Und ewig spuckt die Betelnuss

Augustin Krämer, der Hamburger Völkerkundler, schreibt im 3. Band „Palau – Ergebnisse der Südseeexpedition 1908-1910“ von 1926, den ich mit allen anderen Bänden in der digitalen Bibliothek fand:

Der Betelpfeffer KEBUI, der vom Himmel stammt, ist eine göttliche Gabe und wird hoch bewertet. Da er gerne gestohlen wird, pflanzt man ihn in der Nähe der Häuser an und umgibt ihn mit einem Zaun.[…]

(3/S.60(71))
Dazu muss man wissen, dass für die Palauaner Zäune und generell Landbesitz eher unvertraute Gedanken sind.

Weiter schreibt er:

Ein P r i e m c h e n, GAMÁGEL, wird so angefertigt: Eine Arecanuss [da von der Arecapalme stammend] wird mit dem Dechsel oder mit dem Schildpattmesser gespalten und mit diesem dann der Kern aus der Hülle herausgehoben, die weggeworfen wird, obwohl sie auch nicht schlecht schmeckt. Die Nußhälfte wird alsdann auf ein Stück eines Betelblattes gelegt und mit Kalk überstäubt, worauf sie sich alsbald beim Vorhandensein von Feuchtigkeit rot färbt. Deshalb erscheint beim Kauen dieses Priemchens alsbald roter Speichel, der an Farbe allmählich verliert. Lässt auch der Geschmack nach, so nimmt man das gamagel heraus und überstäubt es von neuem; ist der Kalk zu beißend, gibt man als Milderung etwas Betelblatt nach. Das gamagel bleibt 1/2 bis 1 1/2 Stunden im Mund, je nach Neigung und Materialbesitz.

(3/S.60(71))

Nachfolgend beschreibt er ausführlich Mörser und Spatel, die bei alten Leuten mit schlechten oder entschwundenen Zähnen zur Anwendung kommen (nicht für die Zähne selbst, sondern für das Zerkleinern der Nuss), sowie die Kalkbüchse, die wie der Kalk selbst gáus hieß:

Er wird aus dem Riffstein gebrannt. Als Behälter dienen häufig schlanke, nach unten spitz zulaufende Kokosnußschalen.

(3/S.62(73))

Beim Thema Tabakanbau schreibt er:

Wahrscheinlich wurde der Tabak von den Filipinen eingeführt und ist neuerdings bei dem anhaltenden Import durch die Weißen ganz aufgegeben. Jedenfalls habe ich keine Pflanzungen mehr gesehen. Auch das Rauchen (molokol) von Zigaretten mit Bananendeckung wurde nur noch selten geübt. Hauptsächlich dient der Tabak eben für ein kräftiges Priemchen, ein MERINGEL A GAMAGEL.

(3/S.60(71))

An anderer Stelle, an der es um Kultur und Gepflogenheiten geht, steht zu lesen:

Nach der Frau ist einem Palauaner sein TET, der Handkorb, in welchem er seinen Betelpfeffer herumträgt, am heiligsten, und darf man denselben nicht berühren, über ihn steigen oder etwas aus ihm herausnehmen.

(3/S.281(298))

Allgegenwärtig ist sie hier immer noch, die Betelnuss (verwirrend – denn eigentlich ist es eine Arecanuss), und doch sieht man sie nur selten oder nur indirekt, nämlich an der dicken Backe des jeweiligen Palauaners, Weibchen oder Männchen übrigens gleichermaßen – und an den blutroten Flecken auf dem Beton oder im Gras. Heute bewahrt der Palauaner von Welt seine Betelnüsse zumeist in einem wasserdichten Behältnis auf, in einer Seefahrer-Plastikbox oder einem Plastiksack. Wie heilig ihm dieses Tet heute noch ist, ist schwer zu beurteilen, aber ich sehe die Einheimischen öfter, wie sie einander die Säckchen zuwerfen, es wird also durchaus geteilt; und ich habe noch nie gesehen, dass einer über ein solches Gefäß gestiegen und daraufhin den Haien zum Fraß vorgeworfen worden wäre.

Das Wort Tet steht übrigens auch oft auf handgeschriebenen Schildern an den Türen von Minimärkten.

Man löst immer noch den fleischigen Kern mit einem Messer heraus. Allerdings ist es heute offenbar umgekehrt: der Kern wird weggeworfen, und es ist die Schale, die man kaut. Den Kalk bewahrt man nicht mehr in einer Kokosnussschale auf, sondern in kleinen Plastikfläschchen mit Ausguss-Spitze, ähnlich denen, die man vom Guttaauftrag beim Seidenmalen kennt, oder von Holzleim. Die gibts im Supermarkt zu kaufen. Die Nuss wird halbiert, in eine Schalenhälfte wird der Kalk gestreut. Tabakblätter werden nicht mehr hinzugefügt, es werden vielmehr ganz normale Zigaretten zerbrochen und mitsamt dem Papier auf die Nuss gelegt, vielleicht auch ein Stück Betelblatt (dieses stammt vom Betelpfeffer, nicht von der Arecapalme), bevor man sich diesen appetitlichen Happen schließlich in den Mund schiebt. Ich hab diese Präparation eigens für euch dokumentiert:

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Wenn jemand gute Zähne hat und keines Mörsers bedarf wie die Alten in Krämers Buch, dann knallt es auch ordentlich beim Zerbeißen, und das nicht nur einmal. Es klingt in etwa so wie wenn man einen Kaugummi flach drückt und innen zwischen Schneidezähne und Lippen klemmt, dort dann Bläschen nach innen zieht und diese lautstark platzen lässt. Falls das jemand kennt. Falls nicht: Laut eben, wie wenn einer mit den Zähnen auf eine harte Betelnuss beißt. Das Geknalle tritt aber genau genommen nur bei einer Kollegin auf, vielleicht kaut sie Kieselsteine zusätzlich, für die Sprungkraft von Haaren und Nägeln, oder was weiß ich.

Was folgt, ist jedenfalls andächtiges Gekaue, Gespeichle und Gespucke. Man stelle sich in etwa vor, das Gegenüber hätte in einer Backe eine ganze Packung Wrigley’s, durchsetzt mit Popcorn.

Es ist eine sehr alte Tradition, und niemand käme auf die Idee, das Kauen am Arbeitsplatz zu unterlassen. Es ist gang und gäbe, im Büro, auf dem Boot, bei Feiern – einfach überall. Nur wenige missbilligen es, weil es zu Mundhöhlenkrebs führt und die Zähne ruiniert, fast alle tun es. Man sieht die Palauaner auf dem Boot die Finger an die Lippen führen und mit einer ganz eigenen Technik ihren roten Speichel in hohem Bogen aufs Wasser hinausspucken. Man sieht auf der Straße immer wieder Autotüren fahrender Autos aufgehen und einen Spuckstrahl entweichen. Man sieht die Leute im Gehen, im Stehen und im Sitzen spucken. (Daher auch dieses Schild.)

Im Büro geht das Gespucke freilich nicht, sonst würden wir auf reichlich ungustiösen Böden wandeln. Was zwar die Gustiösität im Empfinden des Ausländers nicht wesentlich erhöht, aber immerhin die Fortbewegung am Boden weiterhin ermöglicht: Der Kauende spuckt in eine leere Getränkedose oder eine Plastikflasche. Im Büro statt des eigenen Getränks das des Kollegen zu erwischen kann also hier, anders als in der Heimat, zu ungleich unangenehmeren Überraschungen führen als nur zu ein paar Fieberblasen, und ich bin sicher, es ist wie in diesem alten Witz: man würde gern aufhören, kann aber nicht mehr absetzen. (Pfui, Etosha. Pfui!)

Das Kauen führt freilich auch zu undeutlicher Sprache, was die Kommunikation nicht gerade erleichtert, vor allem am Telefon; aber auch im persönlichen Kontakt muss man öfter mal nachfragen.

Das Flaschen- oder Dosenspucken im Büro geht natürlich nicht geräuschlos vor sich, genausowenig wie das Kauen selbst, das Schmatzen, das manchen dabei besonderen Spaß zu machen scheint, oder das erwähnte Knacken, dessen Ursprung mir (noch) nicht ganz klar ist. Und es ist nicht nach fünf Minuten vorbei, wie Krämers Text schon andeutet. Ich habe mir daher angewöhnt, nur für den Fall, immer Kopfhörer ins Büro mitzunehmen.

Um es nach dieser Länge endlich kurz zu machen: Ich kann euch nicht sagen, wie es schmeckt oder wirkt. Die Wirkung dürfte der von Kaffee und Zigarette nicht unähnlich sein (besonders wenn man Zigaretten dazukaut, hehe); die soziale Interaktion wird aber eher weitgehend eingestellt; andächtig ist hierzu wohl wirklich das beste Wort. Aber die braunen Zähne so mancher Zeitgenossen und der rote Speichel sorgten bislang wirkungsvoll dafür, mich vom Probieren abzuhalten.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. das war der für mich mit abstand ekligste artikel, den ich hier in diesem blog bisher gelesen habe & auf den ich keinesfalls hätte verzichten wollen. es ist wie: „man würde gern aufhören, kann aber nicht mehr..“ vielleicht kennst du das ja auch von irgendwo.. :D

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  2. Au Mann, Betelnuss … die ist mir in Taiwan schon am Hammer gegangen. Spucken sie die in Palau auch mitten in Lokalen herum? Gewöhnungsbedürftig für den gelernten Europäer :/ …

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