A-6b C.i. obliviscens: Fallbeispiele

Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!
Weitere Ausprägungen und Fallbeispiele

Schlüssel, Sonnenbrillen, Geldbörse – nicht nur neigt so mancher Schweinehundewirt dazu, sie irgendwo liegenzulassen, auch ist der nicht gelingenwollende Abruf des entsprechenden Aufenthaltsortes ein häufiger Anlass zum Verfluchen des Vergessers. C.i. obliviscens lässt dich mitten in einer Handlung einen tranceähnlichen Zustand erreichen, sodass du später nicht den geringsten Tau hast, wo du das eine oder andere abgelegt haben könntest. Zeitdruck ist in einer solchen Situation nicht unbedingt eine Hilfe. Da kommt der Wunsch nach einem leibeigenen Hypnotiseur auf, der in deinem Unterbewusstsein nach den Informationen gräbt, die dir bewusst nicht mehr zugänglich sind. Ich habe schon Schlüssel im Eierfach der Kühlschranktür wiedergefunden. Natürlich nicht beim Suchen, sondern beim anschließenden Frustfressen. Auch ließ ich früher, als ich mit meinem Mann noch in Wien wohnte, wiederholt meinen Schlüsselbund am Briefkasten im Erdgeschoß stecken, was mir erst auffiel, als ich ihn an der Wohnungstür nicht finden konnte. Dritter Stock, Altbau.

Hat in einem Zuhause ein beliebiger Gegenstand einmal einen angestammten Platz, so wirst du ihn immer dort suchen. Je länger er dort verbleibt, desto fixer ist dieser Aufenthaltsort, zumindest im Geiste. Sabotiert wird solcherlei Ansinnen einerseits von weiteren im Haushalt lebenden Menschen, die zwar stets wissen, wo sie diesen Gegenstand finden können, ihn aber nie dorthin zurücklegen. Oder du selbst öffnest dem Vergesser Tür und Tor, etwa indem du in einer großen Umräumaktion vielen Dingen gleichzeitig einen neuen Platz zuweist. Meine Mutter hat eine große Tabelle angelegt: „Gegenstand, alter Platz, neuer Platz“. Denn wenn ein Fotoalbum zwanzig Jahre lang an einem bestimmten Platz war, wo suchst du es dann? So eigenhändig kannst du das Album gar nicht umgeräumt haben, dass du es auf Anhieb wiederfändest. Im Extremfall machst du dich auf, um es in einem bestimmten Schrank zu suchen, der, wie du bei der Ankunft am entsprechenden Platz feststellen wirst, an dieser Stelle schon seit Jahren nicht mehr steht.

Auch vollkommen sinnfreie Handlungen gehen auf das Konto des Vergessers. Warum nicht in der alltäglichen Routine den einen oder anderen Punkt überspringen und das ganze als Effizienz tarnen? So kann man nach dem Befüllen des Wasserkochers den Teebeutel an der vorbereiteten Teekanne vorbeischmuggeln und ihn mitsamt seiner bereits aufgerissenen Umverpackung seiner finalen Bestimmung im Müll zuführen. Nicht nur erspart man sich die Ziehzeit und das Teetrinken selbst, auch das anschließende Spülen von Teekanne und Tasse entfällt. Der Vergesser schickt dir auch gerne einen mitteilsamen Gesprächspartner, der dir beredt, aber trotzdem kommentarlos dabei zusieht, wie du dreißig Schnitzel panierst, ohne dazu auch nur ein Tröpflein Ei zu verwenden.

Wie schon kurz angedeutet, sorgt der Vergesser in großen Häusern, womöglich mit mehreren Stockwerken oder Räumen auf verschiedenen Ebenen, gerne für die Fitness seines Wirtes, was bei anderen Schweinehunden relativ selten ist. Willst du beim nächsten Hinaufgehen etwa das soeben gekaufte Brot mitnehmen, dann musst du es schon mitten im Weg platzieren, beispielsweise auf der Treppe. Ein schnödes Sammeln von Mitraufnehmzeug an einem Platz in der Nähe der Treppe hat in der Geschichte der Menschheit nur selten dazu geführt, dass etwas tatsächlich mit nach oben genommen worden wäre.
Aber auch hier ist kein endgültiges Vergessen drin; man will ja frühstücken, und nichtvorhandenes Brot lässt sich oben, auf der Maschine in der Küche, relativ schlecht schneiden. Die Scheiben werden dann so dünn. Um das Benötigte zu holen, an dem du soeben mit leeren Armen, sprich: mit 100% Mitnehm-Kapazität, vorbeigegangen bist, musst du also nochmal runterstapfen, und bist dabei so mit Kopfschütteln beschäftigt, dass du natürlich auch vergisst, dir wenigstens gleich das gesammelte Mitrunternehmzeug aufzuladen.

Mit-nach-oben-Nehmen ist wirklich ein schwieriges Kapitel. Ich vermute, dass auch viel mehr Menschen nach ihrem Ableben in den Himmel kommen hätten sollen.

Brot ist übrigens eine Leibspeise des Vergessers. Er verhindert, dass es abends austrocknungsresistent verpackt wird, und sorgt so am nächsten Morgen für lange Gesichter angesichts der erhärteten Tatsachen.

Wie oft verfolgen wir uns selbst und unsere Wege zurück durch die Zeit, um herauszufinden, was uns gerade dazu angetrieben haben mag, den Raum zu verlassen, um kurz darauf in einem anderen völlig ahnungslos zum Stehen zu kommen? Wie viel Zeit verschwenden wir mit Hand-auf-die-Stirn und Zurück-zum-Start?

Ich weiß von einer Freundin, die nur zuhause und nur in einem gewissen Sicherheitsabstand zwischen sich und jeglicher Notierungsmöglichkeit in der Lage ist, die Erinnerung an versäumte Pflichten im Büro erfolgreich abzurufen. Sie nennt diese Ausprägung des Vergessers „fieser Saboteur“, und hier ist der von dir gewünschte Namenszusatz: ludificans maleficus. Ein Dämmerzustand ist im Büro ja nicht selten und dient vermutlich der psychischen Gesundheit (nicht umsonst heißt es „Augen zu und durch“), und der Schlaf zwischen 9 und 17 Uhr soll ja der gesündeste sein. Ich schicke mir selbst regelmäßig Mails von zuhause an meine Büroadresse und leite diese ein mit „Hier spricht dein Gewissen!“.
Ich weiß von einer anderen Freundin, die mit wohlüberlegt gepacktem Köfferchen zum Flughafen fuhr, ohne das daheim gut sichtbar auf dem Tisch liegende Päckchen mit Ticket und Reisepass mitzunehmen, und dann in einer hektischen Aktion nochmal den ganzen Weg zurückfahren musste. Und wieder hin, versteht sich.

Das Mitnehmen von Dingen zu einem Zielort außerhalb des Hauses – vulgo „Mitbringen“ – ist aber auch gar nicht so einfach. Schaffst du es doch mithilfe trickreicher Selbstüberlistungen, etwas ins Auto mitzunehmen oder in die Handtasche zu packen, ist mit diesem Teilsieg gegen den Vergesser die Mitbring-Handlung für dein Gehirn auch schon abgeschlossen. Du vergisst später garantiert, es dort abzugeben, wo es sein Ziel hätte haben sollen. Und ich weiß, wovon ich schreibe. Nicht umsonst nannte mein Mann letztens meine privaten Aktivitäten „Zustellung von Kleinscheiß aller Art“.

Apropos Teilsieg: Dem Vergesser reicht es völlig, wenn du irgendwas in der Hand hast. Es muss nicht zwingend das richtige Utensil sein. Mit einem Hut, einer Sonnenbrille oder einem Feuerzeug kann man zwar keine Autotür wieder aufschließen, sie reichen jedoch völlig aus, dir das Gefühl zu geben, deine Hände seien voll und daher wäre alles in Ordnung, und mit diesem Gefühl die bereits abgesperrte Auto- oder Kofferraumtür guten Gewissens zuzumachen. Zum Glück sind neuere Autos heutzutage anders gebaut und verhindern solcherlei Schmach, die mir anno 1992 noch nicht erspart blieb, als ich mir von ein paar Rockern am Musikfest in Waidhofen an der Thaya das Kofferraumschloss knacken lassen musste, in dem mein Schlüsselbund lag. Kostenpunkt: Drei große Biere.

Ich kann auch fotografieren gehen, ohne die Kamera mitzunehmen, oder zu diversen einzigartigen Anlässen ohne das in langen Stunden vorbereitete und wunderschön verpackte Geschenk auftauchen – mit dem richtigen Schweinehund ist das alles kein Problem. Am schwersten ist der Befall durch Obliviscens für Perfektionisten oder vom Verbieter befallene Leute zu ertragen, denn diese Menschen leiden doppelt unter jeder versäumten Gelegenheit zur persönlichen Effizienz.

Eine der besonders unbrauchbaren Künste des Vergessers sind auch seine Reminder vor dem Einschlafen. Als könnte man zu diesem Zeitpunkt auch nur das Geringste erledigen! Meines Wissens sind Arztpraxen oder Kfz-Werkstätten zu dieser Zeit weder besetzt, noch freut sich die Urstrumpftante über einen nachmitternächtlichen Geburtstagsanruf. Darum sind Block und Kugelschreiber auch am Nachttisch unentbehrliche Utensilien, um nach dem Notieren dieser lebenswichtigen präsomnalen Eingebungen doch noch ein wenig Schlaf zu finden. Wer erst aufstehen muss, um an Schreibgerät zu kommen, kann schon froh sein, wenn er noch weiß, was er holen wollte, wenn er mit schmerzhaft verkleinerten Pupillen verloren in der hellerleuchteten Küche steht.

Fazit

Das Leben mit C.i. Obliviscens erfordert höchste Konzentration. Einen eingelullten Traummännlein-Zustand kann man sich als parasitbefallener Mensch nicht leisten. Die innere Stimme bemüht sich jedoch stets, den Vergesser zu überschreien. Beim Hantieren mit Brieftaschen, Schlüsseln und Sonnenbrillen brüllt sie ihren Weckruf stets aus vollem Hals. Lausche ihrem Ruf – und platziere deine Notizblöcke günstig, dann wird alles gut. Denn das Notieren führt dich im Kampf gegen den Vergesser in eine neue Dimension: Anstatt deine Zeit mit der Suche nach Gegenständen zu verplempern, suchst du in Zukunft nach Zetteln.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Reminder vor dem Einschlafen. Das Wort muss ich mir merken müssen, obwohl es ein Anglismus ist. Ich habe solche immer unter der Dusche, also under the shower. Oder im Auto, jedenfalls wo man grad nicht schreiben kann. Und das Lustige ist, sowie man den Wasserhahn zudreht (oder anhält), ist das Phänomen auch schon wieder weg! Diese Reminder sind ein verdammt flychtiges Geschmeiss, um das hier einmal hinreichend … ähm … imaginabel zu machen.

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  2. Unfassbar. So lange kennen wir uns doch noch gar nicht, dass du mich derart präzise beschreiben kannst! (An dieser Stelle erwarte ich einen bestätigenden Kommentar von rudolfottokar.)

    So ist es mir beispielsweise unmöglich, mehr als eine halbe Aufgabe paranell zu erledigen. Zum Postkastl gehen, beim Hinweg gleich den Mist wegwerfen und auf dem Rückweg auch noch ein Packerl Milch kaufen – das ist für gehirnamputierte Menschen wie mich schlicht undenkbar. Zunächst starte ich ohne Mist los, um beim Postkastl festzustellen, dass ich den Schlüssel vergessen habe. Beim Rückweg vergesse ich das Kaufen der Milch. Dann ergreife ich virtuos den Mist, den ich diesmal – abermals schlüssellos – bis zum Postkastl mitnehme, wo ich nochmals umdrehe, dann den Mist ins Milchgeschäft mitnehme, um schließlich inkl. Mist und exkl. Post wenigstens mit der Milch die sichere Wohnung zu erreichen. Das Hauptziel „Post holen“ wurde somit auf spektakuläre Art nicht erfüllt. Und diese dreifache Vergessensschleife ist nicht mal mein Meisterstück ]:P.

    Aber genug der Selbstdarstellung: Zerwuzelt hab ich mich bei dem Posting! Ganz ehrlich ]:).

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  3. schon von Tony Buzan gehört? Das ist der Mnemotechniker und Mindmapper, mit dessen Hilfe du deinem C.i.o. den Garaus machst, stelle es einmal auf deine Amazon-Wunschliste ;-)

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  4. TM, du schrobst ja schon mal bei dir drüben:

    … leider behält mein Gedächtnis den Umstand, eine Idee gehabt zu haben, einen Moment und Sekundenbruchteil lang, zum Greifen nah, viel sicherer als ihren Inhalt, sogar sicherer als ihr Thema.

    Ich behalte sogar WO ich gerade war, als ich die Idee hatte, und evtl sogar mit WEM, besser als das Thema selbst. Falls ich das Thema noch weiß, oder zB auch eine Anekdote, kannst sicher sein, dass ich nicht mehr weiß, von wem sie stammt oder wozu das alles gut sein soll. Das wollte ich dir damals kommentieren, habs aber vergessen.

    Dürfte in Ö recht verbreitet sein, nicht umsonst gibts die stehende Floskel „Loss mi net vagessn, dass i…“ Sowas kann man ja auch aus der Dusche rufen, vorausgesetzt, da ist jemand, der es hören kann. Wer allein lebt oder aber mit jemandem, der terrisch* is, der kann auch „Ich ertrinke“ brüllen, und es wird sich nix tun.

    *taub

    Ceh, eecht ganz eeehrlich? :D
    Sehr anschaulich! Da ist es ja ganz erstaunlich, dass du es geschafft hast, vor China deine ganze Wohnung auszuräumen! Wie hast du das gemacht??

    hubbie, danke, sehr lieb, aber ich kann mir keine Gedächtnistechniken merken.

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  5. Das mit dem Vergessen kann ich auch wirklich richtig gut. Allerdings mach ich dafür keinen Schweinehund verantwortlich, sondern mehr die Synapsenschaltungen, die für manche Dinge einfach nicht ausgelegt sind.

    Ich schaffs zum Beispiel sowohl mit als auch ohne Einkaufsliste die wichtigsten Dinge zu vergessen. Besonders blöd, wenn es sich um Klopapier oder ähnliches handelt. Und ich ärger mich bei sowas immer, weil ich doch eigentlich einen recht hohen Organisationsgrad hab.

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  6. Das Häuflein zum Mit-Hinaus-Nehmen hat hier schon nepalesische Zuständ´ erreicht- da stapeln sich a) Kratzbaumüberreste (ins Auto, die Heimatmülltonne ist zu klein, muss am Büro in den Container) b) ein Korb mit eher sperrigen Kästen aus Altpappe (dito) c) einige der gegen Bares umzutauschenden Altflaschen, müssen ins Auto für den nächsten Kauf… und alles steht da schon etwas länger. Das Katzenvolk freut sich. Es schläft im Altpapier, klettert in den Kratzbaumresten und kegelt mit den PET-Flaschen.
    Dafür wartet im Auto eine ganze Palette mit 20 Dosen Katzenfutter auf das Mithineinnehmen.
    Ich vermute mal, es liegt am Auto. Ansonsten wohne ich im Erdgeschoss, da bleibt mir wenigstens das Klettern erspart.

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  7. lieber ceh!
    ich bin viel zu verwirrt von diesem beitrag, deshalb hab ich vergessen, welchen kommentar ich erwartungsgemäß schreiben hätte sollen/sollte/wollte…
    ich möchte nur anmerken, dass ich dem erfinder dieser gelben papierlpickerln unendlich dankbar bin. sozusagen überlebenshilfe…
    prost it, sag ich nur!

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  8. Wahrlich! Wenn es Post-its nicht gäbe, wäre ich nicht existenzfähig. Blöd nur, dass ich so oft vergesse, draufzuschauen. Man gewöhnt sich einfach viel zu schnell dran, dass alles mit gelben Zetterln übersät ist ]:P

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  9. Musst du in bunt kaufen. Also Blöcke in verschiedenen Farben. Bei dem Neonpink schreckst dich dann so, dass du freiwillig tust, was auf dem Zettel steht, nur, damit du das Ding nicht ansehen musst. Einzige Schwierigkeit: Wie schafft mans, dass man sich die schrillen PostIts kauft? Denn wenn man keine hat, kann man keine verwenden (toll, Binsenweisheiten)….

    Mir ist übrigens heute am FEHLEN eines PostIts aufgefallen, dass ich was einpacken muss. Denn das hatte ich extra aufgeklebt, aber es ging verloren. Und die Tatsache, dass es weg war, hat mich erinnert. Unlogisch, aber war so.

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  10. *lol* gute idee! und das mit dem fehlen kenn ich auch. der wahnsinn hat bei mir mittlerweile methode gefunden: jene zetteln, die mich an wiederkehrende handlungen erinnern sollen (einkaufen, mistausleeren, atmen, …) lasse ich heutzutage abwechselnd ein paar tage lang picken, so dass sie mich auf herkömmliche weise erinnern – und dann nehm ich sie ein paar tage lang weg, um von diesem inversen erinnerungseffekt zu profitieren. eine heikle sache, denn ein tag zu viel oder zu wenig kann schon den unterschied zwischen vergessen oder nicht vergessen bedeuten. aber leben am limit ist eh mein ding ^^.

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