicht. Das Virus lässt sich nicht zum Politikum machen, das treudoof den Spins eurer Doktoren folgen würde.

Drosten:

Es ist da. Es wartet auf seine Gelegenheit, und es wird sie nutzen, wenn wir nicht dazwischenschlagen. Es verhandelt nicht und geht keine Kompromisse ein.

Dem Virus ist komplett wurscht, welche Behauptungen die Politik aufstellt.
Den Menschen hingegen nicht: Die kolportierte Halbwahrheit führt dazu, dass viele die Gefahr unterschätzen und sich für risikobefreite Ausnahmen halten (uga-uga!). Und dass viele sich zurecht verarscht fühlen, wenn sie komplett auf ihr Privatleben verzichten sollen, während sie den weit größeren Teil des Tages die Aerosole ihrer Bürokolleg*innen einatmen – mit denen sie das Maskentragen oder Fensteröffnen auf eigene Faust ausdiskutieren müssen, weil niemand sie dazu verpflichtet und auf Aerosole hingewiesen hat. Die sich am Abend fragen, ob sie jetzt wohl gerade ihr Kind anstecken oder umgekehrt.

Drosten weiter:

Je mehr ich mich als Individuum aus freien Stücken verantwortlich verhalte, desto weniger Anlass gebe ich dem Staat, ins gesellschaftliche Leben einzugreifen. Je unbedachter und egoistischer ich aber handele, desto eher muss der Staat meine Freiheit beschränken, um das Gemeinwesen wie auch das Wohlergehen der anderen Menschen wirksam zu schützen.

Dazu muss dem Menschen – und zwar auch noch dem allerdoofsten – aber erstmal unmissverständlich klargemacht werden, was verantwortliches Verhalten bedeutet – nämlich nicht nur Eigenverantwortung. “Eigen” heißt für viele einfach nur “endlich Ich-ich-ich!” – und damit: “Mich triffts ja eh nicht, weil stark, und wenn doch, bin ich ja immer noch stark (uga!). Die anderen dürfen mir jetzt also auch ganz offiziell wurscht sein.”

Nein, Eigenverantwortung ist nicht genug. Verantwortung besteht auch für jede Ansteckung, die man verursacht, weil man sich selbst(!) für so stark hält, dass man nicht mehr geradeaus denken kann (geschweige denn “quer”).

Klar kann man auch warten, bis die Auslastung der Intensivbetten erreicht ist – oder vielleicht besser gesagt: die Auslastung des Intensiv-Personals – bevor man dann sagt: “Upsi! Wer is jetzt gach als nächstes schuld gewesen? Familienfeiern und Garagenpartys hatten wir leider schon… vielleicht die Lehrer? Die verantwortungslosen Dienstgeber? Die bösen Shopper?”
Ist dann halt scheiße.

Eines ist nämlich nie gewiss in dieser Unkultur des Anpatzens bei jeder Gelegenheit, bei gleichzeitiger Pflege der eigenen weißen Weste: Wie die Gruppe der Schuldigen am nächsten Tag heißen wird. Also Obacht!

Eigenverantwortung wird aber auch als vermeintliche Vorgabe an die Risikogruppe aufgefasst: “Die sind eine Last, die sollen sich selber kümmern.”

Das ist Wasser auf die Mühlen dieser scheiß-selbstgerechten Truppe aus rücksichtslosen, ignoranten, vermeintlich “Stärkeren”, die sich für “ihres Glückes Schmied” und darob für beansprucht halten, andere prinzipiell für selber schuld zu erklären und daher an deren Unglück noch mitzuschmieden – weil’s eh schon wurscht is.

Es gibt mit dieser Truppe eine wohl nicht unwesentliche Schnittmenge zu denen, die zum totalen Waschlappen werden, wenn sie selbst mal irgendwas haben. Etwas, das ein bisschen länger wehtut als zwei Tage, was sie auch nur ein wenig einschränkt. Etwas, bei dem sie sich noch nicht mal mit der Rücksichtslosigkeit der Welt auseinandersetzen müssen, sondern erstmal nur mit ihrer eigenen Verdatterung über die so jäh verlorene Unverwundbarkeit. Die komplett versagen, wenn sie mal selbst für das eigene Unglück verantwortlich sein sollen, und denen dabei natürlich nicht das geringste Stück Humor bleibt. Die aber innerhalb weniger Stunden schon allerlei Ansprüche an ihre Umwelt anmelden.

Nun ist es nicht grad so, als hätte man das zB als Mitglied einer Risikogruppe im Leben nicht schon oft genug zu spüren bekommen:
Dass man mit seiner chronischen Krankheit, seiner Behinderung, mit seiner eingeschränkten Performance in allerlei Lebensbereichen eh schon großzügigerweise gerade so toleriert werde; dass man prinzipiell freilich mit seinen Bedürfnissen schon auch gesehen werden können würde, nur eben jetzt grad nicht, weil andere Dinge wichtiger, und weil Rücksichtnahme und Einbeziehung in die Überlegungen für ein “Gemeinsam” ein rares Gut seien, auf das man eben nicht immer* pochen könne.
*nie

Und dass man doch bitte wenigstens ein bisschen humorvoller damit umgehen könne, wenn man schon aufmerksamerweise mit Wuchteln über den eigenen Zustand “aufgemuntert” wird. “Ich würde ja nicht gleich meinen Humor verlieren, wenn ich krank wäre”, sprach der Gesunde beleidigt zur chronisch Kranken und fand sich dabei sehr gerecht.

Ja, es gibt im Privatleben gschissene Begegnungen, die man sich lieber erspart hätte. Vereinzelte Erscheinungen von Ignoranz und Egoismus dürfen aber kein Maßstab dafür sein, wie weit es im Niveau nach unten gehen darf. Es tut mir sehr weh, wenn ich dann auch im Kollektiv als weniger wert eingestuft werde; als jemand, der anderen nur im Weg ist – und genau das passiert da draußen gerade. Von einer aufgeklärten, humanistischen Gesellschaft erwarte ich mehr Vorstellungskraft für andere Lebenswirklichkeiten als ein lapidares “Dann sollen sie sich eben selber schützen”. Marie-Antoinette ist tot, und wir haben 2020, nicht 1783. Und selbstverständlich auch nicht 193x. Jedes Leben ist gleich lebenswert und schützenswert.

Wir sind mit einer Regierung geschlagen, die einfach die Mitte zwischen Angstmache und Verharmlosung nicht findet: Eine fachgerechte Konzentration auf die Sache, auf aktuellste Erkenntnisse, transparente Zahlen, die auch der Forschung voll zugänglich sind. Zahlen, die nicht durch Fehleinschätzungen und durch wiederum darauf fußende Richtlinien immer weiter in die gewünschte Richtung gefärbt werden. Spürbare Transparenz und Aktualität in der Kommunikation der bekannten Fakten, der Pläne und Grundlagen für Maßnahmen.
Akurrate und gleichzeitige Informationen für alle. Unverzerrt von wirtschaftlichen Lobbys, frei von parteipolitischem Kleingeldmachen und Schienbein-Getrete.
So könnte verantwortungsvolle Politik u.a. aussehen.

Nein, sie riskiert lieber, dass es den Anschein hat, als würden die Spitäler im Budget 2021 schlechter finanziert als 2020. Aber das ging dann eh wieder in den Dementi unter.

Wohingegen so ein Terroranschlag ja sofortige Sichtbarkeit für alle generiert. Und wenn die Leute sich noch so sehr darüber aufregen – sie konnten es sehen, auf ihren Bildschirmen, inklusive exklusiver Blutlachen! Da besteht plötzlich keinerlei Zweifel mehr an Echtheit und Ernst des Geschehens. Wir kriegen doch heute jeden Scheiß als Video direkt in unser Wohnzimmer geliefert, von so mancher Nachrichtensendungen sogar unangekündigt, sodass man es nichtmal schnell genug abschalten kann, auch wenn man sowas erfahrungsgemäß in seiner Seele wochenlang nicht mehr loswird.

Die Berichterstattung erspart uns selbst die Aufmärsche der Schwurbler und Verleugner nicht, die mit dem Pochen auf ihre FrEiHeiT ganz zufällig die Freiheit anderer mit Füßen treten, die freiwilligen Einschränkungen und Bemühungen vieler zunichte machen, die sich und andere nicht anstecken wollen.

Wo also bleiben die Videos aus den Intensivstationen? Vom verschwitzten Personal in Schutzanzügen, von den Erkrankten an Beatmungsgeräten, ohne Besucher, ohne Bewusstsein, ohne Wahl und ohne Lobby? Der verblödete Teil der Menschheit glaubt doch nur, was er sieht – und davon auch nur das, was er nicht zugunsten einer alternativen Wirklichkeit verleugnet.

Wer überleben will, sollte die Wahrheit kennen.

Man darf jedenfalls gespannt bleiben, wieviel die ultimativ zynische Parole unter den Sorglosen in ein paar Wochen noch wert sein wird.
Sie beginnt mit “Uga!” und endet auf: “Ich bin eh Privatpatient.”

Artikel

Gegen irreführende Rhetorik

Ein Blick auf ein Ungetüm von Wortkombination. Mit hochgezogener Braue.

Es geht um die unsägliche “flexible Solidarität”, die euer Kanzler im September wieder bemüht hat, um die Forderungen nach Aufnahme von geflüchteten Kindern in Wien zu zerstreuen.

Stellen wir uns eine hilfsbedürftige Gruppe von Menschen vor.
Worauf wollen diese Menschen sich verlassen, wenn es um Hilfe geht?
Dass sie “vielleicht” kommt? “Flexibel” über ihr Erscheinen entscheidet? Daher “eventuell auch nie” kommt?

Nein. Sie brauchen Verbündete. Bei “Verbündete” muss man nicht ergänzen, dass es sich um zuverlässige Verbündete handeln sollte.
Genausowenig muss man bei Solidarität etwas dazusagen. Solidarität ist, oder sie ist nicht.

“Flexibel” ist ein Unwort aus dem individuellen Konkurrenz-Kapitalismus. Wohlbekannt aus Inserat und Anforderungsprofil: Die idealen Einzelkämpfer-Angestellten in ein Adjektiv gegossen – jederzeit bereit, ihr Familienleben, ihren Wohnort, ihre Gesundheit und alle privaten Pläne zu opfern, um den Anforderungen der FiRmA stets und sofortigstens nachzukommen.
Das “Flexibel”, das da verlangt wird, ist ein sehr einseitiges.

Diese Einseitigkeit von “flexibel” betrifft die Regierung freilich nicht, wenn sie selbst auf Seiten der potentiell Leistenden steht. Neheiin, dann bedeutet es: “Nur so, wie wir können” – und wollen, natürlich. “Flexibel” hat also eine Kehrseite, deren Biegsamkeit sich mehr auf die eigenen Vorteile und Launen bezieht als auf irgendwelche Anforderungen von außerhalb.

Was die Phrase außerdem unter den Tisch fallen lässt:
Es geht dabei freilich auch nicht um Solidarität mit geflüchteten Menschen. Sondern um die Zusammenarbeit der EU-Länder. Gemeint ist das asylpolitische Konzept, zu dem jedes Land je nach Möglichkeit etwas anderes beiträgt: Arbeitsplätze; Geld; Fachkräfte; UNHCR-Unterstützung.
Oder publikumswirksame Fotos von Ministern nebst Hilfslieferungen in Flugzeugen, die dann leer zurückfliegen – bis auf den Minister.

Das mag “flexibel” sein – für einen selbst. Solidarisch ist es nicht. Es versetzt einen aber in die bequeme Lage, bei jeder neuen Aufnahme-Notwendigkeit sagen zu können:
“Nönö, wir nicht! Aber der Nachbar (vielleicht (oder auch nicht (mir egal))).” … “Wir sind da nämlich flexibel in unserer Solidarität.”
Man könnte auch sagen: sich abputzen. Aber Hauptsache, es klingt gut, wenn man es im Zusammenhang mit Geflüchteten einstreut, deren Lager gerade abgebrannt ist.

Das gesuchte Adjektiv heißt also richtigerweise: “unzuverlässig”.
Solidarität auf unzuverlässigem Niveau ist keine. So eine Worthülse in einer Diskussion über die Unterbringung von Kindern in Wien – das ist verbaler Glanzanstrich auf einem selbstverliebten Wahnsystem. Gespickt mit einem Adjektiv, das die Solidarität für sich kapern und von innen her aufweichen, abwerten und umdeuten will. Der Verlust von Werten passiert so vor aller Augen.

Man schmückt sich nicht mit einem Wort, während man insgeheim das genaue Gegenteil davon meint und vertritt – und schon gar nicht mit gleich zwei davon. Das ist unredlich, und moralisch in diesem Zusammenhang sowieso unter aller Sau. Was Geflüchtetenpolitik angeht, gibt es kaum was Unflexibleres und Unsolidarischeres als die Regierung Kurz.
Was nicht neu ist, genausowenig wie die Phrase seit Jahren ihr Unwesen als Irreführung treibt. Dennoch ist sie eine sprachliche Grenzüberschreitung, ein verlogener Tarnbegriff für “Solang’s mir grad nicht in meinen Kram passt, bist du mir scheißegal”. Aber mit einem falschen Lächeln garniert.

Wenn also Egoismus und Klassendünkel die Strategie der Wahl ist, dann doch bitte auch so kommunizieren – statt mit einem Begriff, der rein zufällig das genaue Gegenteil der eigenen Gesinnung bedeutet und auch weiterhin bedeuten soll.

Passender wäre: Mit einer Phrase arbeiten, die ehrlich und eingängig ist.
ZB:
“Wir scheißen auf geflüchtete Kinder.”
Da kennt man sich aus.

Artikel

Strategien

Dieser Artikel ist Teil 5 von 5 in der Serie "Verschwörung in der Psyche" ...

Kommen wir nun zu den möglichen Strategien. Zur Erinnerung: Es geht hier darum, wie man mit Menschen aus dem engsten persönlichen Umfeld umgehen könnte, die einem VeMy anhängen. Nicht mit Verschwörungsgläubigen am Arbeitsplatz oder auf Social Media, die einem nicht so gut oder gar nicht persönlich bekannt sind.

Begriffshinweise

Ich bezeichne in dieser Serie der Kürze halber:
ஐ die Verschwörungs-Mythen als VeMy
ஐ das Verschwörungs-affine Familienmitglied oder Freund/Freundin als VaFoF-Person
ஐ deren Verwandte, Bekannte und Freunde als Angehörige

EINIGE GEDANKEN VORAB
Allzu ausführliche Empfehlungen habe ich für den Umgang mit VaFoF-Personen bislang nicht gehört oder gelesen. Es wird nur ab- und ausgegrenzt, so wie heutzutage üblich.
Die einen glauben fest, man würde ein sachliches Gespräch bekommen, wenn man nur selbst hübsch sachlich bleibt – was denen, die es schon versucht haben, sicherlich ein schiefes Grinsen entlocken wird.
Die anderen empfehlen sofortigen Kontaktabbruch und warnen obendrein vor der Gefahr der Ansteckung mit dem Verschwörungsvirus für selbst eher labile Geister.

Aus einer distanzierten Position heraus lässt sich ein Thema natürlich auch leichter abwinken und ein Mensch einfach abschreiben. Für Angehörige werden das aber unbefriedigende Antworten sein. Muss man wirklich akzeptieren, dass einem seine Liebsten von Verschwörungsmythen entrissen werden?

Grob betrachtet gibt es drei Möglichkeiten:
• Man akzeptiert den Menschen so, wie er (jetzt) ist.
• Man bricht den Kontakt ab.
• Man findet einen Kompromiss dazwischen.

Auch Menschen mit (anderen) psychischen Erkrankungen muss man akzeptieren, wenn man sie nicht verlieren will. Allerdings gibt es dazu auch Empfehlungen für den Umgang, je nach Art der Störung werden für Angehörige Selbsthilfegruppen und Verhaltenstipps angeboten. Und das macht es auch noch nicht super-easy, sondern nur nicht komplett unmöglich.

Für VeMy gibt es diese Tipps noch nicht. Es wird großflächig ignoriert, dass hier nicht nur die VaFoF-Personen selbst ein Problem haben, sondern auch deren Angehörige. Die VaFoF-Personen wohnen aber nicht abgeschottet auf einer Insel, sondern unter uns, sind jemandes Mutter, Onkel, Cousine oder Freund, und das bleibt auch weiterhin so.

Letztlich muss es also darum gehen, einen Umgang zu finden, der für beide Seiten aushaltbar ist, und der – wenn er ihr schon nicht helfen kann – die betroffene Person zumindest nicht alleinlässt. Solange die Person vereinbarungsfähig ist, wird man versuchen, individuelle Vereinbarungen zu treffen und auf deren Einhaltung zu pochen.

Aber auch für Angehörige darf dieser Umgang nicht über ihre Grenzen gehen. Und diese Grenzen sind leider schnell erreicht, weil die regelmäßige Zurückweisung und Abwertung, wie sie etwa bei psychischen Erkrankungen leider für Angehörige gratis mit dabei ist, in den Empfängern starke Affekte triggern kann – auf Deutsch gesagt: einfach sauweh tut.
Die 180-Grad-Alternative – den Kontakt zu einem Menschen, den man liebt, komplett aufzugeben – tut aber auch sauweh. Selbst wenn man vorher alles Menschenmögliche versucht hat, auch weit über seine Schmerzgrenzen hinaus, tut das Herz für lange Zeit weh. Also hat man im Grunde die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Das alles gilt auch dann, wenn eine erkrankte Person keine Krankheitseinsicht hat. Die Situation mit einer VaFoF-Person ist meiner Ansicht nach genau so zu betrachten. Dazu muss man die Person nicht pathologisieren, denn ob eine Erkrankung vorliegt oder nicht, ist letztlich irrelevant. Es wird kein Richter kommen und ein Urteil darüber sprechen, wer nun recht hat. Es geht darum, miteinander auszukommen, wenn man einen Menschen aus seinem engsten Umfeld nicht verlieren will.

Es gibt immer eine kleine Hoffnung. Bei einer psychisch erkrankten Person ist es immer möglich, dass in ihr ein Leidensdruck erreicht wird, der sie professionelle Hilfe suchen lässt.
Im Fall der VeMy ist es immer möglich, dass sich durch eine Beruhigung der globalen Situation auch die Psyche der VaFoF-Personen wieder stabilisiert und die VeMy in den Hintergrund treten, weil sie nicht mehr benötigt werden.
Oder dass die VeMy-Anführer sich selbst demontieren – wonach manche AnhängerInnen sich allerdings psychisch im freien Fall wiederfinden dürften. Auch dann wird vielleicht ein Leidensdruck erreicht, der eine Veränderung anstößt.

DIE ZWEISEITIGE MEDAILLE DER ANGEHÖRIGEN
Kopf: Die Vertrauensbasis, die ein Therapeut erst allmählich erarbeiten müsste, ist idealerweise bereits vorhanden.
Zahl: Angehörige sind emotional involviert, ihre Affekte werden daher auch viel leichter getriggert. Vulgo: auf der Palme oder den Tränen nahe in 1,8 Sekunden.

SICH AUF EIN GESPRÄCH VORBEREITEN

ஐ SICH AUF DEN GEDANKEN EINLASSEN…
…wie ungemein nützlich die persönliche Vorbereitung auf ein Gespräch ist.
Man stolpert nicht mehr blindlings in eine halbsachlich-emotionale Auseinandersetzung. Viele Aspekte vorab und in Ruhe durchdenken und möglichst auch aufschreiben hilft, die Gedanken und Gefühle zu sortieren und Ziele zu definieren.

ஐ WISSEN BERUHIGT
Es wird Geduld und Nerven erfordern.
Man muss auf emotionale Trigger vorbereitet sein. Welche Verletzungen gab es zwischen dir und der Person immer wieder? Wie fühlt sich Zurückweisung oder Aggression durch diese Person für dich an? Du könntest dich entschließen, diese Trigger im Gespräch (erstmal) möglichst an dir abprallen zu lassen, oder zumindest etwas bewusster darauf gefasst zu sein. Man kann auch mit Vorstellungskraft arbeiten – etwa sich unmittelbar vor dem Gespräch einen gedachten Schutzmantel anziehen, eine Panzerung anlegen oder eine Teflonschicht. Ein paar tiefe Atemzüge und eine gezielte Visualisierung unmittelbar vor dem Gespräch können sehr helfen.

Es mag auch eine Hilfe sein zu wissen, wie Projektion funktioniert und wie massiv sie bei den VeMy zum Einsatz kommt. Projektion erscheint uns oft absurd – dass Menschen in mir ausgerechnet das Schlechte zu erkennen meinen, das sie an sich selbst partout nicht sehen wollen. Man kann sich mit diesem Wissen dennoch etwas besser vor Augen halten, dass Projektionen das Ich des Gegenübers entlasten sollen, und dann die projektiven Attacken weniger persönlich nehmen.

Außerdem kann man sich bewusst machen: Der Glauben an den VeMy ist nicht das Problem, sondern der Lösungsversuch der Psyche. Genau wie Husten nicht die Krankheit ist, sondern der Versuch des Körpers, sich von Fremdkörpern zu befreien. Das hilft vielleicht ein wenig dabei, respektvoll zu bleiben.

ஐ ZIELWASSER
Was will ich erreichen? Welches Ergebnis erhoffe ich? Was will ich demzufolge überhaupt be-/verhandeln?
Es ist überaus wichtig, sich selbst diese Fragen vorab zu stellen. Nicht nur, um ein Ergebnis hinterher überhaupt beurteilen zu können – auch um eigene Erwartungen zu beleuchten, um aufs richtige Ziel zuzusteuern, statt sich erst direkt im Gespräch zu verzetteln, umzuschwenken und sich dabei womöglich eine blutige Nase zu holen – natürlich nur im übertragenen Sinn!

Wenn man sich die Ziele zu hoch steckt, ist Enttäuschung vorprogrammiert. Ein kleiner Etappensieg ist ermutigender als ein Scheitern am großen, aber unerreichbaren Ziel.

Und bitte: Macht euch nicht selbst zur Schnecke, wenn ihr auch kleinere Ziele nicht erreichen konntet oder euch zu emotionalen Ausbrüchen habt hinreißen lassen. Es ist ein unfassbar schweres Thema und eine schwierige Situation für alle Beteiligten. Jeder Mensch, der solche Probleme anpackt, hat meinen größten Respekt. Wir stehen alle unter großem Druck, auch ohne zusätzlich solche Gespräche führen und dann noch ~erfolgreich dabei sein zu müssen.

Wie in der Einleitung erwähnt, ist es vermutlich als Gesprächsziel sinnvoller, den Umgang und das Auskommen miteinander neu zu definieren, als eine Bekehrung der VaFoF-Person erwirken zu wollen. Und auch größeres Verständnis ist ein legitimes und ehrenhaftes Ziel.

Soll das erhoffte Ergebnis trotz aller Überlegungen ein Umdenken der VaFoF-Person sein: Sei dir im Klaren, dass du dafür sehr fundierte Kenntnisse brauchen wirst, inklusive zitierbare Quellen und Studien, und bereite dich inhaltlich vor. Und auch auf den Widerstand, der dir entgegengebracht werden wird. Und dass du damit höchstwahrscheinlich keinen Erfolg haben wirst.
Die Empfehlung lautet daher klar: Von der inhaltlichen Ebene wegbleiben, weg vom reinen Schlagabtausch! Faktenchecks sind nötig, klar. Aber vielleicht erst viel später im Verlauf, wenn überhaupt. Denn Faktenchecks gibt es zuhauf im Internet, die man lesen kann, wenn man es erstmal will.

Zuerst müsste eine Offenheit und ein Vertrauen entstehen, in der Fakten überhaupt ankommen können. Selbst wenn die Person sehr von ihrer Meinung überzeugt wirkt – es ist ein schwankendes Floß, auf dem sie steht, und sie wird es sich dennoch nicht einfach wegziehen lassen. Besonders wenn bisherige Gespräche schon gezeigt haben, dass man mit Fakten und Sachargumenten nicht weiterkommt, sollte es erstmal darum gehen, eine echte Verbindung herzustellen.

Vielleicht entstehen bei diesen Überlegungen zur Gesprächsvorbereitung auch erst Ideen, was man überhaupt erreichen wollen könnte. Etwa, seine Kinder vor “Missionierung” zu schützen; regelmäßigeren Kontakt, aber unter neuen Voraussetzungen; einen Kompromiss, bei dem man Kontakt hält, aber das leidige Thema künftig komplett ausklammert.
Oder Haltung zu zeigen und selbstbestimmte Grenzen zu setzen, was in deinem Beisein/Umfeld okay ist und was nicht. Und das womöglich, ohne dabei auf die Person selbst loszugehen. Ein Gespräch führen, das ohne vorgefasste persönliche Zuschreibungen auskommt.

Höchstwahrscheinlich wird es mit einem einzigen Gespräch nicht getan sein. Wenn man sich vorher Gedanken macht und Ziele setzt, vielleicht auch schriftlich, dann kann man sie hinterher mit dem Ergebnis vergleichen, sie anpassen oder sich neue Ziele und Etappenziele setzen.

Vielleicht ergibt sich durch die Überlegungen zur Vorbereitung auch, dass man das Gespräch gar nicht führen möchte – auch das ist okay.
Meine Empfehlung lautet aber klar, sich auf den Konflikt zuzubewegen, statt vor ihm zu fliehen.
Auch eine wie auch immer geartete neue Vereinbarung zum Umgang miteinander wäre ein Ergebnis und könnte Anspannung aus der Situation nehmen.

ஐ SETTING
Neutraler Boden für das Gespräch
Das sorgt dafür, dass niemand den “Heimvorteil” hat und auch niemand sich von Beginn an im Nachteil fühlt.

Bewegung an der Luft
Äußere Gegebenheiten und Körperbewegungen fördern innerliches Nachmachen. Wer stillsitzt, läuft auch geistig eher Gefahr, festzusitzen.

ஐ WORTE ZURECHTLEGEN
Wo setze ich meine Grenzen, und wie formuliere ich das konkret?
• Mit welchen Worten initiiere ich eine Pause?
• Wie eine Überleitung zu einem anderen Thema?
• Zu einer anderen gemeinsamen Aktivität?
• Wie den Abbruch des Gesprächs?

Wenn man im Gespräch dringend eine Pause braucht, ist die emotionale Bedrängnis schon sehr groß – in so einem Zustand funktioniert unser Denken und Sprechen nicht mehr gut. Um Themenwechsel, Pause oder Abbruch dennoch in Ruhe ansteuern zu können, kann es entscheidend sein, dass man sich vorab einzelne konkrete Sätze für diese Situationen zurechtgelegt hat. Es tut gut zu wissen, dass man jederzeit aussteigen kann, und auch zu wissen, wie.

• Wie reagiere ich auf Aggression?
Man kann um Friedfertigkeit bitten; den Abbruch des Gesprächs ankündigen; das Gefühl benennen und hinterfragen (“Ich hör da viel Wut heraus…?”). Wie oben gilt: Wenn man darauf vorbereitet ist und von der Aggression nicht kalt erwischt wird, fällt die Reaktion etwas leichter.

ஐ NOCH EIN PAAR BASICS…
…die man im Eifer des Gesprächs oft vergisst:

• Eigenes Körpergefühl nicht übergehen, sondern beachten

• Atmen nicht vergessen :)

• Nachfragen statt interpretieren

• Eine Sekunde entscheidet
Die eine Sekunde, die man länger nachdenkt und durchatmet, bevor man spricht. Die eine Sekunde, in der man entscheidet, eine Antwort abzuwarten und zuzuhören, und damit dem Gegenüber Raum gibt.
Die eine Sekunde, die ein Moment dauert. Weil alles nur im Moment passiert.

• Humor
Er kann Schärfe aus Worten nehmen und für Auflockerung sorgen. Lachen baut körperliche und psychische Spannungen ab! Aber nur, wenn beide lachen können. Zynismus ist kein Humor, sondern schlecht bemäntelte Aggression.

ZUERST – DANN
Im Sinne meiner bisherigen Ausführungen bleibe ich dabei:
Zuerst einen neuen Untergrund bieten, ein Rettungsfloß – dann erst das alte wegziehen.
Es umgekehrt zu versuchen, erzeugt nur stärkeren Widerstand.

Da es sich beinah durchgehend um Abwehrmechanismen handelt:
In einer Psychotherapie-Situation würde der/die Therapierende der/dem Betroffenen nicht alle Abwehr auf einmal wegreißen, nur um ihr/ihm seine Abwehrmechanismen zu “beweisen” – das würde nicht nur Widerstand erzeugen, sondern auch die mit der Abwehr gewonnene Stabilität in Gefahr bringen. Denn die Abwehr hat die Psyche stabilisiert, so abstrus und eigenwillig die Ausprägungen auch wirken mögen.

Der/Die Therapeut/in versucht vielmehr, gemeinsam mit dem zu therapierenden Menschen zuerst eine Atmosphäre und Beziehung zu schaffen, in der dieser Mensch sich angenommen und sicher fühlt und sich nicht rechtfertigen muss. Es werden Fragen gestellt. Allmählich wird der/die Therapeut/in die involvierten Gefühle zu benennen beginnen. In kleinen Schritten werden so die abgewehrten Gefühle mit kleinen Lichtpunkten versehen, damit sie für den Menschen in stets erträglichem Maße, aber in zunehmender Menge sichtbar und fühlbar werden.

Ein Ziel könnte also sein, dem Grundgefühl im Gegenüber auf die Spur zu kommen. Nicht über die Sache zu reden, nicht über die Inhalte der VeMy zu streiten, sondern die dahinterliegenden Gefühle zu erkunden. Und das Gespräch auch immer wieder dorthin zurückzulenken. Interesse am Fühlen zeigen – nicht am Glauben.

(Nebenbei bemerkt finde ich auch, dass man sich mit den konkreten VeMy-Inhalten so wenig wie nur möglich auseinandersetzen sollte. Auch wenn ich eine etwaige “Ansteckungsgefahr” nicht so drastisch sehe – von falschen Fakten in Kombination mit gezielter Aggression und Angstmache geht eine emotionale Toxizität aus, der man das eigene System schlicht nicht aussetzen sollte.)

ஐ KONFLIKTE, IGITT?
Ein Schlüssel zu fruchtbaren Konfliktlösungen ist, erstmal eine gemeinsame Basis zu finden – egal, wie schmal sie auch sein mag. Eine Sache entdecken, bei der man sich einig ist, und dort zu beginnen. Eine “gemeinsame Realität” ist auch ein erster Schritt gegen alternative Fakten.

Man könnte also versuchen, eine vertrauensvolle Atmosphäre und sicheren Boden zu schaffen.
Etwa indem man mit der betroffenen Person über die Beziehung zueinander spricht, ihr erstmal versichert, dass sie einem wichtig ist, ihr Wohl und auch die Beziehung zu ihr.
Man könnte auch nachfragen, wie sie die Beziehung sieht, sich ein(ige) Ja abholen auf Fragen nach Vertrauen, Zuneigung und Bindung. Wer einmal ja sagt, öffnet sich leichter.

Man könnte auch aussprechen, dass man bereit ist, für den Erhalt dieser Beziehung einiges zu tun.
Natürlich nur, wenn man dazu auch ehrlich bereit ist. Denn es gilt ja, einen Balanceakt hinzulegen zwischen “du bist mir wichtig” und “ich muss mich schützen” – und das ist eine schwierige Übung. Also Vorsicht mit Versprechen, die man nicht halten kann! Wenn ein Abbruch des Kontaktes tatsächlich eine Option ist, sollte man sich mit “immer für dich da”-Versprechen zurückhalten. “Ich möchte für dich da sein, ich verstehe aber noch nicht …, erzähl mir …” ist dann vielleicht besser geeignet.

Ein weiterer Schlüssel ist es, Ideen von Identität zu trennen.
In diesem Fall ist das besonders schwierig, weil ja gerade an die VeMy-Ideen so viel Identität gebunden ist, dass jeder Versuch, sie zu hinterfragen, mit Aggression beantwortet wird.
Aber ist das denn nicht auch bei allen anderen “Meinungen” der Fall? Wenn man selbst nicht bereit ist einzuräumen, dass man falsch liegen könnte, ist man für eine inhaltliche Diskussion nicht bereit, und sollte den Fokus des Gesprächs auf andere Ziele richten. Denn so absurd VeMy auch sein mögen – zu erwarten, dass das Gegenüber unbedingt sein Falschliegen einräumen müsste, während man selbst das nicht muss, das ist keine geeignete Augenhöhe für eine Diskussion. Wir würden das umgekehrt auch nicht anders empfinden – und das muss man sich klarmachen, wenn auch zähneknirschend.
Und wir wollen auch nicht als Mensch angegriffen und abgelehnt werden, wenn es unsere Überzeugung ist, die abgelehnt wird.

Es macht einen Unterschied, ob man sich einem Menschen mit Mitgefühl nähert oder in Opposition.
Die Intention Mitgefühl verändert alles. Es schenkt dem eigenen Ego eine Auszeit, wenn man sich mal ein paar Minuten auf etwas anderes konzentriert als rechtzubehalten. Solange man sich ständig abgrenzen muss, ist man nicht frei, um einen anderen Menschen wirklich zu sehen und zu hören.

Während man fragt, während man auf eine Antwort wartet, und während man diese Antwort anhört – siehe weiter unten – ist man damit beschäftigt, das dahinterliegende Gefühl zu erkennen und zu verstehen. Und nicht damit, zum nächsten Gegenschlag auszuholen. Dem Gegenüber schenkt diese Intention somit das Wertvollste, was es zwischen Menschen gibt: Interesse.
Ein himmelweiter Unterschied im Erleben, für beide Seiten.

Dabei kann man auch besser auf erhellende Aussagen achten, die Projektionen von Gefühlen darstellen (können) – etwa wenn jemand sagt, dass “die Welt den Bach runtergeht” oder “bald alles zusammenbricht”. Mitunter handelt es sich dabei um Ängste, die nur auf das Außen projiziert werden, sich aber tatsächlich stark auf innere Zustände beziehen.

Vielleicht kann man auf diese Art das erwähnte Grundgefühl im Gegenüber erforschen und in weiterer Folge dort ansetzen.
Möglicherweise bewegt es aber auch schon etwas, wenn der Mensch sich einfach mal wirklich gesehen und gehört fühlt.

Denn vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir unser eigenes Urvertrauen einem Menschen zurückgeben können, der es uns geschenkt hat – und der uns damit ermöglicht hat, selbst vor VeMy bewahrt zu bleiben.

ஐ FRAGEN – DER ULTIMATIVE SCHLÜSSEL
“Du weißt nichts! Und selbst wenn – tu so, als wüsstest du nichts. Frage und hör zu!”

Predigen wird abgeblockt: Widersprechende verbale Eindringlinge wird die VaFoF-Person reflexhaft abwehren, und danach ist sie frei, sich eine Entgegnung zu überlegen, und hört längst nicht mehr zu. Genau wie es auch in dir Widerstand auslösen würde, wenn dir jemand erklären will, dass du alles völlig falsch siehst.

Besser:
• Eine Frage stellen.
• Auf die Antwort warten.

Auch wenn dabei eine Stille entsteht.

Menschen brauchen Zeit zum Antworten.

Und diese Stille brauchen sie auch.

Selbst wenn sie sich unbequem anfühlt.

Übung: Dem Drang widerstehen, die Stille zu füllen, weil man sich und den anderen durch Weiterreden aus der Unbequemlichkeit “erlösen” will.

• Immer nur eine Frage stellen.

• Unklarheiten nachfragen!

Davon, wie der Mensch sich beim Antworten fühlt, hängt es ab, ob sich etwas in seinem Inneren bewegt. Man scheint vielleicht nur “schlüssige” Antworten zu bekommen, oder abwehrende; aber wie die Gefühle dahinter aussehen, das merkt erstmal nur der/die Antwortende selbst.
Fragen können sehr viel bewirken, selbst wenn man selbst erstmal nicht den Eindruck hat, das hätte irgendwas gebracht.

Fragen regen das Denken und Fühlen gleichermaßen an.

Fragen ist auch die eleganteste Form, ein Gespräch zu steuern.
Man muss sich die Mythen nicht anhören, wenn man nach dem persönlichen Erlebnis fragt, den Gefühlen dahinter. Und die Ideen von der Identität trennt, selbst wenn die VaFoF-Person das selbst nicht kann. (Wo fühlst du dich missverstanden? Wie ist das für dich?) Wir sind keine Therapeuten, wir ‘dürfen’ Mythen gegebenenfalls auch unterbrechen, um eine Frage zum Erleben zu stellen.

Weiterer Vorteil am Rande: Wenn man erlebt hat, dass Fragen zu stellen Übung erfordert, geht man auch mit empfangenen Fragen viel wertschätzender um.

Auch dass die VaFoF-Person beginnt, ihr Denken und ihre Quellen selbst zu hinterfragen, erreicht man wohl am ehesten durch Fragen.

ஐ ÖFFNEN
Man könnte auch versuchen, im Sinne einer “optimalen Authentizität” bzw. “Stimmigkeit” über die eigenen Gefühle zu sprechen und offenzulegen:
• wie es einem selbst mit der Pandemie geht und welche Gefühle sie auslöst
• welche Strategien man selbst gegen die entstehende Anspannung anwendet und
• welche Gefühle man hat, wenn die VaFoF-Person so ist (Sorge; will dich nicht verlieren; etc.)

Natürlich ist der Grat zu Vorwürfen und damit zu Widerstand hier, je nach Sender und Empfänger, sehr schmal. Eine Predigt mit der Überschrift “Ich bewältige das besser als du” sollte es sicher nicht werden.
Möglicherweise hilft aber dem Gegenüber das Angebot des eigenen Öffnens dabei, sich ebenfalls zu öffnen.

HOFFNUNGSSCHIMMER
Angehörige könnten sich so – zugegeben, mit sehr viel Einfühlungsvermögen – den zugrundeliegenden Gefühlen annähern, sie erfragen und benennen. Das geht sicher nicht an einem Nachmittag. Doch letztlich könnten sie mit dem gewonnenen Verständnis die dahinterliegenden Bedürfnisse auf andere Weise zu stillen versuchen, und in weiterer Folge auch die stattgefundene Distanzierung hinterfragen, vielleicht so:

• Alles tun, was die Zusammengehörigkeitsgefühle stärkt
• Die Person intensiver in den eigenen Alltag einbinden. Gegebenenfalls muss man vorher neue Voraussetzungen verhandeln.
• An die alte, zuverlässige Bindung erinnern (Familie)
• Daran erinnern, dass einem bis vor kurzem vertraut und logisches Denken zugetraut wurde

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Ich hoffe, ich konnte mit dieser Serie eine erste Spur aus der schwierigen Situation legen, die vielleicht zu kleinen Pfaden anwächst.

Eventuell lasse ich konkrete Ideen für Fragen auf der Beziehungsebene, auf der Logik- und Sachebene und ein paar Gedankenspiele / Feedback in einem weiteren Teil nachfolgen. Dem Thema haftet allerdings eine eigene, immense Schwerkraft an, die für mich auch beim Schreiben nicht so leicht zu überwinden ist.

Danksagung
Allen Menschen, die ihre wertvollen (Er-)Kenntnisse geduldig mit mir geteilt haben, danke ich von Herzen!
Hier in der gewünschten Erwähnungsform, sehr leiwanden Input geliefert haben mir die Gespräche mit:
dederreda
ஐ Alice
ஐ Jakob
ஐ Zwei andere wollten nicht genannt werden. Auch die meisten Kommentare und anderes Feedback wollten privat bleiben. Meine Dankbarkeit schleicht euch trotzdem nach! :)
ஐ Danke auch meinen Freunden und Freundinnen, die mich bestärkt haben, daran weiterzuschreiben. <3

Artikel

Kritisches Denken

Dieser Artikel ist Teil 4 von 5 in der Serie "Verschwörung in der Psyche" ...

Im Zusammenhang mit Verschwörungsmythen (VeMy) behaupten deren Anhänger gerne, sie würden eben “kritisch denken”, “nicht alles glauben” und sich der “Indoktrinierung von oben” widersetzen.
Was ist Kritisches Denken – und was nicht?

Historisch
Die grundlegende Notwendigkeit, das menschliche Denken zu strukturieren, zu schulen und dafür Kriterien und kritische Fragen zu etablieren, begann in der Philosophie der Antike mit den Logikern Sokrates und Platon – nicht zuletzt aus dem Anliegen, sich effektiver gegen unfaire Rhetorik zur Wehr setzen zu können, die nur ihre eigenen Interessen kennt und dabei vorgibt, “logisch” zu sein.

Die Grundprizipien haben sich gehalten, über weitere unzählige Denkapparate wie den von Aristoteles, Thomas von Aquin, Erasmus, Kepler, Newton, über die von Ockham, Luther, Francis Bacon, quer durch die DenkerInnen der europäischen Aufklärung, über Kant bis hin zu Darwin, Freud und Marx. Die Prinzipien wurden von ihnen und zahllosen weiteren Hirnen unterschiedlicher Disziplinen angewandt, hinterfragt und damit weiter verfeinert und komplettiert.

Daraus hat sich ein unabhängiges, selbstkontrollierendes Kritisches Denken (KD) entwickelt, das sich an intellektuellen Normen misst und das objektiven, zwingenden Kriterien folgt, mit festen Regeln und Qualitätsmerkmalen.

Die vollständigen Kriterien kann man sehr gut im Netz nachlesen, und auch die Eigenheiten von Verschwörungsmythen haben kluge Menschen zusammengefasst: Quellennachweise und Links zu Artikeln und Handbüchern finden sich allesamt am Ende dieses Artikels.

Definition
Als ideale Grundlage für Bildung und Forschung ist KD eine etablierte und dennoch unabhängige Kontrollinstanz für eigene und fremde Thesen:

Nach Peter Facione [1 CT] umfasst KD die “bewusste, selbstregulative Urteilsbildung, die Interpretation, Analyse, Bewertung und Schlussfolgerung beinhaltet”. Wichtig dafür ist vor allem die Fähigkeit, selbstständig und ohne Kognitive Verzerrung (bias) nachzuforschen, also ohne (u.a.) Informationen zu bevorzugen, die der eigenen Meinung entsprechen (confirmation bias), und ohne Gegenpositionen abzuwerten (myside bias). [2 Wi]

Kritisches Denken passiert also nicht, indem man einfach behauptet, man würde es betreiben. Es bedeutet auch nicht, gegen alles zu sein oder andere Standpunkte aus Prinzip zu kritisieren. Es ist eine geistige Fähigkeit, die man in all ihren Facetten erlernen muss, damit sie zur geistigen Angewohnheit wird.

Selbst eine Person, die gute Kenntnisse in KD hat, wird nicht als gute:r kritische:r Denker:in angesehen werden, wenn sie diese Kenntnisse nicht auch entsprechend anwendet. [1 CT]

Kritische Denker:innen hinterfragen Aussagen, Folgerungen und Standpunkte. Sie streben danach, sich klar, zutreffend, exakt und relevant auszudrücken. Sie schürfen in die Tiefe, gehen logisch vor und bleiben fair. [3 KD]

Wenn wir kritisch denken, bedeutet das, wir werden zu wachsamen Hütern und Hüterinnen der Qualität unseres eigenen Denkens. [4 GR]

Nicht zuletzt flossen in das KD auch die tiefenpsychologischen Erkenntnisse mit ein, wie gern der menschliche Geist sich selbst täuscht, von Vorurteilen geleitet projiziert, vorschnell leugnet und Sündenböcke verantwortlich macht [3 KD], statt sich einem längeren Denkprozess zu widmen, der in seinem Ausgang offener ist.

Auch Akademiker glauben an VeMy! Nein!? Doch! Oh!!
Oft berichtet man uns ganz überrascht, dass VeMy keine Frage der (mangelnden) Bildung seien, weil “auch viele Akademiker:innen” unter den Gläubigen sein sollen. Daraus folgt allerdings nicht, dass an den VeMy doch irgendwas dran sein müsste, denn auch Akademiker:innen sind nicht von Natur aus frei von Denkfehlern.

Freilich sollten Akademiker:innen einst gelernt haben, was KD ist, welche strengen Kriterien dabei einzuhalten sind, und wie man sicherstellt, dass die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen und Denkfehler die Argumente oder Ergebnisse von Denkvorgängen nicht beeinträchtigen.
Aber je nach Studienrichtung werden diese Kriterien sicherlich unterschiedlich intensiv behandelt. Und je nach psychischer Schwierigkeit der Lebenssituation werden sie nur jenen zuverlässig zur Verfügung stehen, denen sie schon vorher in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Es ist also eine Frage des geschulten und geübten Intellekts.

Und: Bildung und Intellekt lassen die Bedürftigkeit einer Psyche ja nicht einfach verschwinden.
Vielleicht sogar im Gegenteil – manch studierter Mensch hatte wenig Gelegenheit, sich mit seinen inneren Vorgängen auseinanderzusetzen. Und vielleicht auch wenig Drang dazu, denn wie erwähnt sind gerade die Naturwissenschaften durchaus dazu angetan, Komplexität zu reduzieren – und werden daher auch jene Seelen anziehen, die sich nach dieser Reduktion sehnen.

Eine schwache Psyche ist egoistisch genug, erstmal ihre Grundbedürfnisse abzudecken. Die Vernunft muss sich dann hinten anstellen. Der bewusste Geist samt seinem Intellekt herrscht nicht über tiefenpsychische Dynamiken – sonst müsste es uns allen einfach immer nur super gehen, einfach weil wir es wollen. :)

Kriterien und Normen
Am Ende des Artikels mache ich mir den Spaß und gleiche die Charakteristika von VeMy kurz und unkommentiert gegen ein paar Prinzipien des KD ab. Wie gesagt, Links zu umfassender Lektüre ebenfalls ganz unten.

Ein paar Grundsätze des KD möchte ich aber herausgreifen und den Kontrast zu VeMy-Eigenheiten kommentieren:

• EGOISMUS ÜBERWINDEN
Ein wichtiger Grundsatz im KD ist, sich über seinen “angeborenen Egoismus” zu erheben [3 KD]. Wie eingangs schon angedeutet, fallen darunter auch tiefenpsychologische Phänomene, wie ich sie in den vorigen Folgen beschrieben habe. Gerade Abwehrmechanismen, deren Muster dermaßen automatisch ablaufen, sind aus dem Denken schwer wegzudenken (hihi) – genau das verlangt das KD aber.

An dieser Überwindung scheitern die VeMy bereits. Wie viele egoistische=psychische Bedürfnisse die VeMy gleichzeitig befriedigen, geht auf keine Kuhhaut. Und das, ohne dass sie daraufhin von ihren Anhängern zumindest umso kritischer hinterfragt würden; es stört dabei anscheinend auch nicht, wenn sie Widersprüche beinhalten, eben weil sie diese erste große Aufgabe – psychische Lücken füllen – dermaßen gut erledigen.
Schon am Verstoß gegen diesen ersten Grundsatz, der Befriedigung egoistischer Agenda, wird klar: VeMy sind kein kritisches Denken im Sinne der Definition.

Vielmehr regieren “psychologische Normen” das Hirngeschehen des oberflächlichen Denkens [3 KD] wie zB:

“Es ist wahr, weil ich es glauben WILL.”
Angeborenes Wunschdenken: Ich halte für richtig, was mir gut tut, was mich in meinen Ansichten bestärkt, was keine markante Änderung meines Denkens erfordert und was vermeidet, dass ich einen Fehler zugeben muss. [3 KD]

Diese und weitere egoismusbasierte Absichten und Fehleinschätzungen (“Biases”) erstmal auszuräumen, bevor man sich mit weiteren Untersuchungen befasst, ist Grundprinzip des KD.
Dass “was mir gut tut” mit einem VeMy zu tun haben kann, ging aus meinen letzten Artikeln hervor: Er erfüllt psychische Funktionen, und es wird deshalb verkrampft daran festgehalten, weil die Psyche ihn braucht. Selbst dann, wenn es die betroffene VaFoF-Person letztlich ihr bisheriges menschliches Umfeld kosten wird. Allerdings war vielleicht auch genau da zuvor eine Lücke entstanden, an der der VeMy sich einschleichen konnte?

Ich las vor längerem, es sei für machtgewöhnte, privilegierte Männer wohl sehr ungewohnt, wenn Staat oder Gesellschaft ihnen plötzlich vorschreiben wollen, wie sie sich kleiden müssen, oder ihnen andere Vorschriften über die korrekte Platzierung ihrer Körper im öffentlichen Raum macht.

Weitere simple egoistische Motive lauten hier vielleicht:
“Ich will mir keine Vorschriften machen lassen.”
“Ich will keine Maske tragen müssen.”
“Ich will keinen Abstand halten.”
“Ich will mir nicht die Hände waschen müssen.”
Oder auch:
“Ich möchte keine Angst haben müssen.”

Widersinn: Wäre es das eigene vorbeugende Denken, das zur Vorsicht mahnt, dann wären die Maßnahmen leichter zu akzeptieren (“War meine eigene Idee!”). So aber wird die initiale Angst zu Bockigkeit, zu “von außen oktroyiert”, zu etwas, gegen das man sich wehren kann (und muss, schon aus Trotz!).
Solche egoistischen Motive brauchen den VeMy geradezu zu ihrer Bemäntelung – anders wäre die enthaltene Unreife allzu offensichtlich, und genauso offensichtlich, aber mit noch mehr Scham verbunden: die Angst.

Zufällig sind es größtenteils Männer, die in Deutschland als Scheinexperten und Meinungsmacher die VeMy propagieren, vorantreiben, verbreiten und zum eigenen Vorteil nutzen, wie ein sehr ausführlich recherchierter Correctiv-Artikel zum Thema aufzeigt. [5 CN]

Zufällig gelten für diese Art von Recherchen – Faktenchecks und Richtigstellung von Fake-News – Vorgaben und hohe Standards, ähnlich wie beim KD. Es gibt auch eine Zertifizierung für Faktencheck-Organisationen. [6 CF]

Exkurs: Korrelation und Kausalität
Apropos Zufälle: Eine wichtige Unterscheidung in der Wissenschaft generell ist die zwischen Korrelation und Kausalität – und innerhalb letzterer wiederum die zwischen Ursache und Wirkung. Klingt banal, ist es aber gar nicht: Geschehnisse, die gleichzeitig auftreten, sind erstmal nur das: korrelierend. Während ein ursächlicher Zusammenhang nicht einfach angenommen werden, sondern erst erwiesen werden muss, und auch die richtige Abfolge. Auch klar, sonst könnte man, wie im Film “Phenomenon” so wunderbar dargelegt, auch einfach behaupten: “Wind entsteht, weil sich die Bäume schütteln”.

Die Überbewertung von Zufällen ist eines der Charakteristika von VeMy. [7 VM] Zufall?

• SCHLUSSFOLGERUNGEN HINTERFRAGEN
Sich zu fragen, ob eine bestimmte Schlussfolgerung wirklich zwingend aus einer Aussage oder einem Ereignis folgt – auch das ist ein Prinzip des KD. Wenn man sich vor Augen hält, dass die meisten Menschen sich heutzutage nichtmal mehr in die Situation ihres Nachbarn versetzen wollen, bevor sie ihn als Trottel einstufen… Das beweist nicht zwingend, legt aber nahe, dass es eventuell mit der sicheren Beurteilung einer Schlussfolgerung nicht weit her sein könnte, genau wie mit der Bereitschaft zum Hineinversetzen in die Lage anderer – was überraschenderweise ebenfalls eine Vorgabe im KD ist.

Ironie beiseite – unsere geistigen Schnellschüsse sind haufenweise von kognitiven Verzerrungen beeinträchtigt. Geschultes Denken vermindert diese Effekte.

Emotionen haben eine schnellere neuronale Verbindung zu den Aktionszentren im Gehirn als das methodische Entscheiden mit logischen Mitteln (LeDoux, 1986, 1992). KD bedeutet nicht gleich, dass man seinen Gefühlen gar keine Aufmerksamkeit mehr schenken dürfte. Beides sind wichtige Zutaten zum Menschsein. [4 GR]
Es erklärt aber, warum man seine logischen Fähigkeiten erst entwickeln muss, und dass es Geduld und Selbstbeherrschung braucht, um kritisches Denken einem Affekt vorzuziehen.

• INTELLEKTUELLE NORMEN
Es gibt im KD universelle Normen, um die Qualität eines Gedankengangs zu beurteilen. Diese Normen heißen:
Klarheit, Richtigkeit, Exaktheit, Relevanz, Tiefgang, Vernetzung und Logik. [3 KD]
Die wenigsten von uns prüfen wohl regelmäßig, ob eine Behauptung, eine Argumentation, eine “Theorie” wohl alle diese Kriterien erfüllt, sodass sie uns überzeugend erscheinen darf.

VeMy scheitern ja oft schon an der Klarheit. Oder an der Logik – und es wirkt dann seltsam, dass ambiguitäts-intolerante Menschen ausgerechnet bei den Widersprüchlichkeiten der VeMy Zuflucht finden, wo sie dann gleichzeitig die Opfer und erleuchtete Helden darstellen, Kämpferinnen für den Frieden… Das ist ja wie Vögeln für die Jungfräulichkeit, sagt man.

Ein VeMy kann freilich auch klar und exakt und höchst relevant für die aktuelle Problematik sein – aber nicht zutreffend.

Beim Tiefgang wird’s allerdings ganz eng (also seicht) für die VeMy, weil sie die Komplexität von Systemen, Entwicklungen, Krisen und wirtschaftlichen Dynamiken nicht reflektieren möchten und daher negieren.
Komplexe Zusammenhänge zu beleuchten und die Anspannung darin ohne die egoistisch-psychische Krücke von Sündenböcken und Aggression auszuhalten, das erfordert von Menschen eben nicht nur intellektuelle Stärke, sondern auch seelische.

Eine “gute Theorie” erfüllt alle diese Kriterien. Sie protzt und blendet nicht nur mit ein paar davon, während sie den Rest unter den Tisch fallen lässt und sich ersatzweise selbst auf die Schulter klopft.

Kritische Denker:innen prüfen die Quellen der Information (…) und recherchieren selbst. Kritisches Denken ist von Logik geleitet. Man fragt sich stets, welcher Teil ist noch unklar, unverstanden oder unbekannt. Das ist der erste Schritt, denn man kann zu keiner qualitativ hohen Beurteilung kommen, wenn man etwas nicht versteht oder kennt. [4 GR]

VeMy wollen nicht weiter hinterfragen, was unklar, unverstanden oder unbekannt ist, sondern genau diese Unsicherheiten ein- für allemal ausräumen, indem sie einen Fertiggedanken verkaufen, der kein weiteres Hinterfragen mehr zulässt. Sie haben also an kritischem Denken kein Interesse; sie erlauben sich aber dennoch ein Urteil, und was für ein umfassendes!
Glauben kann natürlich auch eine wichtige Sache im Leben eines Menschen sein, aber man sollte ihn nicht mit Denken verwechseln.

Alles Lug und Trug? Fehlende Normen.
In vielen VeMy lautet die oberste Maxime, die “offizielle Darstellung” würde auf Täuschung beruhen. [7 VM]
Mit diesem Kniff…
– rechtfertigt der VeMy seine Deutungshoheit
– negiert er alles von außen Kommende
– macht er seine eigenen Widersprüche unsichtbar.

Er bescheinigt sich selbst die einzig wahre Wahrheit. Hier wird der VeMy zum exakten Spiegel des egoistischen Individuums, das sagt: “Es ist wahr, weil ich es WILL”. Er ist eine Kolonie von Mikro-Egoismen, die sich selbst nie in den Griff bekommen haben.
Von Kritischem Denken ist er damit sehr weit entfernt.

Tweet-Zitat von @Volksverpetzer:

Liebe es, wenn Pandemie-Leugner oder Nazis auf unsere langen Recherchen, mit Quellen, Belegen, Videos und Fotos einfach mit Beschimpfungen und “Stimmt nicht!!” oder “Du lügst!!” reagieren.
Ja, dann…!

Der pfiffigen Maxime “alles Täuschung” wird also offenbar weit gefolgt, weil es so einfach ist – denken darf man dabei eigentlich gar nicht, sonst würde man merken, dass sie bei einigen der oben genannten KD-Normen hinkt:
Sie ist nicht exakt; für jeglichen Tiefgang ist sie zu oberflächlich und pauschal, indem sie Komplexität abwenden will: Welche Darstellungen, was genau fällt unter “offiziell”? Alle Medien? Alle Politiker? Alle Wissenschafter? Oder überhaupt alles, was online erscheint? Also auch die eigenen Pamphlete und Videos? Postings, Tweets von wem und wem nicht? Wo ist die Grenze? Und wie will man die ohne Differenzierung erkennen?

Medienkompetenz kann sich aus so oberflächlichen Maximen auch nicht entwickeln – im Gegenteil, Differenzierung und Recherche ist ja nicht erwünscht. Die Strafe dafür folgt auf dem Fuße, wenn in einer Satirezeitung über ein VeMy-Meinungsmacher-Idol zu lesen steht, dass er von Frau Merkel bezahlt würde – und seine Anhänger prompt einen Shitstorm gegen ihn starten. [9 ST]
Satire kann eine immense Täuschung sein, wenn man dafür kein Gespür hat – der Meldung wurde trotzdem geglaubt.

Echtes neues Urvertrauen in Idole oder Maximen entsteht in den VeMy also nicht.
VeMy sind definitorisch statt diskursiv. Weit über der Maxime “alles Täuschung” scheint die Vorgabe zu stehen, ohne Bemühung von Denkvorgängen auf den erstbesten Affekt zu reagieren, der sich regen mag. Und das ist im VeMy nunmal die sorgfältig gerichtete Aggression der Anhänger, die sich dann jäh dreht.

Dabei steht beim KD auf der “Checkliste für das Argumentieren” [3 KD]:

Spüren Sie die Auswirkungen und Konsequenzen auf, die – gewollt oder ungewollt – aus Ihrer Argumentationsweise hervorgehen.

Gemeint ist damit wohl: Während Sie ihre Argumentation prüfen, noch bevor Sie sie in der Welt verbreiten.

Der Maxime “alles Täuschung” fehlt aber insbesondere die Norm der Vernetzung:

“Wie sieht die Angelegenheit aus einer anderen Perspektive aus?” [3 KD]

Und womöglich: “Da ich diese gar nicht betrachten will, sondern leugnen – sind womöglich egoistische Interessen im Spiel?”
Hier schließt sich wohl der Kreis der exzessiven Projektion der VeMy auf einzelne Machtmenschen, die angeblich der Welt ihre üblen und egoistischen Absichten aufzwingen wollen. Der Egoismus ist tief verwurzelt in den VeMy und wird knackscharf nach außen auf die Sündenböcke projiziert.

Die Normen des KD sind ja durchaus auch definitorisch – aber ihre Anwendung führt in Diskurse und fortgesetzte Denkprozesse, nicht in geistige Sackgassen.

Finale Gegenüberstellung

V: Die Merkmale des Verschwörungsdenkens [7 VM]
K: Vergleich mit einem Prinzip des Kritischen Denkens [3 KD]

V: Widersprüchlichkeit in der Argumentation
K: Logische Fehler bearbeiten und ausräumen, ggf Argumentation neu entwerfen

V: Generalverdacht (nihilistische Skepsis)
K: Hinterfragen mit Vertrauen auf Vernunft (gesunde Skepsis)

V: Üble Absichten unterstellen
K: Vorurteile aufspüren und ausräumen

V: Alles Täuschung; etwas stimmt nicht (und wenn nicht das, dann sicher was anderes)
K: Gesamtschlussfolgerung bleibt veränderbar

V: Opferrolle
K: Schwächen der menschlichen Natur aus dem Beurteilungsprozess eliminieren

V: Immun gegen (anderslautende) Beweise
K: Neue Information initiiert neue Denkprozesse

V: Zufälligkeiten uminterpretieren
K: Mit Relevanz und Logik interpretieren

Und sonst noch?
Es wird freilich auch andernorts versucht, sich mit dem Wort Denken über die eigene Gruppe und die der anderen zu erheben. Etwa ließ ein rechts verorteter Politikus in den letzten Jahren via Wahlplakat verlauten, man wäre nun “Vordenker” für die hiesige Gesellschaft. Das gesuchte Wort für “in anderen hauptsächlich Affekte provozieren und negative Emotionen anstacheln” lautet allerdings Hetze. Sich dafür mit dem Verb “denken” zu schmücken ist Hochstapelei. Falls darin ein Denken liegt, dann das an die eigenen Vorteile und das ideale Selbst.

Um Widersprüche in VeMy aufzudecken, eignen sich ironische Analogien natürlich auch gut. Hinreichend bekannt und auch naheliegend ist ja die Frage, wie armselig eine geheime Verschwörung sein muss, wenn jeder über YouTube oder WhatsApp ganz einfach davon erfahren kann.

Eine weitere hübsche Analogie besagt, dass jemand, der tatsächlich daran glaubt, Menschen könnten so perfekt im Hintergrund die Fäden ziehen, wohl noch nie im Projektmanagement gearbeitet hat.

Nicht weiter verwunderlich: Das Handbuch über Verschwörungsmythen [7 VM] kommt zu dem Schluss, dass beim Aufdecken von tatsächlich realen Verschwörungen in der Welt die konventionelle Art zu denken dem Verschwörungsdenken weit überlegen ist.
Und das wird sie wohl auch immer bleiben.

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Hinweis: Ein kurzes Follow-Up hierzu hab ich unter dem Titel “Denken für Fortgeschrittene” veröffentlicht.

Quellen und Links:

[1 CT] American Philosophical Association:
Critical Thinking: A Statement of Expert Consensus for Purposes of Educational Assessment and Instruction, Executive Summary “The Delphi Report”
von Dr. Peter A. Facione, Santa Clara University 1990

[2 Wi] Wikipedia:
1. Vernunft
2. Kritisches Denken

[3 KD] Foundation for Critical Thinking ~ criticalthinking.org :
Leitfaden: Kritisches Denken Begriffe & Instrumente
von Dr. Richard Paul und Dr. Linda Elder

[4 GR] With Good Reason: A Guide to Critical Thinking
von Gloria Zúñiga y Postigo, James Hardy, Christopher Foster, Ashford University 2015

CORRECTIV Recherchen für die Gesellschaft ~ correctiv.org:
[5 CN] Im Netz der Corona-Gegner
Artikel von Till Eckert, Matthias Bau, Alice Echtermann 8/2020
[6 CF] Warum Demokratie Faktenchecks braucht
Artikel von Alice Echtermann, Till Eckert 7/2020

[7 VM] George Mason University Center for Climate Change Communication:
Das Handbuch über Verschwörungsmythen
von Stephan Lewandowsky und John Cook

[8 VV] [9 ST] ” title=””>Der Volksverpetzer ~ volksverpetzer.de
Fake! Keine Erklärung vom Verfassungsgericht Karlsruhe über Demo-Auflösung
So rechtsextrem war Berlin 29.08.

[9 ST]
1. Unglaublicher Verdacht: Wird AttiIa HiIdmann von Merkel bezahlt, um die Querdenker-Szene lächerlich zu machen?
Original-Artikel im Postillon 1.9.2020
2. HiIdmann als Merkel-Marionette
Stuttgarter Zeitung 4.9.2020 über AttiIa und Postillon

….

Pro Truth Pledge ~ protruthpledge.org
The Truth-Seeker’s Handbook: A Science-Based Guide
von Dr. Gleb Tsipursky 2017

Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. ~ gwup.org/:
“Skeptiker”-Sonderheft Corona-Mythen (kostenpflichtig, € 3,99 als e-Paper)

Artikel

Wie VeMy die Lücken nutzen und füllen

Dieser Artikel ist Teil 3 von 5 in der Serie "Verschwörung in der Psyche" ...

In der letzten Folge hab ich ein bisschen beschrieben, wie unsere Psyche mitunter mit schwierigen Inhalten umzugehen versucht.
Viele haben in der Krise abrupt den Boden unter den psychischen Füßen verloren und brauchten schnell ein Rettungsfloß, wie immer es auch aussehen mag.

Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit
Der Wunsch nach eindeutigen Aussagen und Verhältnissen, besonders in schwierigen Situationen, dürfte so alt sein wie die Menschheit selbst – aber er ist eben auch sehr unreif. Eine höhere Ambiguitätstoleranz ist hingegen ein Zeichen geistiger Reife. Wir verlernen als Individuen und als Gesellschaft aber zusehends, mit einer widersprüchlichen und mehrdeutigen Welt umzugehen. Das tägliche Angebot der Konsum-Wunderwelt an ihre Kunden lautet ja schließlich auch, Situationen zu liefern, die möglichst frei von Irritation sind: “Diese Serie könnte Ihnen auch gefallen!”
Ihre Algorithmen sind dazu gemacht, uns eine unendliche Vielfalt vorzugaukeln, wo in Wahrheit immer nur dasselbe alte Angebot von gestern in ein neues Mäntelchen gekleidet wird.

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