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Trauerbewältigung


Cindy-Hunzis Grab. Trauerbewältigung beim Anfertigen eines Gedenkschilds.
http://t.co/rH30kHa64d • Tweet von @Et0sha

Zwei Tage nach Cindys Tod hab ich damit begonnen, dieses Schild anzufertigen. Ich saß hier so traurig rum und nichts freute mich… Dann fiel mir das Reifmesser ein. Ja, kleine Holzlocken zweihändig von einem Brett schnurpseln, das könnte die richtige meditative Beschäftigung sein. Ich beabsichtigte nicht, dass was draus wird. Ich wollte einfach nur sehen, ob das so beruhigend ist, wie ich es mir vorstellte.

Ich habe es nicht auf einmal fertiggestellt, sondern über mehrere Tage verteilt immer wieder bearbeitet. Zuerst lange geschnitzt, dann abgeschliffen. Die Leisten stammen aus unserem ehemaligen Lattenrost, aus dem alten Bett, in dem auch Cindy sich gern geräkelt hat.

Mein Papa war so nett, mir von einem Freund ein Brandmalerei-Werkzeug Marke Eigenbau zu borgen, und er brachte es mir letzten Donnerstag mit. Nach ein paar freien Brennmustern zur Übung druckte ich mir Vorlagen aus und übertrug sie auf das Holz. Es klappte wunderbar, und mir gefielen die kleinen Flämmchen, die da und dort aufpöffen, wenn man mit dem glühenden Draht das Holz berührt. Erinnerte mich an meine Kindheit, da hatte ich so ein Werkzeug schon einmal in der Hand.

Nach etlichen Schichten Lack und Holzkitt für den Zwischenraum und noch mehr Lack montierte ich die Schilder schließlich auf zwei Aluleisten, und hier ist das Ergebnis. Links ist das Portrait, aber auf der rechten Seite ließ ich Platz – dort hängt jetzt Cindys geliebter Flugball.

Es war eine gute Therapie, ich konnte dabei abschalten, ich konnte weinen, ich hatte etwas zu tun, und das Endprodukt gefällt mir als Kunstobjekt besser als ein Berg angeschneuzter Taschentücher.

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Sonst wird’s der Teufel holen!

Werbung mit Angstmache, sogar im Folder des Bestatters des Österreichischen Tierschutzvereins. Kotzen möcht ich!

bestattungtsv

Diesen Folder bekommt man vom Tierarzt in die Hand gedrückt, nachdem der Hund eingeschläfert wurde. Da ist man als Tierbesitzer genau in der richtigen Stimmung, so einen Absatz zu lesen.

Was nun dem TSV wichtiger ist – Feingefühl zeigen oder Umsatz generieren – das ist hier augenscheinlich nicht die Frage. „Eine Horrorvorstellung für alle Tierfreunde“ – nein, wirklich!? Bewusstsein dürfte also vorhanden sein. Wäre die Wahl auf Feingefühl gefallen, hätt’s eine weniger detailreiche Schilderung wohl auch getan.

Widerlich!

Das habe ich auch auf Twitter gepostet:

[Eintrag vorübergehend nach vorne geholt]

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Nachruf-Freitagstexter

Ich musste auf Freitag den 13. warten, um den Freitagstexter zu gewinnen. Den Pokal verlieh mir Herr Kulturflaneur für meine animierte Bildunterschrift.

Daher…

Es ist der erste Freitagstexter, den ich hier ausrichte, weil ich selbst ihn gewonnen habe. Bisher war ich immer nur Asyl dafür.

Vielleicht habt ihr aber auch mitbekommen, dass gestern mein geliebter Hund gestorben ist. Wenn nicht, könnt ihr einfach einen Eintrag runterblättern und den Liebesbrief an meinen Hund lesen, dann wisst ihr bescheid.

Ich sah mich noch gestern nicht dazu in der Lage, den Texter auszurichten, und hab lange überlegt, was ich machen soll, vielleicht den Pokal an den Zweitplatzierten von letzter Woche abgeben?

Doch ich habe mich stattdessen entschlossen, diesen Freitagstexter meiner Cindy zu widmen. Wer die beste, liebevollste, emotionalste, schönste Nachruf-Schlagzeile textet, gewinnt. Wenn ihr vorher tatsächlich mehr über die süße Maus erfahren wollt, hier gibts noch einen Artikel über sie, oder ihr schaut euch das uralte Cindy-Album an. Die Kategorie Cindy gibt natürlich am meisten Ergebnisse her, aber da seid ihr morgen noch beschäftigt.

Bahnbrechende Lustigkeit ist aus naheliegenden Gründen diesmal nicht gefragt. Und ich behalte mir das Recht vor, unpassende Texte zu löschen.

Wem das ein bisschen morbid vorkommt – richtig! Aber der Freitagstexterpokal steht hier ganz in der Nähe von Wien, und ich glaube, das passt. Nächste Woche gibts wieder eine neue Chance, wenn euch das hier nicht gefällt. Wer will, macht einfach mit. Natürlich braucht ihr für die Ausrichtung des Freitagstexters ein Blog, also können nur Blogger gewinnen. Mitmachen dürfen aber alle.

Hier kommt das Bild:

Cindy 2009

Bitte gebt mir etwas Zeit für die Freigabe eurer Kommentare. Falls jemand im Spam landet, fische ich ihn wieder raus.

Viel Freude beim Texten!

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Liebesbrief an meinen Hund

Cindy Meine liebe Cindy,

Du hast heute Nacht gelitten. Das tut mir so leid. Du hast auch in den letzten Wochen gelitten. Du konntest nicht mehr gut aufstehen, du wolltest nicht mehr morgens mit mir durch den Garten stapfen, du hast nur noch abwechselnd geschlafen, gefressen und Medikamente bekommen. Wenn ich wegfahren musste, wolltest du nicht mit. Manchmal musstest du, aber meistens ließ ich dich in Ruhe daheimbleiben. Weiterlesen

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Aber aber… Wie gehts denn dem Hunzi?

Viele haben mir erzählt, dass sie hier mit mir geweint haben, als es Cindy so schlecht ging und ich zu weit weg war, um etwas unternehmen zu können. Danke dafür. Nicht dass Tränen an sich etwas an der Welt ändern würden, aber sie zeigen, dass wir Menschen nicht nur diese rohe, zerstörerische Spezies sind, die ein Leben mehr oder weniger so oft nicht zu kümmern scheint.

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Wieder zuhaus, wieder zuhaus

… und schwer beschäftigt. Das Hundi ist wohlauf, kann aber noch schlecht aufstehen und muss in jedem zweiten Moment mit einem anderen Medikament versorgt und über Stufen getragen werden. Tausend Dank an meine liebe Mama, die, nachdem sie dem Lumpi sowieso drei Monate und drei Wochen Kost und Logis gegeben hatte, sich ganze Nächte und wohl auch Tage damit um die Ohren geschlagen hat, Cindy zum Arzt zu bringen, sie zu verbinden, zu versorgen, zu füttern, zu hätscheln, sich um sie zu kümmern. Und das rührend, nicht nur irgendwie, schnell-schnell und so halbwegs.

Wir wurden am Flughafen von einem achtköpfigen Empfangskommittee erwartet, das mit einem superbunten Willkommenstransparent und einem minderjährigen Neffen ausgerüstet war, außerdem wartete im Auto meiner Freundin ein Geschenkkorb mit herrlich frischem Obst und Gemüse – Mango, Erdbeeren, Paprika, verpasste Silvester-Fischerln, ein Glücksschweindi, ein Wochenplaner. Wunderschön war das!

Es war gar nicht so schlimm kalt, zum Glück hatte es +10°, aber davor, in diversen Flugzeugen, haben wir mitunter ziemlich gefroren. Dafür hatten wir auf den zwei langen Flügen von Koror nach Seoul (5h) und von Seoul nach Frankfurt (11h) eine Dreier-Sitzreihe zu zweit zur Verfügung, sodass wir unsere knick- und beugfreudigen Gliedmaßen in mehr als nur eine Richtung strecken konnten und uns mit drei Polstern und drei Decken der Marke Asiana bequemisieren konnten. Wir hatten auch nicht viel Wartezeit zwischen den Flügen. Das machte die Heimreise so angenehm wie es ging.

Der Jetlag ist da (offensichtlich, sonst wäre ich um 1:45 längst im Bett), ich bin unkonzentriert und kann mit meinem Bewusstsein kaum einen Gedanken bis zu seinem Ende begleiten, meine Hungeranfälle sind unberechenbar – aber es wird sich schon einpendeln. Gebt mir noch ein bisschen Zeit, um alle Anrufe zu beantworten und meine Arbeit wieder aufzunehmen.

Wir kämpfen gerade mit dem Chaos, die Auspackerei und Wegräumerei ist mühsam und recht endlos. Gestern und heute waren auch noch allerlei Eltern bzw. ein Geschwist zu Gast, denen wir wohl eher schlechte als rechte Gastgeber waren. Meine Schwiegermutter hat vorgekocht und vorgebacken, sodass wir uns ums Essen nicht kümmern mussten, und sie hat auch den Kühlschrank gefüllt. Auch dafür herzlichen Dank!

Ein weiterer Grund, warum ich noch auf bin, ist der Genuss, den schnelles Internet darstellen kann, wenn man vier Monate lang das Internet mit einem Flashdrive in der Hand zu Fuß überholt hat. Es ist einfach herrlich – man klickt, und es passiert tatsächlich was! Bilder erscheinen! Funktionen werden ausgeführt! Und es werden Mails gecheckt – gleichzeitig! Es ist wie in einem Science-Fiction-Film, der die Zukunft in schillernden Farben malt. Man kann gar nicht aufhören.

Ähnlich schillernd war das Einkaufserlebnis heute am Nachmittag. Gemüse! Obst! Laktosefreie Produkte! Palau ist ein Paradies, in gewisser Weise. Das stellte ich fest, nachdem ich über all das hinweggekommen war, was man dort nicht oder nur in unzureichender Qualität kaufen kann. Unser Zuhause ist auch ein Paradies. Keine türkisen Buchten, die Luftfeuchtigkeit lässt meine Nasenlöcher vertrocknen, aber es ist ein Paradies, ganz eindeutig.

Weitere Gschichtln und Fotos folgen!

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Letzter Tag

Dies ist mein letzter Eintrag aus Palau.

So schnell geht’s. Ratzfatz sind vier Monate um. Ich wusste das ja von Anfang an. Wir fuhren das erste Mal die Compact Road in Babeldaob entlang Richtung Norden, alles war neu, und es mischte sich schon die Energie des letzten Males mit hinein – das alles schon kennen und wehmütig die letzten Kilometer genießen. Wir hatten so viel Zeit vor uns, so viele Wochenenden, und ich wusste, am Schluss werden wir sagen: WTF?? Nur noch ein Wochenende? Und was quetschen wir da jetzt alles rein?

Wir waren heute nochmal unten am Ngermid Dock schnorcheln, nachdem wir alles gepackt hatten. Die Koffer sind noch randvoller als beim Herfliegen. Heute abend fahren wir ein letztes Mal runter ins Aquarium. Gestern gab es dort ein kleines Abschiedsessen für uns, wir bekamen Shirts und Zertifikate und herzliche Worte vom CEO und von Carol, mit der ich besonders eng (und auch voller Freude) zusammengearbeitet habe. Dann gabs noch ein paar Drinks mit Roni und Naor. Heute abend findet dort wieder eine After-Dark-Lecture statt (hab ich erzählt, dass Martin in diesem Rahmen einen Vortrag über Haie gehalten hat?) Heute ist der Segelboot-Kapitän Rai dran.

Außerdem sind noch ein paar letzte Daten auszutauschen, und natürlich sind noch Menschen zu umarmen. Und wir holen das Storyboard ab, das unser Kollege Benson extra für mich angefertigt hat (und noch immer anfertigt, das war so eine Art Last-Minute-Auftrag). Ein Storyboard, das ist eine Holzschnitzerei, die eine Legende wiedergibt. Wunderschön wird sie, wir durften’s gestern schon ganz kurz in unvollendetem Zustand anschauen. Foto durfte ich da noch keines machen.

Ich werde weitere Fotos dann von daheim aus posten, das wird sooo viel einfacher sein!

Was mir fehlen wird:
Die freundlichen Fremden, die man vertrauensvoll in sein Leben und in sein Herz lassen kann. Die paar richtigen Freunde, die wir hier gefunden haben. Die Wärme. Die herrliche Luftfeuchtigkeit. Die weitgehende Rheuma- und Schmerzfreiheit (nichtmal Zahnschmerzen hatte ich. Und das mir!). Das große weite Meer und dessen abartig unglaubliche türkise Farbe. Die tausenden wunderbaren Tiere unter Wasser. Der Blick zum großen Beschützer, dem Barriereriff. Die streunenden Hunde, die morgens zu Besuch kommen, um Wasser von mir serviert zu kriegen. Die Hähne (ja, wirklich). Meine gebräunte Haut. Meine Fußnuss – die beginnt jetzt auszutreiben, vier Monate nachdem ich sie auf der Straße aufgelesen habe.

Was mir nicht fehlen wird:
Das Gespucke. Das Gespucke. Das Gespucke.

Worauf ich mich freue:
(Abgesehen von Family, Freunden, Band und meinem Zuckerschnauzenhunzi natürlich!)
Frisches Obst und Gemüse. Dunkles Brot. Das riesige Angebot im Supermarkt. Vernünftige Musik. Mein Geschirrspüler. Wasser direkt aus der Leitung trinken. Raketenschnelles Internet. Eine niemals-0815-Massage von André.

Apropos Zuckerschnauzenhunzi: Soweit ich weiß, hat Cindy die OP gut überstanden und war gerade am Aufwachen, als wir gestern schlafengingen. Puh. Das war eine Erleichterung, sag ich euch.

Ich bedanke mich herzlich bei euch allen fürs Mitlesen, Miterleben, Mitstaunen, Dabeisein und Weitersagen, und ich würds toll finden, wenn auch die stummen Mitleser diesmal eine Ausnahme machen und „Ich war dabei“ in die Kommentare posten.

Sobald ich daheim und ausgeschlafen bin, gibts dann auch die bildliche Auflösung des Helikopterrätsels. Also dranbleiben!

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Weit weg von Cindy

Meine Augen sind heute sehr verquollen. Ich meine sehr, sehr, mit Tränensäcken und allem. Dabei sind da gar keine Tränen mehr drin. Alles gestern ausgeweint. Mein Hund! Meine Mama schickt mir am Freitagmorgen dieses E-Mail, in dem steht, dass es Cindy in den letzten Tagen nicht mehr so gut ging. Ging! Sie schreibt „ging“, und ich glaube, jetzt ist alles vorbei, sie haben sie einschläfern lassen, und sie schreibt mir das Geschehene erst in der letzten Palau-Woche, auf Raten, damit ich nicht die ganze Zeit über traurig sein muss. Oder Cindy lebt noch, aber es geht sich nimmer aus, ich seh meinen Hund nicht mehr, wenn ich heimkomme. Wegen einer einzigen Woche! Ein paar beschissenen Tagen!

Das Geschwür, das Cindy am Bauch hat, ist viel größer geworden und schließlich durch die Haut gebrochen. Es blutet. Die Tierärztin, meine Tierärztin, die Cindy und mich seit Ewigkeiten kennt, die ich sehr mag und schätze, gibt nur Silberspray und Käspappeltee. Meine Mama bindet eine Windel um Cindys Bauch. Cindy will nicht aufstehen, nicht trinken. Und ich sitze hier und kann absolut nichts tun als eben das: hier sitzen.

Daheim könnte ich vielleicht auch nicht mehr tun. Doch mein Hund hat meine Anwesenheit seit Monaten nicht gespürt. Sie muss glauben, ich wollte sie nicht mehr und hab sie verlassen. Sie muss glauben, ich liebe sie nicht mehr. Sie muss glauben, wenn selbst jetzt, wo es ihr so schlecht geht, keiner von uns beiden kommt, dann wird nie wieder jemand kommen. Was für ein Alptraum. Ich liege heulend in meinem Bett und ziehe die Decke an mich, stelle mir vor, sie läge bei mir, ich könnte sie festhalten und meine Nase in dem weichen Fell an ihrem Kopf vergraben.

Als es mir schlecht ging, vor Jahren, als ich über Monate, Jahre, solche Schmerzen hatte, ohne Diagnose und ohne Hoffnung auf diese besondere Heilungsfähigkeit des Menschen, wo man einfach schlafen geht, und am nächsten Morgen ist alles wieder gut – da war sie da. Sie war meine Therapie. Ich wachte eines Morgens auf und wusste, ich will einen Hund. Martin hielt das für verrückt, ich konnte kaum aufstehen oder rausgehen, war depressiv und insgesamt einfach „nicht in der Verfassung“. Trotzdem wollte ich es, ich wusste, das tut mir gut, wir hatten immer Hunde, als ich ein Kind war.

Ich sah mir einige Welpen an, bevor ich sie fand. Sie raste auf mich zu in der kleinen Korneuburger Wohnung, in der ich sie zum ersten Mal sah, ein schwarzes Energiebündel, das mir sein rotes Quietschtier vor die Füße warf und gleich in die andere Richtung losstartete, noch bevor ich es aufheben und werfen konnte. Ich wusste es sofort.

Wir hatten es nicht leicht mit dem Sauberwerden in der kleinen Wohnung im dritten Altbaustockwerk, es ist dort schwieriger, einem Hund beizubringen, wo er darf – vor der Wohnungstür? Auf den Stufen? Aber sie checkte es so schnell. Und dann nahm ich sie mit nach Mauerbach, zum Hundeverein, wir machten den Welpenkurs und Begleithunde I, bei Regen und Sonnenschein und Schnee stapften wir durch den Wald zu der kleinen Lichtung, von der das Gebell kam. Es half mir. Ich ging wieder raus, unter Leute, und ich hatte Gesellschaft, wenn Martin arbeiten ging. Ich war nicht mehr allein.

Sie ist jetzt natürlich nicht allein. Aber ich bin nicht bei ihr. Jetzt, wo sie mich braucht, bin ich am anderen Ende der Welt, mit einem Flugticket für nächsten Freitag, das nicht umbuchbar ist.

Ich heule andauernd, ich will mit Mama telefonieren, ich will meinen Flug umbuchen, aber daheim ist jetzt Nacht. Wir sollen Roni und Naor und Yeong Shyan zum Mittagessen im „Taj“ treffen, als kleine Abschiedsfeier für uns. Martin findet, ich sollte mitgehen, mich ablenken. Ich will nicht, aber ich gehe, mit Sonnenbrille, obwohl es regnet. Als wir weggehen, sitzt draußen vor unserem Apartment an der Wand ein grimmiges, riesiges Insekt, schwarz, mit langen Fühlern.

Sie trösten mich und umarmen mich. Wir bekommen zwei Foto-Postkarten von Yeong Shyan, eine für jeden von uns, süße selbstgemachte Karten mit einem wunderschönen Dankeschöntext hinten drauf, der von Freundschaft spricht, von Dankbarkeit für Ermutigung und fürs Zuhören. Und später sagt sie, wenn es dir so viel bedeutet, dann buch doch einen früheren Flug. „There are some things money can’t buy.“

Daheim ist jetzt früher Morgen, hier ist es Nachmittag. Das Kreditkartentelefon im Eingang des Instituts funktioniert nicht, und bis das Internet für Skype halbwegs brauchbar ist, sind es noch zwei lange Stunden. Ich wandere im PICRC hin und her, rede mit ein paar Leuten, warte, warte, warte. Ich schicke meiner Mama eine Nachricht auf WhatsApp, aber keine Antwort. Sie schläft sicher noch. Martin erreicht seine Mutter auf Skype und bittet sie, meine Mutter anzurufen und zu bitten, ihr Skype einzuschalten.

Endlich können wir mit Mama reden, sie erzählt nochmal alles und wirkt recht hoffnungslos. Dann weinen wir beide. Martin ermutigt sie, noch einen anderen Tierarzt nach Einschätzung und Möglichkeiten zu befragen, Mama sagt, ich dachte, du vertraust deiner Tierärztin, drum vertraute ich ihr auch. Dann fahren wir einkaufen, ich frage Martin nach einem neuen Flugticket, er sagt, dazu müssten wir jetzt nochmal zurück zu PICRCs Internet. Es ist spät. Er fährt in die andere Richtung, zu unserer Wohnung.

Ich will ein neues Flugticket. Martin sagt, diese Tausender stecken wir doch lieber in die Behandlungskosten, wenn wir wieder zurück sind. Ich sage, was ist, wenn sie tot ist, wenn wir zurück sind? Wieviel wäre so ein Flugticket dann wert gewesen? Wieviel würdest du dann bezahlen, um sie nochmal zu sehen? Selbst wenn du dann zehn Tausender auf den Tisch blätterst, das macht sie nicht mehr lebendig. Das ganze Geld ist dann einen Dreck wert.

Die Sache mit der Tierärztin meines Vertrauens bringt mich aber zum Nachdenken. Sie weiß genau, dass ich im Ausland bin und meinen Hund lebend vorfinden will, wenn ich zurückkomme. Und es stimmt, ich vertraue ihr. Also ist sie entweder total verrückt geworden mit dem Silberspray und ihrem Scheiß Käspappeltee – oder es ist nicht ganz so schlimm wie wir befürchten. Ich will ein Mail an meine Tierärztin schicken, sie fragen, wie es steht, irgendwie war keine richtige Prognose dabei bei dem, was Mama erzählt hat.

Aber das sowieso schon karge Internet über den Hotspot in der Nähe unserer Wohnung funktioniert jetzt gar nicht, „Unidentifiziertes Netzwerk“, die Login-Seite des Hotspotbetreibers lässt sich nicht laden, es regnet immer noch, das ist keine gute Voraussetzung für die Hotspots hier. Das macht mich noch verzweifelter, ich würde am liebsten meinen Computer mit einem Urschrei über den Zaun werfen und mich gleich hinterher – und dann hole ich tief Luft, will nicht mehr das Opfer all dieser beschissenen Umstände sein.

Wir fahren nochmal zurück zu PICRCs Internet, ich schicke das Mail an die Tierärztin und bitte um schnelle Antwort. Dann bitte ich Martin nochmal, sich beim Reisebüro nach Flug-Umbuchungen mit Aufzahlung zu erkundigen. Es gibt tatsächlich einen früheren Flug, am Montag, und umbuchen kann man gegen 75$ Gebühr und den jeweiligen Aufpreis auf das Ticket. Die Kommunikation mit dem Reisebüro ist zäh, sie schreiben immer nur „vorbehaltlich Verfügbarkeit zum Buchungszeitpunkt“, aber wie ebendiese Verfügbarkeit aussieht, das sagen sie nicht. Nur dass sie in wenigen Stunden fürs Wochenende schließen, wir aber am Wochenende über die Hotline in Amsterdam umbuchen könnten. Gut zu wissen, aber blöd, so ohne funktionierendes Telefon. Es ist halb zehn abends.

Wir wissen nichts und wollen schon heimfahren, meine verheulten Augen wollen Schlaf, aber schließlich kommt doch noch Antwort von der Tierärztin. Sie schreibt, ich solle mich beruhigen, der Tumor sei durch die Haut gebrochen, aber davon stirbt Cindy nicht. Das Silberspray soll eine Infektion verhindern, aber diese eine Woche sei für Cindy gar kein Problem.

Wir fahren nach Hause. Dort wo das grimmige Insekt saß, sitzt jetzt ein Schmetterling. Ein dunkler Falter, dem vom linken Flügel ein Stück fehlt. Ich fliege also nicht am Montag allein nach Hause. Ich warte auf den Heimflug am Freitag wie geplant. „Leg dich unter eine Palme und genieß den Sonnenschein“, schrieb mir eine Freundin auf Facebook. Die Sonne scheint nicht, aber ich versuche jetzt, mich zu entspannen. Meine Augen sind heute sehr verquollen. Ich meine sehr, sehr.

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