Von Hirnen und Menschen (1)

Ein Video ist Thema dieses Eintrags. Es ist nicht ganz verkehrt, sich das vorab anzuschauen, damit man auch weiß, wovon ich hier tippe – sofern man Englisch kann. Für jene Leser, die des Englischen nicht ausreichend mächtig sind, gibt es hier meine Beschreibung des Inhaltes auf Deutsch. (Der Übersichtlichkeit halber steht sie unten in den Kommentaren. Von dort kann man sich nach dem Lesen leicht wieder zurück hierher klicken.)

Der Mann auf der Bühne im Video heißt Mark Gungor und gibt als Ehe-Experte kabarettistische Ehe-„Seminare“, etwa darin, wie man verheiratet bleibt, ohne einander umzubringen. Ich finde den Ausschnitt auf so vielen Ebenen verkehrt, dass er mich zu ausgiebigem Kopfschütteln veranlasste und zu soviel Augenrollen, dass ich dabei fast nach hinten umgefallen wäre. Daher hier meine persönliche Meinung dazu – in zwei Teilen. Der zweite Teil wird dann einen Abschnitt beinhalten, den ich ohnehin schon länger in der Schublade hatte.

Es ist im Grunde eine unglückliche Tatsache, dass der Videoausschnitt so zusammenhanglos im Netz steht. Das zweistündige Programm des Herrn Gungor ist ebenfalls online, und wem gefällt, was der Mann tut, der möchte sich ein komplettes Bild machen (findet man auf der Youtube-Site rechts außen). Ich beziehe mich mit meinen Statements auf den oben verlinkten, knapp viertelstündigen Ausschnitt, habe aber auch die lange Version gesichtet.

Das Konzept selbst ist ja keine rechte Neuigkeit und spätestens seit dem Buch „Frauen sind von der Venus, Männer vom Mars“ einer breiten Masse wohlbekannt. Der Mann meint es ja gut, und ich erkenne das an. Dennoch stören mich drölfzigerlei Dinge an dem Vortrag. Ich lasse mich von der vermeintlich enthaltenen Bestätigung, dass mich endlich in meiner Eigenschaft als wandelndes Frauenhirn so richtig verstanden hat, nicht in die Pfanne hauen, und bemerke hiermit folgende Inhalte:

schwarzweiss 1. ERKENNEN SIE DIE MELODIE?

Mit schwarzweißen Maximalkontrasten holt man sich erstmal ein paar Zustimmungen. „Wir“ und „die“. Männerhirne, Frauenhirne, können, können nicht. Die Unterschiede zwischen uns und denen sind sehr, sehr groß! Keine Ausnahme im Schwarz-Weiß-Spiel. Einfache Schubladen für komplexe Probleme.

Kennen wir das nicht auch noch von woanders?

2. ALLE MEINE SCHÄFCHEN

„Hurra, alle anderen sind auch so! Es ist universell, es war schon immer so, und so viele bestätigen es – es muss also die beste Strategie sein. Es ist unabänderlich! Alternativlos! Ich bin nicht verantwortlich für mein Gehirn, also muss ich mich auch nicht verändern.“

„Millionen Fliegen können nicht irren!“ Weiß jemand, was davor kommt?

Weidelammfest Moschendorf Es wird mir angeboten, in einer Herde scheinbar Gleichempfindender eine Sicherheit zu entdecken, Applaus und Gelächter scheinen sie zu bestätigen.
Doch der Glaube, eine Sache müsse die ideale Wahl sein, nur weil sehr viele Menschen ihr zustimmen, fällt unter kognitive Verzerrung. Es ist eine bekannte Fehleinschätzung im menschlichen Denken. Natürlich ist aber auch der Umkehrschluss nicht gültig – es muss deshalb nicht gleich Mist sein.

Was aber ist mit solchen Männern, die über ihre Empfindungen reden können und wollen? Was ist mit Frauen, die ihre Gedankengänge sehr gut ordnen und auch mal an gar nichts denken können? Stimmt etwa mit deren Gehirnen was nicht? Mit ihrem Geschlecht? Oder haben sie einfach nur andere Strategien zur Angst- und Stressbewältigung gesehen, gelernt, und wenden diese an?

Ich erinnere mich auch an Situationen mit dem einen oder anderen Mann, der mir ein Problem beschrieb und sich dann nur wenig begeistert zeigte, wenn ich mir die aus dem oben erwähnten Buch berühmte „Heimwerkermütze“ aufsetzte und mich mit Lösungsvorschlägen und eigenem Denken einbrachte. Wenn ich „einfach nur zugehört hätte“, hätte das mehr Freude erzeugt. Funktioniert womöglich das Hirn eines dieser Herren nicht mehr richtig? Oder mein eigenes?

3. VON DER UNERTRÄGLICHKEIT DES SPRECHENS

Ausgerechnet jene Eigenschaften, die Beziehungen bislang weltweit noch am effektivsten am Leben erhalten, nämlich Offenheit, Respekt und Gesprächsbereitschaft, kommen in diesem Vortrag nicht besonders gut weg. Vogel-Strauß-Politik löst aber auch keine Probleme, das dürfte jedem klar sein.

Kopfkino, Flimmern, Vorspann. Ich stelle mir den umwerfenden Erfolg eines Politikers vor, der am Verhandlungstisch einfach den Mund nicht aufmacht. Wenn ein Verhandlungspartner ihn fragt, was er denkt, sagt er „Nichts!“ und knurrt schließlich: „Geh weg!“
Der Vergleich ist unfair? Ja, ist er. Weil es in der Situation im Video um persönliche Stressbewältigung in einer privaten Situation geht und nicht um das Verhalten in einer beruflichen Gesprächssituation.

Doch auch im Rahmen einer Beziehung hat man sowohl entspannte als auch verantwortungsvolle Situationen zu durchleben, und das sollte nicht ich betonen müssen, nachdem gerade ein Ehe-Experte gesprochen hat.

Es wirkt hingegen eher so, als würde der Experte Männern bestätigen, nicht über ihren Stress zu reden sei generell sehr männlich, und daher sei es auch privat durchgehend empfehlenswert, zu schweigen – und damit die häufig letzte Phase einer Beziehung einzuläuten. Denn am Ende ist es genau das, was Frauen von Männern kriegen, die sich allzu lange in Nichts-Kisten aufhalten: Nichts. Es kann extrem erleichternd sein und einen auf ganz neue Ideen bringen, sich eine Weile in ein geistiges Nirwana zurückzuziehen. Aber ist ineffizient und ineffektiv, wenn man daraus nicht nach absehbarer Zeit mit einer brauchbaren Lösung wieder auftaucht, die man notwendigenfalls auch kommunizieren kann.

Manche Frauen hingegen haben zwar in ihrer Sozialisation gut gelernt, ein Thema zu besprechen und oft auch, es ausgiebig zu bejammern und zu beweinen, und sich auf diese Weise von einem (meist weiblichen) Zuhörer Verständnis und Zuwendung zu holen. Ebensowenig zielführend wie die Schweige-Strategie ist dieses Verhalten aber, wenn der wiederholten Besprechung keinerlei Konsequenzen folgen. Soll heißen, Frauen sind sehr geübt im Darüber-Reden, aber mitunter nicht so gut darin, eine Lösung zu erdenken und diese auch umzusetzen. Vielleicht hat jemand anderer das oft für sie übernommen, vielleicht hängen sie auch schon sehr lange in den immer selben Problemen fest. Eine solche Frau kann für einen Mann natürlich auch sehr frustrierend sein, wenn sie auf seine Lösungsvorschläge nicht eingeht, aber dennoch nicht mit dem Darüber-Reden aufhört.

rosafant Warum aber ist Schweigen so ungerecht? Weil unausgesprochene Themen wie rosa Elefanten im Raum zu stehen pflegen und sehr effektiv jede Sachdiskussion und jegliche Interpretation jedes harmlosen Satzes beeinträchtigen, denn sie verpesten das gesamte zwischenmenschliche Klima. Das ist deutlich spürbar, und zwar für alle Beteiligten. Die pure Tatsache, dass einer nicht darüber sprechen will, macht ihn dagegen nicht immun und nimmt ihm auch nicht die Verantwortung für die Elefanten-Entsorgung. Es wäre ungerecht, für die Auflösung der Anspannung nur einen Redebereiten in der Verantwortung zu lassen.

Weil in jeder zwischenmenschlichen Beziehung die Themen der Partner einander berühren, überschneiden und triggern, kann man sie auch nur schlecht separieren nach „Frau, dein Thema, red halt drüber, wenn du musst“ und „Mann, mein Thema, das lassen wir schön draußen“. Der Redebereite muss jedesmal fürchten, in ein Wespennest zu stechen, „verbotene“ Bereiche zu betreten und dafür sanktioniert und abgelehnt zu werden. Die Verschlossenheit des einen Partners beeinträchtigt also auch die Offenheit des anderen und nötigt ihn dazu, mit ganzen Anteilen seines Selbst hinterm Berg zu halten.

Und das soll richtig sein, nur weil so viele Paare das offenbar genauso betreiben?

Welches Rüstzeug brauchen wir also? Wir brauchen immer das Beste aus beiden Welten! Und zwar unabhängig davon, welches Geschlechtsteil sich zwischen unseren Beinen findet.

4. VIEL BEHAUPTEN, MEHR VERSCHWEIGEN

Gungor schlüpft in ein pseudowissenschaftliches Mäntelchen und suggeriert uns mithilfe selektiver Erwähnung von Studien, das männliche und das weibliche Gehirn wären unveränderlich. Er bedient so die – ebenso beliebte wie falsche – Auffassung, dass am besten alles so bleibt, wie es ist („Status-quo-Bias“).
Hirne sind so, Männer sind so, Frauen sind so, und das bleibt auch so. Punkt.

gehirn Eine immens wichtige Information allerdings unterschlägt er uns: Die Ergebnisse der Hirnforschung über Neuroplastizität.
Diese besagen im Wesentlichen: Du kriegst, was du formst. Dein Gehirn entwickelt sich ganz nach seiner Benutzung. Neue Erfahrung und vor allem Wiederholung und Übung wirken sich deutlich auf das Gehirn aus. Schon die alten Chinesen wussten:
„Nicht dort, wo du es schon zur Meisterschaft gebracht hast, sollst du dich weiter erproben, sondern dort, wo es dir an solcher Meisterschaft mangelt.“

Die Neurowissenschafterin Dr. Lara Boyd weiß das auch:
„Verhaltensweisen, die Sie in ihrem Alltag anwenden, sind entscheidend. Jede einzelne davon verändert Ihr Gehirn. […] Neuroplastizität funktioniert in beide Richtungen. […] Ihr Gehirn ist enorm wandlungsfähig, und es wird sowohl strukturell als auch funktionell von allem geformt, was Sie tun – aber auch von allem, was Sie nicht tun.“
Komplettes Video, TEDx-Talk auf Youtube (in englischer Sprache)

Was ein menschliches Hirn auszeichnet, ist die Fähigkeit, sich selbst immer wieder neu in Frage zu stellen. So bleiben wir in der Lage, mit einem Gefühl der Betroffenheit unsere Fehler zu erkennen und neue Strategien zu erlernen, die zu größerem Erfolg führen als bisher. Das von Gungor eingeführte Dogma ist diesbezüglich enorm einschränkend. Er unterstellt, dass wir schon in unserer endgültigen neuronalen Parkposition angekommen wären und weitere Fähigkeiten nicht benötigt würden.

Frauen, die nie gelernt haben, auch mal völlig abzuschalten und runterzukommen, werden vom TwoBrains-Dogma in ihrem pausenlosen Treiben bestätigt und entwickeln womöglich die eine oder andere zwanghafte Angewohnheit, bis sie eines Tages beim Vorhängeabnehmen – weil man die ja gleich waschen kann, wenn man schon die Fenster putzt, nachdem man die Wand neu gestrichen hat – entkräftet von der Leiter purzeln. Wenn ihnen niemand sagt, dass das kein unveränderlicher Zustand ihres fluchbehafteten Frauengehirns ist, sondern dass man Entspannung lernen kann.

Bei vielen Männern geht die Strategie „Einfach nicht drüber reden“ und „nur aufs Außen konzentrieren“ nur bis Mitte 40 gut. Danach wirds irgendwie kalt, sinnleer, einsam und insgesamt mitunter sehr kritisch. Und das ist keine Erfindung der Psychologen, sondern eine empirische Beobachtung. Dann beim Therapeuten zu sitzen und reden zu sollen, während man im Hinterkopf Onkel Gungor sagen hört, ein Mann könne und müsse das nicht, ist bestimmt wenig hilfreich.

Fatal auch am Two-Brains-Dogma für spätere Krisen: Veränderung wird umso schwieriger, je länger man keine neuen Strategien ausprobiert und eingeübt hat.
Lernprozesse, wie sie nötig sind, um eine Krise zu bewältigen, fallen dann weitaus schwerer. Aber wer bleibt schon lernwillig, wenn er bestätigt bekommt, dass er das gar nicht braucht, weil er für sein Hirn gar nicht verantwortlich ist?

oldshitnewshit Glück im Unglück: Eine schwere psychische Krise aktiviert eine langanhaltende Stressreaktion, in deren Verlauf die etablierten Verschaltungen im Gehirn destabilisiert werden. Der Gehirnbenutzer kann dann alte, überholte Muster etwas einfacher über Bord werfen und sie durch neue Verschaltungen ersetzen. Krisen erleichtern Veränderung – sofern man das zu nutzen weiß, und das Hirn sich noch nicht völlig im Starrsinn verkantet hat.

In einer Krise auf ein so kontraproduktives Dogma wie das der TwoBrains zu stoßen, ist hingegen nach meinem Empfinden nicht direkt ein Glücksfall. Die darin enthaltene „Bestätigung“ ist als dauerhaftes Ruhekissen ineffektiv und für persönliche Entwicklung nicht hilfreich. Die Überzeugung, wenn man sie sich aneignet, schafft zusätzliche Hürden – für Männer und Frauen. Aber Männer reagieren weitaus empfindlicher auf Veränderungen ihres Status. Somit haben sie auch mit dem Dogma das größere Problem. Man wäre „kein ganzer Mann“ mehr, wenn man sich je wieder von den Überzeugungen abweichend verhalten würde.

Verhaltensweisen sind nicht gottgegeben oder naturgegeben, nur weil jemand ein männliches oder weibliches Gehirn hat. Natürlich sind Einflüsse durch allerlei Hormone gegeben, die durch den Körper rauschen. Deren unterschiedliche Zusammensetzung in männlichen und weiblichen Körpern wirkt auch unterschiedlich auf deren Gehirne.

Es gibt aber auch im Bereich der männlichen Kommunikationsstrategien verdammt wenige alternative Rollen-Vorbilder, die emotional zugänglich und sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich gleichermaßen erfolgreich wären. Dazu mehr im zweiten Teil.

Würdest du mit deinem Lebensmenschen einen Umzug ins Ausland planen, aber er/sie könnte kein Englisch und würde sich auch weigern, es zu lernen… mit der Begründung, sein/ihr (völlig gesundes) Hirn würde das nicht zulassen – würdest du das dann „einfach akzeptieren“, weil er/sie „halt so ist“? Genauso unmöglich ist es für so manche Frau, zu akzeptieren, wenn ihr Partner dauerhaft nicht mit ihr über wichtige Dinge reden möchte, die sich in ihm abspielen.

Wer stetig Neues lernt und einübt und seine Komfortzone regelmäßig verlässt, in dem entsteht und wächst auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ein Ausruhen auf einem Status quo der Unveränderbarkeit ist dann nur im Notfall nötig.

5. DU BIST EINFACH NUR LÄCHERLICH

Gungor hat aktiv- und vor allem passiv-aggressives Verhalten zur Bühnenreife gebracht, klassischerweise tarnt es sich als Humor. „Was ist looos mit dir, verstehst keinen Spaaaaß?“ Es ist keiner. Beide Gruppen werden auf für mein Empfinden übertriebene, weil nicht notwendige Weise herabgewürdigt. Das pauschale Runtermachen von Menschen und Gruppen ist beileibe keine liebevolle Selbstwert-Pflege, weder an sich selbst noch an anderen. Ich spüre deutlich, dass das nicht an mir vorbeigeht, auch wenn es ja nur sehr lustig und gar nicht persönlich gemeint ist.

Ein Hirn, das perfekt abschalten kann, oder eines, in dem einfach alles mit allem anderen verbunden ist, ist eine wirklich tolle Sache. Diese Hirne schlecht aussehen zu lassen, ist an sich schon eine beachtliche Leistung der Irreführung.

Der Ausgleich, den mir Gungor dafür anbietet, nämlich ein bisschen über meine eigene Lächerlichkeit und die meines Partners lachen zu sollen, ist für mich ein schlechter Tausch.
Offensichtlich selbst nicht ausreichend verantwortlich für sein eigenes Hirn, setzt er mitten auf der Bühne ein Killervirus für die weitere Beziehung frei und verbindet es mit dem speziellen Verhalten des Partners: Verachtung.

Selbst dort, wo bisher noch keine war, da würd ich wetten. Zunächst neckt man einander vielleicht noch liebevoll, nach der Vorstellung und die Tage danach. Aber nach Wochen und Monaten holt einen womöglich doch die Frustration über die behauptete Unveränderbarkeit dieser Eigenschaften ein. Und dann erinnert man sich daran, wie verächtlich sie auf der Bühne dargestellt wurden.

verachtung Im „Love Lab“ an der Universität Seattle gibt Dr. John Gottman mit 90%iger Trefferquote Prognosen darüber ab, ob Ehen halten werden oder nicht – und das, nachdem er nur fünf Minuten eines Streites zwischen den Eheleuten beobachtet hat. Nicht, dass Streit an sich ein Todesurteil für eine Beziehung wäre – fehlende Konflikte dagegen viel häufiger.
Ein wesentlicher Scheiterhaufen für Ehen ist seinen Beobachtungen zufolge jedoch, wenn dem Partner gegenüber Verachtung zum Ausdruck gebracht wird, sei es nun durch Worte oder Mimik.

Das emotionale Gehirn, einmal in Alarm versetzt, reagiert selbst auf die kleinsten Anzeichen von Verachtung extrem: Blutdruck und Puls gehen durch die Decke, Stress kommt auf. Die Fähigkeit des kognitiven Gehirns, vernünftig nachzudenken, wird außer Kraft gesetzt – der präfrontale Kortex wird regelrecht abgeschaltet. Eine vernünftige Diskussion ist dann kaum mehr möglich, viel wahrscheinlicher folgt ein verbaler Gegenangriff, Flucht oder Gewalt.

Verachtung und liebevolles Verständnis schließen einander schlicht und ergreifend aus. Das sollte ein angeblicher Ehe-Experte wie Gungor eigentlich wissen.
Während der Vortragende den vermeintlich unveränderlichen Angewohnheiten auch noch bescheinigt, sie wären lächerlich und verachtenswert, fällt ihm die zuvor verschwiegene Neuroplastizität mit voller Wucht auf den Kopf: Es gibt keinen Ausweg. Veränderung ist nicht möglich, Akzeptanz der Eigenarten des anderen aber leider ebensowenig. Die Verachtung verhindert das.

6. DEIN BILD KANNST DU DIR EINROLLEN (Zynismuswarnung!)

mc3bctzeblau In die vorgefertigte Kerbe des Patriarchats schlägt es sich leicht. Wir bekommen also wieder mal erklärt, was ein echter Mann ist. „Männerhirne“ und ihre Funktionen werden mit souveräner und ruhiger, manchmal angespannter Stimme vorgetragen – und Gungor tut es in der Wir-Form, na klar, schließlich ist er ja ein Mann, da muss man auch gar nicht objektiv sein. Wir denken in geordneten Strukturen.
Wir sind freilich sehr beherrscht, wenn wir gefragt werden, woran wir gerade denken – reichliches Augenrollen und Wangenblähen demonstrieren den Versuch des armen Mannes, sich so gut wie gerade noch möglich zu beherrschen, wenn er indiskreterweise von seiner Frau gefragt wird, woran er denkt. Bis er die Antwort „Nichts“ herausbringt und ein „Geh weg!“. Der gehirntote Mann ist aber dann echt schon ziemlich unterste Schublade. (Da werden wir uns bei den Frauen was ausdenken müssen, damit die, wie es sich gehört, noch etwas schlechter wegkommen.)
An Dinge, die mit Emotion verbunden sind, können auch wir Männer uns im Prinzip besser erinnern; das kommt aber nur selten vor, weil uns Männer alles einen Dreck kümmert.

mc3bctzerosa Frauen hingegen kümmert aaaaaalllllleeeeeeessssssss, und deshalb merken sie sich auch genauso viel. Er bekreuzigt sich erstmal vor dem Frauenhirn, und bringt dann noch nebenbei-anekdotisch eine Nonne aus der katholischen Schule seiner Kindheit mit der Hölle in Verbindung (hat ihm aber nicht geschadet, na Gott sei Dank.). Sehr, sehr würden sich Frauenhirne von Männerhirnen unterscheiden, behauptet er. Frauenhirne würden ausschließlich von emotionaler Energie angetrieben.
Die Denkvorgänge der Frau zeigt er uns mithilfe hektisch fuchtelnder Handbewegungen, sirrenden Geräuschen, schnellen Worten und schriller Stimme, die schließlich in einem Kreischen kulminiert. Auch alles, was Frauen sonst so sagen, gibt er mit verstellter Stimme wieder, um uns die schier endlose Nervigkeit zu demonstrieren, mit der Frauen etwa nachfragen, woran ihr Mann denn denke. Die Aufforderung der Frau, doch mit ihm zu sprechen, wird mit langer, schriller Vokalintonation vorgetragen, völlig lächerlich gemacht schon durch die Art der Präsentation, daher freilich auch völlig absurd in ihrem Ansinnen, aber dafür sehr eindeutig eines: absolut unerträglich.
Der tollste Moment: Die Sekunden von 12:39 bis 12:56 des Videos bestehen aus einem einzigen, schrillen Ton in der weiblichen Aufforderung „Sprich mit mir!“

Männer werden als dumpfe Trottel dargestellt, die nichts empfinden, nichts denken und auch nichts sagen wollen. Frauen als unerträglich, ihre Denkvorgänge als emotional, chaotisch und verworren. Zweimal wird Frauen ein Mord(wunsch) an ihren Männern unterstellt, damit wird die Dumpfheit des Mannes noch unterboten. Die Vorgaben des Patriarchats sind erfüllt.

Das kurze Video lässt auch sonst in der Patriarchat-Kerbe kaum etwas aus:
Vorgaben und Rollenbilder schaffen, Spielräume beschneiden, Sicherheit in der eigenen Gruppe vortäuschen (Statusverluste impliziert), Veränderung verhindern oder erschweren. (Mehr dazu im zweiten Teil)

Die Sicherheit in der Masse der Rollenbilder, die es verspricht, kann es aber nicht halten, sobald es um persönliche Probleme geht. Es lässt dich mit der schwachen Behauptung „Ich bin eben so, weil mein Hirn nicht anders kann“ allein.

Und noch eins: Selbst wenn einer wirklich mal drüber reden wollte – dieses Konzept haben ja leider die Frauen erfunden, und damit steht dem TwoBrains-Gläubigen diese Strategie nicht mehr zur Verfügung, sofern er ein ganzer Mann bleiben will.

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ENDE TEIL 1, FORTSETZUNG FOLGT.

Inhaltsverzeichnis Von Hirnen und Menschen

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  1. Das Programm, aus dem dieser Ausschnitt stammt, heißt übersetzt „Die Geschichte zweier Gehirne“/“Lachen Sie sich in eine bessere Ehe“. Gungor beschreibt in dem Ausschnitt, wie Männerhirne funktionieren und wie Frauenhirne funktionieren, und betont, sie seien überaus unterschiedlich.

    Männerhirne seien aus lauter kleinen Kisten aufgebaut. Eine Kiste für die Frau, eine für die Kinder, eine für die Schwiegermutter im Keller, haha. Die Regel laute, die Kisten berühren einander nicht. In jeder Kiste liege nur ein Thema, und wenn dieses Thema aufkomme, werde die Kiste geöffnet und dann nur dieses eine Thema besprochen. Danach stelle mann die Kiste wieder dorthin, wo man sie hergenommen hat und achte dabei peinlichst darauf, dass die Kiste dabei keine der anderen Kiste berührt.

    Frauenhirne hingegen seien demnach ein großer Kabelsalat, in dem jedes Thema mit einem anderen verbunden sei. All diese Verdrahtungen seien durch die Energie der Emotion gesteuert, chaotisches Gewusel und Gesumme soll das unterstreichen. Frauen erinnern sich an alles. Es gebe darin tausende Gedanken, und diese stünden niemals still.

    In einer der Männer-Kisten, von der Frauen nichts wüssten, sei nichts enthalten. Diese Nichts-Kiste sei die Lieblingskiste des Mannes und ermächtige ihn, Dinge zu tun, die absoluten „Hirntod“ unbedingt erfordern, wie Angeln [wird ausgiebig vorgezeigt, falls man sich das nicht vorstellen kann] oder am TV durch die Kanäle zappen [nochmalige Demonstration für die Kopfkino-Unbegabten]. An nichts denken, dies können Männer, das sei durch Studien erwiesen.

    Dieses An-Nichts-Denken könne eine Frau nicht. Ihr Denken stehe niemals still, und sie verstehe auch die leere Kiste nicht, und das mache sie wahnsinnig, denn nichts finde sie schlimmer als nichts zu tun. Frauen hätten die tollsten Aha-Erlebnisse, wenn er sie zum ersten Mal von der Nichts-Kiste unterrichte.

    Er ergeht sich anschließend ausgiebig darin, wie fehl am Platz Frauen doch in der Nichts-Kiste wären, würden sie dorthin mitkommen, was sie ihm zufolge freilich sogleich wollen, wenn sie von der Nichts-Kiste erfahren haben.

    Es sei die unterschiedliche Art, Stress zu bewältigen, die Frauen und Männer unterscheide. Bei Stress wollen Männer demnach ihre Nichts-Kiste aufsuchen und keinesfalls darüber reden. Natürlich komme dann die Frau und frage, woran der Mann denkt [ausgiebige Demonstration der Unerträglichkeit dieses Vorganges].

    Die Frau hingegen, wenn sie unter Stress stehe, müsse zwingend darüber reden, was in ihrem Kopf vor sich geht, sonst laufe sie Gefahr, dass ihr Schädel explodiert. Männer wüssten dann nicht, was sie ihren Frauen sagen sollen, und fühlen sich veranlasst, die Frau zu „reparieren“, also das Problem zu lösen, weil das auch der einzig gültige Grund sei, dass ein Mann einem anderen Mann ein Problem schildere – die Erwartung, dass er bei der Lösung hilft. Doch die Frau sei ja kein Mann, und wenn er versuche, sie zu reparieren, werde sie ihn sogleich umbringen. Sie wolle weder seine Hilfe noch seinen Rat, sie wolle nur, dass er die Klappe hält und zuhört. Sie wisse ja noch gar nicht, wie sie sich fühlt, denn das finde sie erst beim Reden heraus.

    Weil sie einander lieben, würden sie einander ihre Antwort, ihre beste Lösung anbieten: Der Mann schlage der Frau vor, einfach nicht drüber zu reden und auch nicht mehr daran zu denken. Es folgt die erneute Andeutung einer drohenden Gewalttat, diesmal mithilfe diverser Messer.

    Die Frau biete dem Mann das Gespräch an [ausgiebige Zelebration der Unerträglichkeit dieses Ansinnens], aber er wolle nicht darüber reden, und er werde auch nicht daran sterben, weil er ja keine Frau sei. Sie solle ihn in Ruhe lassen.

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  2. Wieder einmal sehr treffend und tiefgreifend analysiert. Ich hatte ähnliche Empfindungen beim Ansehen dieses Videos. Erinnert mich vom Stil der Herabwürdigung her an Mario Barth, den ich ähnlich „komisch“ finde.
    Freue mich schon auf Teil 2 deines Beitrags. :)

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