A-3. C.i. exagitans / hystericus: Die Hysteriker-Fraktion

Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!

A-3. C.i. exagitans / hystericus: Die Hysteriker-Fraktion

‚Der Himmel wird uns auf den Kopf fallen!‘ / ‚Wer Angst hat, lebt länger.‘

Diese beiden Exemplare treten so häufig in Personalunion auf, dass die Beschreibung in einem gemeinsamen Kapitel erfolgen kann.

Das Bestreben dieser doppelköpfigen Schweinehundschlange ist es, deinem Auffassungs- und Denkvermögen schwere Schlagseite beizubringen und dir übertriebene Emotionen und Ängste einzuflüstern, und zwar bevorzugt mit Lappalien als Anlass. Exagitans kann kleine Handlungen oder Aussagen deiner Mitmenschen aufbauschen, und Hystericus sorgt für deine entsprechende Reaktion, sodass ebenjenen Mitmenschen Hören und Sehen vergeht.

Unter ihrem Regiment outest du dich mit schöner Regelmäßigkeit als Zicke, Scheißerl, Heulsuse oder als Angsthase mit apokalyptischen Visionen.
Du hörst dich in der Folge Sätze sagen, von denen du nie gedacht hättest, dass du sie mal sagen würdest. („Wenn du jetzt nochmal davon anfängst, schreie ich!“ – „Ich schaff das alles nicht mehr!“ – „Wir werden alle stäääärben!“)

So klein kann das schwarze Etwas in deinen Haaren gar nicht sein, dass Exagitans und Hystericus es in deiner Wahrnehmung nicht zur Vogelspinne aufblasen und dir ein ebenso langes wie spitzes Kreischen und viel hektisches Fuchteln entlocken können. Das ist vermutlich sehr schmeichelhaft für die winzige Spinne, für dich aber weniger.
Du befindest dich sozusagen in einem Geisteszustand, den man eigentlich nicht mehr als solchen bezeichnen kann. Die Fähigkeit, die Information oder Situation realistisch einzuschätzen, fehlt dir vorübergehend völlig.

Andererseits kann das Zusammenwirken dieser beiden Schweinehunde, je nach Oberhand, auch dazu führen, dass du vor Angst wie gelähmt bist, wenn Exagitans, der Angstbeißer, seine Spielchen treibt. Du weißt, du solltest etwas unternehmen, oder du willst es, aber dein Körper widersetzt sich deinen Anweisungen.

Er hat sich nämlich von deinen Urinstinkten abgeschaut, wie sie dich im Zaume halten: Sie sollen dich vor dem Tod bewahren, vermeiden, dass du verhungerst, erfrierst, eine Klippe hinunterstürzt oder von einem wilden Tier gefressen wirst. Mit Angst bringen sie dich dazu, vernünftig zu bleiben. Und so macht der Angstbeißer es auch mit dir, allerdings ist er der Hüter der Miniatur-Anlässe. Er übertreibt es aber natürlich maßlos und hält sich dabei für wahnsinnig wichtig, ja lebenserhaltend.

Er erzählt dir, dass du sterben könntest, wenn du auch nur irgendwie in Aktion trittst, wenn du dich bemerkbar machst, dich beschwerst, vor dieser Menschenmenge sprichst, auf diese Bühne gehst und singst, diesen einen wahnsinnig interessanten Menschen einfach ansprichst, oder wenn du alleine ausgehst oder auf Urlaub fährst.
Und andere Menschen mit eigenem Angstbeißer-Schweinehund werden dir diese Sicht bestätigen, deine Angst bekräftigen, die Gefahr attestieren, gerne auch schriftlich, wenn du darauf bestehst: Ja, das Leben ist in der Tat wahnsinnig gefährlich! Denn: Der Himmel könnte dir auf den Kopf fallen! Aber ich hab Neuigkeiten für dich und deinen Parasiten: Du könntest auch sterben, wenn du im Bett liegenbleibst. Ein hoher Prozentsatz der Menschen stirbt nämlich im Bett (92, für jene, die’s gerne genau mögen).

Wenn du den Angstbeißer erstmal durchschaut hast und beschlossen hast, dich von seiner Panikmache nicht mehr anstecken und paralysieren zu lassen, gewinnst du alles. Du gewinnst Energie, Freunde, Freude, Leben. Natürlich riskierst du dabei auch einiges: verletzt zu werden, körperlich oder seelisch; dich bis auf die Knochen zu blamieren; dich einem Konflikt zu stellen, anstatt womöglich noch zu versuchen, die Wogen zu glätten; oder Ängste heraufzubeschwören, die du dir dann auch ansehen musst, durch die du hindurchgehen musst, um auf der anderen Seite, jener mit der Freiheit, anzukommen, denn – auch hier bin ich ganz aufrichtig – es gibt keinen Weg um sie herum.

Aber seien wir uns ehrlich: gestorben ist an alledem noch niemand. Wenn du die Welt anschubst, dann schubst sie zurück. Manchmal zärtlich, manchmal mit weniger Feingefühl. Aber immer wird dadurch etwas in Bewegung kommen, das zuvor unter der uneingeschränkten Herrschaft des Angstbeißers in sturem Stillstand verharrte. Denn wie oft sprechen wir manches nicht aus, obwohl es oft sogar positiv und herzlich wäre, aus Angst, als Schmeichler oder als Phrasendrescher zu gelten, wenn wir wahrhaftig empfundene Anerkennung aussprechen? Wie oft fressen wir Ärger in uns hinein – aus Angst vor dem scheinbar sicher folgenden Konflikt?

Geh raus in diese Welt! Sei endlich so herzlich, wie du tatsächlich bist, sprich deine Wahrheit aus und kümmere dich nicht um das Urteil der anderen, das du ohnehin nicht vorhersehen kannst. Sag genau das, was du sagen möchtest, ohne dich zurückzuhalten! Such die Dinge, die dir Freude machen, und mach sie, anstatt sie nur zu denken oder zu wünschen.

Der Angstbeißer wird sich bald trotzig in seiner Achselhöhle verkriechen, wo er es sich gerne bequem macht, und du bist endlich frei von seiner Angst, und frei, zu leben wie es dir gefällt.


4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Keine Kommentare? Bei einem solchen grandiosen Beitrag? Also, ganz im Sinne von Lob dann aussprechen, wenn es sein soll: Das trifft den Nagel auf den Kopf. Könnte ich so wie es ist ausdrucken, an die Wand hängen und als Richtlinie fürs restliche Leben verwenden. Und ich hab das Gefühl, nicht nur ich.

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  2. Ich kann dem ersten Kommentar nur zustimmen: Keine Kommentare??? Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Blogosphäre (ein hässliches, jedoch vertrautes Wort) gelähmt ist vor Ehrfurcht.
    Wirklich hervorragend, der Text- und ich hab ihn ausgedruckt, zusammen mit seinen Vorgängern.
    Zur nicht nur einmaligen Lektüre.

    L

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  3. Vielen Dank. Fühle mich geehrt für Druck&Les. Ich hoffe trotzdem, dass die Ehrfurcht sich in Grenzen hält. Ist eigentlich nicht das primäre Gefühl, das ich in meinen Mitmenschen auslösen möchte.

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