Das Amsel-Einerlei und der unerforschte Amselwal

Ich weiß ja nicht, ob es da draußen außer mir irgendjemanden gibt, der den Amseln so aufmerksam beim Singen zuhört wie ich. Vor ein paar Jahren hab ich das hier ja schon einmal zum Thema gemacht. Manchmal denke ich, was, wenn von den orangeschnabeligen Federhirnen allerorts Tag für Tag die Weltformel von den Bäumen gepfoffen würde, und keiner merkt’s?

Oft freue ich mich beim Lauschen über die Kreativität der Strophen, den spontanen Wechsel der Laute in einer festen Struktur der Strophe, über den oft plötzlich auftauchenden Shuffle-Groove, das Wiederholen einer besonders gelungenen Phrase – oder war sie besonders ungelungen und wird deshalb nochmal geübt?

Heuer allerdings fällt mir auf, dass es offenbar so etwas wie Frühjahrs-Hits gibt bei den Amselgesängen (immer schön mit Bindestrich, die Frühjahrs-Hits, gell?). Vielfalt und Kreativität schrumpfen, der Anteil an Einerlei steigt. Erinnert mich ein wenig an einen gewissen heimischen Radiosender. Tag für Tag hämmert der mit den immergleichen sogenannten Hits eine Scharte in den Äther des Massenbewusstseins, bis er auf blankes Metall trifft, dass die Funken nur so fliegen, was dazu führt, dass man schon bei den ersten Takten eines solchen Songs zappelig und lila wird auf seiner jeweils aktuellen Sitzgelegenheit.
Oder kurz gesagt: Songs totspielt.

Das Auftreten solcher Tothör-Erscheinungen bei den Amselgesängen betrübt mich zwar, ich stelle aber trotzdem ganz objektiv fest, dass heuer gewisse Phrasen erstmals beginnen, mir auf die Nerven zu gehen. Amselgesänge sind für mein Gehör zumeist in drei Abschnitte pro Strophe unterteilt, A, B, C. Manchmal auch nur A, B. Mitunter A, A. Manchmal nur A.

An nervigen Hits wäre zuallererst der Strophenabschnitt „Alarmanlage“ zu nennen (meistens als C, manchmal A). Ich nehme an, dass Amseln Alarmanlagen nachahmen. Natürlich könnte es auch sein, dass Alarmanlagen Amseln nachahmen, aber da Amselgesänge nicht sonderlich abschreckend auf Autodiebe wirken dürften, halte ich diese Theorie für weit weniger wahrscheinlich. Ich höre diesen Strophenteil pro Tag ohne Übertreibung derzeit sicher hundertmal. Es gibt ihn seitens der Amsel in einer schnellen und einer langsamen Variante. Hier die langsame. (Verzeiht bitte das Rauschen, das ist eine Handyaufnahme!)

      Etosha_Amsel-H20130302-Alarm.mp3


Weiters gibts da so eine Art Hund-komm-her-Pfeifen im Abschnitt C (-_-_-__), davon hab ich leider momentan keine Aufnahme parat, nervt aber mittlerweile auch ein bisschen.
Mir kommt vor, dass die Amseln im allerfrühsten Frühjahr am kreativsten sind. Da denken sie sich ganz eigene, neue Songs aus. Vielleicht nur die ganz Jungen, aber immerhin.

Hier ist ein Ströphchen, an das ich mich sehr lebhaft aus meiner Kindheit erinnern kann, in meinem Dachbodenzimmer bei offenem Fenster hab ich das recht oft gehört. Ich habe etwas Ähnliches im alten Eintrag veröffentlicht, dieses ist ein bisschen anders, aber irgendwie auch näher dran. Gab es sie also auch damals schon, die Frühjahrs-Hits?

      Etosha_Amsel-5-3 -20110509.mp3


Was mich aber nach wie vor erfreut, ist das Kichern, das oft eine Strophe abschließt- als würde der Vogel über den eigenen Witz lachen, den er gerade gemacht hat. Oder über mich, wie ich da stehe mit meinem Recorder.

      Etosha_Amsel-H20130302-Kichern.mp3


Extrem interessant ist es, sich die Gesänge in gesenktem Tempo und Pitch anzuhören. Hier die obigen zwei Kicher-Phrasen nochmal in 0,19-fachem Tempo. Klingt tatsächlich wie Walgesänge. Das volle Ausmaß der Modulationen im zweiten Gelächter kann man im normalen Tempo mit dem schnöden Menschenohr gar nicht richtig auflösen.

      Etosha_Amsel-H20130302-Kichern-Slow.mp3


Hier auch nochmal der Alarm in der tieferen, langsameren Form:

      Etosha_Amsel-H20130302-Alarm-Slow.mp3


Uh-wiii-uh-wiii!

Diese Strophen…

      Etosha_Amsel-9-2_3 -20110512.mp3

      Etosha_Amsel-SMS-9-8 3sec -20110512.mp3


…finde ich auch in der Walgesang-Variante äußerst spannend:

      Etosha_Amsel-9-2_3 -20110512 SLOW.mp3

      Etosha_Amsel-9-8 -20110512 SLOW.mp3


Ich hab aber auch etwas weniger verrauschte Amseln, die ersten paar Aufnahmen oben stammen wie gesagt vom Handy, die Nachfolgenden aus dem Zoom-Recorder. Falls also jemand einen SMS- oder Klingelton möchte, bittesehr:
(Der Player zum Probehören, die Links unmittelbar danach für den Rechtsklick & Download)

Ringtones:

      Etosha_Amsel-RT-8-3 29sec -20110512.mp3

Etoshas Amsel-Ringtone 8-3 (mp3, 29 Sekunden, 435 KB)

      Etosha_Amsel-RT-10-1 27sec -20110518.mp3

Etoshas Amsel-Ringtone 10-1 (mp3, 27 Sekunden, 404 KB)

SMS:

      Etosha_Amsel-SMS-7-4 3sec -20110509.mp3

Etoshas Amsel-SMS 7-4 (mp3, 3 Sekunden, 45 KB)

      Etosha_Amsel-SMS-9-3 3sec -20110512.mp3

Etoshas Amsel-SMS 9-3 (mp3, 3 Sekunden, 44 KB)

      Etosha_Amsel-SMS-9-8 3sec -20110512.mp3

Etoshas Amsel-SMS 9-8 (mp3, 3 Sekunden, 43 KB)

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…—… Himmelherrgottfixnomoi, ist denn hier kein vertikaler Abstand reinzukriegen? …—…

Habe mich bei der Verlinkung der richtigen mp3s äußerst bemüht – falls trotzdem irgendwas nicht funkt oder nicht zusammenpasst, bitte melden!
[Player ausgetauscht. Funzt jetzt auch auf iOS-Geräten. Danke EGM! 1 broken Link korrigiert. Dank an Deh Geh!]
Bei mir in der Preview lässt sich jeder Player nur einmal abspielen – ich hoffe, dieser Bug wohnt nur bei mir! Vielleicht hab ich ja auch wiedermal nicht die allerbrandneueste Flash-Version, die Updates kommen ja mittlerweile alle zwei Stunden.

Falls einer von euch weiß, warum die Paypal-Buttons seit Jahr und Tag so viel Abstand nach oben generieren, bitte ich sehr herzlich um Erleuchtung!
[Ebenfalls erledigt. Danke EGM und Deh Geh. Zu doof aber auch! Simple Zeilenumbrüche in WordPress werden halt in Abstand umgewandelt. Isso. Auch Zeilenumbrüche innerhalb von form-Code. Hihi.]

24 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ms.Hü, das freut mich! Wo das herkommt, gibts noch (viel) mehr. Wenn’s also noch irgendwas anderes sein darf… :)

    Danke, Deh!

    Paypal: Stimmt. Es waren simply die Zeilenumbrüche. Sooo peinlich! :D

    Letztes Wal-File: Ist korrigiert, da war ein Leerzeichen zu viel. (Auch paradox, eigentlich. Ein Nichts zu viel, und schon ist es nicht mehr nichts.)
    Dabei ist dieses das schönste, find ich – überhaupt gegen Ende, da klingt’s wie das Kratzen auf einer Geige.

    Dein Link: Cool :D Genau so dachte ich mir das auch, nur eben umgekehrt: Da sind so viele schnelle Laute in dem Vogelgezwitscher, dass es geradezu danach schreit, dass man es verlangsamt, um es mal richtig wahrnehmen zu können. Drum auch meine Idee von der Weltformel. Es klingt, als sei da sehr viel Information in diesen Lauten.

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  2. Schön :-)
    Die Walgesang-Variante der 9-2_3er Amsel klingt am Anfang wie eine Kuh, die eine blockflötengeblasene Tonleiter imitiert. In meinen Ohren halt ;-)

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  3. Wunderbar beob… äh, wie lautet das entsprechende Wort – rausgehört? Mir sind solche prägnanten Strophen auch schon öfter aufgefallen. Manche Individuen kann man daran sogar über mehrere Jahre immer wieder identifizieren.

    Und ich hätte nicht gedacht, dass sich die langsamen Samples tatsächlich wie stimmlicher Gesang anhören. Irre. Habe dann auch gerade mal wieder „Aerial“ von Kate Bush rausgekramt. Kennst du das Album? In einige Songs lässt sie verschiedene Vogelstimmen einfließen, v. a. Tauben und Amseln; das Cover ziert auch die Waveform eines Amselrufs. In einem Stück (Aerial Tal) singt sie gemeinsam mit einer Amsel, indem sie deren Silben in „menschliche“ Silben übersetzt, ein bisschen wie Drum Talk. Und im Titelstück selbst singt sie abwechselnd mit einer Amsel, indem sie deren Rufe in glucksende Lacher (!) übersetzt. Großartig.

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  4. Stimmt! Man müsste ihnen nur noch Namen zuordnen, dann könnte man sagen: „Ah, der Detlev singt heuer auch wieder!“

    Ich mag Kate Bush, aber nein, das Album kannte ich bislang nicht! Heißen Dank für den Hinweis! Die Frau ist halt gscheit! ;D

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  6. Hier gab es einst eine Amsel, die nannte wir den fröhlichen Arschlochvogel. Die hatte den mit Abstand bemerkenswertesten Amselgesang, den ich je zu Ohren bekam, sehr beschwingt, komplex und variantenreich, es war wundervoll.

    Das jetzt ist der zweite Frühling ohne ihren Gesang, und ich vermisse sie sehr.

    (Dankeschön für die Aufnahmen, supertoll, und die Walgesangsmodi sind wahrhaft mindblowing!)

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  7. Der ist mir bei dir schon einige Male untergekommen, wiewohl mir nicht klar war (und eigentlich auch immer noch nicht ist), was das kreative Vögelchen mit Arsch* zu tun hat.
    Es ist wirklich erstaunlich, aber es gibt auch bei den Vöglein offensichtlich kreative und weniger kreative Individuen. Ich kann die Amseln hier am Gesang unterscheiden. Die Kreativen klingen für mich immer irgendwie „jung“, roh, ungeschliffen, aber ich mag sie lieber als die „Alles-Nachpfeifer“. Wie im Leben halt. :)

    (Bitteschön! Es ist mir gleichermaßen Freud‘ und Ehr‘!)

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  8. Wunderbar, ich habe noch nie jemanden getroffen, der Amselgesänge aufmerksam verfolgt. Super auch die Verlangsamung und die Idee mit den Klingeltönen.

    Ich kommuniziere seit Jahren mit den heimischen Vögeln aus der Nachbarschaft, erschrecke Raben mit Elsterwarnrufen oder versuche Amseln nachzumachen, sowas halt, die komische Alte aus dem dritten Stock am offenen Fenster…

    Ich bilde mir ein, manchmal dieselben Herrn und Frau Amsel auf meinem Weg zur Arbeit wieder zu treffen. Ich versuche manchmal, sie mit dem „Mexican Whistler“ von Roger Whittaker (http://www.youtube.com/watch?v=MQctNqSvNIA) zu beeindrucken. Sie verstummen dann immer ehrfürchtig und versuchen dann mich zu übertreffen, bauen manchmal die eine oder andere Tonfolge ein. Sehr witzig!

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  9. Jöö! (sagt der Ösitane, wenn er sich freut) Wie schön, dass es noch weitere Amselspinnerinnen wie mich gibt! :)
    Ich pfeife den Amseln auch ab und zu was, überhaupt ist das Leben viel schöner und witziger mit Amseln! Danke, dass du dein Amselherz mit mir geteilt hast!

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  10. Nachtrag: nicht dass ich ein Fan von Roger Whittaker wäre. Die Aufnahme ist furchtbar,aber irgendwann ist in meiner Kindheit vorm Radio dieser Whistler hängen geblieben….

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  11. Ach, weißt du, das hier ist so eine Art verurteilungsfreie Zone, hier wird niemand wegen des einen oder anderen Geschmackes in die Pfanne gehauen, sei er nun kindheitsbedingt oder selbstverschuldet. ;)

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  12. Fand ich schon vor einigen Wochen herrlich, als ich den Beitrag gelesen habe. Amseln sind ohnehin die großartigsten Stimmkünstler der gemäßigten Breiten, wie ja übrigens auch Lennon/McCartney wussten und wunderbar verewigten, und jetzt auf deine Weise auch du! :-)

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  13. Hallo Etosha,
    bin heute per Zufall auf deinem Blog gelandet und kann mich grad kaum sattlesen. DANKE für die Inspiration(en)! Bin auch ein grosser Amselfan, neulich begegnete ich einer, die wieherte wie ein Pferd (in der Nähe einer Pferderennbahn). Habe leider kein Soundfile dazu, vielleicht treff ich sie aber ja mal wieder :)

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    • Herzlich willkommen in meiner bescheidenen Pfanne, Simon! Freut mich, freut mich! Zum (ein bisschen) Sattlesen findest du ja hier genügend Material aus alten Tagen. Eine wiehernde Amsel? Das ist ja seeehr leiwand! Die braucht man ja nur mehr satteln, und ab durch die Lüfte! ;) Hätt ich auch gern gehört!

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  14. übrigens musste ich meinen amseligen weckton leider wieder durch ein „schräh-schräh-schräh“ aus der konserve ersetzen, weil wir vor dem stets geöffneten schlafzimmerfenster einen amselmann sitzen haben, von dessen (sehr, SEHR zeitigem) gesang der gatte dann wach wurde und dachte, mein wecker habe geflötet. hatte der wecker gar nicht … trotzdem konnte der gatte dann oft nicht wieder einschlafen.was tut man nicht alles um des ehelichen friedens willen :))

    noch mal danke für die schönen aufnahmen der zwitscherlinge!

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    • Sehr gerne! Der Eintrag ist einer meiner All-time-favorites, deshalb verlinke ich ihn immer wieder.
      Was den Weckton betrifft, ist anzudenken, den Amselmann mal ins Gebet zu nehmen. Schließlich haben wir Freude an Gesängen, aber nicht zu Schlafzeiten. Das versteht der sicher ;) Alles Liebe für Euch und den ehelichen Frieden!

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