Von Trauer und Traurigkeit

So viel los, so viel Arbeit, so viel junger Hund, so wenig Zeit. Immer wieder plötzlich ein wenig Blut an den Fingern, Fräulein Hund verliert ihre Milchzähne. Sie hat allerlei Ideen, was man zum Spielen benutzen könnte. Gestern hat sie einen Teppichrest auf tausend kleine Wuzerln zerlegt. In diesem Moment fischt sie ein Pflanzsubstrat-Steinchen aus einem meiner Blumentöpfe und kaut krachend darauf herum. Einer der unteren Reißzähne ist schon ganz locker, sitzt aber an der Basis noch fest im Zahnfleisch. Sie würde alles probieren. Den anderen unteren Reißzahn hat sie vorgestern ausgespuckt.

Ein lieber Bekannter ist gestorben, er war der Freund eines Freundes und der Kollege meiner besten Freundin. Er war ein netter Kerl, natürlich nicht ganz unproblematisch, wie wir alle. Er war aber auch lustig und freundlich und hilfsbereit, und er tanzte ausgelassen auf Festen. Er war auch immer bei unseren privaten Musiksessions dabei. Dabei wollte er selbst nichtmal mit einer Rassel zum Musikgesschehen beitragen, und er meinte, das sei besser so, er trage lieber etwas bei, indem er uns die Drinks serviert – damit wir spielen können und nicht aufstehen müssen. Die erste Beerdigung mit zwei Songs vom Ostbahn-Kurti als Teil der Trauerfeier, die ich erlebt habe. Er hatte Krebs. Er war erst 42.

Am Morgen der Beerdigung schaute mir Robin Williams‘ Gesicht aus den Nachrichten entgegen. Fuck. Die Tränen waren ja schon da, also weinte ich gleich weiter. Ich liebe sein freundliches, gütiges Gesicht, das hat mich immer ein bisschen an meinen Opa erinnert, und so viele seiner Filme sind eine Liebeserklärung an das Kind in uns allen. Wie schlecht es jemandem gehen muss, wie groß der Leidensdruck sein muss, dass er trotz großen Könnens, strahlender Karriere, einer neuen Frau, drei Kindern und zwei Stiefkindern sich selbst die Luft zum Atmen nimmt? Und trotz der Story in „Hinter dem Horizont“? Fuck indeed.

Nach außen hin ein Komiker, da klingelt was. Es ist schwer, über Depressionen zu schreiben oder zu reden. Es ist schon schwer, für sich selbst zu begreifen, wie man so antriebslos sein kann, wie man die einfachsten Verrichtungen als Hindernisse empfinden kann, die so unüberwindlich sind, dass man erst gar nicht damit anfängt. Es ist für jeden anders, aber diese bleierne Schwere erlebt wohl jeder Depressive. Angesichts einer Aufgabe, die dir in den Sinn kommt, sinkt dir sofort der Mut, als würden dir die Eingeweide bis runter zu den Knien hängen.

Die gerne verteufelten Antidepressiva können hier übrigens tatsächlich einen ersten Impuls geben, eine Kaskade ingangsetzen, die einen letztlich wieder an der Oberfläche erscheinen lässt.

Paradoxerweise geht bei vielen der zerfledderte Rest an Energie dafür drauf, so zu tun, als wäre alles ok. Manche sind in Gesellschaft sogar dauerlustig. Ich habe einen Freund, der depressiv ist, und dem ich keine Hilfe bin, weil ich selbst ein bisschen gekämpft habe in den letzten Monaten.

Meine Hündin, die verstorbene, war eine große Therapeutin vor dem Herrn. Sie war meine Idee von Heilung, eine Revolte aus eigenem Antrieb in einer sehr miesen Phase meines Lebens. Ein erstklassig investierter Impuls. Sie war Teil des großen Plans, mich ins Leben zurückzuholen. Das machte es schwer, sie in den letzten Monaten leiden zu sehen, sie schließlich gehen zu lassen, ohne in das Loch zurückzufallen, das meine chronischen Schmerzen damals gegraben haben. Langsam. Stetig. Zermürbend.

Manchmal braucht man auch einfach den Rückzug. Frühzeitig. Ich ziehe mich mit Büchern zurück oder mit irgendeiner Serie, auf die ich dann reinkippe, mit irgendwas, das mit dem eigenen Leben nichts zu tun hat, aber das Hirn soweit beschäftigt hält, dass es nicht in seine ureigene Trübsal abtauchen kann. Dabei muss man leider dem pflichtbewussten Gefühl trotzen, seine Zeit zu „verschwenden“, dieser anderen Art von Widerstand entgegentreten – weil es mit einem Nachmittag nicht getan ist. Auch wenn das de facto ein Rückzug von mir selbst ist, auch wenn das destruktiv klingt und die Etikette „Verdrängung!“ trägt – Verdrängung ist mitunter ein gnadenreicher Gehirnprozess, wenn zu viel auf einmal daherkommt.

Menschen, die weitaus beschäftigter sind als ich, haben diese Möglichkeit zum Rückzug nicht, oder sie gestatten sich schlicht keine Pause. Sie müssen ständig dranbleiben, selbst gegen den größten inneren Widerstand. Das kostet enorm viel Kraft. Da ist irgendeine Form von Notbremse besser als gar keine.

Es wird jetzt mehr über Depressionen geredet und geschrieben, und vielleicht ist das gut. Ich habe aber schon erlebt, dass Menschen in meinem Umfeld ihre Schmerzen herunterspielen, wenn sie gerade welche haben, weil sie ja „bestimmt nicht so arg sind“ wie meine, aber halt „auch irgendwie mühsam“. Ich finde das furchtbar! Wo’s grad wehtut, tut’s am wehsten, Herrgott, und ich bin doch nicht die Matadorin, die Spezialistin, die Koryphäe allen Schmerzes. Aber Erfahrung ist eine gute Basis für Mitgefühl.

Anders als im Tenor „Depressive sind anders“, den ich da draußen derzeit wahrnehme, finde ich daher, es darf der Mensch auch mal kurz sehr traurig sein und das schon als Ende der Welt empfinden. Und dabei sollte er erfahren, dass er ernstgenommen wird, auch wenn er nicht unter Depressionen leidet – und nicht abgetan wird als „unerheblicher Trauriger zweiter Klasse“. Sodass er lernt, Mitgefühl zu haben mit jenen, für die diese Phase nicht nach ein paar Tagen vorbei ist.

Und er darf sich dann wieder aufrappeln. Und dabei lernen, was ihn umstimmt, wie er sich Rückzug und Raum verschaffen möchte, was ihn erreichen kann, zugänglicher macht, gar lächeln lässt, was ihn rausreißt – sodass er es in sein Repertoire aufnehmen und bei Bedarf wieder hervorkramen kann. Denn es gibt definitiv Dinge, die gegen Traurigkeit helfen können, ob sie nun pathologisch ist oder „nur“ temporär. Diese Dinge sind individuell, und dafür lohnt es sich dann auch wieder, einen Blick nach innen zu werfen.

Und „Jetzt reiß dich mal zusammen“ sollte man eigentlich zu niemandem sagen, der dabei ist, seine Empfindungen wahrzunehmen. Weil das ohnehin viel zu selten stattfindet.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo mei Suasl,

    Das hast Du einmal wieder sehr gut in Worte gefasst. Jeder, der schon einmal so tief in einer Depression gehängt ist kann sich mit Deiner Beschreibung identifizieren und sich darin wiederfinden.
    Ich weiß, wovon ich spreche.
    Mich hat es damals, vor ca. 25 Jahren auch so gehabt und ich habe mir meine Depression von der Seele geschrieben.
    Es liegt als dickes Bündel in meinem „home office“: sprich in meinem Büro im Keller, das Du ja kennst.
    Ich hab Dich ganz lieb und es tut mir Leid, Dir diese Gene mitgegeben zu haben.
    Bussi an meine Susy

    Antworten

    • Wirklich, finden Sie? Vielen Dank dafür. Mir selbst kam es eher unbeholfen vor und gar nicht so sehr auf dem Punkt, wie ich es gerne gehabt hätte Aber ich freu mich, wenn ich meine Gedanken-/Gefühlswelt ein bisschen rüberbringen konnte.

      Antworten

  2. Sehr schön reflektiert und ich stimme Dir zu. Da hab ich doch neulich was bei einer in den USA sehr bekannten Bloggerin gelesen, die ich gar nicht so sehr schätze, weil sie mir viel zu cool und kommerziell ist (sie lebt von dem Blog), aber was sie über Depression geschrieben hat, hat mir gefallen und lässt mich auch Menschen mit wirklich schweren Depressionen viel besser verstehen: http://dooce.com/2014/08/25/my-captain-does-not-answer-his-lips-are-pale-and-still/

    Grüße aus dem Norden!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.