A-4. C.i. dubitans: Der Zweifler

Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!

A-4. C.i. dubitans: Der Zweifler

‚Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis.‘

Das behauptet er – ohne allerdings je tatsächlich die Erkenntnis anzustreben. Da kannst du noch so lange im Wartezimmer sitzen. Aber er kann dir zu Erkenntnis verhelfen – wenn du die Dinge selbst in die Hand nimmst.

Der Zweifler-Schweinehund ist eng mit dem Verächter, C.i. despiciens, verwandt, agiert jedoch wesentlich subtiler. Er stiehlt dir das Vertrauen – in die Welt, in dich selbst, in andere. Nicht, dass er damit etwas anfangen könnte. Er will dir nur weismachen, dass du keinen Zugang zu deinem Vertrauen hast.

Wenn du erfolgreich und vielleicht sogar spontan aus dem Bauch eine Entscheidung getroffen hast, und sei sie noch so belanglos („Ich nehme Schnitzel mit Salat!“), erwacht der Zweifler und hebt aufmerksam den Kopf. „Oh, ein Beschluss? Moooment! Nicht mit mir!“ Dann setzt er sich ein Hütchen auf seine Schweinsohren und gibt sich als deine Intuition aus; dabei klingt er zwar ein wenig, als würde er in einen Blechkanister husten, aber er selbst hält sich für einen spektakulären Intuitionsimitator.

Doch er findet nicht nur die aktuelle Entscheidung schlecht, er hält Entscheidungen generell für überbewertet. Darum setzt er eines der perfidesten Mittel auf dich an, die Schweinehunde draufhaben: den Zweifel. Er verstreut ihn wie Konfetti, lässt ihn in jeden Winkel kriechen, wenn du es zulässt, und unterwandert und infiziert damit dein ganzes Denken und Empfinden.

Das gute, glatte, sichere Gefühl, das du eben noch hattest, verzieht sich, und zurück bleibt ein Häufchen unentschlossenes Elend. Er löst in dir das aus, was im österreichischen Sprachgebrauch auch als „Hirnwichsen“ bekannt ist: Hin-, Her- und Im-Kreis-Gedenke quer durch ausgemalte Situationen. Was ist, wenn sich die Entscheidung später als falsch erweist? (Um Himmels Willen, dann müsstest du dich mit einer panierten Schuhsohle und lappigem Salat auseinandersetzen, und mit deinem Impuls, deinem Gegenüber dessen Teller zu entreißen! Der Salat auf der anderen Seite ist aber auch immer grüner!)

Auf deinen Glauben hat er es ebenfalls abgesehen. Und wenn du dich gerade noch so wohl damit gefühlt hast, er dir Kraft und Zuversicht gegeben hat – im nächsten Moment schüttelt Dubitans den Kopf, stellt all das mit einer kleinen Zweifelskonfetti-Einstreuung infrage und dich systematisch als naiven Idioten hin.

Denn: Was ist, wenn das, was ich glaube, doch nicht der Wahrheit entspricht? Wenn alles bloß ein Luftschloss war, das dann in sich zusammenstürzt und mich mitreißt? Was ist, wenn ich mich mit meiner Bauchentscheidung oder meiner Überzeugung zum Affen mache, wenn ich mein Ansehen verliere, meine Freunde, mein Geld, mein Leben?
Was ist, wenn? Was ist, wenn?

Mit Komplimenten braucht deine Umwelt dir auch nicht zu kommen, wenn du den Zweifler im Gepäck hast. Wehe, wenn er eines mitkriegt! Dann hatte der Charmeur doch bestimmt ein durchtriebenes Motiv dafür, dir so freundlich zu kommen! Es gilt nur rauszufinden, welches! Was will dieser Mensch wirklich von dir? Das Kompliment konnte ja wohl nie und nimmer ernst gemeint sein und von Herzen kommen.

Dubitans bezweifelt, dass dein Schnuckelputz dir tatsächlich treu ist. Er hält es für reichlich unwahrscheinlich, dass deine Geldanlage eine richtig gute Idee war. Er versieht jeden noch so gelungenen Abend im Nachhinein mit einem schalen Nachgeschmack. Er färbt dir die Brille schwarz mit seinem Pessimismus und prädestiniert dich damit für finstere Erlebnisse, die er hernach als Beweis für seine vermeintliche Allwissenheit ausgibt und dir damit vor der Nase rumwedelt („Hab ich dir doch gleich gesagt!“).
Er ist der Teufel im Schweinehundepelz.

In einer argumentativen Auseinandersetzung mit dem Zweifler kannst du schon deshalb nicht gewinnen, weil er nur so tut, als würde er deine Entscheidung zugunsten einer anderen bekämpfen. Tatsächlich lässt er gar keine Entscheidung zu. Denn auch an der nächsten, die du dir noch schwerer abgerungen hast, und die auch nicht mehr ganz so authentisch ist, hat er garantiert etwas auszusetzen. Was ist, wenn? Damit hält er seine Macht über dich aufrecht. Er will, dass du dich mit dieser Frage identifizierst, dass du all diese Zweifel, die er sich extra für dich ausgedacht hat, für deine eigenen hältst.

Wenn du sein Hadern, Zweifeln und Zögern bemerkst und betrachtest und schließlich erkennst, dass sie von ihm stammen und nicht aus deinem innersten Kern kommen, verkümmert der entlarvte Zweifler wie eine ungegossene Pflanze – du entziehst ihm seine Nahrungsquelle. Du benutzt ihn als Startrampe in ein bewussteres Leben.

Wichtig ist daher gar nicht so sehr, welche Entscheidung du triffst, weil letztlich jede getroffene Entscheidung dich und dein Sein in Bewegung hält. Wichtig ist vielmehr, dass du überhaupt eine triffst. Und nie wieder anderen die Entscheidungen über dein Leben überlässt – schon gar nicht ihm, dem Zweifler.


Im nächsten Teil: C.i. prohibens: Der Verbieter

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nur durch das Treffen von Entscheidungen kann man auch Erfahrungen sammeln- immer nach dem Motto „Versuch macht kluch“.
    Ist die Variante C.i.dubitans nicht auch eng verwandt mit dem Zögerer? Dem Bundesbedenkenträger? Da mein Latein nicht existent ist, müsstest du da vielleicht mal deine schlauen grauen Zellen bemühen- sofern es diese Variante überhaupt je bis in die Beschreibungen geschafft hat. Es könnte sich auch um eine Fehlsichtung handeln, oder um eine spontane Mutation, die nur hier chez Lily anzutreffen ist :-)

    L

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  2. Woher kommt das Zögern? Ist es nicht eine direkte Folge von Zweifeln? Von zu viel in der Zukunft herumstochern, wie die unterschiedlichen Möglichkeiten sich auswirken könnten, und sich darin verlieren, anstatt hier und jetzt die Weichen zu stellen? Ein Mechanismus, der im schlimmsten Fall nicht mehr der Entscheidung vorausgeht, sondern sie komplett ersetzt?

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  3. Also Tosherl – wozu das (zugegeben süße) Bild von dem blauen Cartoon-Schweinehunderl, wo doch an dieser Stelle besser als sonst irgendwo ein gelungenes Portrait von mir passen würde? ;)

    Wahrlich scharf beobachtet und wohl beschrieben. Und für diesen Satz:

    „… er hält Entscheidungen generell für überbewertet …“

    … kriegst ein virtuelles Busserl aus der Ferne – der ist schlichtweg genial *gg*.

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  4. Im Grunde ist der Zögerer nichts anderes als der Vermeider, fällt mir bei zweiter Lektüre auf- und den hatten wir ja schon.

    :-)
    L

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  5. ich hasse diesen schweinehund, er ist mein alter bekannter.
    falls er jemandem gehört, der ihn suchen sollte (was ich nicht vermute):
    zuletzt gesehen am 23.10.08 bei gap in new york. er wollte mir die entscheidung erschweren mich für einen neuen schal zu entschieden. als problem gab er die farbwahl an.
    ich konnte mich zuletzt doch noch durchsetzen.
    GRRR.
    sogar bei lesen bekomm ich beklemmungen… IGITT!

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  6. Nachdem ich nun in die Serie eingelesen habe, möchte ich meinen Senf dazu geben und gleich auch Mithilfe anbieten: Ich stelle mein Antliz auch zur Verfügung zur Illustration, da ich ebenfalls Schweinehunde beherberge.

    Bislang war ich an sich der Meinung, nur einen Schweinehund zu beherbergen, der so wie ich einfach facettenreich ist, eventuell sogar schizoid (anders als ich). Dass es sich gleich um eine Herde, um ein eingespieltes Rudel handeln soll, finde ich irgendwie beängstigend… Ich werde diese Typen im Auge behalten.

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  7. Mich dünkt, ich könnte in dieser Theorie den Grund für die wirkungslose Bekämpfung entdeckt haben. Da ich nur gegen einen angegangen bin, haben die den schwächsten von sich in die erste Reihe gestellt, wo er die Attacken über sich ergehen lässt, während die Herde im Hintergrund weiter munter gegen meinen Konstruktivismus angeht.

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  8. Nau seawas! Selten hab ich mich so ertappt gefühlt.
    Nach dem dritten Durchlesen allerdings – ja, ich brauch halt immer ein bisschen länger;-) – glaube ich, dass der Zweifler-Schweinhund unbedingt in Untergruppen zu teilen ist.
    Ich habe grenzenloses Vertrauen in meine Umwelt und gehe davon aus, dass Komplimente ernst gemeint und gelungene Abende gelungene Abende sind. Nichts und niemand kann mich hier zu vorsorglichem Pessimismus verführen.
    Nur – leidaleida – mein Selbstzweifel-Schweinehund ist ein ganz Fetter.
    Er hat es auf meine Kraft und Zuversicht abgesehen, auf meine Selbst-Sicherheit, er stellt oft meine Wünsche und Ideen „mit einer kleinen Zweifelskonfetti-Einstreuung infrage“ (Bussi-Formulierung:-)) – und dann fühle ich mich als naive Idiotin.
    Und dann trau ich mich nicht … und …und …
    Danke, dass Du mich erinnert hast, daran zu arbeiten.
    Auch wenn man es (glaube ich) mit dem Ansichselbstarbeiten nie übertreiben sollte. Imma a bissl lässig bleiben is scho a wichtig :-)

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  9. Schon den Schweinehund an sich in Untergruppen, sprich Rudelmitglieder, aufzuteilen, hat ja was Gewagtes. Natürlich könnte man immer weiter aufgliedern und zersprageln. Ich versuche halt, einen möglichst guten Überblick zu geben und Beispiele anzuführen, die ein Wiedererkennen gewährleisten.

    Bei allem Augenzwinkern – ich bin der völlig ernsthaften Überzeugung, dass dieses Wiedererkennen ein erster Knackpunkt ist. Der zweite ist dann das nächste Wiedererkennen – in dem Moment nämlich, wenn der Schweinehund in Aktion tritt – und das Scheinwerferlicht, in dem er dann plötzlich steht.
    (Das geht ganz lässig. ;)

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  10. Spät, aber doch schönen Dank übrigens für Deine Schweinshund-Enzyklopädie.
    Und Du hast natürlich recht: Ewig weiteres Aufgliedern und Zersprageln verstellt den (Über-)Blick.
    Die Lektüre ist für mich sehr erkenntnisreich und das begleitende Schmunzeln erleichtert mir die Arbeit, das eine oder andere Rudelmitglied in mir im Zaum zu halten :-)

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