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Connections gesucht

Ich möchte die Schweinehunde-Reihe gerne in nächster Zeit als Buch herausbringen. Außerdem darf man sich auf ein Clemie-In-China-Buch freuen. Bei diesen zwei Projekten brauchen wir eure Unterstützung – Kontakte zu geeigneten Verlegern sind gefragt. Wenn ihr dazu eine Idee habt oder jemanden kennt (der jemanden kennt), freue ich mich über Empfehlungen, Mundpropaganda oder ein E-Mail!

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!

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A-7. C.i. asocialis: Der Eremit

Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!

A-7. C.i. asocialis: Der Eremit

‚Stille Wasser sind tief.‘

Der Eremit ist, so widersinnig es scheinen mag, ein leidenschaftlicher Teamplayer und arbeitet eng mit anderen Schweinehunden aus der Vermeider-Klasse zusammen. Hier zeigt sich das volle Potential der Schweinehunde, ihre Vernetzung und ihr Teamwork zumindest sind überaus beeindruckend. Tritt der Eremit auf den Plan, geben sich auch andere Schweinehunde die Türklinke in die Hand. Im Nu dirigiert der Eremit ein ganzes Orchester, und es grunzt die Eremiten-Lobeshymne Nummer eins: „Alle Menschen san ma zwida“ (Kurt Sowinetz / Beethoven).

Seine ganz großen Zeiten hat der Eremit in den frühen Morgenstunden oder eben nach dem Aufstehen, außerdem in Stresssituationen und in den Phasen nach persönlichem Scheitern. Bei Frauen lässt er sich am liebsten in der prämenstruellen Phase blicken. Dabei wird das Sprechen dir stark erschwert; obwohl manchmal sogar ganze Sätze vorgeformt in deinem Kopf bereitliegen, bringst du einfach den Mund nicht auf. In anderen Fällen schlägt der Eremit dir ausschließlich Worte vor, die immer ein, zwei Spürchen neben dem tatsächlich Empfundenen liegen, und am Ende stellst du entsetzt fest, dass das, was dabei rauskam, vom ursprünglichen Gedanken himmelweit entfernt war.

Der Eremit sorgt dafür, dass sich auf jegliche Form eines Klingelns dein Seelchen empört zurückzieht wie der angetippte Fühler einer Schnecke. Ein Anruf, eine Kurzmitteilung oder eine andere Form vorsichtiger Kontaktaufnahme, und sogleich zuckt ein fuchtiges „Was wollt ihr jetzt schon wieder von mir?“ durch dein Gehirn.

Menschen, die etwas von dir wollen, sind in der akuten Infektionsphase generell ein großes Problem. Manche von ihnen glauben gar, ein Gespür dafür zu haben, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sein könnte, dir ihre konstruktive Kritik zu unterbreiten. Du könntest lachen, wenn es nicht so zum Weinen wäre – und wenn du den Mund aufbrächtest.

Denn alles in dir sträubt sich gegen soziale Kontakte. Also gehst du nicht ans Telefon, öffnest nicht die Tür, du schickst keine Kurzmitteilungen, und schon gar nicht rufst du von selbst irgendjemanden an, wo doch schon einen Termin beim Zahnarzt zu vereinbaren eine unüberwindliche Hürde darstellt – denn du möchtest mit niemandem reden. Du beantwortest auch deine E-Mails nicht, und irgendwann werden die Versuche von außen weniger. Dann kann der Eremit dir endlich das Gefühl geben, dass niemand dich mag und niemand sich um dich kümmert.

Mithin die größte Qual während des akuten Eremitenbefalls sind jedoch soziale Anlässe von so verpflichtendem und offiziellem Charakter, dass der Eremit bei aller Anstrengung dein Fernbleiben nicht erwirken konnte, weil dich die Wichtigkeit des Anlasses über alle Schweinerei hinweg zu einem Erscheinen zwingt. Hier wird dir jedes Wort, das du hervorwürgen musst, Schmerzen verursachen; der innere Widerstand und deine Fratze, die ein gekünsteltes Lächeln darstellen hätte sollen, führen nach kürzester Zeit zu einer Starre in der Kieferregion und einem verkrampften Gefühl in der Kehle. Deine Gehirnzellen veranstalten eine Demo und tragen Schilder mit der Aufschrift „Ich will heim. Bitte.“

Wenn dich in diesem labilen Zustand auch noch ein Anstifter aus der compellans-Klasse reitet und dich bei diesem offiziellen Anlass zu Aussagen verleitet, die einen Tick zu direkt ausfallen („Ich hab dich ja immer schon für einen aufgeblasenen Affen gehalten, aber heute übertriffst du alle meine Erwartungen.“), dann könnte das Asocialis‘ wildeste Träume erfüllen und deine beruflichen und privaten Beziehungen lahmlegen, bis die Hölle einfriert.

Wenn du ihn aber lässt, hindert der Eremit dich völlig am Erscheinen bei Terminen und Einladungen, und vielleicht sogar daran, bei der Arbeit aufzutauchen. Wenn ein Freund in einer deiner Eremitenphasen Geburtstag haben muss, ist das eben sein Pech. Du gehst ganz bestimmt nicht auf das Fest. Hmpf!

Teamwork

Aber natürlich gibt es einen verborgenen Anteil in dir, der liebend gerne auf dieses Fest gehen würde, weil er eine Spontanheilung verspricht. Andere Schweinehunde mischen hier sehr gerne mit und liefern massenhaft Gründe und Ausreden. Der Verbieter sagt, dass du vor dem Weggehen erstmal aufräumen solltest, duschen, den Hund füttern und den Müll rausbringen. Absichtliche Überforderung in einer Phase, in der schon das Hochheben eines Telefonhörers eine unüberwindliche Hürde darstellt.

Die Hysterikerfraktion kreischt, du hättest nichts anzuziehen und außerdem Angst vor den vielen Menschen auf dem Fest. Womöglich sind sogar welche dabei, die du gar nicht kennst! Oder du musst ganz alleine in eine Bar hineingehen, huh!

Der Verächter lässt verlauten, auf diesem Fest wolle dich vermutlich ohnehin niemand haben, schon gar nicht in dieser Stimmung, und dass du es echt nicht wert wärst, dass sich jemand um dich kümmert. Das wiederum kann in einer solchen Situation eine wahre Kaskade an Selbstmitleidsgefühlen auslösen.
Schließlich ruft der Eremit den Zweifler herbei, um gegen den Anteil in dir zu kämpfen, der auf das Fest gehen möchte. Mal gewinnt der eine die Oberhand, mal der andere, und so geschieht es, dass du dich zwölfzigmal hin und her entscheidest, an-, um- und ausziehst, zwischendurch auf Stühle niedersinkst und ins Leere starrst, bis es schließlich zum Weggehen zu spät ist oder du in Tränen ausbrichst und brennende, verquollene Schweinsaugen den Ausschlag fürs Daheimbleiben geben. Der verborgene Anteil in dir liegt nach dem Kampf wimmernd und ramponiert in einer dunklen Ecke des Schweinehundestalls, den Mund mit Schweinespeck gestopft.
Der Verbieter schließlich wird später sagen, „Hatte leider keine Zeit, zu viele andere Pflichten!“.

Umso schlechter, wenn bei all diesen vermiedenen Kontakten etwas Lebenswichtiges dabei war, denn der Faulpelz fängt sofort Feuer, wenn er davon Wind bekommt und wirft sich mit voller Wucht in die Waagschale mit der Aufschrift „Nein!“. Und langsam erkennst du, dass ein Landstrich voller Treibsand dagegen ein Spaziergang ist.

Manchmal würdest du vielleicht sogar gerne jemandem dein Herz ausschütten, dich schluchzend gegen eines Mitmenschen Schulter werfen; du spürst, dass das Aussprechen dich erleichtern würde – aber du bleibst stumm und deine Augen trocken. Solltest du dabei gar eine gewisse perverse Befriedigung verspüren – sei versichert, dass es sich dabei nicht um deine eigene Empfindung handelt.

Bei einem solchen kettenreaktionsartigen Befall ist es das Beste, erstmal einen Schritt zurückzutreten und das Treiben, so gut es eben in dieser Lage geht, aus einer gewissen Entfernung zu betrachten. Es kann auch helfen, dir selbst zu bestätigen, dass du in der Tat ein überaus armer Mensch bist, der langsam zum Schwein mutiert. Selbstmitleid ist besser als sein Ruf, denn es ist oft das einzige Mitleid, das gerade zu kriegen ist. Es ist nur keine Dauerlösung.

Daher kommt danach ein Schritt der größten Überwindung: Ruf den besten Freund an, den du hast. Das mag anstrengend sein und eine Zeitspanne erfordern, während der du Löcher in dein Telefon starrst. Das macht aber nichts, du hast im Moment ohnehin nichts Besseres zu tun. Dann erzähl deinem Freund offen und ehrlich von deinem Befall. Dieser Schritt ist immens wichtig, denn er ist der erste Impuls, der dem Treiben letztlich ein Ende setzen wird.

Zukünftige Attacken abzuwehren ist schon schwieriger. Es erfordert größte Aufmerksamkeit, die erste Phase des Eremitenbefalls überhaupt zu bemerken. Manchmal ist es gut, allein zu sein, solange man darüber nicht verzweifelt. Man lasse den Eremit einfach eine gewisse Zeit lang bewusst für sich arbeiten, und genieße die Ruhe. Wenn aber etwas in dir „Genug!“ ruft, sich eine seltsam perverse Befriedigung einstellt, wird es ungesund, und es ist an der Zeit zu handeln. Verwunschenerweise scheint jedoch gerade dann niemand Zeit zu haben – keine Sorge, das liegt in der Natur der Sache. Dies ist nicht der Moment für falschen Stolz. Die Zauberformel zur Manifestation von Zeithaben bei deinen Freunden lautet, „Ich brauche dich, mir gehts nicht gut“.

Interessanterweise kann man sich der Situation am effektivsten dann entziehen, wenn gerade alle Schweinehunde beschäftigt und in voller Aktion sind. Dann kannst du dich in dem Durcheinander zurückziehen, deine sehr wenigen echten Anteile zusammenpacken und unbemerkt verschwinden.

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A-6b C.i. obliviscens: Fallbeispiele

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Weitere Ausprägungen und Fallbeispiele

Schlüssel, Sonnenbrillen, Geldbörse – nicht nur neigt so mancher Schweinehundewirt dazu, sie irgendwo liegenzulassen, auch ist der nicht gelingenwollende Abruf des entsprechenden Aufenthaltsortes ein häufiger Anlass zum Verfluchen des Vergessers. C.i. obliviscens lässt dich mitten in einer Handlung einen tranceähnlichen Zustand erreichen, sodass du später nicht den geringsten Tau hast, wo du das eine oder andere abgelegt haben könntest. Zeitdruck ist in einer solchen Situation nicht unbedingt eine Hilfe. Da kommt der Wunsch nach einem leibeigenen Hypnotiseur auf, der in deinem Unterbewusstsein nach den Informationen gräbt, die dir bewusst nicht mehr zugänglich sind. Ich habe schon Schlüssel im Eierfach der Kühlschranktür wiedergefunden. Natürlich nicht beim Suchen, sondern beim anschließenden Frustfressen. Auch ließ ich früher, als ich mit meinem Mann noch in Wien wohnte, wiederholt meinen Schlüsselbund am Briefkasten im Erdgeschoß stecken, was mir erst auffiel, als ich ihn an der Wohnungstür nicht finden konnte. Dritter Stock, Altbau.

Hat in einem Zuhause ein beliebiger Gegenstand einmal einen angestammten Platz, so wirst du ihn immer dort suchen. Je länger er dort verbleibt, desto fixer ist dieser Aufenthaltsort, zumindest im Geiste. Sabotiert wird solcherlei Ansinnen einerseits von weiteren im Haushalt lebenden Menschen, die zwar stets wissen, wo sie diesen Gegenstand finden können, ihn aber nie dorthin zurücklegen. Oder du selbst öffnest dem Vergesser Tür und Tor, etwa indem du in einer großen Umräumaktion vielen Dingen gleichzeitig einen neuen Platz zuweist. Meine Mutter hat eine große Tabelle angelegt: „Gegenstand, alter Platz, neuer Platz“. Denn wenn ein Fotoalbum zwanzig Jahre lang an einem bestimmten Platz war, wo suchst du es dann? So eigenhändig kannst du das Album gar nicht umgeräumt haben, dass du es auf Anhieb wiederfändest. Im Extremfall machst du dich auf, um es in einem bestimmten Schrank zu suchen, der, wie du bei der Ankunft am entsprechenden Platz feststellen wirst, an dieser Stelle schon seit Jahren nicht mehr steht.

Auch vollkommen sinnfreie Handlungen gehen auf das Konto des Vergessers. Warum nicht in der alltäglichen Routine den einen oder anderen Punkt überspringen und das ganze als Effizienz tarnen? So kann man nach dem Befüllen des Wasserkochers den Teebeutel an der vorbereiteten Teekanne vorbeischmuggeln und ihn mitsamt seiner bereits aufgerissenen Umverpackung seiner finalen Bestimmung im Müll zuführen. Nicht nur erspart man sich die Ziehzeit und das Teetrinken selbst, auch das anschließende Spülen von Teekanne und Tasse entfällt. Der Vergesser schickt dir auch gerne einen mitteilsamen Gesprächspartner, der dir beredt, aber trotzdem kommentarlos dabei zusieht, wie du dreißig Schnitzel panierst, ohne dazu auch nur ein Tröpflein Ei zu verwenden.

Wie schon kurz angedeutet, sorgt der Vergesser in großen Häusern, womöglich mit mehreren Stockwerken oder Räumen auf verschiedenen Ebenen, gerne für die Fitness seines Wirtes, was bei anderen Schweinehunden relativ selten ist. Willst du beim nächsten Hinaufgehen etwa das soeben gekaufte Brot mitnehmen, dann musst du es schon mitten im Weg platzieren, beispielsweise auf der Treppe. Ein schnödes Sammeln von Mitraufnehmzeug an einem Platz in der Nähe der Treppe hat in der Geschichte der Menschheit nur selten dazu geführt, dass etwas tatsächlich mit nach oben genommen worden wäre.
Aber auch hier ist kein endgültiges Vergessen drin; man will ja frühstücken, und nichtvorhandenes Brot lässt sich oben, auf der Maschine in der Küche, relativ schlecht schneiden. Die Scheiben werden dann so dünn. Um das Benötigte zu holen, an dem du soeben mit leeren Armen, sprich: mit 100% Mitnehm-Kapazität, vorbeigegangen bist, musst du also nochmal runterstapfen, und bist dabei so mit Kopfschütteln beschäftigt, dass du natürlich auch vergisst, dir wenigstens gleich das gesammelte Mitrunternehmzeug aufzuladen.

Mit-nach-oben-Nehmen ist wirklich ein schwieriges Kapitel. Ich vermute, dass auch viel mehr Menschen nach ihrem Ableben in den Himmel kommen hätten sollen.

Brot ist übrigens eine Leibspeise des Vergessers. Er verhindert, dass es abends austrocknungsresistent verpackt wird, und sorgt so am nächsten Morgen für lange Gesichter angesichts der erhärteten Tatsachen.

Wie oft verfolgen wir uns selbst und unsere Wege zurück durch die Zeit, um herauszufinden, was uns gerade dazu angetrieben haben mag, den Raum zu verlassen, um kurz darauf in einem anderen völlig ahnungslos zum Stehen zu kommen? Wie viel Zeit verschwenden wir mit Hand-auf-die-Stirn und Zurück-zum-Start?

Ich weiß von einer Freundin, die nur zuhause und nur in einem gewissen Sicherheitsabstand zwischen sich und jeglicher Notierungsmöglichkeit in der Lage ist, die Erinnerung an versäumte Pflichten im Büro erfolgreich abzurufen. Sie nennt diese Ausprägung des Vergessers „fieser Saboteur“, und hier ist der von dir gewünschte Namenszusatz: ludificans maleficus. Ein Dämmerzustand ist im Büro ja nicht selten und dient vermutlich der psychischen Gesundheit (nicht umsonst heißt es „Augen zu und durch“), und der Schlaf zwischen 9 und 17 Uhr soll ja der gesündeste sein. Ich schicke mir selbst regelmäßig Mails von zuhause an meine Büroadresse und leite diese ein mit „Hier spricht dein Gewissen!“.
Ich weiß von einer anderen Freundin, die mit wohlüberlegt gepacktem Köfferchen zum Flughafen fuhr, ohne das daheim gut sichtbar auf dem Tisch liegende Päckchen mit Ticket und Reisepass mitzunehmen, und dann in einer hektischen Aktion nochmal den ganzen Weg zurückfahren musste. Und wieder hin, versteht sich.

Das Mitnehmen von Dingen zu einem Zielort außerhalb des Hauses – vulgo „Mitbringen“ – ist aber auch gar nicht so einfach. Schaffst du es doch mithilfe trickreicher Selbstüberlistungen, etwas ins Auto mitzunehmen oder in die Handtasche zu packen, ist mit diesem Teilsieg gegen den Vergesser die Mitbring-Handlung für dein Gehirn auch schon abgeschlossen. Du vergisst später garantiert, es dort abzugeben, wo es sein Ziel hätte haben sollen. Und ich weiß, wovon ich schreibe. Nicht umsonst nannte mein Mann letztens meine privaten Aktivitäten „Zustellung von Kleinscheiß aller Art“.

Apropos Teilsieg: Dem Vergesser reicht es völlig, wenn du irgendwas in der Hand hast. Es muss nicht zwingend das richtige Utensil sein. Mit einem Hut, einer Sonnenbrille oder einem Feuerzeug kann man zwar keine Autotür wieder aufschließen, sie reichen jedoch völlig aus, dir das Gefühl zu geben, deine Hände seien voll und daher wäre alles in Ordnung, und mit diesem Gefühl die bereits abgesperrte Auto- oder Kofferraumtür guten Gewissens zuzumachen. Zum Glück sind neuere Autos heutzutage anders gebaut und verhindern solcherlei Schmach, die mir anno 1992 noch nicht erspart blieb, als ich mir von ein paar Rockern am Musikfest in Waidhofen an der Thaya das Kofferraumschloss knacken lassen musste, in dem mein Schlüsselbund lag. Kostenpunkt: Drei große Biere.

Ich kann auch fotografieren gehen, ohne die Kamera mitzunehmen, oder zu diversen einzigartigen Anlässen ohne das in langen Stunden vorbereitete und wunderschön verpackte Geschenk auftauchen – mit dem richtigen Schweinehund ist das alles kein Problem. Am schwersten ist der Befall durch Obliviscens für Perfektionisten oder vom Verbieter befallene Leute zu ertragen, denn diese Menschen leiden doppelt unter jeder versäumten Gelegenheit zur persönlichen Effizienz.

Eine der besonders unbrauchbaren Künste des Vergessers sind auch seine Reminder vor dem Einschlafen. Als könnte man zu diesem Zeitpunkt auch nur das Geringste erledigen! Meines Wissens sind Arztpraxen oder Kfz-Werkstätten zu dieser Zeit weder besetzt, noch freut sich die Urstrumpftante über einen nachmitternächtlichen Geburtstagsanruf. Darum sind Block und Kugelschreiber auch am Nachttisch unentbehrliche Utensilien, um nach dem Notieren dieser lebenswichtigen präsomnalen Eingebungen doch noch ein wenig Schlaf zu finden. Wer erst aufstehen muss, um an Schreibgerät zu kommen, kann schon froh sein, wenn er noch weiß, was er holen wollte, wenn er mit schmerzhaft verkleinerten Pupillen verloren in der hellerleuchteten Küche steht.

Fazit

Das Leben mit C.i. Obliviscens erfordert höchste Konzentration. Einen eingelullten Traummännlein-Zustand kann man sich als parasitbefallener Mensch nicht leisten. Die innere Stimme bemüht sich jedoch stets, den Vergesser zu überschreien. Beim Hantieren mit Brieftaschen, Schlüsseln und Sonnenbrillen brüllt sie ihren Weckruf stets aus vollem Hals. Lausche ihrem Ruf – und platziere deine Notizblöcke günstig, dann wird alles gut. Denn das Notieren führt dich im Kampf gegen den Vergesser in eine neue Dimension: Anstatt deine Zeit mit der Suche nach Gegenständen zu verplempern, suchst du in Zukunft nach Zetteln.

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A-6. C.i. obliviscens: Der Vergesser

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A-6. C.i. obliviscens: Der Vergesser

‚Glücklich ist, wer vergisst, was noch zu verrichten ist.‘

Überlieferungen zufolge existierte in grauer Vorzeit schon einmal eine ausführliche Beschreibung dieses Schweinehundes. Angeblich sogar eine recht treffende. Sie wäre gewiss auch heute noch hochinteressant, hätte man nicht vergessen, sie niederzuschreiben. Also, auf ein Neues!

Öhm, was wollte ich gerade sagen?

Der Vergesser ernährt sich von deinen Ideen und von allem, was du dir einprägen möchtest. Er sorgt dafür, dass du Erledigungen oder Termine einfach vergisst, die nur wenig Zeit in Anspruch genommen hätten und noch dazu ohnehin auf deinem Weg gelegen wären (wie Arbeit, Tierarzt, Auftragsmord). Obliviscens lässt seine heimtückische Gnade walten und dich unbekümmerten Frohsinns deines Weges ziehen, womöglich macht er sich noch über dich lustig, indem er dich darüber frohlocken lässt, wie überraschend gut du doch heute im Zeitplan liegst.
Das wäre ja halb so hinterfotzig, hätte das Vorgehen des Vergessers nicht zwei Stufen. Im nächsten Schritt vollbringt er, dass dir diese Verpflichtungen kurz vor deren Fälligkeit – oder aber bevorzugt danach – wieder einfallen.

Ist die Wahl des Schweinehundes auf ‚kurz vor Fälligkeit‘ gefallen, dann kannst du schonmal deine Herzpillen suchen gehen: Ein akuter Zustand siedendheißer Panik setzt ein, begleitet von Schweißausbrüchen und einem mulmigen Gefühl in der Magengrube, außerdem erfreust du dich einer infolge akuten Zitterns völlig unbrauchbar gewordenen Feinmotorik. Die Nebennieren schütten Adrenalin aus, das bekanntlich vor allem der quergestreiften Muskulatur den ultimativen Kick gibt. Flucht oder Angriff! Jetzt! Diese Voraussetzungen kombinierst du zu einem aberwitzig überstürzten Aufbruch – Arbeit, Tierarzt, Auftragsmord, wohin auch immer. Allerdings ist das menschliche Gehirn leider kein quergestreifter Muskel. Für die konkrete Erledigung unverzichtbare Utensilien wie Büroschlüssel, Hund, Pistole, bleiben daher zuhause auf – oder unter – dem Küchentisch liegen.

Schickt dir der Vergesser den Geistesblitz über die vergessene Erledigung hingegen erst nach deren Fälligkeit, bleibt zwar das erwähnte mulmige Gefühl auch nicht aus, dafür blickst du auf einen, je nach Angelegenheit, kleinen oder großen Haufen betretener Niedergeschlagenheit. Wenn du dabei noch sowas wie Glück hast, kannst du die Erledigung nachholen, es erwarten dich dabei aber verplemperte Zeit, unnötige Kilometer, und du spürst jeden einzelnen wie einen körperlichen Schmerz, nicht zuletzt deshalb, weil du dir die ganze Zeit lang Schimpftiraden anhören musst – von dir selbst über dich selbst.
Kannst du die Sache nicht nachholen, übermannt dich ein kindischer, ein absurder und vergeblicher Wunsch, nämlich jener, die Zeit zurückdrehen zu können – und er tut es mit voller Wucht. Mit diesem Wunsch beschäftigst du dich wesentlich länger, als es für einen Erwachsenen angebracht wäre.

Was die verlorene Zeit betrifft, so musst du dich aber gar nicht übermäßig grämen: In einem gut etablierten Schweinehundestall hätten der Verächter, der Verbieter oder der Zweifler eine kreative oder seelisch erfüllende Tätigkeit in dieser Zeit ohnehin erfolgreich verhindert.

Bist du vom Vergesser befallen, dann werden auch sämtliche Angelegenheiten, deren Notwendigkeit du dir mühsam eingeprägt hattest, sobald du einmal, wenn auch nur flüchtig, an deren Ausführung gedacht hast, sofort vom Hirn als erledigt abgehakt. Alle späteren Bemühungen, das verzweifelt Gesuchte wieder an die Oberfläche zu befördern, indem du dir ebenso krampfhaft wie tagelang dein Hirn zermarterst, bleiben erfolglos. So kommt es, dass tausende Ideen zur Rettung der Welt nicht einfach in Schubladen vermodern – sie wurden schlicht vom Vergesser gefressen.

Seine metaphysische Ausdehnung versetzt diesen Schweinehund allerdings in die Lage, dich anderweitig und sehr unmittelbar an die verlorene Erinnerungsspur heranzuführen, beispielsweise mithilfe von Anmahnungen von dritter Seite (Chef; den Impfpass beanstandender Zollbeamter; um die Anzahlung geprellter Auftraggeber Marke ‚Stinksauer‘).

Selbst Lernerfolge, die du bereits vor langer Zeit erzielt zu haben glaubtest, fallen dem unstillbaren Appetit des Vergessers zum Opfer. Man sollte denken, dass gewisse Erkenntnisse deshalb mit bitteren Erfahrungen einhergehen, damit sie sich tief in das Selbst eingraben – das ist aber bei akuter oder chronischer Obliviscitis nicht der Fall. Daher findest du dich plötzlich in einer Situation wieder, deren Nie-wieder-Auftreten du dir bereits vor Jahr(zehnt)en geschworen hattest.

Ein kleiner Trost: Es ist niemals ein Fall bekanntgeworden, in dem jemandem eine bestimmte Sache nie wieder eingefallen wäre. Kunststück, das liegt auch in der Natur der Sache. Nun, wie ich bereits sagte, ist es ein kleiner Trost.

In seiner Freizeit beschäftigt der Vergesser sich gerne mit Abwägungen in Bezug auf den Schalterstatus von Bügeleisen und Herden, oder mit der Frage, ob du die Haus- oder Autotür auch wirklich abgeschlossen hast.

Nach Attacken durch C.i. obliviscens sind Selbstzerstörungsphantasien nicht selten. („Ich könnte mich in den Hintern beißen!“„Ich könnte mich (er)schlagen!“) Der Wunsch, durch diese Zerstörung deines Selbst diese besonders infame Art Parasit gleich mitauszurotten, dürfte die tiefenpsychologische Grundlage dieser Phantasien sein.

Was tun?

Bei starkem Befall durch den Vergesser helfen nur Stift und Papier in Personalunion. Wichtige Erkenntnisse des Lebens: Aufschreiben und Zettel an die Klotür kleben. Innen!
Organisiere dich, so gut du kannst. Kauf dir einen winzigen Block und einen Kalender, und trag diese stets bei dir, auch nachts. Den Kugelschreiber solltest du dir am besten in die Hand implantieren lassen, denn der Vergesser hat nicht nur einmal auf dem Weg zum Kugelschreiberholen wichtige Erkenntnisse einfach geschluckt. Als Zettel kann dagegen notfalls auch die freie Handfläche dienen.
Ein Tipp für dich, wenn du gerne beim Autofahren geniale Ideen hast: Kauf dir ein Diktiergerät. Eines mit Solarantrieb. Es ist bislang kein Fall bekannt, in dem es der Vergesser geschafft hätte, dass die Sonne vergisst zu scheinen, wohl aber solche, in denen er den Plan zum käuflichen Erwerb von Batterien über Monate hinweg vereitelte.

Man gewöhnt sich schnell daran, alles aufzuschreiben oder ins Diktiergerät zu sprechen. Der Schweinehund wird auf diese Weise recht effektiv ausgehungert. Dieses Vorgehen braucht dir vor anderen Menschen keineswegs peinlich zu sein. Und übrigens: „Ich dokumentiere meine zahlreichen Ideen“ klingt wesentlich souveräner als „Ich bin eben ein vergesslicher Trottel“.

Mir wurde bereits einige Male von erfolgreichen Therapien und extrem abgemagerten C.i. obliviscens berichtet; ich muss allerdings der Ehrlichkeit halber zugeben, dass ich noch nie von der völligen Ausrottung eines Exemplars gehört habe. Kann aber auch sein, dass ich es vergessen habe.

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A-5. C.i. prohibens: Der Verbieter

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A-5. C.i. prohibens: Der Verbieter

‚Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.‘

Was dieser Schweinehund tut, ist leicht erklärt: Er kann dir die Freude am Leben gründlich versauen. Sein Werkzeug ist etwas, das er selbst in dieser Form gar nicht besitzt, das er jedoch in dir vorgefunden hat: Dein Pflichtbewusstsein. Er hat die konservative Prioritätensetzung aus deiner Erziehung übernommen und betet sie dir gnadenlos vor.

Du würdest gerne kreativ sein und das tun, was dir Spaß macht? Ha! Zu früh gefreut! Das sei zwar ein hehrer Entschluss, so lässt der Verbieter dich glauben. Beflüstert von diesem perfiden Schweinehund wären jedoch zuvor noch die Reifen zu wechseln, die Wohnung von oben bis unten zu swiffern, und war da nicht noch ein Berg gewaschener Socken, mit dem du Memory spielen solltest?

Für die Beschäftigung mit seelischen Angelegenheiten bleibt dir zu selten oder gar nie Zeit? Keine fünf Minuten dürfen vergehen, in denen du nicht effizient sein und etwas Sinnvolles tun musst – und dabei möglichst mehrere Dinge gleichzeitig, um etwas wert zu sein? Dann bist du mit Sicherheit vom Verbieter befallen.

Seine große Zauberformel lautet „Ich sollte“. Auch sämtliche „Wenn ich schon, dann kann ich auch gleich“ gehen auf sein Konto. Er heizt dir ein, wenn du an einem Badewetter-Sonntag bei 35 Grad nach dem schweißtreibenden Zuschneiden und Befestigen der neuen Regalbretter im Wohnzimmer auch gleich sämtliche Kristallschalen auf dem Regal vom Staub befreien musst, außerdem hinter dem Regal staubsaugen, und wenn der Staubsauger schon mal da ist, auch gleich hinterm Sofa, und dort wie unter einem inneren Zwang auch endlich die Stelle mit der abgeblätterten Wandfarbe ausbessern. Er ist zugleich die treibende Kraft, wenn du keines dieser Vorhaben tatsächlich fertigstellst, weil dir auf deinem Weg durch die Wohnung noch dreiundzwölfzig weitere Tätigkeiten begegnet sind, in denen du dich erfolgreich verzetteln konntest, und das tunlichst, bevor du geduscht, dich anständig angezogen oder gar etwas gegessen hast.

Wenn du dann mit alledem (nicht) fertig bist, bist du ebendas: Fertig. Hungrig. Und mit einem verschwitzten und mit Farbspritzern dekorierten Nachthemd bekleidet. Jedenfalls gewiss nicht in der Lage, noch irgendwas Kreatives, Spaßbringendes anzufangen, wo du doch nichtmal mehr die Energie zum Wegräumen der benutzten Werkzeuge hast.

Zufrieden ist der Verbieter freilich niemals – er wollte ja auch gar keine Handlung anregen. Daher ist von ihm selbstverständlich auch keinerlei Lob oder Anerkennung zu erwarten. Hast du dich mit diesem befasst, bemängelt er, dass dafür jenes nicht erledigt wurde – und umgekehrt. Und hast du tatsächlich in einer unvorstellbaren Aufbietung von gehorsamer Energie alles von ihm Geforderte geschafft, kann er – ha, Trumpf! – immer noch behaupten, du hättest das schöne Wetter nicht genutzt. Punkt für Prohibens.

Antagonismus

Hier kommt erstmals ein antagonistischer Schweinehund ins Spiel: C.i. rebellans. Er gehört zur Klasse der C.i. compellans, der antreibenden Schweinehunde, die wir erst später ausführlich erläutern werden, ist aber hier eine Erwähnung wert. Denn er, der Rebell, ist es, der mit bockigem Gesichtsausdruck allem widerspricht und widersteht, wenn er einen guten Tag hat, sogar den Diktaten anderer Schweinehunde.

Du ‚wolltest‘ eigentlich deiner Urstrumpftante Irmi zum Geburtstag gratulieren. Genaugenommen willst du mit Urstrumpftante Irmi freilich nicht telefonieren, denn sie ist schwerhörig, schreit deshalb furchtbar und hält dich am Telefon außerdem immer für ihren im Krieg gefallenen Pudel Sancho. Der Verbieter meint, du müsstest das erledigen, bevor du irgendwas anderes, Schöneres, anfängst, aber der Rebell ist dagegen, nicht aus bestimmten Gründen, sondern weil er das prinzipiell ist – also wartest du lieber noch ein Weilchen. So findest du dich am Tisch wieder, mürrisch eine Zeitschrift durchblätternd, die dich schon vor Wochen nicht interessiert hat. Bis schließlich die Zeit für dich entscheidet, denn wer ruft schon seine Urstrumpftante um ein Uhr früh an?
Und du glaubst, so dem Geheiß des Verbieters eins auszuwischen? Mit dieser Verschwendung von Lebenszeit und -kraft?

Solange du nicht auf der Energiewelle des Rebellen reitest und tust, was dir wirklich Freude macht, hat dennoch der Verbieter sein Ziel erreicht: Er hat dich von den schönen Dingen, von wertvollem und seelisch nahrhaftem Schaffen, abgehalten – und der Rebell dich von allem anderen.

Einordnung und persönliche Begegnungen

C.i. prohibens ist zwar ein Schweinehund aus der Gruppe der Vermeider und Unterlasser, er bringt dich aber natürlich durchaus dazu, etwas zu tun: Dinge, die du gar nicht tun wolltest. Welche, die einen gewissen Aufschub schönerer Beschäftigungen versprechen und/oder solche, die das Pflichtbewusstsein gebietet. Seine Maxime ist „Das macht man so, das gehört sich einfach, nur wenn du das erledigt hast, bist du ein guter und wertvoller Mensch. Andernfalls verfolge dich das schlechte Gewissen auf ewig, Elender!“ Dabei kümmert es doch wirklich kein Schwein, wie es hinter deinem Sofa aussieht.
Weil sein Hauptziel aber ist, dich von wirklich wertvollem und erfüllendem Tun abzuhalten, ist er in der Gruppe der unterlassenden Schweinehunde (inhibens) und nicht in jener der antreibenden (compellans) zu finden.

Auch die verspätete Veröffentlichung dieses Werkes ist auf mein zeitweiliges Unvermögen zurückzuführen, dem Verbieter die Zunge rauszustrecken. Wiewohl diese Verspätung einem Leser, der das Werk zu einem späteren Zeitpunkt im Ganzen vorliegen hat, verborgen geblieben sein mag, stellt sie eine unleugbare Tatsache dar. Vor der ersten Veröffentlichung der Einleitung in meinem Weblog lag der Entwurf erstmal monatelang in einem generell recht angestaubten Archiv brach, während die Autorin in dieser Zeit wechselweise über völlig leere Schmutzwäschekörbe verfügte, über blitzsaubere Böden unterm Sofa, über aus den Fängen von ungezählten Spinnen zurückeroberte Raumecken und eine vorübergehend sogar tatsächlich funktionierende Innenbeleuchtung im Spülen-Unterschrank, Heimat der Reinigungsmittel. Soviel zur verbieterbeeinflussten Prioritätensetzung.

Sogar nach dem erneuten Hervorkramen des Textes musste ich seine Weiterbearbeitung häufig unterbrechen, um, was besonders dringend nötig war, die Minidisk-Sammlung einer thematischen und alphabetischen Neusortierung und Entstaubung zu unterziehen, oder unter unermüdlichem Einsatz der Pinzette meine Handflächen trotz rheumatischen Ausschlags schüppchenfrei zu kriegen. Letzteres kann man sogar gut direkt vor dem Notebook machen, wenn man eigentlich schon mit dem Schreiben beginnen wollte.

Du siehst also: ich weiß, wovon ich schreibe. Wie ich bereits sagte, die Kräfte der Schweinernis versuchten mit allen Mitteln, die Erscheinung zu verhindern – und sie versuchen es noch. Auch du kommst in die Gänge, wenn du erfährst, dass es dir an den Kragen gehen soll. Aber meine Artikel erscheinen. Und mit jedem einzelnen wird der Verbieter kraftloser und schrumpeliger.

Was tun?

Was die Bekämpfung dieses Schweinehundetypus anbelangt, so erinnere ich hier an die Bemerkung in der Einleitung, dass oft schon das bewusste Erkennen der Anwesenheit und des Diktates eines Schweinehundes eine deutliche Veränderung hervorruft, denn der Schweinehund schätzt es gar nicht, bei seinem Tun beobachtet zu werden. Sieht er eine Instanz offenen Auges neben sich stehen, dann zieht er oft den Schwanz ein und macht sich unsichtbar. Daher ist es allerdings oft auch nicht ganz einfach, ihn dingfest zu machen – richtet man den Blick direkt auf ihn, ist er plötzlich nicht mehr da.

Aber hier ist Schritt 1: Vertrau deinen Wahrnehmungen. Vertrau deiner Beobachtungsgabe. Such nach den anderen Stimmen in deinem Inneren, jenen, die verkünden, dass du ein guter und wertvoller Mensch bist, und dass du dein Bestes gibst – und misstraue jeder Stimme, die Abweichendes behauptet. Und vertrau darauf, dass für jede Tätigkeit die richtige Stunde kommt, in der du die Sollte-Dinge widerstandsfrei und voller Tatendrang erledigen kannst – und in der halben Zeit.

Schritt 2 ist, die Verantwortung und die Herrschaft im eigenen Haus wieder zu übernehmen. Dafür ist eine bewusste Entscheidung vonnöten, die mit einer klaren Aussage bekräftigt werden kann: „Ich bin hier der Chef, und hiermit verfüge ich: Jetzt wird geschrieben.“ Diese Erklärung wird in deinem Inneren gehört.
Weitere Einwürfe des Schweinehundes werden schon dadurch entkräftet, dass du nun weißt, woher sie kommen – und trotzdem das tust, was du wirklich möchtest. Mehr und mehr wirst du im eigenen Haus die Antwort auf die eine Frage kennen: Wer spricht?

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A-4. C.i. dubitans: Der Zweifler

Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!

A-4. C.i. dubitans: Der Zweifler

‚Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis.‘

Das behauptet er – ohne allerdings je tatsächlich die Erkenntnis anzustreben. Da kannst du noch so lange im Wartezimmer sitzen. Aber er kann dir zu Erkenntnis verhelfen – wenn du die Dinge selbst in die Hand nimmst.

Der Zweifler-Schweinehund ist eng mit dem Verächter, C.i. despiciens, verwandt, agiert jedoch wesentlich subtiler. Er stiehlt dir das Vertrauen – in die Welt, in dich selbst, in andere. Nicht, dass er damit etwas anfangen könnte. Er will dir nur weismachen, dass du keinen Zugang zu deinem Vertrauen hast.

Wenn du erfolgreich und vielleicht sogar spontan aus dem Bauch eine Entscheidung getroffen hast, und sei sie noch so belanglos („Ich nehme Schnitzel mit Salat!“), erwacht der Zweifler und hebt aufmerksam den Kopf. „Oh, ein Beschluss? Moooment! Nicht mit mir!“ Dann setzt er sich ein Hütchen auf seine Schweinsohren und gibt sich als deine Intuition aus; dabei klingt er zwar ein wenig, als würde er in einen Blechkanister husten, aber er selbst hält sich für einen spektakulären Intuitionsimitator.

Doch er findet nicht nur die aktuelle Entscheidung schlecht, er hält Entscheidungen generell für überbewertet. Darum setzt er eines der perfidesten Mittel auf dich an, die Schweinehunde draufhaben: den Zweifel. Er verstreut ihn wie Konfetti, lässt ihn in jeden Winkel kriechen, wenn du es zulässt, und unterwandert und infiziert damit dein ganzes Denken und Empfinden.

Das gute, glatte, sichere Gefühl, das du eben noch hattest, verzieht sich, und zurück bleibt ein Häufchen unentschlossenes Elend. Er löst in dir das aus, was im österreichischen Sprachgebrauch auch als „Hirnwichsen“ bekannt ist: Hin-, Her- und Im-Kreis-Gedenke quer durch ausgemalte Situationen. Was ist, wenn sich die Entscheidung später als falsch erweist? (Um Himmels Willen, dann müsstest du dich mit einer panierten Schuhsohle und lappigem Salat auseinandersetzen, und mit deinem Impuls, deinem Gegenüber dessen Teller zu entreißen! Der Salat auf der anderen Seite ist aber auch immer grüner!)

Auf deinen Glauben hat er es ebenfalls abgesehen. Und wenn du dich gerade noch so wohl damit gefühlt hast, er dir Kraft und Zuversicht gegeben hat – im nächsten Moment schüttelt Dubitans den Kopf, stellt all das mit einer kleinen Zweifelskonfetti-Einstreuung infrage und dich systematisch als naiven Idioten hin.

Denn: Was ist, wenn das, was ich glaube, doch nicht der Wahrheit entspricht? Wenn alles bloß ein Luftschloss war, das dann in sich zusammenstürzt und mich mitreißt? Was ist, wenn ich mich mit meiner Bauchentscheidung oder meiner Überzeugung zum Affen mache, wenn ich mein Ansehen verliere, meine Freunde, mein Geld, mein Leben?
Was ist, wenn? Was ist, wenn?

Mit Komplimenten braucht deine Umwelt dir auch nicht zu kommen, wenn du den Zweifler im Gepäck hast. Wehe, wenn er eines mitkriegt! Dann hatte der Charmeur doch bestimmt ein durchtriebenes Motiv dafür, dir so freundlich zu kommen! Es gilt nur rauszufinden, welches! Was will dieser Mensch wirklich von dir? Das Kompliment konnte ja wohl nie und nimmer ernst gemeint sein und von Herzen kommen.

Dubitans bezweifelt, dass dein Schnuckelputz dir tatsächlich treu ist. Er hält es für reichlich unwahrscheinlich, dass deine Geldanlage eine richtig gute Idee war. Er versieht jeden noch so gelungenen Abend im Nachhinein mit einem schalen Nachgeschmack. Er färbt dir die Brille schwarz mit seinem Pessimismus und prädestiniert dich damit für finstere Erlebnisse, die er hernach als Beweis für seine vermeintliche Allwissenheit ausgibt und dir damit vor der Nase rumwedelt („Hab ich dir doch gleich gesagt!“).
Er ist der Teufel im Schweinehundepelz.

In einer argumentativen Auseinandersetzung mit dem Zweifler kannst du schon deshalb nicht gewinnen, weil er nur so tut, als würde er deine Entscheidung zugunsten einer anderen bekämpfen. Tatsächlich lässt er gar keine Entscheidung zu. Denn auch an der nächsten, die du dir noch schwerer abgerungen hast, und die auch nicht mehr ganz so authentisch ist, hat er garantiert etwas auszusetzen. Was ist, wenn? Damit hält er seine Macht über dich aufrecht. Er will, dass du dich mit dieser Frage identifizierst, dass du all diese Zweifel, die er sich extra für dich ausgedacht hat, für deine eigenen hältst.

Wenn du sein Hadern, Zweifeln und Zögern bemerkst und betrachtest und schließlich erkennst, dass sie von ihm stammen und nicht aus deinem innersten Kern kommen, verkümmert der entlarvte Zweifler wie eine ungegossene Pflanze – du entziehst ihm seine Nahrungsquelle. Du benutzt ihn als Startrampe in ein bewussteres Leben.

Wichtig ist daher gar nicht so sehr, welche Entscheidung du triffst, weil letztlich jede getroffene Entscheidung dich und dein Sein in Bewegung hält. Wichtig ist vielmehr, dass du überhaupt eine triffst. Und nie wieder anderen die Entscheidungen über dein Leben überlässt – schon gar nicht ihm, dem Zweifler.


Im nächsten Teil: C.i. prohibens: Der Verbieter

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Das Gesicht zur Stimme

Nanü, worum gehts denn hier? Bitte zum ersten Eintrag in dieser Serie!

Schön langsam findet eines zum anderen, generell ein sehr schöner Mechanismus des Lebens, wie ich finde.
Im konkreten Fall finde ich das Gesicht zur Stimme, und zwar mitten in Lilys Sidebar. Und bin völlig aus dem Häuschen! Sehe sofort das Buchcover vor mir! ;)
Aber fürs erste bleiben wir mal auf dem Boden, und präsentieren hier stolz, mit Lilys freundlicher Genehmigung:

Der Caniporcus internus, erhascht in einem jener raren Momente,
in denen der Schleier zu unseren parasitären Gefilden dünn wird,
und er kurzzeitig sichtbar ist. (Falschfarbendarstellung)

Lasst euch bloß nicht von seinem unschuldigen Aussehen täuschen! Ihr wisst ja, wenn jemand ein Wässerchen, die Sicht oder das Lebensgefühl trüben kann, dann er!

Von nun an wird sein Konterfei alle Caniporcus-Einträge zieren. Vielen Dank an Lily!


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A-3. C.i. exagitans / hystericus: Die Hysteriker-Fraktion

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A-3. C.i. exagitans / hystericus: Die Hysteriker-Fraktion

‚Der Himmel wird uns auf den Kopf fallen!‘ / ‚Wer Angst hat, lebt länger.‘

Diese beiden Exemplare treten so häufig in Personalunion auf, dass die Beschreibung in einem gemeinsamen Kapitel erfolgen kann.

Das Bestreben dieser doppelköpfigen Schweinehundschlange ist es, deinem Auffassungs- und Denkvermögen schwere Schlagseite beizubringen und dir übertriebene Emotionen und Ängste einzuflüstern, und zwar bevorzugt mit Lappalien als Anlass. Exagitans kann kleine Handlungen oder Aussagen deiner Mitmenschen aufbauschen, und Hystericus sorgt für deine entsprechende Reaktion, sodass ebenjenen Mitmenschen Hören und Sehen vergeht.

Unter ihrem Regiment outest du dich mit schöner Regelmäßigkeit als Zicke, Scheißerl, Heulsuse oder als Angsthase mit apokalyptischen Visionen.
Du hörst dich in der Folge Sätze sagen, von denen du nie gedacht hättest, dass du sie mal sagen würdest. („Wenn du jetzt nochmal davon anfängst, schreie ich!“ – „Ich schaff das alles nicht mehr!“ – „Wir werden alle stäääärben!“)

So klein kann das schwarze Etwas in deinen Haaren gar nicht sein, dass Exagitans und Hystericus es in deiner Wahrnehmung nicht zur Vogelspinne aufblasen und dir ein ebenso langes wie spitzes Kreischen und viel hektisches Fuchteln entlocken können. Das ist vermutlich sehr schmeichelhaft für die winzige Spinne, für dich aber weniger.
Du befindest dich sozusagen in einem Geisteszustand, den man eigentlich nicht mehr als solchen bezeichnen kann. Die Fähigkeit, die Information oder Situation realistisch einzuschätzen, fehlt dir vorübergehend völlig.

Andererseits kann das Zusammenwirken dieser beiden Schweinehunde, je nach Oberhand, auch dazu führen, dass du vor Angst wie gelähmt bist, wenn Exagitans, der Angstbeißer, seine Spielchen treibt. Du weißt, du solltest etwas unternehmen, oder du willst es, aber dein Körper widersetzt sich deinen Anweisungen.

Er hat sich nämlich von deinen Urinstinkten abgeschaut, wie sie dich im Zaume halten: Sie sollen dich vor dem Tod bewahren, vermeiden, dass du verhungerst, erfrierst, eine Klippe hinunterstürzt oder von einem wilden Tier gefressen wirst. Mit Angst bringen sie dich dazu, vernünftig zu bleiben. Und so macht der Angstbeißer es auch mit dir, allerdings ist er der Hüter der Miniatur-Anlässe. Er übertreibt es aber natürlich maßlos und hält sich dabei für wahnsinnig wichtig, ja lebenserhaltend.

Er erzählt dir, dass du sterben könntest, wenn du auch nur irgendwie in Aktion trittst, wenn du dich bemerkbar machst, dich beschwerst, vor dieser Menschenmenge sprichst, auf diese Bühne gehst und singst, diesen einen wahnsinnig interessanten Menschen einfach ansprichst, oder wenn du alleine ausgehst oder auf Urlaub fährst.
Und andere Menschen mit eigenem Angstbeißer-Schweinehund werden dir diese Sicht bestätigen, deine Angst bekräftigen, die Gefahr attestieren, gerne auch schriftlich, wenn du darauf bestehst: Ja, das Leben ist in der Tat wahnsinnig gefährlich! Denn: Der Himmel könnte dir auf den Kopf fallen! Aber ich hab Neuigkeiten für dich und deinen Parasiten: Du könntest auch sterben, wenn du im Bett liegenbleibst. Ein hoher Prozentsatz der Menschen stirbt nämlich im Bett (92, für jene, die’s gerne genau mögen).

Wenn du den Angstbeißer erstmal durchschaut hast und beschlossen hast, dich von seiner Panikmache nicht mehr anstecken und paralysieren zu lassen, gewinnst du alles. Du gewinnst Energie, Freunde, Freude, Leben. Natürlich riskierst du dabei auch einiges: verletzt zu werden, körperlich oder seelisch; dich bis auf die Knochen zu blamieren; dich einem Konflikt zu stellen, anstatt womöglich noch zu versuchen, die Wogen zu glätten; oder Ängste heraufzubeschwören, die du dir dann auch ansehen musst, durch die du hindurchgehen musst, um auf der anderen Seite, jener mit der Freiheit, anzukommen, denn – auch hier bin ich ganz aufrichtig – es gibt keinen Weg um sie herum.

Aber seien wir uns ehrlich: gestorben ist an alledem noch niemand. Wenn du die Welt anschubst, dann schubst sie zurück. Manchmal zärtlich, manchmal mit weniger Feingefühl. Aber immer wird dadurch etwas in Bewegung kommen, das zuvor unter der uneingeschränkten Herrschaft des Angstbeißers in sturem Stillstand verharrte. Denn wie oft sprechen wir manches nicht aus, obwohl es oft sogar positiv und herzlich wäre, aus Angst, als Schmeichler oder als Phrasendrescher zu gelten, wenn wir wahrhaftig empfundene Anerkennung aussprechen? Wie oft fressen wir Ärger in uns hinein – aus Angst vor dem scheinbar sicher folgenden Konflikt?

Geh raus in diese Welt! Sei endlich so herzlich, wie du tatsächlich bist, sprich deine Wahrheit aus und kümmere dich nicht um das Urteil der anderen, das du ohnehin nicht vorhersehen kannst. Sag genau das, was du sagen möchtest, ohne dich zurückzuhalten! Such die Dinge, die dir Freude machen, und mach sie, anstatt sie nur zu denken oder zu wünschen.

Der Angstbeißer wird sich bald trotzig in seiner Achselhöhle verkriechen, wo er es sich gerne bequem macht, und du bist endlich frei von seiner Angst, und frei, zu leben wie es dir gefällt.


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A-2. C.i. despiciens: Der Verächter

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A-2. C.i. despiciens: Der Verächter

‚Bricht der Ast, auf dem er sitzt, vergisst der Vogel, dass er fliegen kann.‘

C.i. despiciens verachtet seinen Wirt, also dich, und reibt dir das bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase. Gnadenlos untergräbt er so nach und nach den Selbstwert ’seines‘ Menschen.

Von ihm werden Anflüge von Motivation oder Kreativität zuverlässig im Keim erstickt. Zum Erreichen seines Ziels sind ihm alle fiesen Mittel recht: Er impft dir gezielt Selbstzweifel und ein negatives Selbstbild ein. Übung und Training hält er für wertlos und überdies erniedrigend und peinlich, also entweder bist du beim ersten Versuch sofort Meister aller Klassen, oder du kannst dir den Versuch gleich schenken. Er kräht: „Du kannst das nicht, das wird nix, du brauchst gar nicht erst anzufangen!“ oder, ebenso gerne wie häufig als Folgeschweinehund nach C.i. cessans, dem Faulpelz: „Das schaffst du in dieser kurzen Zeit ohnehin nicht mehr“.

Hast du dich wider Erwarten erfolgreich über die scharfkantigen Hürden des Verächters hinweggesetzt und tatsächlich etwas geschaffen, lässt er sich spöttisch vernehmen: „Große Kunstwerke/Arbeiten sehen aber anders aus, du Verlierer! Du glaubst doch nicht im Ernst, dass das irgendjemand gut findet oder hören/sehen/kaufen will?“

Er findet auch, dass sich für dich ein richtiges, gutes Leben generell gar nicht lohnt, ebensowenig wie gute Behandlung im allgemeinen (das Eincremen nach dem Duschen findet er beispielsweise völlig unnötig, selbst wenn dir deine Haut schon in Schuppen hinterherweht) oder gutes, vollwertiges Essen (dir zwischen Tür und Angel schnell ein paar Erdnussflips reinzustopfen sollte doch wohl auch reichen).
Der Verächter ist der Inbegriff von Junkfood auf allen Ebenen des Seins.

Tatsächlich vorhandene Kompetenzen oder Verdienste würde der Verächter allerdings nichtmal bemerken, wenn sie ihm achtkantig um die Ohren flögen. Der Grund dafür ist einfach: Er hat gar keine Ohren oder Augen nach draußen! Er sitzt im sicheren Inneren und spritzt dir dort sein Gift.


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TEIL A: C.i. INHIBENS: Der große Vermeider — A-1. cessans: Der Faulpelz

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TEIL A: C.i. INHIBENS: Der große Vermeider

‚Sich regen? Bin dagegen!‘

C.i. INHIBENS ist die berüchtigtere der beiden Klassen der Schweinehunde. Die Wirkungsweise dieser Klasse ist der Stillstand. Höchstes Ziel ist es, zu vermeiden, dass der Wirt in irgendeiner Weise sinnvoll aktiv wird. Mannigfaltig sind die von diesen Schweinhunden verhinderten Tätigkeiten, eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie wären sehr zum geistigen, seelischen oder körperlichen Wohl des Wirtes.

Folgende Unterarten von C.i. inhibens sind bis dato benannt:

A-1. C.i. cessans, Der Faulpelz

‚Was nicht ist, kann noch warten.‘

Diese Unterart ist die mit Abstand häufigste und bekannteste in der Meute der Schweinehunde – und die erfolgreichste. Sie ist immer dann gemeint, wenn in der undifferenzierten Umgangssprache vom ‚inneren Schweinehund‘ die Rede ist. Wenn du dich nicht vorsiehst, verpfuscht der Faulpelz dir dein ganzes Leben an einem einzigen Nachmittag.

C.i. cessans hat keinen Bock, keinen Löffel, keine Motivation für irgendwas Sinnvolles, er ist der Meister der Lustlosigkeit. Seine große Leidenschaft heißt lethargisches Couchlümmeln. Aber die Aussicht, dich von ohnehin unwichtigem Tun abzuhalten, findet er nicht sonderlich reizvoll, das wäre ja auch keine sportliche Herausforderung für einen so mächtigen Schweinehund. Nein, der Faulpelz tritt auf den Plan, sobald etwas Dringendes dir schon unangenehm nahe auf die Pelle rückt.

Je näher dir die drohende Katastrophe durch das von ihm verordnete Nichtstun rückt, und je größer sie zu werden droht, umso entzückter ist er, dann läuft er zu seiner Höchstform auf. Bei jedem Impuls deines Gewissens, der dich dann noch aktiv werden ließe, flüstert er es dir ein: sein gefürchtetes „Boaaaaah! Ich KANN nicht!“.

Besonders erregend findet er es, wenn dir Sanktionen von hierarchisch höherstehenden Instanzen drohen (Lehrer, Eltern, Boss, Finanzamt), oder wenn die verhinderte Handlung für deine weiteren Lebensjahrzehnte von immenser Wichtigkeit wäre – gewesen wäre, denn seine Erfolgsquote ist in der Meute unerreicht. Am liebsten ist ihm natürlich eine Kombination aus beidem. In einem solchem Milieu blüht er auf!

Natürlich ist er auch dafür zu haben, die wertvolle, verbleibende Zeit mit zweckfreiem Treiben zu verplempern, also fernzusehen, Comics zu lesen oder die Spielkonsole anzuwerfen. Er kümmert sich darum, dass dir solche Dinge nur dann so richtig verlockend und schier unwiderstehlich erscheinen, wenn gerade Lebenswichtiges ansteht.

Aber Zeitvertreib muss nicht unbedingt sein. Er ist auch zufrieden, wenn du nur dumpf vor dich hin starrst; ob aus dem Fenster oder an die gegenüberliegende Wand – ihm ist beides recht. Er platzt schier vor Wonne, wenn er am Tag der Deadline gemütlich rumlümmelnd zusehen darf, wie das große Chaos losbricht – und gleich der nächste Schweinehund aus der Klasse der Vermeider seinen großen Auftritt hat: C.i. despiciens, der Verächter.


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