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Etoshalender 2017

Es ist wieder soweit, ich bestelle die neuen Kalender! Es wird diesmal ein ungewöhnlich schräges Ding. :)
Aber wie gewohnt in A3, Spiralbindung, schwarz und elegant.
Ach, was red ich…
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Von Hirnen und Menschen (3)

8. WEM DER SCHUH PASST…

Die Verhaltens- und Denkweisen in diesem Video mögen recht verbreitet sein, und es finden sich offenbar auch viele darin wieder. Die Menschen lachen. Das ist gut. Vereinzelt sieht man im Publikum aber auch welche, die sich ohne ein Lächeln etwas verloren am Kopf kratzen.
Gar nicht mehr lustig ist es, wenn die Bestätigung dieser Verhaltensweisen dazu führt, dass sie alternativlos bleiben und in jeder Beziehungssituation angewendet werden mit der fundamentalen Begründung „isso“. Auch dann, wenn sie sich auf die Beziehung ungünstig oder sogar zerstörerisch auswirken.

Es ist prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, jemandem zu sagen, dass er in Ordnung ist, so wie er (bisher geworden) ist. Und es passt vielleicht auch ganz gut zum momentanen Selbstbild. Was mich stört, ist das vermeintlich wertvolle Bestätigen und Einzementieren eines Entwicklungsstandes als naturgegebene, definitive Endstation. Was hindert uns daran, ganz wir selbst zu sein? Angst. Was hindert uns daran, Neues zu erlernen? Angst. So halten uns Angst und einschränkende Rollenbilder in einem Niemandsland gefangen, zwischen Konformität und der Eroberung neuer Gefilde, und das Video bedient und bestärkt diesen Stillstand. Es ist ein Standpunkt, der bei dauerhaftem Verbleiben beschränkt, isoliert, Beziehungen kaputtmacht und spätere Krisen zusätzlich erschwert.

SONY DSC Natürlich stört mich auch der frauenverachtende Stil. Aber ich trete hier für die Rechte beider – aller! – Geschlechter ein, sämtliche Fähigkeiten eines menschlichen Hirns für sich zu beanspruchen, zu erlernen und zu nutzen, die sie für sich persönlich als erfolgversprechend empfinden. Denn abgesehen von vereinzelten Trotz-Reaktionen ist kaum etwas weniger hilfreich als jemand, der dir sagt: Das kannst du nicht.

Der Standpunkt aus dem Video ist deshalb verführerisch, weil er sehr bequem ist. Keine Verantwortung, keine Veränderung, alles ist gut. Einen kleinen Trost kann es tatsächlich bieten – es gibt sehr viele andere Männer, deren Strategien sehr ähnlich geartet und in den meisten persönlichen Beziehungen erfolglos sind. Es gibt sehr viele andere Frauen, die gerne reden, zuhören und Gespräche anbieten und von ihren Männern dafür sanktioniert oder verschmäht werden.

Neues zu erlernen ist möglich, und wir alle wissen das! Es kommt geradezu einer Anstrengung gleich, diese Tatsache auszublenden. Ja, wir fühlen uns auf ungewohntem Terrain weniger sicher und weniger wohl, und diese Empfindungen hindern uns oft daran, neue Wege zu probieren. Doch es wäre unvernünftig, sich nur deshalb dauerhaft dort einzurichten, wo man nur noch jene Verschaltungen seines Hirns nutzt, die bis dahin entstanden sind. Es könnte ein menschliches Wesen die Freiheit kosten – die Freiheit, sich weiter zu verändern und neuen Umweltbedingungen und Anforderungen anzupassen.

Sich zur schnellen Stabilisierung eines schwankenden Untergrundes zwischendurch auf der Plattform „TwoBrains“ auszuruhen und sich die kleine Bestätigung abzuholen, ist sicher völlig okay. Für einen ständigen Aufenthalt ist die Plattform meiner Ansicht nach viel zu einschränkend und verächtlich, und zu wenig respekt- und liebevoll.

Für das Bewältigen einer Krise und für echte Veränderung ist ein seelischer und geistiger Einsatz nötig, der sich vom Ausruhen auf einem „Ich bin eben so“ sehr stark unterscheidet. Und vor allem muss gegeben sein: Betroffenheit über gemachte Fehler empfinden zu können sowie die Zuversicht, dass mein Hirn überhaupt veränderbar ist. Nach der Pause sollte man also aufbrechen und weiterziehen, um dazuzulernen und sein Selbstbild allmählich zu heben. Und die Grenzen der Komfortzone wieder ordentlich anpieksen. Weil wir doch hoffentlich alle etwas mehr sein wollen als nur das, was fein isoliert und unergründet in irgendwelchen Kisten liegt.

9. SALBUNGSVOLLE SCHLUSSWORTE

SONY DSC Wenn man schon die Gelegenheit hat, auf einer Bühne vor vielen Menschen ein Bild von Mann und Frau zu malen, könnte man dann nicht auch ein respektvolles Bild malen statt eines verachtenden? Ein buntes Bild statt eines schwarzweißen? Man könnte die Menschen auf Gemeinsamkeiten hinweisen und auf die immense Lernfähigkeit ihrer Gehirne. Und darauf, dass diese Gehirne vor allem eines sind: menschliche Gehirne, die Gefühle wahrnehmen können und miteinander in Kontakt treten möchten.

Wir sind soziale Wesen und können voneinander lernen, von dem, was wir geworden sind, und von dem, was wir noch werden. Wir können einander zu besseren Menschen machen, wenn wir uns einander anvertrauen. Sich öffnen lernen statt Rückzug. Lösen lernen statt nur darüber zu reden. Abschalten lernen – und ja, auch gemeinsam. Zueinander Vertrauen fassen. All das geht nur ohne Verachtung!

Manche machen aus einem misslungenen Unternehmen eine Verpflichtung, und weil sie einen Irrweg eingeschlagen haben, meinen sie, es wäre Charakterstärke, darauf weiterzugehen.
(Baltasar Gracián, 1601-1658)

Inhaltsverzeichnis Von Hirnen und Menschen

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Von Hirnen und Menschen (2)

7. EXKURS: WAS DAS PATRIARCHAT MIT DEN MÄNNERN MACHT
(Teil eines noch ausführlicheren Textes, den ich schon sehr lange in Arbeit habe. Ich versuche hier, zusammenzufassen bzw. nur einen Teilbereich davon zu beleuchten.)

Reden wär schön. Nicht nur, weil das Teilen von innersten Geheimnissen für die Nähe in einer Beziehung so wichtig ist. Nicht nur, weil diese Frau mit dem so andersartigen Gehirn sich das eben wünscht, weil sie dieses innere Bedürfnis nach vertrauensvollen Momenten und Intimität spürt – und sich beim Stillen dieses Bedürfnisses nicht auf die rein körperlich-sexuelle Ebene beschränken (lassen) will.

Das Wesen und ich Sondern auch, damit der Mann den Kontakt zu seinen eigenen Empfindungen aufrechterhält oder wiedererlangt. Die eigenen Empfindungen und Bedürfnisse ungehindert wahrnehmen und auch entsprechend stillen (lassen) zu können bedeutet auch, selbst-entsprechend handeln zu können. Und davon hängt das seelische und körperliche Wohlbefinden entscheidend ab! Empfindungen und gestillte Bedürfnisse machen das Leben bunter und reicher und vollständiger, weil sie es überhaupt erst ermöglichen, in seinem eigenen besten Sinne zu handeln, tiefe Freundschaften zu führen und aus vollem Herzen zu lieben und geliebt zu werden. Doch dafür muss man erstmal wahrnehmen und akzeptieren können, dass man Bedürfnisse, also „schwache“, bedürftige Gefühle, überhaupt hat.

Alle Menschen kennen den Druck, den „die Gesellschaft“ – dieses Konglomerat aus Autoritäten, Medien, Mitmenschen und einem selbst – auf jeden einzelnen von uns ausüben kann. Viele von uns wissen etwa, wie es sich anfühlt, einem weiblichen Rollenbild entsprechen zu müssen: brav sein, hübsch sein, Mund halten, alles hintanstellen, Mann finden, Kinder gebären.

Von der gesellschaftlich diktierten Männlichkeitsschablone hingegen werden viele Gefühle als generell unmännlich aus der Erlebenswelt ausgeklammert. Die männliche Gefühlsabwehr, also dass Männern der Zugang zu den eigenen Gefühlen in der Kindheit und Jugend erschwert und eingeschränkt wird, bis sie diese Aufgabe selbst übernehmen, weiterführen und weitergeben, ist ein mächtiger Mechanismus zur Identitätsentwicklung und Lebensbewältigung, der über Jahrzehnte ausgebildet wird. Das ist wohlgemerkt kein individuelles Defizit, sondern ein gesellschaftliches.

SONY DSC Doch wir alle nehmen an diesem System teil. Es ist Erziehung mit klassischen Methoden, die darin stattfindet: Solange man sich rollenkonform verhält, gibt es von außen Bestätigung und Anerkennung. Doch das Abweichen von einem Rollenbild wird geahndet, durch Ausgrenzung, Spott, Zwang, Gewalt. Der Weg des geringsten Widerstandes ist also scheinbar der leichteste, aber auch der mit dem höchsten „Fimo-Faktor“ – also jener Weg, der einen Menschen am stärksten formen, verbiegen und verändern wird. Die Wahl dieses Weges sorgt dafür, dass alles stets beim alten bleibt: weil nie irgendwo irgendwer irgendwas dagegen sagt.

Strategien zur Gefühlsabwehr dienen dem Schutz vor der Überflutung durch Gefühle, und das ist im Prinzip eine sinnvolle Sache, wenn man es nicht übertreibt. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, reifere Verhaltensweisen zu erwerben, um sich emotional ein wenig im Griff zu haben. Es fehlen aber vor allem unter Männern alternative Strategien zur Gefühlsabwehr, dafür, wie vor allem mit schwierigen Gefühlen umzugehen wäre: Abhängigkeit (die emotionale Bedürftigkeit nach Zuwendung und Trost) oder Gefühle der Ohnmacht, Einsamkeit oder Angst.

Weil Männer stark sein sollen, so die patriarchale Grundmeinung, haben sie mit solch schwachen Gefühlen nichts zu schaffen. Eines der wenigen Gefühle, das Männern zugestanden wird, ist Wut. Gleichzeitig ist Wütendsein etwas, das bei Frauen nur ungern gesehen wird; es erzeugt oft Unmut, weil es eine der letzten Männer-Gefühlsdomänen ist. Die Unterscheidungen werden also sehr genau vorgenommen.

Schwache Gefühle aber gelten als unmännlich und werden seit jeher kurzerhand zur Gänze dem anderen Geschlecht zugeschrieben. Dieses gewinnt damit auch gleich das Attribut „schwach“ hinzu, was ja praktischerweise auch zur geringeren Körperstärke passt – ergo schon seine Richtigkeit haben wird. Stark ist gut und daher erstrebenswert, schwach ist schlecht – die Gefühle sind also minderwertig, und deren neue Allein-Besitzerinnen ebenso. So funktioniert, vereinfacht erklärt, die Entstehung und Status-Bewertung von Rollenbildern.

Ein Mann hat so zu sein: stark, unabhängig, aktiv, rational, konkurrenzfähig, potent, ungerührt, ein echter Kämpfer, Held und Sieger, Ernährer und Beschützer. Darauf konzentrieren sich Männer, um Männer zu bleiben. Und darauf, dass diese Eigenschaften auch bemerkt und anerkannt werden.

Und viele dieser Eigenschaften werden auch anerkannt und geschätzt – im positivsten Sinn. Die Sicherheit einer schwangeren Frau oder einer jungen Mutter bei ihrem Partner, sein Schutz, seine Liebe, seine Fähigkeit, für seine Familie zu sorgen und für sie einzustehen – all das ist für das Überleben unserer Art zwar mittlerweile nicht mehr zwingend nötig, aber es macht das Leben leichter und schöner. Und welche Frau hat noch nicht erlebt, dass ein Mann ihr etwa mit rationalem Denken seine Unterstützung und Beruhigung bietet, wenn in einer Notsituation Angst, Panik und Katastrophendenken ihr Hirn übernommen haben?

In dem Maß, in dem der Frau heute gestattet wird, in der globalen Männerwelt mitzuspielen, werden auch ihr diese guten Qualitäten zusehends abverlangt. Das Wertesystem insgesamt bleibt davon unberührt.

SONY DSC Auch Frauen kennen also den Druck von außen, Emotionen möglichst effektiv auszublenden. Und die Minderung des Status, der damit einhergeht, wenn wir dennoch etwas zeigen, das als Schwäche gilt. Weicheier werden gemobbt, auch unter Mädchen, unter Frauen. Es ist beileibe nicht (mehr) so, dass wir als ältere Kinder oder erwachsene Frauen jederzeit und jedermann unsere tiefsten Gefühle offenbaren würden und uns damit bewusst der Verletzlichkeit aussetzen, die dabei preisgegeben wird. Wir kennen die Aufforderungen, sich nicht gehenzulassen, sich zusammenzureißen und durchzusetzen, unseren Mann(!) zu stehen – und bei Seelenleid „einfach nicht daran zu denken“.

Für Männer ist dieses Diktat die gefühlt größere Bedrohung, weil das Überleben einer gesamten Identität auf dem Spiel steht (oder zumindest zu stehen scheint).

Doch männliche Vorbilder, die jungen männlichen Menschen emotionale Präsenz und Zugänglichkeit vorleben würden – einfach das pralle Leben mit allen seinen geistigen und gefühlsmäßigen Facetten ohne Einschränkungen – diese Vorbilder fehlen sehr oft. Solche Vorbilder also, die erstens anwesend sind und zweitens nachahmenswert erscheinen.

img_4640e Damit muss ein Teil der männlichen Identitätsfindung während der Kindheit und Jugend über das Konzept „Nicht-Frau“ erfolgen: Ich bin ein männliches Wesen, also sollte ich mich nicht verhalten wie das weibliche Wesen in meinem Umfeld. Das ist so natürlich wie fatal, denn im schlechtesten Fall geht das, bei allen guten Absichten der weiblichen Bezugspersonen, so aus: Je „gefühlvoller“ das weibliche Vorbild, desto 180° die Identität des heranwachsenden Mannes. Je „ungerührter“ das weibliche Vorbild, umso größer die Verwirrung. So oder so, ein Schuss ins Knie.

Ein weiterer Teil der männlichen Identitätsfindung erfolgt, wenn das männliche Umfeld gar nichts Brauchbares hergibt, über meist sehr stereotype Vorbilder aus Film und TV. Es ist irritierend für eine Frau, wenn eigenartig eingelernt wirkende Sätze an sie gerichtet werden – künstlich-coole, distanzierte Sprüche, bei denen man sich dann buchstäblich vorkommt wie im falschen Film, denn oft sind diese Sätze auch verletzend, herabwürdigend oder sonstwie geprägt von dem Statusunterschied zwischen Mann und Frau.

Gefühlsabwehr geht freilich auch mit dem Unwillen oder Unvermögen einher, sich und seine Gefühle mitzuteilen. Aber auch das Zuhören wird davon beeinträchtigt, weil auch fremde Gefühle abgewehrt werden müssen. Vielleicht ist das der Grund, warum oft nicht die ganze Botschaft ankommt, wenn eine Frau ihrem Mann ihre Vorstellungen mitteilt: Nur die Ratio ist bei ihm auf Empfang, die emotionalen Anteile der Botschaft hingegen erzeugen nur wenig Resonanz. Der Frau wird dann vorgeworfen, sie wäre irrational, unrealistisch oder von Romantisierung verwirrt. Menschen mit Gefühlskontakt spüren aber womöglich viel mehr davon, wenn sie jemanden lieben. Vielleicht haben sie einfach ganzheitlichere Ideen davon, was man dann tut, sagt und gibt?

Auch Mitgefühl – wie das Wort schon sagt – ist nur schwer aufzubringen, wenn man keinen Kontakt zu seinen eigenen Gefühlen hat. Insgesamt kann man auf diese Weise weder seinen Mitmenschen noch sich selbst sonderlich nahekommen.

Die Motivationen für männliches Handeln (und Reden) stützen sich indessen oft auf äußere Faktoren – generelle Handlungsorientierung, Selbstdarstellung, Bestätigung, Wettbewerb und Konkurrenzdenken, Statusgerangel und Machtkämpfe, Distanzierung; das alles sind externalisierende Strategien. Diese am Außen orientierten Verhaltensweisen haben natürlich beileibe nicht nur negative Aspekte. Auf die Balance kommt es an. Und nicht nur Männer verhalten sich so.

Der Schwerpunkt in all dem äußeren Treiben liegt häufig auf der Abwehr der inneren Welt. Damit entfernt sich der Mensch wiederum weiter von seinem inneren Bezug und liefert sich und seinen (Selbst)wert letztlich zu einem großen Teil externen Maßstäben aus. Und auch seine Verantwortung dafür. Als Nebeneffekt müssen traditionellerweise andere Menschen für ihn ein großes Maß der Spiegelungs- und Bestätigungsarbeit übernehmen, die er auf diese Weise nach außen delegiert. Von Frauen wird erwartet, dass sie sehr große Mann-Spiegelbilder zurückwerfen. Gefühlsabwehr führt paradoxerweise zu abhängigen Verhaltensweisen – also genau zu dem, was mit der Gefühlsabwehr ursprünglich vermieden werden sollte – weil die wahre innere Souveränität und erhoffte Unabhängigkeit sich durch Außen-Orientierung nicht richtig entwickeln können.

Es gilt für Männer in diesem System, die Kontrolle zu erlangen und zu behalten. Wer das will, kann nicht riskieren, von unkontrollierbaren Gefühlen heimgesucht zu werden. Also Gefühle kontrollierbar machen, Gefahren kontrollierbar machen, Grund und Boden kontrollieren, die Frau, die Familie, die Stadt, das Land, die Welt! Kontrolle über die wichtigsten politischen, wirtschaftlichen, medialen und religiösen Ämter, mehr Glaubwürdigkeit, Redezeit und Aufmerksamkeit, höherer Verdienst, Dominieren der Inhalte von Filmen und Theaterstücken, mehr Sicherheit vor Gewalt – all das sind gesellschaftliche Privilegien, die Männer genießen.

img_6834 Doch „kontrollierbare Gefühle“? Das ist beinahe so paradox wie „lebende Leichen“. Gefühle sind spontan und bedienen sich an Instinkten, Bedürfnissen, frühesten Kindheitserlebnissen. Sie sind per se eine unkontrollierbare Macht. Am Versuch, sie zu kontrollieren – im Sinne von „nur bestimmte Mengen zu bestimmten Zeitpunkten wahrzunehmen“ – muss man zwangsläufig scheitern. Man behält den Kontakt zu ihnen und lernt, mit ihnen umzugehen, oder man macht aus ihnen eben lebende Leichen.

Ich reiße das Thema Kontrolle hier bewusst nur ganz kurz an. Aber achtet doch mal darauf, wie viele Aussagen, Vorgänge, Ereignisse mit Kontrolle und der Sucht nach Kontrolle zu tun haben, in der äußeren Welt und auch in der inneren. Und wie wenig wir, im Gegensatz zu unseren dahingehenden Illusionen, tatsächlich zu kontrollieren in der Lage sind.

Man könnte sagen, die ganze Armada der Gefühlsabwehr und Außenorientierung ist eine einzige Beschäftigungstherapie, die von der Innenschau abhalten soll. Dann sind irgendwann die unliebsamen Gefühle endlich so weit unter den doppelten Boden gerutscht, dass beim nächsten Öffnen des Deckels die Kiste leer ist. Sozusagen.

Die Gefühlsabwehr bringt persönliche Nachteile mit sich, daher wird darüber auch im 21. Jahrhundert nur sehr wenig gesprochen – und wenn, dann nur hinter den schweigepflichtigen Türen der Psychotherapeuten und -therapeutinnen oder in einschlägiger Literatur. Wer mit Gefühlsabwehr beschäftigt ist, wird auf gewissen Ebenen nie erwachsen genug, um einen anderen Weg als Ausweichen zu probieren. Die gefühlsstrategische Entwicklung wird bei Männern von frühester Möglichkeit an gehemmt. Allerlei Strategien aus der Kindheit werden unbesehen mitgenommen, während Bedürfnisse immer weniger zum Zug kommen.

SONY DSC Das Vermeiden von Gefühlen ist nur ein Hinauszögern, denn es ist eine Strategie ohne befriedigendes Gefühlsergebnis. Das geht nicht ewig gut. Im Leben vieler Männer stellt sich, ausgelöst durch äußere Ereignisse oder auch „einfach so“, irgendwann eine tiefe Unzufriedenheit ein, eine Leere, ein Gefühl der Verlorenheit. Schlafstörungen, Potenzprobleme, Angst, Depression, Midlife Crisis. Die Versuche, all dem beizukommen, beinhalten oft Alkohol, Drogen, Isolation. Von den Menschen, die ihr Leben durch Selbstmord beenden, sind drei Viertel Männer.

Wir Frauen hingegen fühlen uns mitunter betrogen um die gefühlt in Aussicht gestellte, echte Partnerschaft mit einem Mann, die dann doch keine wahre Begegnung, tiefes Vertrauen und Intimität aufkommen lässt. Wir empfinden es als frustrierend und langweilig, nur solche Gespräche zu führen, in denen eigene Befindlichkeiten gewohnheitsmäßig vom männlichen Partner ausgeklammert werden; in denen er sich auf sachbezogene, äußere Aspekte konzentriert, ohne persönlich irgendeinen Bezug darauf zu nehmen. Es ärgert uns, wenn das in weiterer Folge auch von uns erwartet wird, denn es beschneidet auf einer ganz privaten Ebene unseren eigenen Gefühlsreichtum und Spielraum.

Natürlich ist es eine wertvolle Fähigkeit, eine Diskussion sachlich führen zu können, solange sich unterdrückte Gefühle nicht als passive Aggression oder Sarkasmus ihre Bahn brechen müssen, nur weil es keine Option ist, Angst oder Bedürftigkeit oder auch Zorn zu empfinden und auszudrücken. Das trifft selbstverständlich nicht nur auf Männer zu – Menschen einer ganzen Gesellschaft dürfen sich unter der strengen Maßgabe von Unverwundbarkeit und unendlicher persönlicher Stärke und Perfektion kaum je so zeigen, wie sie wirklich sind.

Es gibt auch Frust, wenn man im Gespräch zur stetigen Anerkennung und Bestätigung des gegenübersitzenden Egos genötigt wird. Natürlich hat jeder Mensch das Bedürfnis, bestätigt und anerkannt zu werden, und auch Frauen suchen Bestätigung im Außen. Auch hier ist das Maß das Maß aller Dinge. Ich persönlich reagiere empfindlich auf eine übermäßige Forderung nach Bestätigung, egal ob durch Mann oder Frau, und ich kann dann sehr bockig werden. Wenn ich hingegen jemanden liebe oder bewundere, kommt meine Anerkennung von ganz allein.

SONY DSC Selbst wenn ein Mann im Gespräch sein Bestes gibt und etwas tiefer in seine Gefühlswelt vordringt, um tatsächlich etwas zu offenbaren, wählt er mitunter ausweichende Formulierungen oder fernab gelegene Gefühlsbereiche. Das frustriert Frauen ebenfalls und veranlasst sie zu entsprechenden Reaktionen. Manche Frauen wissen auch gar nicht, wie sie auf männliche Gefühlsäußerungen reagieren sollen, weil sie darin keine Übung haben und unreflektiert das patriarchale Muster fortsetzen. Sie geben dem Mann zu verstehen, seine Gefühlsduselei wäre unmännlich. Der Mann hat dann den Eindruck, eins draufzukriegen, wenn er sich doch mal offenbart.

Trost, Solidarität und Erleichterung findet man in solchen Gesprächen eher nicht – weder der weibliche Gesprächspartner noch der männliche. Der Vorwurf, dass intime Gespräche nichts bringen würden, liegt dann nahe. Aber damit beide Seiten einen persönlichen Gewinn daraus ziehen können, kommt es eben nicht nur darauf an, dass man miteinander spricht, sondern auch, worüber.

Ja, Männer missachten immer wieder die Gefühle von Frauen – aber wohl nicht mehr, als sie ihre eigenen missachten. Frauen jedoch können die Nuss nicht knacken. Denn wir werden in unseren Fähigkeiten und Tendenzen wohl in erster Linie als Nicht-Mann wahrgenommen, und weniger als Auch-Mensch, der nachahmenswürdige Verhaltensweisen in seinem Repertoire hat: „Natürlich kann sie Gefühle zeigen, sie ist ja auch eine Frau. Für mich als Mann ist das aber kein gültiger Maßstab.“

Männer können andere Männer knacken – Männer, die ihr vollständiges Innenleben wiedergefunden oder nie ganz verloren haben, können das. Männer, die darum wissen, dass vielen anderen Männern mit zunehmendem Alter ein wesentlicher Anteil ihres Seins fehlt. Männer, die den Weg des geringsten Widerstandes verlassen und den Wind nicht fürchten, der ihnen dann unvermeidlich entgegenpfeift. Männliche Therapeuten. Männliche Berater. Aber auch ganz normale Männer, die Zugang zu ihren Gefühlen haben und daher doch nicht unter „normal“ fallen.

Sie sind es, die Vorbilder sein können. Sie können zeigen, dass männliche Solidarität sich nicht gegen Frauen richten muss, um hilfreich zu sein. Und sie können alle abgeschotteten Männer auf die Kräfte von außen hinweisen, die das Gefühlsleben von Männern beschränken und einengen. Und auf die Kräfte im Innen, die diese Aufgabe so gewissenhaft fortführen, als wäre es ihre eigene, geniale Erfindung.

Das sollten diese Männer tun – stattdessen segnen Männer wie Gungor all die blinden Flecken der männlichen Innenwelt einfach als typisch männlich ab, und Gefühlskontakt und Redenwollen als typisch weiblich. Solche Männer implizieren, dass sie die schwachen Gefühle „in den Griff bekommen haben“ und nicht „so armselig ihren Emotionen ausgeliefert sind“ wie Frauen. Sie liefern damit eine Voraussetzung dafür, weiterhin auf Frauen und ihre Redebereitschaft herabzuschauen, während sie weiterhin das Privileg genießen, trotzige Kindheitsstrategien der Marke „Ich bin eben so“ anzuwenden, statt sich Alternativen ehrlich zu erarbeiten, mit denen alle gut umgehen können.

Ein Mann in der Öffentlichkeit, der diesen Status Quo weiter bestätigt, gutheißt und ihn als unveränderbar darstellt, verheizt damit eine Chance für alle Männer unter seinem Einfluss. Die Chance dieser Männer nämlich, sich selbst und ihrem Innersten wiederzubegegnen, ihr Erlebensspektrum wieder zu erweitern auf all das, was das Menschsein ausmacht. Schade um das schöne Potential!

In einer Gesellschaft, die in ihren Werten patriarchale Strukturen und Rollenbilder aufweist, haben Privilegien also ihren Preis. Und das hat nichts mit „verdienen“ zu tun. Denn der nicht-privilegierte Teil einer Gesellschaft zahlt einen hohen Preis, ohne je dafür „belohnt“ zu werden.

Wer ein Weichei ist, verliert massiv an Status. Das gilt zwar sowohl für Männer als auch für Frauen, aber Männer fallen von weiter oben eben weitaus tiefer. Ganz ehrlich, ich würde trotzdem nicht tauschen wollen.

Die gelernten Mechanismen schaffen blinde Flecken und Widerstand im Bewusstsein. Das System, in dem man großgeworden ist, kann gar nicht ohne weiteres in seinem vollen Umfang wahrgenommen werden. Wäre Feminismus so lächerlich, wie manche uns gerne glauben lassen würden, dann würde man ihn einfach ignorieren. Ja, er enthält natürlich die Aufforderung: Seht bitte mal her, was euer doofes Spiel um Macht und Kontrolle im Leben von uns Frauen anrichtet. Doch er liefert auch eine wichtige Außensicht auf die Männer im Patriarchat!

Etwas wird gerne übersehen: Wenn FeministInnen gegen patriarchale Maßstäbe und Ungerechtigkeit ankämpfen, dann geht es dabei auch um Männerrechte – um den Kampf gegen eine künstliche Männlichkeit, die massiv anstrengend ist und krank macht. Es geht um das Recht des Mannes auf ein erfülltes und vollständiges Leben, in dem ihm nicht ständig der Verlust seiner männlichen Identität droht. Feminismus richtet sich gegen ein hierarchisches Gesellschaftssystem, das letztlich alle Menschen verbiegt und unfrei macht.

Inwieweit nimmt jeder einzelne von uns daran teil, dieses System fortzusetzen? Womit können wir es formen? Wollen wir was verändern?
Jeglichem Widerstand auszuweichen führt jedenfalls offensichtlich nur in weitere Unfreiheit, für alle.

Ein volles Gefühlsspektrum zu haben versetzt uns in die Lage, uns selbst in unserem Dasein zu platzieren. Es lässt uns wissen, wo wir stehen, was gut für uns ist, von welchen Menschen wir uns fernhalten sollten, in welche Richtung es weitergehen soll – kurz: was wir wollen! Es lässt uns den Menschen näher sein, die wir lieben. Es lässt uns spüren, dass das Leben zu kurz ist, um vorgefertigten Idealen hinterherzuhecheln, die immer nur ein Stück von unserer Nase entfernt zu baumeln scheinen und letztlich niemanden richtig glücklich machen. Es lässt uns eine neue Mitte finden, von der aus wir das Leben in allen seinen Aspekten auskosten können, und zwar deutlich mehr als nur für ein paar seltene Augenblicke des Glücks. Es lässt uns mitfühlender sein. Menschlicher sein! Denn Gefühle sind menschliche Empfindungen – nicht weibliche.

img_1031 Ich persönlich würde mich mit meinem Partner durch Jahrzehnte der Gefühlsabwehr graben – wenn er sie aufgeben wollte. Ich würde mich lieber gemeinsam mit ihm mit echten sensiblen seelischen Inhalten auseinandersetzen, auch wenn sie schwierig sind, als allein mit den scharfen Kanten, die aus seiner verhärteten Fassade jählings als unvermutete Empfindlichkeiten hervorschießen. Wenn ich die inneren Zusammenhänge, Gefühle und Vergangenheiten nicht kennen darf, denen sie entspringen, bleiben diese Empfindlichkeiten zusammenhanglos und unbegreiflich. Daraus allein kann man einen Menschen nicht kennenlernen, und echtes Verständnis kann so gar nicht entstehen.

Dazu muss aber der Mann auch sich selbst verstehen wollen. Ich würde mit-entdecken, mit-fühlen und heilen helfen – all das würde ich tun. Was ich aber nie wieder tun werde, ist mich hinzusetzen und brav auf gar nichts zu warten vor einem legitimiert-unveränderlichen Schild, auf dem steht: „Ich darf leider nicht hinein“.

A ship in harbor is safe, but that is not what ships are built for.
(Ein Schiff im Hafen liegt sicher, doch dafür werden Schiffe nicht gebaut.)
(John A. Shedd, 1859-1928)

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ENDE TEIL 2, FORTSETZUNG FOLGT.

Inhaltsverzeichnis Von Hirnen und Menschen

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Von Hirnen und Menschen (1)

Ein Video ist Thema dieses Eintrags. Es ist nicht ganz verkehrt, sich das vorab anzuschauen, damit man auch weiß, wovon ich hier tippe – sofern man Englisch kann. Für jene Leser, die des Englischen nicht ausreichend mächtig sind, gibt es hier meine Beschreibung des Inhaltes auf Deutsch. (Der Übersichtlichkeit halber steht sie unten in den Kommentaren. Von dort kann man sich nach dem Lesen leicht wieder zurück hierher klicken.)

Der Mann auf der Bühne im Video heißt Mark Gungor und gibt als Ehe-Experte kabarettistische Ehe-„Seminare“, etwa darin, wie man verheiratet bleibt, ohne einander umzubringen. Ich finde den Ausschnitt auf so vielen Ebenen verkehrt, dass er mich zu ausgiebigem Kopfschütteln veranlasste und zu soviel Augenrollen, dass ich dabei fast nach hinten umgefallen wäre. Daher hier meine persönliche Meinung dazu – in zwei Teilen. Der zweite Teil wird dann einen Abschnitt beinhalten, den ich ohnehin schon länger in der Schublade hatte.

Es ist im Grunde eine unglückliche Tatsache, dass der Videoausschnitt so zusammenhanglos im Netz steht. Das zweistündige Programm des Herrn Gungor ist ebenfalls online, und wem gefällt, was der Mann tut, der möchte sich ein komplettes Bild machen (findet man auf der Youtube-Site rechts außen). Ich beziehe mich mit meinen Statements auf den oben verlinkten, knapp viertelstündigen Ausschnitt, habe aber auch die lange Version gesichtet.

Das Konzept selbst ist ja keine rechte Neuigkeit und spätestens seit dem Buch „Frauen sind von der Venus, Männer vom Mars“ einer breiten Masse wohlbekannt. Der Mann meint es ja gut, und ich erkenne das an. Dennoch stören mich drölfzigerlei Dinge an dem Vortrag. Ich lasse mich von der vermeintlich enthaltenen Bestätigung, dass mich endlich in meiner Eigenschaft als wandelndes Frauenhirn so richtig verstanden hat, nicht in die Pfanne hauen, und bemerke hiermit folgende Inhalte:

schwarzweiss 1. ERKENNEN SIE DIE MELODIE?

Mit schwarzweißen Maximalkontrasten holt man sich erstmal ein paar Zustimmungen. „Wir“ und „die“. Männerhirne, Frauenhirne, können, können nicht. Die Unterschiede zwischen uns und denen sind sehr, sehr groß! Keine Ausnahme im Schwarz-Weiß-Spiel. Einfache Schubladen für komplexe Probleme.

Kennen wir das nicht auch noch von woanders?

2. ALLE MEINE SCHÄFCHEN

„Hurra, alle anderen sind auch so! Es ist universell, es war schon immer so, und so viele bestätigen es – es muss also die beste Strategie sein. Es ist unabänderlich! Alternativlos! Ich bin nicht verantwortlich für mein Gehirn, also muss ich mich auch nicht verändern.“

„Millionen Fliegen können nicht irren!“ Weiß jemand, was davor kommt?

Weidelammfest Moschendorf Es wird mir angeboten, in einer Herde scheinbar Gleichempfindender eine Sicherheit zu entdecken, Applaus und Gelächter scheinen sie zu bestätigen.
Doch der Glaube, eine Sache müsse die ideale Wahl sein, nur weil sehr viele Menschen ihr zustimmen, fällt unter kognitive Verzerrung. Es ist eine bekannte Fehleinschätzung im menschlichen Denken. Natürlich ist aber auch der Umkehrschluss nicht gültig – es muss deshalb nicht gleich Mist sein.

Was aber ist mit solchen Männern, die über ihre Empfindungen reden können und wollen? Was ist mit Frauen, die ihre Gedankengänge sehr gut ordnen und auch mal an gar nichts denken können? Stimmt etwa mit deren Gehirnen was nicht? Mit ihrem Geschlecht? Oder haben sie einfach nur andere Strategien zur Angst- und Stressbewältigung gesehen, gelernt, und wenden diese an?

Ich erinnere mich auch an Situationen mit dem einen oder anderen Mann, der mir ein Problem beschrieb und sich dann nur wenig begeistert zeigte, wenn ich mir die aus dem oben erwähnten Buch berühmte „Heimwerkermütze“ aufsetzte und mich mit Lösungsvorschlägen und eigenem Denken einbrachte. Wenn ich „einfach nur zugehört hätte“, hätte das mehr Freude erzeugt. Funktioniert womöglich das Hirn eines dieser Herren nicht mehr richtig? Oder mein eigenes?

3. VON DER UNERTRÄGLICHKEIT DES SPRECHENS

Ausgerechnet jene Eigenschaften, die Beziehungen bislang weltweit noch am effektivsten am Leben erhalten, nämlich Offenheit, Respekt und Gesprächsbereitschaft, kommen in diesem Vortrag nicht besonders gut weg. Vogel-Strauß-Politik löst aber auch keine Probleme, das dürfte jedem klar sein.

Kopfkino, Flimmern, Vorspann. Ich stelle mir den umwerfenden Erfolg eines Politikers vor, der am Verhandlungstisch einfach den Mund nicht aufmacht. Wenn ein Verhandlungspartner ihn fragt, was er denkt, sagt er „Nichts!“ und knurrt schließlich: „Geh weg!“
Der Vergleich ist unfair? Ja, ist er. Weil es in der Situation im Video um persönliche Stressbewältigung in einer privaten Situation geht und nicht um das Verhalten in einer beruflichen Gesprächssituation.

Doch auch im Rahmen einer Beziehung hat man sowohl entspannte als auch verantwortungsvolle Situationen zu durchleben, und das sollte nicht ich betonen müssen, nachdem gerade ein Ehe-Experte gesprochen hat.

Es wirkt hingegen eher so, als würde der Experte Männern bestätigen, nicht über ihren Stress zu reden sei generell sehr männlich, und daher sei es auch privat durchgehend empfehlenswert, zu schweigen – und damit die häufig letzte Phase einer Beziehung einzuläuten. Denn am Ende ist es genau das, was Frauen von Männern kriegen, die sich allzu lange in Nichts-Kisten aufhalten: Nichts. Es kann extrem erleichternd sein und einen auf ganz neue Ideen bringen, sich eine Weile in ein geistiges Nirwana zurückzuziehen. Aber ist ineffizient und ineffektiv, wenn man daraus nicht nach absehbarer Zeit mit einer brauchbaren Lösung wieder auftaucht, die man notwendigenfalls auch kommunizieren kann.

Manche Frauen hingegen haben zwar in ihrer Sozialisation gut gelernt, ein Thema zu besprechen und oft auch, es ausgiebig zu bejammern und zu beweinen, und sich auf diese Weise von einem (meist weiblichen) Zuhörer Verständnis und Zuwendung zu holen. Ebensowenig zielführend wie die Schweige-Strategie ist dieses Verhalten aber, wenn der wiederholten Besprechung keinerlei Konsequenzen folgen. Soll heißen, Frauen sind sehr geübt im Darüber-Reden, aber mitunter nicht so gut darin, eine Lösung zu erdenken und diese auch umzusetzen. Vielleicht hat jemand anderer das oft für sie übernommen, vielleicht hängen sie auch schon sehr lange in den immer selben Problemen fest. Eine solche Frau kann für einen Mann natürlich auch sehr frustrierend sein, wenn sie auf seine Lösungsvorschläge nicht eingeht, aber dennoch nicht mit dem Darüber-Reden aufhört.

rosafant Warum aber ist Schweigen so ungerecht? Weil unausgesprochene Themen wie rosa Elefanten im Raum zu stehen pflegen und sehr effektiv jede Sachdiskussion und jegliche Interpretation jedes harmlosen Satzes beeinträchtigen, denn sie verpesten das gesamte zwischenmenschliche Klima. Das ist deutlich spürbar, und zwar für alle Beteiligten. Die pure Tatsache, dass einer nicht darüber sprechen will, macht ihn dagegen nicht immun und nimmt ihm auch nicht die Verantwortung für die Elefanten-Entsorgung. Es wäre ungerecht, für die Auflösung der Anspannung nur einen Redebereiten in der Verantwortung zu lassen.

Weil in jeder zwischenmenschlichen Beziehung die Themen der Partner einander berühren, überschneiden und triggern, kann man sie auch nur schlecht separieren nach „Frau, dein Thema, red halt drüber, wenn du musst“ und „Mann, mein Thema, das lassen wir schön draußen“. Der Redebereite muss jedesmal fürchten, in ein Wespennest zu stechen, „verbotene“ Bereiche zu betreten und dafür sanktioniert und abgelehnt zu werden. Die Verschlossenheit des einen Partners beeinträchtigt also auch die Offenheit des anderen und nötigt ihn dazu, mit ganzen Anteilen seines Selbst hinterm Berg zu halten.

Und das soll richtig sein, nur weil so viele Paare das offenbar genauso betreiben?

Welches Rüstzeug brauchen wir also? Wir brauchen immer das Beste aus beiden Welten! Und zwar unabhängig davon, welches Geschlechtsteil sich zwischen unseren Beinen findet.

4. VIEL BEHAUPTEN, MEHR VERSCHWEIGEN

Gungor schlüpft in ein pseudowissenschaftliches Mäntelchen und suggeriert uns mithilfe selektiver Erwähnung von Studien, das männliche und das weibliche Gehirn wären unveränderlich. Er bedient so die – ebenso beliebte wie falsche – Auffassung, dass am besten alles so bleibt, wie es ist („Status-quo-Bias“).
Hirne sind so, Männer sind so, Frauen sind so, und das bleibt auch so. Punkt.

gehirn Eine immens wichtige Information allerdings unterschlägt er uns: Die Ergebnisse der Hirnforschung über Neuroplastizität.
Diese besagen im Wesentlichen: Du kriegst, was du formst. Dein Gehirn entwickelt sich ganz nach seiner Benutzung. Neue Erfahrung und vor allem Wiederholung und Übung wirken sich deutlich auf das Gehirn aus. Schon die alten Chinesen wussten:
„Nicht dort, wo du es schon zur Meisterschaft gebracht hast, sollst du dich weiter erproben, sondern dort, wo es dir an solcher Meisterschaft mangelt.“

Die Neurowissenschafterin Dr. Lara Boyd weiß das auch:
„Verhaltensweisen, die Sie in ihrem Alltag anwenden, sind entscheidend. Jede einzelne davon verändert Ihr Gehirn. […] Neuroplastizität funktioniert in beide Richtungen. […] Ihr Gehirn ist enorm wandlungsfähig, und es wird sowohl strukturell als auch funktionell von allem geformt, was Sie tun – aber auch von allem, was Sie nicht tun.“
Komplettes Video, TEDx-Talk auf Youtube (in englischer Sprache)

Was ein menschliches Hirn auszeichnet, ist die Fähigkeit, sich selbst immer wieder neu in Frage zu stellen. So bleiben wir in der Lage, mit einem Gefühl der Betroffenheit unsere Fehler zu erkennen und neue Strategien zu erlernen, die zu größerem Erfolg führen als bisher. Das von Gungor eingeführte Dogma ist diesbezüglich enorm einschränkend. Er unterstellt, dass wir schon in unserer endgültigen neuronalen Parkposition angekommen wären und weitere Fähigkeiten nicht benötigt würden.

Frauen, die nie gelernt haben, auch mal völlig abzuschalten und runterzukommen, werden vom TwoBrains-Dogma in ihrem pausenlosen Treiben bestätigt und entwickeln womöglich die eine oder andere zwanghafte Angewohnheit, bis sie eines Tages beim Vorhängeabnehmen – weil man die ja gleich waschen kann, wenn man schon die Fenster putzt, nachdem man die Wand neu gestrichen hat – entkräftet von der Leiter purzeln. Wenn ihnen niemand sagt, dass das kein unveränderlicher Zustand ihres fluchbehafteten Frauengehirns ist, sondern dass man Entspannung lernen kann.

Bei vielen Männern geht die Strategie „Einfach nicht drüber reden“ und „nur aufs Außen konzentrieren“ nur bis Mitte 40 gut. Danach wirds irgendwie kalt, sinnleer, einsam und insgesamt mitunter sehr kritisch. Und das ist keine Erfindung der Psychologen, sondern eine empirische Beobachtung. Dann beim Therapeuten zu sitzen und reden zu sollen, während man im Hinterkopf Onkel Gungor sagen hört, ein Mann könne und müsse das nicht, ist bestimmt wenig hilfreich.

Fatal auch am Two-Brains-Dogma für spätere Krisen: Veränderung wird umso schwieriger, je länger man keine neuen Strategien ausprobiert und eingeübt hat.
Lernprozesse, wie sie nötig sind, um eine Krise zu bewältigen, fallen dann weitaus schwerer. Aber wer bleibt schon lernwillig, wenn er bestätigt bekommt, dass er das gar nicht braucht, weil er für sein Hirn gar nicht verantwortlich ist?

oldshitnewshit Glück im Unglück: Eine schwere psychische Krise aktiviert eine langanhaltende Stressreaktion, in deren Verlauf die etablierten Verschaltungen im Gehirn destabilisiert werden. Der Gehirnbenutzer kann dann alte, überholte Muster etwas einfacher über Bord werfen und sie durch neue Verschaltungen ersetzen. Krisen erleichtern Veränderung – sofern man das zu nutzen weiß, und das Hirn sich noch nicht völlig im Starrsinn verkantet hat.

In einer Krise auf ein so kontraproduktives Dogma wie das der TwoBrains zu stoßen, ist hingegen nach meinem Empfinden nicht direkt ein Glücksfall. Die darin enthaltene „Bestätigung“ ist als dauerhaftes Ruhekissen ineffektiv und für persönliche Entwicklung nicht hilfreich. Die Überzeugung, wenn man sie sich aneignet, schafft zusätzliche Hürden – für Männer und Frauen. Aber Männer reagieren weitaus empfindlicher auf Veränderungen ihres Status. Somit haben sie auch mit dem Dogma das größere Problem. Man wäre „kein ganzer Mann“ mehr, wenn man sich je wieder von den Überzeugungen abweichend verhalten würde.

Verhaltensweisen sind nicht gottgegeben oder naturgegeben, nur weil jemand ein männliches oder weibliches Gehirn hat. Natürlich sind Einflüsse durch allerlei Hormone gegeben, die durch den Körper rauschen. Deren unterschiedliche Zusammensetzung in männlichen und weiblichen Körpern wirkt auch unterschiedlich auf deren Gehirne.

Es gibt aber auch im Bereich der männlichen Kommunikationsstrategien verdammt wenige alternative Rollen-Vorbilder, die emotional zugänglich und sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich gleichermaßen erfolgreich wären. Dazu mehr im zweiten Teil.

Würdest du mit deinem Lebensmenschen einen Umzug ins Ausland planen, aber er/sie könnte kein Englisch und würde sich auch weigern, es zu lernen… mit der Begründung, sein/ihr (völlig gesundes) Hirn würde das nicht zulassen – würdest du das dann „einfach akzeptieren“, weil er/sie „halt so ist“? Genauso unmöglich ist es für so manche Frau, zu akzeptieren, wenn ihr Partner dauerhaft nicht mit ihr über wichtige Dinge reden möchte, die sich in ihm abspielen.

Wer stetig Neues lernt und einübt und seine Komfortzone regelmäßig verlässt, in dem entsteht und wächst auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ein Ausruhen auf einem Status quo der Unveränderbarkeit ist dann nur im Notfall nötig.

5. DU BIST EINFACH NUR LÄCHERLICH

Gungor hat aktiv- und vor allem passiv-aggressives Verhalten zur Bühnenreife gebracht, klassischerweise tarnt es sich als Humor. „Was ist looos mit dir, verstehst keinen Spaaaaß?“ Es ist keiner. Beide Gruppen werden auf für mein Empfinden übertriebene, weil nicht notwendige Weise herabgewürdigt. Das pauschale Runtermachen von Menschen und Gruppen ist beileibe keine liebevolle Selbstwert-Pflege, weder an sich selbst noch an anderen. Ich spüre deutlich, dass das nicht an mir vorbeigeht, auch wenn es ja nur sehr lustig und gar nicht persönlich gemeint ist.

Ein Hirn, das perfekt abschalten kann, oder eines, in dem einfach alles mit allem anderen verbunden ist, ist eine wirklich tolle Sache. Diese Hirne schlecht aussehen zu lassen, ist an sich schon eine beachtliche Leistung der Irreführung.

Der Ausgleich, den mir Gungor dafür anbietet, nämlich ein bisschen über meine eigene Lächerlichkeit und die meines Partners lachen zu sollen, ist für mich ein schlechter Tausch.
Offensichtlich selbst nicht ausreichend verantwortlich für sein eigenes Hirn, setzt er mitten auf der Bühne ein Killervirus für die weitere Beziehung frei und verbindet es mit dem speziellen Verhalten des Partners: Verachtung.

Selbst dort, wo bisher noch keine war, da würd ich wetten. Zunächst neckt man einander vielleicht noch liebevoll, nach der Vorstellung und die Tage danach. Aber nach Wochen und Monaten holt einen womöglich doch die Frustration über die behauptete Unveränderbarkeit dieser Eigenschaften ein. Und dann erinnert man sich daran, wie verächtlich sie auf der Bühne dargestellt wurden.

verachtung Im „Love Lab“ an der Universität Seattle gibt Dr. John Gottman mit 90%iger Trefferquote Prognosen darüber ab, ob Ehen halten werden oder nicht – und das, nachdem er nur fünf Minuten eines Streites zwischen den Eheleuten beobachtet hat. Nicht, dass Streit an sich ein Todesurteil für eine Beziehung wäre – fehlende Konflikte dagegen viel häufiger.
Ein wesentlicher Scheiterhaufen für Ehen ist seinen Beobachtungen zufolge jedoch, wenn dem Partner gegenüber Verachtung zum Ausdruck gebracht wird, sei es nun durch Worte oder Mimik.

Das emotionale Gehirn, einmal in Alarm versetzt, reagiert selbst auf die kleinsten Anzeichen von Verachtung extrem: Blutdruck und Puls gehen durch die Decke, Stress kommt auf. Die Fähigkeit des kognitiven Gehirns, vernünftig nachzudenken, wird außer Kraft gesetzt – der präfrontale Kortex wird regelrecht abgeschaltet. Eine vernünftige Diskussion ist dann kaum mehr möglich, viel wahrscheinlicher folgt ein verbaler Gegenangriff, Flucht oder Gewalt.

Verachtung und liebevolles Verständnis schließen einander schlicht und ergreifend aus. Das sollte ein angeblicher Ehe-Experte wie Gungor eigentlich wissen.
Während der Vortragende den vermeintlich unveränderlichen Angewohnheiten auch noch bescheinigt, sie wären lächerlich und verachtenswert, fällt ihm die zuvor verschwiegene Neuroplastizität mit voller Wucht auf den Kopf: Es gibt keinen Ausweg. Veränderung ist nicht möglich, Akzeptanz der Eigenarten des anderen aber leider ebensowenig. Die Verachtung verhindert das.

6. DEIN BILD KANNST DU DIR EINROLLEN (Zynismuswarnung!)

mc3bctzeblau In die vorgefertigte Kerbe des Patriarchats schlägt es sich leicht. Wir bekommen also wieder mal erklärt, was ein echter Mann ist. „Männerhirne“ und ihre Funktionen werden mit souveräner und ruhiger, manchmal angespannter Stimme vorgetragen – und Gungor tut es in der Wir-Form, na klar, schließlich ist er ja ein Mann, da muss man auch gar nicht objektiv sein. Wir denken in geordneten Strukturen.
Wir sind freilich sehr beherrscht, wenn wir gefragt werden, woran wir gerade denken – reichliches Augenrollen und Wangenblähen demonstrieren den Versuch des armen Mannes, sich so gut wie gerade noch möglich zu beherrschen, wenn er indiskreterweise von seiner Frau gefragt wird, woran er denkt. Bis er die Antwort „Nichts“ herausbringt und ein „Geh weg!“. Der gehirntote Mann ist aber dann echt schon ziemlich unterste Schublade. (Da werden wir uns bei den Frauen was ausdenken müssen, damit die, wie es sich gehört, noch etwas schlechter wegkommen.)
An Dinge, die mit Emotion verbunden sind, können auch wir Männer uns im Prinzip besser erinnern; das kommt aber nur selten vor, weil uns Männer alles einen Dreck kümmert.

mc3bctzerosa Frauen hingegen kümmert aaaaaalllllleeeeeeessssssss, und deshalb merken sie sich auch genauso viel. Er bekreuzigt sich erstmal vor dem Frauenhirn, und bringt dann noch nebenbei-anekdotisch eine Nonne aus der katholischen Schule seiner Kindheit mit der Hölle in Verbindung (hat ihm aber nicht geschadet, na Gott sei Dank.). Sehr, sehr würden sich Frauenhirne von Männerhirnen unterscheiden, behauptet er. Frauenhirne würden ausschließlich von emotionaler Energie angetrieben.
Die Denkvorgänge der Frau zeigt er uns mithilfe hektisch fuchtelnder Handbewegungen, sirrenden Geräuschen, schnellen Worten und schriller Stimme, die schließlich in einem Kreischen kulminiert. Auch alles, was Frauen sonst so sagen, gibt er mit verstellter Stimme wieder, um uns die schier endlose Nervigkeit zu demonstrieren, mit der Frauen etwa nachfragen, woran ihr Mann denn denke. Die Aufforderung der Frau, doch mit ihm zu sprechen, wird mit langer, schriller Vokalintonation vorgetragen, völlig lächerlich gemacht schon durch die Art der Präsentation, daher freilich auch völlig absurd in ihrem Ansinnen, aber dafür sehr eindeutig eines: absolut unerträglich.
Der tollste Moment: Die Sekunden von 12:39 bis 12:56 des Videos bestehen aus einem einzigen, schrillen Ton in der weiblichen Aufforderung „Sprich mit mir!“

Männer werden als dumpfe Trottel dargestellt, die nichts empfinden, nichts denken und auch nichts sagen wollen. Frauen als unerträglich, ihre Denkvorgänge als emotional, chaotisch und verworren. Zweimal wird Frauen ein Mord(wunsch) an ihren Männern unterstellt, damit wird die Dumpfheit des Mannes noch unterboten. Die Vorgaben des Patriarchats sind erfüllt.

Das kurze Video lässt auch sonst in der Patriarchat-Kerbe kaum etwas aus:
Vorgaben und Rollenbilder schaffen, Spielräume beschneiden, Sicherheit in der eigenen Gruppe vortäuschen (Statusverluste impliziert), Veränderung verhindern oder erschweren. (Mehr dazu im zweiten Teil)

Die Sicherheit in der Masse der Rollenbilder, die es verspricht, kann es aber nicht halten, sobald es um persönliche Probleme geht. Es lässt dich mit der schwachen Behauptung „Ich bin eben so, weil mein Hirn nicht anders kann“ allein.

Und noch eins: Selbst wenn einer wirklich mal drüber reden wollte – dieses Konzept haben ja leider die Frauen erfunden, und damit steht dem TwoBrains-Gläubigen diese Strategie nicht mehr zur Verfügung, sofern er ein ganzer Mann bleiben will.

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ENDE TEIL 1, FORTSETZUNG FOLGT.

Inhaltsverzeichnis Von Hirnen und Menschen

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Große Erwartungen?

Nimm, was dir geschenkt wird, und erfreue dich daran – aber erwarte nichts.

                Erwartungen – ein Minenfeld? Woher kommen unsere Erwartungen?
                Ist es überhaupt noch zeitgemäß, welche zu haben?
                Muss man alle Erwartungen auch erfüllen?
                Und wieviel wissen wir überhaupt
                über die Erwartungen anderer?
                Und über unsere eigenen?

ip-4636 Als Kind erlebt man mit Freuden seine ersten Geburtstage, das Christkind, seine Freunde, die zum Spielen und Übernachten kommen wollen, das Feuerwerk zu Silvester, sofern man das Schlafbedürfnis niederkämpfen kann – und das alles mit großen, leuchtenden Augen. Wir warten mit Vorfreude auf das nächste Mal. Nach den ersten Erfahrungen mit diesen Dingen entstehen auch Erwartungen. Wir erwarten zu Weihnachen ein gewisses Glitzern, dass das Glöckchen klingelt, dass die Familie kommt, dass es Geschenke gibt. Und all das tritt dann auch ein. Erwartungen sind was Wunderbares!

Unsere Erwartungen werden von Anfang an gestrickt und gefärbt durch unsere tägliche Wirklichkeit, die wir im Nachhinein unsere Vergangenheit nennen, durch das, was wir uns für die Zukunft wünschen, und durch die Menschen, mit denen wir bisher zu tun hatten. Unsere Integrität ist wohl das Ergebnis aller genannten Faktoren. Wir lernen im Laufe eines Lebens, was „richtig“ ist, wie „es sein muss“, damit wir zufrieden sind. Erwartungen werden geboren.

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Nennt mich altmodisch

Viele sind ja ihren eigenen Angaben zufolge gar nicht so begeistert davon, „ständig erreichbar zu sein“. Die Tatsache, dass man sie erreichen will, scheint aber doch ausreichend Input für ihren Selbstwert zu bieten, denn sonst würden sie ihr Handy einfach ignorieren, wenn es gerade etwas Besseres zu erleben gibt – etwa echte menschliche Gesellschaft.

Daraus folgt, dass der persönlich Anwesende, dem die Handyrückseite gezeigt wird, für sie wohl nicht unter „etwas Besseres“ fällt. Fun fact: Dieser persönlich Anwesende ist ebenfalls in der Lage, diese Schlussfolgerung zu ziehen – und fragt sich, wozu er sich gerade genau in dieser Gesellschaft befindet – in der mit den Handyrückseiten an der Stelle, wo eigentlich aufmerksame Gesichter sein sollten. Dieses Gefühl, wenn Leute mitten im persönlichen Gespräch plötzlich ihr Handy in der Hand haben und sich ohne Vorwarnung einfach aus der aktuellen Wirklichkeit und Gesellschaft ausklinken – es ist kein angenehmes.

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Verlorenes Hefegebäck

Unlängst war ich mit einem Freund in der Pizzeria. Als wir dort nach dem Essen noch so kellnervernachlässigt zusammensitzen und per Strohhalm in unseren Gläsern nach noch unverdunsteten Resten schlürfen, da beleuchten wir verbal wieder einmal ausgiebig unser beider Lebenssituationen. Meine, in diesem Moment, und dabei entkommt ihm, dem Freund, eine ungemein pointierte Bemerkung, über die wir minutenlang schallend lachen.

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Sehr geehrter Herr Ergo!

Am 4.3. habe ich Ihnen per Mail meine neue Adresse mitgeteilt, am 2.6. meinen neuen Nachnamen.

Am 16.6. schicken Sie einen Brief an die alte Adresse und bestätigen, dass aufgrund meiner schriftlichen Mitteilung der Name des Versicherungsnehmers nunmehr auf den alten Nachnamen lautet.

Ich gebe zu, Sie verwirren mich. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es doch so ist:
• Neuer Nachname: […] • Aktuelle Adresse: […]

Anbei nochmal das amtliche Dokument. Die Information über den geänderten Nachnamen findet sich ganz unten.
Ja, dass man bei einer Namensänderung nach Scheidung eine neue Heiratsurkunde bekommt, finde auch ich ein wenig irreführend.

Mit den besten Wünschen für ein konzentriertes Arbeiten,
Frau Pfanne

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