Beugung

Ich habe einen Nachbarn, den ich nur in gebeugter Haltung kenne. Ich habe den ungelogen noch nie aufrecht stehen gesehen und bin nicht mal sicher, ob der das überhaupt kann. Wann immer ich ihn sehe, hat er seinen Arsch nach oben gereckt, prall in seiner grauen Arbeitshose gen Sonne, und schneidet das Gras auf dem Sickerstreifen vor seinem Gartenzaun – mit einer Schere. Jawohl, mit einer Schere! Sein Rasen ist haargenau 14 Millimeter hoch, und zwar die ganze Gartensaison über.

Er erhebt sich auch dann nicht, wenn ein anderer Nachbar vorbeispaziert und ihn anspricht. Er stutzt weiter die Grashalme, seine knappen Antworten bellt er von irgendwo unterhalb seines Arsches hervor. Ich habe bisher noch nie die Geduld aufgebracht, ihn bis zur Fertigstellung des Rasenrechtecks zu beobachten, er ist meist mit der rechten Hälfte beschäftigt, wobei das Gras links von ihm nicht im mindesten anders aussieht als das zu seiner Rechten. Ich vermute aber, er geht auch in gebückter Haltung zurück ins Haus. Wahrscheinlich hat er eine Küche mit 10cm Arbeitsplattenhöhe, einen im Wohnzimmerboden eingelassenen Fernseher, ein dreieckiges Bett und einen Duschkopf, der von unten raufsprüht. Was er aber ganz sicher nie hat, ist Sonnenbrand im Gesicht.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Auweia, gleich zweimal das schlimme Wort mit „a“ … Gras! Gras ist ätzend, seit es Lärm macht. Da lobt man sich eigentlich Leute, die es noch mit der Schere schneiden, auch wenn ihr Gesicht eine Vertikalspalte aufweist.

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  2. *lol* sehr lustig! Und seine Frau – wahrscheinlich geschieden – wohnt bei uns in Hadersdorf. Sie putzt ungelogen mit einer Zahnbürste den Weg zu ihrer Haustüre ]:D.

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  3. TM, diesen Arsch müsstest du sehen. Dazu kann man nicht Hintern sagen. Außerdem ist einer von beiden im Genitiv, der zählt nicht, wegen sprachlicher Schönheit. :)

    Sero, Bussi!

    Ceh, wahrscheinlich haben sie sich wegen der ständigen Unordnung zerstritten.

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  4. Aus dem Metablickwinkel der Evolution betrachtet bringt diese Lebensform geradezu ideale Voraussetzungen mit, um die ökologische Nische des existenziellen Rasenschneidens vortrefflich zu besetzen.

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  5. Aus dem Metablickwinkel der Evolution betrachtet ist es ein Glück, dass der Rasenschnipsler an sich keine natürlichen Feinde hat.

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  6. Aus dem Metablickwinkel der Evolution betrachtet muss der Gemeine Rasenschnipsler neben seinem erstaunlich hohen Anpassungspotenzial auch ausgeprägte Überlebensstrategien entwickelt haben, sonst wäre er ja schlichtweg längst ausgestorben. Vielleicht pupst er schwarze, schwefelgiftige Rasendüngerwolken, wenn er angegriffen wird. Oder er hat einfach eine Nische erobert, die jedem Carnivoren mit auch nur geringstem Sinn für Stil als absolut lebensfeindliche Umgebung erscheinen muss, besiedelt also extreme Rasenhabitate, deren Biomasse er sich selbst haargenau auf 14 Millimeter Schnittlänge bewahrt, um ja alle potenziellen Rasenschnipslerfresser stehenden Fußes zum Kotzen zu bringen. Auch die Schere würde ich zugunsten seiner natürlichen Wehrhaftigkeit werten und keineswegs unterschätzen! Als erfahrener Blogologe traue ich einer Species, die Spielrasen mit Haushaltsgeräten kürzt, im Grunde genommen alles zu.

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  7. Die Rasenkürzung zielt darauf ab, den Feind bereits zu erspähen, wenn er sich aus weiter Entfernung anpirscht – er nimmt dem Fressfeind damit jegliche Möglichkeiten, sich zu verstecken. Durch die gebeugte Haltung allerdings macht er diesen Vorteil wieder zunichte, weil er schlicht nichts sieht. Dieses Paradoxon beschäftigt die Blogologen bis heute.

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  8. Das erinnert an Homo sapiens sapiens: ein weit entwickeltes Biowesen, zu so viel Großem fähig, und so klein, in dem, was es daraus macht.

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