Morgen-Routine: Yuka

Wenn wir morgens am Blechl vorbei- und nach genossener Dreispurigkeit im Büro angekommen sind, kriege ich den ersten bis zehnten Schweißausbruch, weil ich zumeist mit Fotobox, Notebookrucksack, Mittagsjause und Handtasche bepackt bin und dieses Zeug in Original-Tropenluft die Stufen zu meinem Schreibtisch in der Library im ersten Stock hinaufkarren muss. Meine Kollegin Yuka ist dann meistens schon da und sitzt vor ihrem Rechner. Mein Standardsatz zu ihr lautet: „Is it just me, or is it hot today?“ Mitunter sage ich aber auch „or is it cold today“, wenn ich nicht schwitze, weil’s draußen schifft und stürmt. Dazwischen gibts eigentlich nix. Yuka kichert dann immer pflichtbewusst.

Yuka ist eine junge Japanerin und als solche recht zurückhaltend, wie die Kultur es vorgibt. Nur wenn’s außerhalb der Arbeit ein paar Biere gibt, verwandelt sie sich in das Gegenteil und ist dann eine sehr ausgelassene Person, die gerne im Regen tanzt und auch sonst sehr viel Spaß hat.

Ich habe sie in diversen beruflichen Situationen unterstützt und auch zum Widerstand aufgewiegelt, wenn sie sich zu sehr fügen wollte, beispielsweise in die unerträgliche Wohnsituation bei ihrer Gastfamilie, unter der sie sehr litt. Sie hat dann tatsächlich ihren Mund aufgemacht, und seither hat sie eine neue Gastfamilie, bei der sie sich sehr wohl fühlt. Sie geht in einem Jahr zurück nach Japan. Sie wird dort eine Revoluzzerin sein, die alles auf den Kopf stellt.

Wenn Yukas Telefon läutet, spricht sie meistens mit jemandem auf Japanisch. Meinem Kopf ist sehr wohl bewusst, dass das japanische „Hai“ die höfliche Version von „Ja“ ist, und sogar ihr „un“, die weniger hochgestochene Ja-Version, die eigentlich nur aus „n“ besteht, erkenne ich mittlerweile und weiß dann: Ah, ein Freund ruft an!

Trotz all dieser Bewusstheit: Wenn sie abhebt und als erstes „Ha-ai“ sagt, und danach wieder Hai, und nochmal Hai, und danach noch sehr oft Hai, dann denkt mein Hirn irgendwann: „Und, führst du dann irgendwann auch ein richtiges Gespräch, oder willst du den Anrufer nur begrüßen, bis er auflegt?“

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liab, wie Du das schilderst. Das kann ich mir richtig vorstellen. Hast recht, mach einen Revolutzerin aus Yuka. Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Unter dem Motto: wir lassen uns nicht auf den Kopf sche…………….wir machens Maul auf… ha ha ha. Gefallt mir immer noch der Spruch.
    Mir ist grad eingefallen, da hab ich einmal einen Anti Kriegs Film gesehen: da hat sich eine Japanisch Lehrerin in einen Ami, der ihr Schüler war verliebt. Und die hat immer gesagt, zu Beginn ihrer Unterrichtsstunde: „Ohaio gosaimas, das ist japanisch und heißt guten Morgen“.
    Vielleicht kannst sie einmal überraschen und sagst zu ihr „ohaio gosaimas“ als Morgengruß. Entweder verstehts Dich oder ich hab mir das schlecht gemerkt und das heißt überhaupt nix.
    Aber vielleicht probierst es einmal.
    Bussi an Dich und alle andern die Du magst.
    Übrigens: heute scheint die Sonne und es sieht nach einem Vorfrühlingstag aus…

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    • Der kulturelle Unterschied ist recht groß, der Unterschied im Empfinden aber nicht. Auch die Japanerin will, was sie will, und empfindet es als ungerecht, wenn sie angesichts fieser Behandlung den Mund halten soll, nur weil sie sich auf eine gewisse Art zu benehmen hat. „Ohayou gozai masu“ heißt übrigens Guten Morgen, das hast du dir gut gemerkt!

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