Aufholjagd: Aimeliik am Christtag

Am 25. Dezember war ich alleine auf der großen Nordinsel Babeldaob unterwegs, denn Martin ging tauchen. Ich wollte den Staat Aimeliik erkunden, dort waren wir bisher noch nicht, und man weiß ja nie, was man so alles findet, wenn man auf eine sehr holprige Straße abbiegt und sich dort mal ein paar halbe Stunden lang ordentlich durchrütteln lässt.

In diesem Fall handelt es sich, wie ich nach und nach feststelle, um einen gar wunderbaren Staat voll netter Menschen, schöner Aussicht und – was eine Sensation ist – voller Straßenschilder! Das gibts hier nicht so oft. Auf der Hauptstraße, ja, da gibt es tatsächlich Hinweisschilder, die erahnen lassen, in welche Ecke der Insel das Erwählen dieser Abzweigung theoretisch führen könnte, aber hat man mal eine dieser Abzweigungen genommen, dann ist schnell Schluss mit der Informationsfreude. Es gilt die Faustregel: Je holpriger der Weg, desto weniger mitteilungswillig ist er auch.

In Aimeliik ist das anders, und das ist gut so, denn die Straßen sind recht lang. Man kann sich zwar anhand unserer doch etwas dürftigen Landkarte auch nicht immer etwas drunter vorstellen, aber manche Dinge klingen einfach interessant und wollen erforscht werden.

Wenig Erfolg habe ich diesbezüglich mit dem Hinweis „Malsol’s Tomb“ – ich hätte ihn ja gern ausgegraben oder wenigstens ein bisschen beweint, den Malsol, aber leider ist es mir nicht vergönnt, ihn oder sein Grab zu finden.

Dafür finde ich das Bai Rekeai, eines der alten, noch erhaltenen „Männerhäuser“ auf der Insel. Es handelt sich um schön verzierte Clubhäuser, in denen man früher abhing, als das noch nicht so hieß, außerdem liest man beim Historiker Krämer von jungen Weibern, die sich von der Familie verabschieden, um im Bai zu leben, nicht für immer, und nicht als willige Freiwillige für alle, sondern um sich einen Gefährten zu suchen und die körperlichen Aspekte des Erwachsenendaseins aus der Nähe zu erforschen. Eventuell wird danach geheiratet oder man sucht sich jemand anderen, schreibt Krämer, so wichtig wird die Heirat hier nicht genommen. Die erste Kindesgeburt ist die wesentlich wichtigere Feier.

Jedenfalls sind diese Bais („Abai“ sagt der Palauaner) sehr kunstvolle Gebäude, die ohne Verwendung von Nägeln erbaut wurden, nur mit Schnüren, dafür mit umso mehr künstlerischem Anspruch. Geschichten und Legenden sind ein wichtiger Aspekt in der palauanischen Kultur, und so werden auf den Querbalken im Inneren des Bai allerlei Geschichten verewigt. Dafür gibt es strenge Regeln, sowohl was die Reihenfolge, die Szenenwahl als auch die Farbgebung betrifft.

Der Stil ist aber locker-flockig-naiv, und so hat man beim Betrachten der Zeichnungen und Schnitzereien durchaus seinen Spaß.


Den menschlichen Zustand, den der Künstler hier verewigt hat, kenne ich genau. Mein erster Gedanke: Oh, ein Spiegel!

Ebenfalls an der Lichtung zu finden, an der das Bai steht: Das Aimeliik State Visitors Information Center mit seinem Outdoorbüro. Ausgestattet mit Tischdecke, gepolstertem Büro-Rollsessel, Bildern an getäfelten Rückwänden und technologisch einwandfreier Verkabelung. Niemand arbeitet hier heute – es ist schließlich ein Feiertag. Das Klohäuschen dahinter hingegen gibt sich leider zugesperrt. Es könnte ja jemand die Muschel stehlen.

Ich entscheide mich für einen hübschen Busch und holpere dann mit dem Nissan weiter bergab Richtung Ozean. Am Kamosang Dock finde ich wunderbar nette Menschen, die mich sogleich von allen Seiten zu Herkunft, Hinwillst und auch Hungersituation befragen und mich einladen, doch später zum Lunch nochmal vorbeizukommen. Heute ist in den Rest Areas des Docks große Familienversammlung (bei mir daheim auch „Zombieball“ genannt). Noch ist es Vormittag und das Grillfeuer erst im Werden, aber es riecht schon sehr verlockend. Das Auffälligste an diesem Dock ist ein herrlich schattiger Steg, der auf das Wasser hinausführt, mit großen Bäumen, die sehr schön Schuuuuuuuuu machen, wenn der Wind durch ihre Nadeln streicht.

Meinem Bruder zu Ehren hab ich von diesem Dock ein Panorama gestrickt, bitte hier:

Auf dem Weg zurück zur letzten Kreuzung mit Schildern entdecke ich einen schmalen Weg, der steil nach oben führt, und trete den alten Nissan spontan hinauf auf einen Hügel, auf dem eine Art Elektrohäuschen steht. Auf den letzten zwei Metern will er nicht mehr, die Vorderreifen drehen auf dem lehmigen Untergrund durch, aber nach kurzer Bedenkzeit, zärtlichem Zureden und noch zärtlicherem Einschlag und Gasfuß schaffen wir es gemeinsam doch bis ganz hinauf. El Reisehase und ich genießen dort eine Stunde reinsten Vergnügens mit einer unfassbar schönen Aussicht, einem Bambusbänkchen, einem Drachenbaum und seinen Früchten, bis es uns zu heiß wird in der prallen Mittagssonne und wir die Hitze im Auto vorziehen.

Nach einigen Stationen, unter anderem in einer Bucht bei einem Kraftwerk (Öl, wie ich vermute) und einigen weiteren Abzweigungen auf immer schmälere Straßen erreiche ich schließlich höchst erhitzt das Ende der Aimeliikschen Welt. Da steht ein rostiger Container vor einem kleinen Dock an einem trüben Fluss, und auf dem Container steht in krakeliger Graffitischrift „Medorm City“. Es besteht ungefähr aus zweikommafünf Häusern und einer allgemeinen Rest Area. Der Fluss sieht mir stark nach Krokodilbewuchs aus. Ein kleines Mädchen winkt mir aus dem Fenster eines Hauses zu, und eine Frau ist gerade im Begriff, ihr Auto zu waschen. Ich steige aus, strecke mich, begrüße sie, befrage sie zur Krokodil- und allgemeinen Situation, und nachdem sie mich und ich sie ausreichend befragt habe, bitte ich: „Can you give me a shower?“ – „You mean your car?“ – „No, my head – I’m melting.“ Sie lacht sehr herzlich und duscht mir dann mit herrlich kaltem Wasser den Kopf.

Die nette Frau, nennen wir sie Amanda, sagt ja, es gibt hier Krokodile, aber man sieht sie nur sehr selten. Sie freut sich, dass jemand hierherkommt, um zu fotografieren, und lädt mich schließlich kurzerhand ein, den Bereich hinter ihrem Haus zu erforschen und anschließend zum Mittagessen zu ihrer Familienfeier zu kommen. Sie sagt, dort hinter ihrem Haus gebe es „alte Steine“, die vielleicht mal ein Bai waren. Sie sagt: „Ich hab drüben Fisch und Hühnchen auf dem Räuchergrill. Warum erkundest du nicht die alten Steine, und wenn du zurückkommst, hab ich dein Essen fertig?“ Dazu lächelt sie überaus einladend. Wer würde denn da Nein sagen wollen?

Sie deutet mir den Weg, ich fahre noch ein Stück eine Straße entlang, auf die ich mich, obwohl diesbezüglich nicht feig, aus eigenem Antrieb nie und nimmer getraut hätte, bis ich bei ihrem Haus ankomme, und dann noch ein Stück Straße, das aber echt keine mehr ist. Am Ende findet sich linkerhand ein weiterer Teil des milchig trüben Flusses nebst Gras und Palmenbaby, zur Rechten liegt moosüberwucherter, beschatteter Steinklotz in zigfacher Ausführung, ordentlich zu einem Rechteck aneinandergereiht unter unfassbar hohen Bäumen; am hinteren Ende des Rechtecks deutet ein quadratischer Betonbehälter die frühere Anwesenheit eines Brunnens oder einer Zisterne an. Ein paar Felsstufen führen auch nach oben, vorbei an allerlei rotgelben, wächsernen Blumen, zu einer Wiese mit hohem Gewächs, hinter der ein alter Friedhof liegt. So erzählt Amanda mir später – ich steige zwar hinauf, überquere aber die Wiese nicht. Mir ist schon zu heiß, und ich hab Hunger.

Amanda hat einen Räucherofen unter einem separaten Dach. Davor liegt die Werkstatt ihres Vaters – wie mein Papa liebt auch er es, seine Autos, Werkzeuge und anderen Dinge selbst zu reparieren.
Amandas Bruder und Schwester sind gekommen, und sie hat auch zwei Kinder. Der Sohn ist der Jüngere, die Tochter ist aber mehr an mir interessiert. Sie scheint eine milde Form geistiger Behinderung zu haben und fragt mich öfter mal: „Susy, wie heißt du?“ Dabei grinst sie mich an, und wir haben sehr viel Spaß.

Ich bekomme eine Kokosnuss mit einem Loch und einem Strohhalm darin, außerdem eine Menge Räucherfisch und -fleisch vom handgezimmerten Räuchergrill, Taro und einen Maiskolben. Ich habe zwei Mandarinen und ein Säckchen Schokosnacks für die Kinder als mickrige Gegenleistung. Die Hühner im Hof picken Fruchtfleisch aus einer halben Kokosnuss, der Vater repariert und summt dabei vor sich hin, und die Familie trudelt nach und nach ein, mit Kuchen in allerlei großzügigen Plastikbehältern. Hinterher gibts also auch noch grandioses Dessert für mich, und Amanda packt mir die Reste ein und noch was obendrauf. Es ist unglaublich heiß, auch schon ohne Räucherofen, doch unter dem Hüttendach ist es beinah wie in einer angenehmen Version von Hölle.

Eine halbe Holperewigkeit später. Das Lunch im Kamosang Dock hab ich zwar verpasst, und auch mein Freunde vom Vormittag sind allesamt nicht mehr da, aber ich wollte nochmal vorbeischauen, denn es gibt dort das große, türkise, kühle Nass, in das ich mich jetzt erstmal werfe, und da zischt es wie von Schürhaken und Aufgüssen und Holzkohlen auf Eis. Dieses Bad war dringend nötig. Mittlerweile sind andere nette Menschen hier, die mich schon wieder einladen. Jede Menge Kuchen wartet hier auf mich; Kuchen, den ich bei der hiesigen Weihnachtsfeier vermisste – es gab da überhaupt kein Dessert – und Kuchen, wie ich ihn so gut hier auf der Insel selten gegessen habe. Wunderbar weicher, selbstgemachter Kuchen mit viel Creme. Es ist wohl ein bisschen seltsam, hier zu sitzen, zwischen Fremden, und grinsend ihren Kuchen zu mampfen, die Teenager kichern sich eins über mich, aber das kümmert mich nicht so. Ich lobe den Kuchen in höchsten Tönen und unterhalte mich mit einer netten alten Dame, bis ich schließlich aufbrechen muss, um noch vor Einbruch der Dunkelheit auf der Hauptstraße anzukommen.

Genug bedanken kann man sich nach so einem Tag nicht. Die palauanische Gastfreundschaft ist schon sprichwörtlich, und am Weihnachtstag verdoppelt sie sich nochmal. Von dem Essen, das Amanda mir mitgegeben hat, ernährten wir uns zu zweit noch am nächsten Tag. Das Dessert aus Pfirsich, Kuchenkrümel und Joghurt war eine köstliche Draufgabe.

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