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Verlorenes Hefegebäck

Unlängst war ich mit einem Freund in der Pizzeria. Als wir dort nach dem Essen noch so kellnervernachlässigt zusammensitzen und per Strohhalm in unseren Gläsern nach noch unverdunsteten Resten schlürfen, da beleuchten wir verbal wieder einmal ausgiebig unser beider Lebenssituationen. Meine, in diesem Moment, und dabei entkommt ihm, dem Freund, eine ungemein pointierte Bemerkung, über die wir minutenlang schallend lachen.

Nun notiere ich ja ohnehin öfter mal gern eine Wuchtel fürs Archiv, und man ist solches Tun mitten im Gespräch sogar von mir gewöhnt, aber diese war ohnehin nicht gefährdet, vergessen zu werden.

Dachte ich. In diesem Moment. Ja, man ist naiv, auch mit über 40 noch. Da erst recht!

In das, was er sagte, hatte er jedenfalls nicht nur das unmittelbar davorliegende Gespräch miteinbebezogen, sondern auch den Kontext des schon früher von mir Erzählten – meine gesamte aktuelle Situation eben. Die Wuchtel hatte also Basis, Hintergrund und Tiefe und fasste das in allerlei Monaten von mir Erlebte so gekonnt, knapp und ironisch zusammen, dass es einfach nur zum Brüllen war.

Tags darauf allerdings war die Wuchtel weg. Ich durchforstete mein Hirn, klapperte die Thementürchen der Reihe nach ab und fand dabei manch Thema dieses Abends geradezu wortgetreu wieder – und auch völlig andere Dinge, die ich gar nicht mehr wissen wollte, und die sich auch selbst über die ungebetene Störung bei mir beschwerten. Aber die Wuchtel, die Wuchtel, blieb verschollen. Also schrieb ich dem Freund per neumodischer App eine altmodische Anfrage: Erinnerst du dich noch dran?

Ja, sehr gelacht haben wir, das wisse er noch. Aber worüber genau? Kein Plan.

Nun ist die Frage: Wenn er sich nicht mehr erinnern kann und ich mich auch nicht, und vorausgesetzt, es hat uns an dem Abend auch niemand belauscht (obwohl, da saß doch eine Zeit lang so ein Pärchen am Nebentisch, die könnten…) – war diese Crème de la Wuchtel dann nicht verschwendete Energie? Oder, noch extremer, hat sie dann überhaupt je stattgefunden? Sie ist weg, für immer, so wahnsinnig lustig sie auch gewesen sein mag, wenn wir uns nicht dran erinnern. Niemand wird sie je wieder zitieren, sie landet auch nicht im Archiv, wo man sie ab und zu hervorkramt und sich an ihrem eingebauten Lächeln erfreut – nix von alledem. Futsch.

Dann wiederum, selbst wenn man die Wuchtel nicht mehr direkt nach-lachen kann – sie hat doch in uns Dabeigewesenen etwas ausgelöst! Der Schall selbst, der die Bemerkung überhaupt an mein Ohr brachte, die Stimme, war ein Impuls, der neue Impulse gab, vielleicht winzige Teilchen anrempelte, die wieder andere anrempelten – im Sinne der Energieerhaltung ist die Wuchtel also noch irgendwo da draußen, als zarter Nachhall von launigem Esprit und lautem Gelächter.

Und in uns drin ist sie auch! Sie hat unsere Hörorgane durchlaufen, wo feinste Härchen sich vor Lachen bogen. Und wir haben uns die Bäuche gehalten, die Tränen kamen mir vor lauter Gegacker. Vielleicht haben wir in diesem Moment durch das Lachen in unseren beiden Körpern zigtausende Zellen verjüngt, die sich nun dank der Wuchtel wieder eines unbeschwerten Daseins erfreuen und freie Radikale, die sich ihnen aus dem Hinterhalt in den Weg werfen, ohne eine Demo angemeldet zu haben, fortan niedermetzeln wie nix. Dadurch wiederum fühlten wir uns vielleicht insgesamt weitaus gesünder als zuvor und hatten fürderhin mehr Freude an, was weiß ich, Sport, Bewegung, Sex, Leben, wodurch sich das allseits angestrebte körperliche Strotzen in mir stärker bemerkbar machte als im Vergleichszeitraum im Körper meines Paralleluniversen-Ichs, das die Wuchtel nie gehört hat, weil es sich an diesem Abend nicht entschließen konnte, die Welt konkret aus der Nähe zu erleben oder gar mit bekannten Gesichtern zusammenzustoßen, und daher lieber deprimiert auf der Couch liegenblieb.

Vielleicht hat sogar das Pärchen am Nebentisch die Wuchtel gehört und erzählt sie jetzt in seinem Bekanntenkreis herum, wo jeder schon gelangweilt die Kontrolle über seine Brauen verliert, wenn die beiden wiedermal anfangen mit: „Unlängst waren wir in der Pizzeria, und da saßen…“
Ist aber unwahrscheinlich, weil die Wuchtel meiner Erinnerung nach wie gesagt auf mein persönliches Leben zugeschnitten war, dass der Powidl nur so raustropfte – und damit vermutlich auf der Witzigkeitsskala für einen Außenstehenden irgendwo zwischen „Die zwei sind aber leicht zu unterhalten“ und „Hä??!“ angesiedelt gewesen sein dürfte. Für zwei Außenstehende muss man die Skala freilich noch mit zwei multiplizieren.

[Man fragt sich ja auch noch nebenbei, ob nur das andere Pärchen auf einem Nebentisch saß. Aus ihrer Sicht waren wir es doch, die am Nebentisch saßen. Man sitzt, so betrachtet, in Restaurants und Bars eigentlich ständig nur am Nebentisch. Ob es überhaupt Haupttische gibt?]

Die zentrale Frage hier dreht sich aber nicht um die Perspektive, sondern darum: Hat die Wuchtel zum jetzigen Zeitpunkt noch irgendeinen Realitätskontakt? Oder bleibt sie für alle Zeit niemals gewesen?

Doch alle aufgezählten Möglichkeiten, alle möglichen philosophischen Fragen und selbst Antworten bleiben am Ende unbefriedigend, solange die eine Frage nicht geklärt ist:

Was zum Geier hat er denn gesagt?

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Sehr geehrter Herr Ergo!

Am 4.3. habe ich Ihnen per Mail meine neue Adresse mitgeteilt, am 2.6. meinen neuen Nachnamen.

Am 16.6. schicken Sie einen Brief an die alte Adresse und bestätigen, dass aufgrund meiner schriftlichen Mitteilung der Name des Versicherungsnehmers nunmehr auf den alten Nachnamen lautet.

Ich gebe zu, Sie verwirren mich. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es doch so ist:
• Neuer Nachname: […] • Aktuelle Adresse: […]

Anbei nochmal das amtliche Dokument. Die Information über den geänderten Nachnamen findet sich ganz unten.
Ja, dass man bei einer Namensänderung nach Scheidung eine neue Heiratsurkunde bekommt, finde auch ich ein wenig irreführend.

Mit den besten Wünschen für ein konzentriertes Arbeiten,
Frau Pfanne

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Weltgeschehen und Regenbögen

Bei der Fußball-EM in Frankreich schlagen sogenannte Fans einander die Zähne ein. In Wien demonstrieren die Rechten, die Linken stellen sich dagegen, die Polizei pfeffersprayt drauflos, und dann behauptet jeder, die anderen hätten angefangen. Eine britische Abgeordnete wird auf offener Straße ermordet. Journalistinnen und andere Frauen, die im Netz offen ihre Meinung kundtun, müssen sich gemeinsam wehren gegen die tägliche Flut an Hass, Gewaltdrohungen und Vergewaltigungswünschen. In Orlando schießt ein Mann auf die Besucher einer Schwulenbar, 49 Menschen sterben, 53 werden verletzt. Vieles davon ist offensichtlich politisch motiviert, dass es schon peinlich ist, wie störrisch die Vorfälle von offizieller Seite als „psychisches Problem eines Einzelnen“ dargestellt werden. Oder Betroffenen geraten wird, dieses oder jenes Phänomen „einfach zu ignorieren“.

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Die Kraft der kleinsten Teilchen

Apropos zusammenhanglos: Ich hatte vor einigen Jahren einen im Text stark gekürzten Fotoartikel im NEWS NÖ über das nie in Betrieb gegangene AKW Zwentendorf, NÖ. Den ursprünglichen Artikel in voller Länge hätte ich hinterher bloggen können, habe das aber offenbar nie getan. Es war ein schöner Artikel, und aus aktuellem Anlass (#Twandertag) hab ich ihn jetzt wieder hervorgekramt, samt Fotos.

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BTBs* kleines Unglücksbrevier

(wird bei Gelegenheit zum Manifest ausgebaut)

* BTB = Blacktime Bird = meine Band, drei Menschen, die nicht nur miteinander Musik machen.
Angesetzte Bandproben entwickeln sich wahlweise zur Musik-, Sauf-, Lach- oder Gesprächstherapie.
Sehr häufig aber geht es zynisch zu. Manchmal schreibe ich mit.
Ähnlichkeiten mit lebenden, toten oder untoten Personen sind nicht beweisbar.

Man soll sich das Leben nicht allzu angenehm machen. Zuverlässig wiederkehrende Empfindungen von Unglück und Frustration geben einem ja überhaupt erst das Gefühl, so richtig am Leben zu sein. Um diese Empfindungen nicht am Wiederkehren zu hindern, muss man schon etwas strategische Planung investieren und jede Wahl mit Bedacht treffen. Glücklich und leicht wie eine Gänsedaune durch den Tag hüpfen, als gäb’s kein Morgen – das kann schließlich jeder.

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Tosha zieht um

Ja, hier in meiner bescheidenen Pfanne war in letzter Zeit wieder mal sehr wenig los – ganz Pompej auf mein Haupt – und das hatte wiedermal einen triftigen Grund, diesmal sogar einen recht massiven.

Nach einigen Jahren eines Ungleichgewichts, das die Waagschale mit der Aufschrift „Unglücklich“ immer öfter in bodennahe Bereiche beförderte, nach gründlicher Überlegung, einigem Zaudern sowie ebenso reichlicher wie monatelanger Diskussion mit dem Mann, den ihr hier als den mir rechtmäßig Zugemuteten kennt, habe ich mich von ihm scheiden lassen.

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Versteh ich dich richtig?

Ich lese mir jede Twitter-Reply, die ich schreibe, vor dem Senden jetzt eh schon sieben Mal durch. Ich versuche, sie mit den Augen des Empfängers zu lesen und stelle dann oft fest, oh, das könnte man eigentlich auch genau gegenteilig verstehen. Dann formulier ich die Reply oft mehr als einmal um. Missverständnisse entstehen trotzdem.

Das sagte ein Twitter-Freund unlängst zu mir. Am Telefon, damit ich ihn nicht missverstehe.

Dazu kam der Vortrag der Frau Brodnig beim NetzPAT, den man jetzt auch nachlesen kann – ich empfehle das, es war sehr interessant.
Am Ende ihres Vortrages fragte sie, was man tun könnte, um das Diskussionsniveau im Netz zu heben. Meine persönlicher Beitrag zu einer Antwort steht am Ende dieses Artikels.

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2016

Ein gutes und friedliches neues Jahr voller Liebe für euch, ihr besten Leser von allen!

Viele haben voller Ungeduld auf dieses neue Jahr gewartet, in der Hoffnung, dass sich die Anspannung in der Energie, die uns alle umgibt und durchdringt, etwas lösen möge; in der Hoffnung, dass vieles von dem Alten, das uns so hartnäckig anhaftet (und wir ihm!), einfach von uns abfallen wird, wenn nur endlich kein 2015 mehr am Ende des Datums steht. Diese Schiene, auf der viele von uns im alten Jahr oft mehr holperten als dahinglitten, war ungewohnt schnell und mitunter sehr brutal. Geduld fällt vielen von uns schwer in dieser Zeit, auf diesem tückischen Untergrund, und vielleicht werden wir sogar noch mehr von dieser Geduld brauchen, die wir nicht mehr haben.

Doch es möge euch allen gelingen, die Saat der so liebevoll gehegten Hoffnung aufgehen zu lassen. Wir werden bis dahin noch mehr Übung darin kriegen müssen, immer wieder zu unserer Mitte zurückzufinden, und das aus verschiedensten Richtungen, aus unvorhergesehenen Randbereichen des Seins, aus schwindelnden Höhen zu fallen und aus ungekannten Tiefen aufzusteigen.

Doch wir werden schneller und besser. Lasst es uns einfach jedes Mal aufs Neue versuchen – so lange, bis wir tatsächlich neues Glück, neue Freiheit sprießen sehen.

Ich weiß, dass es hier in meiner Pfanne viel zu still ist. Und das hat auch Gründe. Bitte bleibt mir dennoch gewogen.

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