Vor der neuen Haustür

Während ihr euch weiter den Kopf über eine sinnvolle Bildunterschrift zerbrechen dürft, komme ich schon wieder mit neuen Geschichten. Was bin ich doch produktiv!

Wir wohnen ebenerdig in unserem Apartmenthaus an einer Bumpy Road – einem Feldweg mit Schlaglöchern, den man nur sehr langsam befahren kann. Vor unserer Fensterfront zur Straße ist als erstes der Wand entlang ein schmaler Betonstreifen, davor liegt ein etwa vier mal zehn Meter großer Vorgarten, der offenbar vor langer Zeit mal betoniert war, davon sind die Reste in Form von kleinen Steinchen, größeren Brocken und ein paar graubraunen, rauhen Flächen übrig.

Wochenlang sprießen darin allerlei Gräser mit breiten Halmen und witzigen sternförmigen Samenständen, die mal drei-, mal vier- oder fünfzählig sind, aber immer symmetrisch. Sogar kleinere Taropflanzen sorgen für heimeliges Grün, bevor der Vermieter schließlich jemanden vorbeischickt, der das ganze gnadenlos, ja beinah „unter der Kopfhaut“ umnietet und so kurz abschneidet, dass man vom Hinschauen schon Depressionen kriegt. Armselige, fasrige Pflanzenreste auf Steinhalde.

Auf dem Betonstreifen vor den Fenstern, noch unter dem Vordach, hab ich meine beiden Gartenstühle aufgebaut und später auch den dazugekauften Tisch. Weil meine Beine für die meisten Stühle zu kurz sind, brauch ich immer etwas Unterstützendes für meine Füße. Weiter oben an der Straße habe ich bei einem Spaziergang eine Kokosnuss aufgelesen, eine ganze, die noch in ihrer Außenschale ist, also die große, holzige Variante, und hab sie nach Hause getragen. Das ist meine heilige Fußnuss. Das Holz fühlt sich gut an auf den Fußsohlen, glatt und angenehm kühl. In ihr drinnen schwappt es, wenn man sie bewegt. Eine halbe Kokosnuss haben wir eines Tages als Aschenbecher vom Strand mitgenommen.

Hier sitzen wir also und rauchen, wenn wir abends zu Hause sind, und hier sitze ich jetzt und schreibe, nachdem ich mir diesen heutigen Freitag freigenommen habe. Heißt ja schon Frei-tag. Warum also arbeiten? Ich hab in den letzten Wochen genug Stunden im Büro verbracht.

Der Vorgarten ist nach vorne durch eine Mauer begrenzt, in der Mitte führt ein Treppchen hinauf, das Straßenniveau liegt etwa einen Meter höher, dazwischen ist ein kleiner Parkplatz für eine Reihe Längsparker.

Die anderen Hofseiten hingegen sind von den Nachbargärten durch Maschendrahtzäune getrennt, auf denen obenauf sogar drei Stacheldrahtreihen thronen. Wenn ich morgens meine Zigarette rauche und dahinter auf und ab gehe, um in die üppigen Nachbargärten zu schauen, wo Arecapalmen und bewucherte Bäume in den Himmel ragen, fühle ich mich oft, als hätte ich eine sehr lange Strafe abzusitzen.

In diesem hinteren Hofbereich steht für das ganze Apartmenthaus ein separates Laundry-Häuschen mit Waschmaschine und Trockner. Eine Fuhre kostet jeweils 4×25 Cent, weswegen wir auch stets und immer noch auf der Jagd nach Quarters sind. Das Häuschen hat rundherum diese Fensterscheiben, die man wie Jalousien auf- und zuklappen kann. Diese Fenster-Jalousien stehen immer offen, daher finden sich dort abgesehen von den dicken Straßenstaubschichten oft auch Tiere, etwa Geckos oder große Nachtfalter in interessanten Farben.

Als ich eines Abends aufsperre und vorsichtig die Tür öffne, weil ich gerade irgendwie intuitiv auf ein Tier gefasst bin, sitzt eine Kröte auf dem Boden und guckt mich verwirrt an. Ich scheuche ihn (ich bin überzeugt, es ist ein Er) zur Tür und hinaus, er hüpft langsam den betonierten Gang zwischen den Erdgeschoßwohnungen entlang, entdeckt dann rechts die weiße Außenwand der Nachbarwohnung und verbringt lange Minuten mit dem Versuch, daran hochzuspringen. Erst glaube ich, er ist ausgehungert und fängt ein paar Insekten, aber dann dämmert mir, das Tier ist geschädigt vom Eingesperrtsein hinter weißen Wänden, vielleicht war er es sogar tagelang. Die meisten machen ihre Wäsche nur am Wochenende. Er ist ganz staubig, und sein Beinchen dürfte auch verletzt sein.

Ich stupse ihn weg von der Wand auf unser Stück „Rasen“, wo gerade green high tide herrscht – der Bewuchs ist üppig. Hier habe ich schon öfters Kröten gesehen. Martin meint, vielleicht braucht er ein bisschen Feuchtigkeit für seine Haut, gegen den Staub könnts auch helfen, also begieße ich ihn sogleich mit etwas Wasser; das heißt, sogleich nachdem wir ihn wiedergefunden haben, er ist nämlich in der kleinen grünen Wildnis so gut wie unsichtbar, solange er sich nicht bewegt.

Dann wird mir klar, der arme Kröterich kommt hier niemals raus. Der Garten ist von Betonwänden begrenzt, die für ihn zu hoch sind, und die Treppe wird er auch nicht schaffen, erkläre ich. Als hätte er das gehört, macht er sogar einen Versuch, springt auf die erste Treppe von fünf, dann aber wieder nach unten ins Gras. Schließlich fasse ich mir ein Herz, fange den Kröterich ein und trage ihn auf die andere Straßenseite, um ihn dort zwischen den Bäumen einem neuen Leben entgegenzuschubsen.

Es gibt eine Menge freilaufende Hunde auf der Insel. Aber auch mit Hühnern ist auf der Straße zu rechnen. „Why did the chicken cross the road?“ ist hier eine berechtigte Frage, die man sich zigmal am Tag stellen kann. Freilaufende Hühner gibt es en masse. Oft ist eine Henne mit ihren Küken unterwegs, meistens sind es zwei oder drei, oder ein Hahn zieht mit einer oder mit mehreren Hennen auf der Suche nach Essbarem durch die Gegend. Ich habe gesehen, wie ein Hahn etwas auf der Straße findet, nach seinem Weibchen ruft, es ihr zeigt und sie es dann fressen darf, während er schon wieder tüchtig weiterwackelt.

Manchmal mischen sich auch die eleganten, weißen Reiher unter die Hühner, morgens im Nachbargarten sehe ich die oft, wenn ich durch unseren Gefängniszaun schaue. Sie stelzen umher und fressen den Hühnern das Futter weg. Sie werden von den Hunden, die zum Haushalt gehören, gezielt verbellt und verscheucht, während die Hühner zur Familie gehören und bleiben dürfen. Wenn die Reiher mich entdecken, fliegen sie auch sofort weg, deshalb hab ich es noch nie geschafft, einen von ihnen im Garten zu fotografieren.

Die freilaufenden Hühner kommen auch in unseren Vorgarten. Wenn ich morgens draußen sitze, und ein Hahn dabei ist, dürfen sie so lange bleiben, wie er schweigen kann. Sobald er vor dem Fenster kräht, scheuche ich ihn weg und hoffe auf das Funktionieren des Prinzips Konditionierung im Hühnergehirn.

Eine schwarze Henne war eben da und scharrte zufrieden neben mir, bis Francis vorbeikam, und sie sich trollte. Francis, das ist unser persönlicher Wachmann. Er kommt normalerweise um neun Uhr abends und bleibt bis vier Uhr morgens, um über die vier Apartments zu wachen. Ich weiß nicht, ob das nötig ist, denn es ist offenbar eine gute, sichere Gegend. Mein heiliger Campingtisch und meine Stühle stehen seit Wochen vor dem Haus, und sie sind immer noch da. Und Mittwochs hat Francis frei, trotzdem ist noch alles da.

Manchmal taucht Francis aber auch untertags auf, um seine Wäsche zu waschen oder, seit neuestem, um den Hof zu kehren. Diese Tätigkeit frühmorgens um vier vor dem Schlafzimmerfenster zu vollführen, noch bevor die Hähne krähen, hat er sich nämlich abgewöhnt, nachdem ich ihm letztens aus dem Fenster mit schlafwirrem Haar und in morgendlich höflichkeitsvergessener Manier davon abgeraten habe.

Trotzdem mag er uns noch und kommt oft abends auf einen Plausch in unser Vorgartenidyll. Oft hat er dabei den ganzen Mund voll Betelnuss, deren fasrige Reste orangefarben an seinen Lippen kleben. Dann muss er immer alles zweimal sagen. Später steckt er sein Verlängerungskabel in der Laundry an, zieht es den Gang entlang und durch den Vorgarten und betreibt seinen Ventilator damit, der in seinem Auto, wo er vor dem Haus sitzt und wacht, die Moskitos verscheuchen soll. Moskitos gibt es hier genauso, nur nicht in so großer Zahl wie unten am Meer. Sie tun sich schwer bei Wind. Das Verlängerungskabel ist in der Mitte geflickt und hat blanke Stellen, die mitten im Gras zu liegen kommen, außerhalb des Vordaches, und wenn’s regnet, dann regnet es auch da drauf. 110 Volt tun aber vielleicht weniger weh als 220.

Wenn ich so hier so vor dem Haus sitze, hab ich immer Zeit zum Schauen, und dabei erlebt man allerlei Dinge. Wie diese Typen, die in Wien den ganzen Tag am Fensterbrett lümmeln und Falschparker anzeigen. Nur dass ich der Welt freundlich gesonnen bin.

Gerade eben parkt eine Frau ihr Auto vor dem Haus und fragt mich, ob sie hier parken könne, sie ginge nur eben mal schnell ins Head Start Center nebenan. Ja klar! Wenn ich gerade nicht hier sitze, fragt sie ja bestimmt auch niemanden. Aber so sind die Menschen hier, immer freundlich. Jetzt tönt von dort ein „Feliz Navidad“ herüber. Weihnachtsfeier, dann Ferien.

Da wundere ich mich manchmal, dasss es hier offenbar so wenige Insekten und Schmetterlinge gibt, und dann kommt ein riesiges, wunderschönes Exemplar an mir vorbeigeschwebt, mit bunten Mustern und langen Hinterflügeln, die beinahe wie zwei Schleier hinter ihm herwehen, und belehrt mich eines besseren. Maikäferartige Insekten stellen sich genauso blöd an wie daheim und müssen oft aus Miniaturpfützen errettet werden. Die Moskitos pieksen mich in die Beine, die blickgeschützt unter dem Tisch auf einer Kokosnuss stehen – eine unerwartete, aber willkommene Mahlzeit.

Mal laufen Geckos über die Wände, dann wieder sitzt des Nächtens ein fettes Insekt an der Außenwand und lässt die Geckos reichlich klein aussehen.

Anderntags ertönt weit oben ein rauher, lauter Schrei und lässt mich in den blauen Himmel blicken, wo ein großer weißer Raubvogel die Flügel wiederholt gegen den Wind stellt und seine weißen Schwingen dabei jedesmal in der Sonne aufblitzen lässt. Er landet auf dem hohen Baum, der im Wald gegenüber die fünf Arecapalmen am Straßenrand noch um einige Meter überragt. Noch bevor ich mein Teleobjektiv holen kann, macht er sich mit einem weiteren Schrei gleich wieder davon.

Ein hübscher Hund aus braunem Flausch kommt auf den Parkplatz, überquert ihn schräg, offenbar aus Gewohnheit, und stutzt kurz vor unserem Auto, das da plötzlich mitten im Weg steht. Er geht aber immer da vorne entlang, das sieht man ihm am entschlossenen Gesichtsausdruck an, also springt er hoch auf die Betonmauer und tänzelt darauf an der Vorderseite unseres Autos vorbei, wonach er sich kurz umdreht und für ein Foto in die Kamera schaut. Dann kontrolliert er die Stelle, wo ich immer die Fleischreste deponiere, und verschwindet schließlich.

Der Nachbarhund ist auch braun, aber kleiner und kurzhaarig, mit hängenden Ohren und süßem Blick. Ich sehe ihn oft im Nachbargarten an seiner Leine, die wiederum in einer langen, quer befestigten Wäscheleine eingehakt ist, wodurch er sich im Garten umherbewegen kann und trotzdem angekettet ist. Mitunter darf er aber auch frei laufen, oder er erlaubt es sich selbst, und dann kontrolliert er die Gegend.

Eines Morgens treffe ich ihn bei einem Spaziergang. Ich halte eine Hand nach oben offen, weil ich sie voll habe mit aufgesammelten Blüten, eine Haltung, die ihn offenbar zu der Hoffnung veranlasst, ich hätte was Essbares da drin. Ich zeige ihm den Inhalt meiner Hand und dass seine Hoffnung vergebens ist, er schleckt nur meine Hände ab und wendet sich dann einem der Nachbarhäuser zu, aus dessen Fenster gerade das Klirren von Besteck zu hören ist.

An einem anderen Tag kommt er vor unserem Haus vorbei. Ich denke, diesmal kriegt er aber ein Stück Wurst, und stehe schon auf, um eines zu holen. Doch der Tisch und diese Stühle hier, die sind ihm neu. Erst schaut er irritiert und versucht das Neue einzuschätzen, Freund oder Feind? Er legt den Kopf schief, doch am Ende scheint er zu beschließen: Passt mir nicht – Feind! Und bellt Tisch und Stühle so lange an, bis Nathan von oberhalb seinen Kopf aus der Terrassentür steckt und „Piss off!“ schreit.

Es ist hier gar nicht so wenig Verkehr, wie man es bei einer abgelegenen Straße wie dieser erwarten würde, Autos holpern den lieben langen Tag langsam vorbei, wodurch man viel Zeit hat, die Insassen zu studieren. Man blickt auf die Fahrerseite, wo Kinder um die Wette ihre Köpfe rausstrecken, was man überaus wundersam findet, bis einem wieder einfällt, das der Fahrer hier oft auf der rechten Seite sitzt.

Da gibt es weiße Autos, in dem weiß gekleidete Menschen sitzen. Ein zerbeultes Auto, die Beifahrerin mit schwarz-weiß gemustertem Mundschutz. Eine alte Oma am Steuer, zufrieden zurückgelehnt. Die hiesige Variante eines GTI-Freaks, der entspannt mit beiden Händen und gesenktem Haupt sein Handy bedient, während das Auto ganz von alleine im Schneckentempo geradeaus rumpelt.

Ein Auto mit zwei Männern darin erscheint von links und entzieht sich hinter den geparkten Autos kurz meiner Sicht. Plötzlich zerreißt ein furchterregender Schrei die Luft, dass ich aus meinem Plastikstuhl hochfahre, der hinter mir klappernd umkippt, und mir ans Herz fasse. Als das Auto wieder erscheint, zeigt sich: der Typ am Beifahrersitz hat geniest. Ich rufe: „Holy crap, you made me jump!“. Lautes Gelächter aus dem Fahrzeug, und als sie schon an der Ecke sind, erscheint eine Hand aus dem Fenster und winkt mir ein verkichertes „Sorryyy!“ zurück.

Zwei halbnackte Einheimische gehen vorbei, einer trägt ein angerostetes, leeres 50l-Fass über dem Kopf. Sie grinsen breit, offensichtlich glücklich über die Neuerwerbung, und wünschen mir einen guten Morgen.

Drei philipinische Menschen tauchen letztens am Abend auf, zwei Frauen und ein Mann, er ist mit einer Gitarre bewaffnet. Ob sie uns wohl ein paar Christmas Carols singen dürften, sie sammeln für Opfer des Taifuns. Er schlägt die Gitarre an, eines der Mädels drückt uns ein leeres Kuvert in die Hand, und ich sage, sobald er das Ding gestimmt hat, jederzeit gerne. Er versucht es, vooorsichtig, aber die Saite knarrt bedrohlich, und er lässt sie doch lieber in Frieden. Lieber eine falsche Saite als gar keine.

Sie singen drei Songs, einstimmig zwar, doch gar nicht so schlecht, aber die immer noch zehennagelfeindliche Gitarre lässt sich nur schwer ignorieren. Wir sitzen davor in unseren Plastikstühlen und grinsen uns an, „Feliz Navidad“ singe ich mit. Die heiligen drei Könige verfolgen uns also auch hierher.

Am nächsten Tag geht eine der beiden Philipinas auf der Straße vorbei, winkt und wünscht mir einen guten Morgen. Ich lächle freundlich und grüße zurück, als Martin gerade rauskommt, mich gerade noch winken sieht und fragt: „Wer war denn das?“ – „Ähm… Balthasar!“

Mittlerweile sind auch die Mütter und Kinder aus dem Head Start Center wieder abgerauscht und der Parkplatz ist ganz leer. Martin ist arbeiten gefahren und holt mich um vier ab. Heute abend ist nämlich die PICRC Weihnachtsfeier. Fast wie daheim, nur nicht so kalt.

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