Liebesbrief an meinen Hund

Cindy Meine liebe Cindy,

Du hast heute Nacht gelitten. Das tut mir so leid. Du hast auch in den letzten Wochen gelitten. Du konntest nicht mehr gut aufstehen, du wolltest nicht mehr morgens mit mir durch den Garten stapfen, du hast nur noch abwechselnd geschlafen, gefressen und Medikamente bekommen. Wenn ich wegfahren musste, wolltest du nicht mit. Manchmal musstest du, aber meistens ließ ich dich in Ruhe daheimbleiben.

Eine Fliege ist hier im Raum, während ich dir schreibe. Sie summt durch den Wintergarten und knallt ab und zu mit voller Wucht gegen eine der Jalousien. Dann ist es wieder ruhig. Es ist noch früh. Du hast Fliegen gehasst. Früher, als du noch jung warst, hast du versucht, sie zu mit dem Maul fangen. Wenn du es geschafft hast, dann hast du sie runtergeschluckt. Später warst du dafür nicht mehr motiviert genug. Vielleicht hast du auch rausgefunden, dass sie furchtbar schmecken. Wenn du sie hörtest, hast du einfach genervt den Kopf gehoben und schließlich den Raum verlassen, um dich in einem fliegenfreien Raum wieder niederzulassen. Ich hab das gut verstanden. Ich hasse Fliegen auch.

Du warst überhaupt nicht mehr gut zu Fuß in den letzten Wochen, und schon zwanzig Meter waren eine Herausforderung, aber zu Hause hast du es dir nicht nehmen lassen, mir von einem Raum in den anderen zu folgen, wenn ich untertags daheim gearbeitet habe. Zum Wintergarten muss man Stufen hinuntergehen, und das fiel dir schwer, aber du wolltest mir trotzdem folgen. Ging ich wieder hoch in die Küche, bist du mir auch gefolgt. Es könnte ja was zu fressen geben! Früher hättest du dich tagelang von mir kraulen lassen können. Im letzten Jahr nicht mehr. Wenn ich neben dir saß und dich streichelte, konntest du das nicht mehr lange ertragen. Dann bist du aufgestanden und hast dich einen Meter weiter hingelegt. Manchmal hat mich das gekränkt, doch ich wusste ja, dass es dir nicht gut geht. Aber in meiner Nähe wolltest du immer sein.

Deshalb habe ich Antirutschbelag aus Silikon mit der Heißklebepistole auf die unteren Stufen geklebt, damit du mir besser folgen kannst, ohne abzurutschen. Denn eine deiner Vorderpfoten war deformiert und nicht mehr besonders zuverlässig. Die Krallen daran waren zu lang geworden, wenig Auslauf, viel Wachstum, und ich musste so oft nachkürzen, damit die Pfote sich nicht noch mehr verbiegt. Du hast Krallenschneiden gehasst.

Ich wollte, dass du auf den Stufen besseren Grip hast, deshalb habe ich diesen Belag gekauft und zugeschnitten. Du hast mir dabei vom oberen Treppenabsatz aus zugeschaut. Beim Festkleben ist mir ein heißer Tropfen aus der Pistole auf den Mittelfinger getropft. Die Wunde kann man noch deutlich sehen. Die oberen Stufen, die aus Holz, die hatte ich auch für dich beklebt, nur mit Klebeband. Damit du nicht mehr wegrutschst beim Raufgehen. Oder hinfällst auf den unteren Fliesenstufen. Denn manchmal bist du beim Raufgehen die untersten Stufen wieder runtergerutscht. Nie mit viel Karacho. Nur die ersten zwei, drei, wenn deine Beine nachgegeben haben. Oft war ich direkt hinter dir und hielt dich fest, aber nicht immer konnte ich dich auffangen. Das tut mir leid. Einmal bei einer solchen Gelegenheit in letzter Zeit war ich zornig, weil ich die Hände voll hatte und Martin schon vorausgegangen war. Ich habe geschimpft, weil ich wütend war über das Versäumnis. Aber doch nicht mit dir! Es tut mir leid, wenn du geglaubt hast, ich hätte dich gemeint. Du konntest ja nichts dafür.

Den Staubsauger hast du auch gehasst. Du wolltest immer noch davor flüchten, aber du konntest nicht mehr so schnell. Ich habe dir Zeit gelassen, damit du einen anderen Platz finden kannst, an dem er dich nicht so bedroht.

Aber du hast auch vieles geliebt. Du hast Tennisbälle geliebt. Du konntest jeden ausfindig machen, auch wenn er seit zehn Jahren unter einem Schrank verstaubte. Du hattest immer recht damit. Einmal waren wir auf einem Tennisplatz, da gab es einen riesigen Käfig voller Tennisbälle. Ich habe dich selten so große Augen machen sehen. Du warst die beste Torhüterin und konntest jeden Ball aus der Luft fangen. Du hast das Apportieren geliebt, und Stöckchen. Stöckchen holen, Stöckchen zerbeißen. Ein Stück von den Liebstöckel-Rohren musste ich dir im Herbst immer zum Zerlegen geben.

Und den Schnee hast du geliebt! Du konntest stundenlang Bälle im Schnee eingraben und dann wieder ausbuddeln. Du hast es auch geliebt, dich drin zu wälzen. Ich habe davon ein Video gemacht. Was für eine Lebensfreude, sich im Schnee zu wälzen! So hattest du im Winter wie im Sommer Spaß am Wasser. Du hast auch das Meer geliebt, obwohl du von dem Salzwasser immer Durchfall hattest. Du hast am Meer gespielt bis zum Umfallen.

Du hast meine Freundin Nicole geliebt und ihren Mann, den Karl, und du wolltest immer bei ihnen im Auto mitfahren, damit sie dir nicht so schnell wieder entschwinden. Du hast meinen Bruder geliebt und meine Mama und meinen Papa. Den André und das Liegen unter seinem Massagetisch. Und die Manuela hast du geliebt, obwohl du sie nicht gut kanntest – ich glaube, die riecht so gut.

Du hast es auch geliebt, dich in stinkenden Überresten von Maulwurf zu wälzen. Dann musste ich dich baden. Das hast du nicht geliebt. Du hast dich gern bürsten lassen, vor allem an den Ohren und am Rücken, und du wolltest gern auf der Brust gekrault werden, da, wo das Herz ist und dein Fell am dichtesten war. Du hast dir gern von mir die Haare schneiden lassen, das war für dich eine Stunde Kraulmarathon am Stück. Du hast es geliebt, dabei zu sein, mitzufahren, „Kommst du mit?“ war eine deiner liebsten Fragen. Du warst bei Urlauben dabei, bei Partys und Besuchen bei Familie und Freunden, bei unzähligen Bandproben hast du auf dem Parkett gesteppt, in verschiedenen Büros hast du unter dem Tisch geschlafen, während ich gearbeitet habe. Du wolltest bei mir sein, immer dabei. Du hast getrocknete Lunge geliebt und Pansenstangen. Du hast Frolic geliebt, und wir scherzten, dass du dich scheinbar nur von dem mittleren Luftloch ernährst, weil alles andere farblich unverändert wieder hinten rauskommt. Du hast Bier geliebt, und man musste bei Partys aufpassen, dass du nicht die Restesammelschüssel unter dem Fass austrinkst.

Du hast unsere langen Spaziergänge geliebt und unsere Pausen auf den Parkbänken, während derer du nur selten pausiert hast, sondern einen Stock nach dem anderen daherbrachtest oder deinen Ball. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was du alles geliebt hast, fällt mir umso stärker auf, wie sehr dich die Krankheit verändert hat. Ich kann mich nichtmal mehr an alles erinnern. Es tut mir so unendlich leid.

Als es letzte Woche die große Hitze gab, habe ich dir ein kleines Planschbecken gekauft, damit du dich im Garten ein bisschen abkühlen kannst. Zum Fluss ist es ein weiter Weg, und im heißen Auto war der kein Vergnügen mehr für dich. Früher bist du manchmal auch in unseren großen Pool gehüpft, aber besonders toll für deine Haut war das natürlich nie. Das Planschbecken hat dich aber nur mäßig begeistert, und du wolltest dir deinen Bauch im flachen Wasser nicht kühlen, so wie du es am Fluss tust. Aber du fandest es gut, mit den Füßen drinzustehen und das Wasser rauszuschlabbern.

Unser letztes Mal am Fluss haben wir zu dritt verbracht, Martin, du und ich. Du hast ein bisschen gespielt und den Ball herumgetragen, ein paarmal hab ich dir den Ball gegen die Strömung geworfen, damit du nur auf ihn warten musst. Aber das wolltest du schon früher nicht einfach so abwarten, du bist ihm schon immer entgegengelaufen, auch wenn er ohnehin zu dir gekommen wäre. Aber du hattest nicht mehr genug Kraft, warst bald wieder aus dem Wasser und in der Botanik zum „wuzeln“. Du wusstest, was „wuzeln“ bedeutet – sich nach dem Baden in der Wiese wälzen, ich hab es über die Jahre immer wieder zu dir gesagt.

Du hast immer nach der richtigen Stelle gesucht, doch an dem Stück Fluss, das wir zuletzt immer besuchten, das Stück, zu dem der kürzeste Fußweg für dich führte, damit du nicht so weit humpeln musst, bis du bei deinem geliebten Wasser bist – dort gab es nicht die perfekte Wiese zum Wuzeln. Das tut mir leid.

Die letzten Male, die wir am Wasser waren, wolltest du nicht mehr nach Hause, selbst nach zwei Stunden nicht. Wenn ich mich anschickte, die Uferböschung zu erklimmen, hinter der gleich das Auto stand, hast du dich hingesetzt und still protestiert. Ich hab dir genügend Zeit gegeben, und du warst schon so müde, dass du dich nicht mehr auf den Beinen halten konntest. Aber das warst du immer, wenn wir am Wasser waren. Wollte man, dass du dich ein bisschen ausruhst, musste man dich an die Leine legen.

Du und Wasser, das war schon was. Beim allerersten Mal wolltest du nicht rein, und seither wolltest du nicht mehr raus. Du hast alles aus dem Wasser mitgenommen, was schwimmen konnte, kehrtest oft mit vier Stöckchen und einem Ball vom Rundschwimmen zurück. Du warst oft genug am Wasser, um zu wissen, dass man sich gleich abschüttelt, wenn man aus dem Wasser kommt, bevor man zu den Menschen zurückkehrt. Schütteln, dieses Wort hast du auch verstanden.

Du hattest auch Spaß dran, den geliebten Flugball, den aus Gummi mit der Gummischnur, irgendwo an einem umgefallenen Baum im Wasser zu versenken, wo sich Gräser und abgestorbenes Grün gesammelt hatten; ihn damit zu verknoten und ihn dann wieder freizubekommen.

Ich hätte gestern früh vor unserem Termin noch mit dir an den Fluss fahren sollen. Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Ich wollte wohl einfach, dass du alles gut überstehst und dich nicht vorher überanstrengst. Aber es tut mir leid, dass ich nicht mehr mit dir an den Fluss gefahren bin. Meine Cindy, es tut mir so leid.

Seit über einem Jahr warst du krank. Ich wusste, dass dir etwas fehlt, aber weißt du, viele Wesen, nicht nur Hunde, kommen etwas übergewichtig aus dem Winter und nehmen dann wieder ein bisschen ab, wenn das Sonnenlicht mehr wird und damit auch die Bewegungsfreude. Aber letztes Jahr war das anders. Du hattest keine Kraft, wolltest oft nicht aufstehen oder hast schnell schlapp gemacht, wenn wir spazieren gingen. Manchmal hab ich dich das letzte Stück getragen. Manchmal haben wir uns einfach gemeinsam ausgeruht, irgendwo am Wegesrand, und sind eben später wieder weitergegangen. Manchmal konnte ich dich nicht mehr in die Stadt mitnehmen, weil ich wusste, dass es zu weit für dich werden würde.

Aber vor allem warst du nicht mehr du selbst. Du hast immer gern gefressen, aber wenn du genug hattest, dann hattest du genug, und der Rest blieb liegen. Deine Krankheit hat dich gierig werden lassen, du wolltest alles und davon möglichst viel. Jedes Rascheln, jedes Öffnen der Kühlschranktür, jedes Besteckklirren rief dich auf den Plan, und wenn ich dir dein Frühstücksstangerl gab oder Medikamente oder irgendwas sonst, kostete es dich Mühe, meine Hand dranzulassen.

Ich habe dich auf Cushing testen lassen, aber sie sagten nach dem Test, du hättest das nicht. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich schon früher darauf bestanden hätte, den Test zu wiederholen. Du hattest auch einen kleinen Tumor an der Milchleiste. Sowas hattest du schon öfter, aber diesmal wuchs er schnell. Ich war vier Monate nicht da, und das Ding wurde vom Hemdknopf zum Tennisball. Es tut mir leid, dass ich so lange nicht da war. Es war die furchtbarste Entscheidung, und ich traf sie, bevor ich wusste, wie schlecht es dir geht. Mama hat auf dich achtgegeben, und sie musste dich an der Milchleiste operieren lassen, bevor ich wieder zurückkam. Ich hatte solche Angst um dich. Aber kurz nach der OP konnte ich dich wieder umarmen, und wir haben uns gemeinsam durch die fiese Zeit mit den Verbänden und Nähten gekämpft. Es tut mir leid, dass ich so lange nicht da war. Für dich muss es sich wie eine Ewigkeit angefühlt haben.

Die Haare auf deinem Bauch und deiner Flanke sind seit der Operation nicht mehr richtig nachgewachsen. Da kam ein bisschen Flaum, aber damit auch wahnsinnig viele Schuppen. Deine Haut sah schlecht aus, und dein Bauch war so dick. Ich habe den Test wiederholen lassen, nachdem ich zurückkam, und er war sowas von positiv. Wir konnten endlich mit den richtigen Medikamenten beginnen, und ich versprach dir, dass jetzt endlich alles gut wird. Es tut mir leid, dass ich unrecht hatte.

Es kostete eine Menge Geld, all die Tests zu machen und zu versuchen, dich auf das Medikament einzustellen, aber das war uns egal. Wir wollten nur, dass unser Hundi wieder fröhlich ist, dass die dicke Leber wieder abschwillt und die Werte fallen. Oh, wie habe ich darauf gewartet, dass die Werte fallen, doch sie taten es nicht. Wenn du auf der Seite gelegen bist, oben in der Küche, stand da immer diese Bauchkugel von dir ab. Du hattest Mühe, dich hinzulegen oder aufzustehen, immer war dieser wahnsinnige Bauch im Weg. Die Leber war riesig im Ultraschall, überall war nur Leber. Du hattest 17kg statt 11 wie früher. Manchmal haben uns wildfremde Menschen auf der Straße darauf aufmerksam gemacht, dass der Hund zu dick ist. Danke, ihr Menschen, haltet doch einfach den Mund und maßt euch kein Urteil an, wenn ihr nicht genau wisst, was ihr vor euch habt. Und das wisst ihr doch nie.

Aber du hast ihn weitergetragen, deinen Bauch, du hast so tapfer weitergekämpft, immer weiter, noch einen Schritt und noch einen, du wolltest mithalten, nicht zurückbleiben, obwohl du nicht konntest.

Manchmal hat es dich nach dem Essen furchtbar aufgebläht, und dann war der Bauch noch größer. Ich hab dich dann massiert, damit ein bisschen Luft rausgeht, und du hast damit ordentlich zum Raumklima beigetragen.

Wir entschlossen uns also, deine Leber biopsieren zu lassen. Das war keine leichte Entscheidung. Ich wusste, das ist Hopp oder Dropp. Entweder du überstehst es und wir finden endlich heraus, was deiner Leber fehlt – oder wir finden es vielleicht heraus, aber du hast nichts mehr davon. Man hat versucht, es so leicht wie möglich für dich zu machen – wir verhandelten uns vom großen Bauchschnitt über minimalinvasive Technik bis zur Biopsie unter Ultraschallkontrolle.

Gestern früh, am 18. Juni, hast du kein Frühstück bekommen. Das tut mir so leid. Ich hoffe, du wirst dich nicht für immer daran erinnern, dass du an deinem letzten Tag auf dieser Welt kein Frühstück von mir bekommen hast. Du hast Frühstück geliebt. Das Wort hast du am besten verstanden. Du hast immer in der Küche gewartet, bis ich alles beisammen hatte – Ei, Toast, Butter, Mango – und dein Stangerl natürlich. Gestern nicht. Ich ließ dich nicht zusehen, du warst im Garten, während ich allein frühstückte.

Der Termin war um 12, die Narkose nur ganz leicht und weniger als eine Stunde lang. Du hast selig geschlummert, als ich rausging, und ich sah noch, wie die Tierärztin an deiner Zunge zog, bevor ich die Tür schloss. Dann musste ich draußen so lange im Ungewissen warten, es kam mir endlos vor.

Endlich hatte ich dich wieder, du bist auf einer Decke gelegen, durch die dein Blut sickerte. Es war nicht viel Blut, und innerlich hast du zum Glück gar nicht geblutet. Du hast mich angeschaut und dann weitergeschlafen. Später waren wir dann auch kurz draußen, du hast ein paar Schritte gemacht, wolltest aber nicht trinken oder gar essen. Mein Hund will nicht essen, wie ungewöhnlich. Ich blieb noch Stunden mit dir in der Klinik, saß neben dir, wartete, bis dein Tropf in dich hineinlief, schob dich aus dem grellen Sonnenlicht in den Schatten weiter, da drin im kleinen Untersuchungsraum 2. Um halb sieben am Abend durfte ich dich mitnehmen. Ich habe noch Leckerlis für dich gekauft, von den teuren, die du so gern hast.

Im Auto hast du dich ein paarmal aufgesetzt und die Nase in den geliebten Fahrtwind gehalten und durch die Haare auf deinen Ohren pusten lassen. Nach dem Aussteigen zu Hause hast du Pipi gemacht und dann geschlafen, Martin hat auf dich aufgepasst, während ich mich draußen an der Luft ein bisschen bewegen musste. Als ich zurückkam, hast du dich gestreckt. Ich dachte, jetzt stehst du gleich auf. Ich versuchte, dich zu animieren. Wir waren im Garten, ich wollte, dass du trinkst und ein bisschen frisst, aber du konntest dich nicht auf den Beinen halten. Sie gaben nach wie Gummi. Und wieder und wieder hast du dich gestreckt, bis ich erkannte, dass du Krämpfe hast.

Ich rief die Ärztin an und wir brachten dich zurück in die Klinik. Es war halb zwölf Uhr nachts, als wir dort ankamen. Sie untersuchte dich und gab dir Schmerzmittel. Dann schickte sie uns nach Hause und behielt dich dort.
Ihr furchtbarer Anruf kommt um viertel vier. Sie meint, es habe keinen Sinn mehr, sie habe alles versucht. Sie meint, du leidest sehr, und dass sie nicht mehr länger warten will, um dich zu erlösen. Ich hätte nicht weggehen sollen, sage ich. Sie hätte uns hier nicht brauchen können, sagt sie, was mich furchtbar wütend macht. Wie schnell wir bei dir sein könnten? Die veranschlagte Dreiviertelstunde verkürze ich auf die Hälfte, als ich durch die Nacht zu dir rase. Martin warnt mich bei den Radars. Der Kilometerzähler zeigt 111111.

Als wir aus der Tierklinik traten, war der Himmel schon ein wenig hell, und die Vögel zwitscherten ihr Morgenkonzert von den Bäumen. Vierzig Kilometer später trugen wir dich in eine weiße Decke gehüllt die Auffahrt runter. Ich hatte noch kurz Halt gemacht bei dem kleinen Stück Wald, das auf dem Heimweg von der Tierklinik liegt, weißt du noch, wo du manchmal nach den Untersuchungen ein Stück mit mir gegangen bist, langsam und reichlich lustlos, aber ich glaube, mir zuliebe bist du gegangen. Diesmal ging ich allein.

In deinem Körbchen neben unserem Bett, deiner „Kiste“, hast du im letzten Jahr nicht mehr schlafen wollen. Nur noch auf hartem Boden, wo es auch möglichst kühl ist. Davor schliefst du wahnsinnig gern da drin. Vor dem Schlafengehen kamst du immer für ein paar Minuten zu mir ins Bett kuscheln. Unser neues Bett war viel höher als das alte, da hab ich dir aus der Schublade unter meinem Bett eine Treppe gebaut, mit Teppich obendrauf, damit du trotzdem zu mir kommen kannst. Du hast dich vor mir auf die Seite gelegt, deinen Rücken an meinen Busen gelehnt, ich lag hinter dir und streichelte dich und atmete den Duft der Haare auf deinem Kopf ein. Wenn wir genug gekuschelt hatten, klopfte ich dir auf den Po, und du bist aufgestanden und in deine Kiste gegangen. Das war das letzte Geräusch vor dem Einschlafen, das ich hörte: Wie du die Kiste aus Korb betrittst und sie dabei leicht zum Knarren bringst, dich dann hinlegst und noch dreimal aufseufzt. Oft bist du später am Rücken darin gelegen, hast uns und der Welt den Bauch gezeigt und deine ganze Verletzlichkeit.

Später hast du dabei auch oft geschnarcht, und das nicht gerade dezent. „Leise schlafen!“, das sagten wir dann zu dir, wenn wir in der Nacht davon wach wurden. Das hast du auch verstanden. Manchmal half das, dann hast du dich beruhigt, dich umgedreht, und wir konnten alle selig weiterbüseln.

Bevor du gegangen bist, hast du nicht gut Luft bekommen, da musstest du auch sehr laut atmen. Jetzt liegst du unten im Vorzimmer, in deiner Kiste. Jetzt schläfst du leise, für immer.

Cindy, 3.12.2000 – 19.6.2014

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. mit Tränen in den Augen hab ich Deinen Abschiedsbrief an Cindy gelesen. Ich fühle sooo mit Dir…

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  2. Liebe Etosha,

    ich habe auch Tränen in den Augen über Ihren Verlust und Ihre Worte, die so voll Liebe und Kenntnis über Ihre Cindy sind. Als Sie gestern noch schrieben es ginge ihr gut nach der Biopsie, da habe ich mich für Sie und Cindy gefreut. Weil ich Ihre Angst so sehr nachfühlen konnte. Und auch jetzt fühle ich mit Ihnen und kann Ihre Trauer nachvollziehen.

    Ich würde von Herzen gerne tröstende Worte für Sie finden, aber alles was ich schreibe fühlt sich an wie die von Ihnen und Cindy gehassten Fliegen. Es ist, als würden sich die Worte den Fliegen gleich auf Ihre offene Seele setzen.

    Wenn der Hund stirbt ist das ein großer Verlust – der vielleicht größte Verlust überhaupt. Denn es ist nicht bloß der Hund, der da gegangen ist. Es ist ein Freund, der mit bedingungsloser Liebe und Treue sein Leben mit uns geteilt hat. Es gibt nur wenige Menschen, von den sich Gleiches sagen ließe.

    „Der Hund ist ein Ehrenmann; ich hoffe, einst in seinen Himmel zu kommen, nicht in den der Menschen.“

    Mark Twain

    Ich fühle mit Ihnen. Und denke an Sie und Ihre Cindy.

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  3. Es tut mir so unendlich leid, ich kann es gar nicht glauben, dass es die cindy nicht mehr gibt, wenn ich euch sehe… dein brief ist so herzzerreißend aber erdig in allen Worten und Situationen, die du beschrieben hast, ich danke dir, dass ich an deinen Gedanken und deinen Gefühlen teilhaben dürfte. Ich kann eure Traurigkeit nie und nimmer nachfühlen und ich kann euch nicht trösten, aber mit nassen Augen bin ich dankbar, dass ich dieses gutmütige und liebenswerte Wesen kennen durfte. ..dickes, trauriges Bussal, Manuela

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  4. „Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume.
    Ich leb‘ in euch und geh‘ durch eure Träume.“

    (Michelangelo)

    Ich drück dich ganz fest.

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  5. Ich danke euch allen von Herzen für die vielen schönen Worte und Gedanken. Mir bedeutet das sehr viel, jeder einzelne Kommentar und auch jedes Pünktchen.

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  6. Auch ich hatte beim Lesen Tränen in den Augen. Es tut mir sehr leid, dass Du von Cindy Abschied nehmen musstest. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Dein Schmerz darüber recht bald nachlässt und hoffe, dass Du die schönen Erinnerungen an Cindy und an Eure gemeinsame Zeit immer im Herzen mit Dir trägst.

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  7. Hoffe, es ist nicht unangemessen, jetzt noch einen Kommentar zu schreiben.
    Einer der schönsten Liebesbriefe, die ich je gelesen habe. Hoffentlich hat er dir bei der Trauerbewältigung geholfen, soweit das überhaupt möglich und erwünscht ist.

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    • Nein, selbstverständlich ist es nicht unangemessen! Danke für die freundlichen Worte. Ja, es hat mir geholfen, natürlich. Nicht nur, dass ich mir viele Kleinigkeiten in Erinnerung rufen konnte, von denen ich nicht wollte, dass sie in Vergessenheit geraten; ich konnte die kleine Maus auch um Verzeihung bitten. Ich hatte wirklich das Gefühl, sehr viel verbockt zu haben, das tat mir unbeschreiblich leid, und das tut es heute noch.

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  8. Wer lange einen eigenen Hund hatte, wird sich in den Beschreibungen selbst und auch seinen 4-Beiner wiedererkennen, insbesondere, wenn das Tier im Seniorenalter erkrankt und uns physisch für immer verlässt, aber nicht in unseren Erinnerungen.
    Beim Hunde sehen wird doch letztlich unser eigenes Leben in mehrfacher Geschwindigkeit an uns vorüberziehen, vom Welpenempfang bis zur letzten Ruhestätte. Tierhasser verstehen das gar nicht, aber deswegen sind sie ja höchst selten Philanthropen oder mögen Kinder oder die Natur.
    Charles Bukowski sagte einmal in einer seiner vielen Kurzgeschichten aus dem Amerika von
    ganz unten :
    „Ich mag Hunde lieber als Katzen und Katzen lieber als Menschen; am liebsten von allem mag ich mich aber selber, wenn ich besoffen im Unterhemd aus dem Fenster schaue…“
    In diesen drastischen Worten steckt viel mehr Ehrlichkeit als in geheuchelten Satzbausteinen.

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